26 Jahre nach dem Film bringt Rockstar die stylischste Lederwesten-Gang der Filmgeschichte von der Leinwand auf die Console.
Text: Nils Dittbrenner aus De:Bug 98

Kult zum Dreinschlagen

Der 1979er Kinofilm “The Warriors“ ist Kult. Punkt. Der sonderbar düstere und eigenwillige Film, dem eine fiktive Gang-Kultur im New Yorker Untergrund als Basis für eine Jäger- und Gejagten-Story dient, wurde vor allem für Style-Zwecke immer wieder aufgegriffen, zahlreiche Verweise in Musik und Mode lassen sich finden. Dabei ist der Film als solcher nicht unbedingt ein Paradebeispiel für cineastisch anspruchsvolle Unterhaltung, viel mehr gehört wie bei so vielen Kult-Filmen ein gehöriges Quentchen Trash zum Status. Der Umstand, einen überaus kultigen, aber inhaltlich eher dünnen Film zur Grundlage eines Videospiels zu machen, ist in der Form, wie dies bei the Warriors geschehen ist, ein Novum in mehrerer Hinsicht. Das Spiel geht auf Seiten der Erzählung gehörig über das im Film Gezeigte hinaus, ein Großteil der Rockstar-Versoftung deckt die Monate vor der eigentlichen Filmhandlung ab, klärt uns also über Hintergrund und Nährboden derselbigen auf und trägt daher nicht zuletzt zu einem besseren Verständnis bei, ja veredelt den Film gar auf bestimmte Art und Weise. Auf der anderen Seite enthält der Film selbst einige typische Game-Elemente, von denen 1979 noch keiner zu träumen wagte, Spiele befanden sich ja noch auf Pong-Niveau: Die ungerechtfertigte Gejagtheit der Protagonisten aufgrund einer unrechtmäßigen Denunzierung, die verschiedenen auftauchenden Gangs, die hintereinander (quasi als verschiedene Levels) erledigt werden müssen, der Verlauf der Geschichte zwischen Start- und Zielpunkt quer durch ein urbanes Gelände, immer den übermächtigen Feind im Rücken spürend. Gewalt spielt eine unverblümt wichtige Rolle in Spiel wie Film, Elemente wie Graffiti und Kleinverbrechertum wurden im Spiel etwas weiter ausgeführt.
Reduziert man das Spiel jedoch um die stimmige Atmosphäre, das aufwendige Skripting und die detailgetreue Umsetzung des Styles der Filmvorlage, so bleibt es vor allem ein recht brutales Beat’em up, bei dem von Cops über Prostituierte bis rivalisierende Gangmitglieder und Stadtstreicher alles vermöbelt und geschlagen werden will, bis das Bildschirmblut nur so sprudelt. Die Frage nach Sinn und Unsinn einer solchen Inszenierung sei dahingestellt, was auffällt ist: Das Spiel wird teilweise recht eintönig, dennoch wird eine Nähe zu den klassischen Beat’em ups à la Double Dragon offensichtlich. Wenn man sich derart explizit durch die virtuelle Großstadt möbelt und ein gerade mal reinschneiender Kumpel einfach das zweite Joypad greifen kann, um an einer beliebigen Stelle dem Spielgeschehen beizutreten und ebenso einfach wieder auszusteigen: Respekt! Was angesichts des Spielprinzips fehlt, ist in erster Linie die Vielfalt. Einen neuen GTA-Teil darf man nicht erwarten, Autos sind zum Rauben der Radios dar, nicht etwa zum Cruisen durch eine virtuelle Pampa, Läden wollen ausgeraubt werden, Goodies für die Spielfigur bleiben fehl am Platze. Die Erweiterung der Filmhandlung auf Vor- und Nachgeschichte sowie eine Menge von Bonusmissionen, die wiederum bestimmte Aspekte der fiktiven Gang-Landschaft beleuchten, stellen somit den bemerkenswerten Teil dieser Filmlizenz-Versoftung dar. Am Ende spielt wie so häufig der eigene Gusto eine große Rolle in der Bewertung, ob das Spiel nun als eintönig wegen zu wenig Abwechslung oder aufregend wegen der inszenierten Action und der genannten Erweiterungen der Filmhandlung wahrgenommen wird. Auf jeden Fall bilden Spiel und Film eine sonderbare Einheit, die auf diese Art und Weise bisher nicht dagewesen ist. Ein Lizenz-Spiel, das derart über die eigene Vorlage hinauswächst, darf getrost als etwas Bahnbrechendes bezeichnet werden, wenn auch deutsche Warriors-Fans den Umweg über das europäische Ausland nehmen müssen, um die Erfahrung teilen zu können, da der deutsche Release wegen gewisser Indizierungs-Bedenken gar nicht erst stattgefunden hat. Schade.

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Elektronische Lebensaspekte.