Text: joerg clasen aus De:Bug 28

Warum elektronische Musik – Antworten auf Fragen, die wir nicht stellen Hören oder konsumieren wir Musik? Verkommt die Kunst zum Beiwerk des täglichen Amüsements oder sind wir noch interessiert. Kommt noch der Moment, an dem wir aus unserer Lethargie erwachen, an dem uns das reine Konsumieren nicht mehr befriedigt? Stellen wir uns noch die Frage nach den Hintergründen, und wollen wir die Antworten abwarten? Elektronische Musik ist in unserem Alltag allgegenwärtig geworden, egal ob wir tanken, einkaufen, saufen oder tanzen. Mal ist sie kaum wahrgenommener Hintergrund, mal nimmt sie uns völlig ein. Heute weiß jeder, wer das Telefon erfunden hat oder den Motor, wer der erste Mensch auf dem Mond war oder wie oft Mario Basler bei einer Standardsituation im linken oberen Eck getroffen hat. Über die Anfänge der elektronischen Musik wissen wir weniger, weil uns die Informationen darüber nicht so aufgedrängt werden. Um etwaigen Wissensdurst dieser Art zu stillen, beginnt hier der Versuch, die Entstehung elektronischer Musik zu skizzieren und sich mit denen zu beschäftigen, die die ersten Gehversuche machten in Sachen Elektroakustik. Einen Anfang findet man in der Hochzeit der Industrialisierung, in der sich vom Althergebrachten abgewandt wurde und die Italiener noch nicht mit einem Albano und Romina Power-Image zu kämpfen hatten. Luigi Russolo und Balilla Pratella, zwei zeitgenössische italienische Komponisten, begannen 1914 mit Arbeiten, die die Konventionen der bis dahin gekannten Musik durchbrechen sollten. In seinem bereits ein Jahr zuvor veröffentlichten Manifest “l’arte di rumori” (die Kunst der Geräusche) schrieb Russolo: “Wir finden viel mehr Befriedigung in der Geräuschkombination von Strassenbahnen, Auspufflärm und lauten Menschenmassen, als beispielsweise im Einüben der “Eroica” oder “Pastorale”. Sie entwickelten “Noise Making Machines”, mechanische Apparaturen, die in Resonanzkörper eingebracht Grunz- und Zischlaute von sich gaben. Diese Soundmaschinen wurden kombiniert und arrangiert mit traditioneller Konzertmusik und noch im gleichen Jahr beim Art of Noises-Konzert in Mailand erstmals zu Gehör gebracht. Groupe des Six Darius Milhaud (1892-1974), der später zur “Groupe des Six” gehörte, einer Gruppe von Musikern, die auf der Suche nach neuen musikalischen Richtungen waren und deren Manifest von Jean Cocteau verkündet worden war. Milhaud begann 1924 mit Veränderungen der Abspielgeschwindigkeit von Grammophonplatten zu experimentieren, um so neue Sounds zu schaffen, wodurch er wohl als Erfinder des Scratchens angesehen werden darf, auch wenn das der eine oder andere Bronx-HipHopper anders sehen mag. 1927 experimentiert der Amerikaner George Antheil, der sich selbst als “bad boy of music” bezeichnete, mit Geräuschen für ein Ballett. Er bediente sich dafür bei Autohörnern, Sägen und Flugzeugpropeller. Die Komposition nannte er “Ballet Mechanique” und erreichte Aufführungen in der Carnegie Hall. Das “Ballet Mechanique” galt lange als Meilenstein in der Musikliteratur. Rundfunkvesuchsstelle Berlin Seit 1928 existierte in Berlin die sogenannte Rundfunkversuchsstelle – eine Einrichtung, die wie das Studio d’Essai die Entwicklung einer “funkischen” Sprechweise und einer radiophonen Musik anstrebte. Dort experimentierten die Komponisten Ernst Toch und Paul Hindemith bereits 1930 mit dem künstlerisch noch unerforschten Medium “Grammophon”. Fast zeitgleich produzierte der Filmemacher Walter Ruttmann für die Berliner Funkstunde in den Filmateliers der Triergon in Berlin eine 11-minütige anekdotische Montage aus Klängen der Grosstadt. Schon 18 Jahre vor Schaeffers Entdeckung übertrug Ruttmann filmische Montagetechniken auf das akustische Medium. Sein “photographisches Hörspiel” aus Klangbildern Berlins gilt als Vorläufer konkreter Musik. Diese Vorarbeiten und Erfindungen waren Voraussetzung für die Entstehung der seriellen und der konkreten Musik und nicht zuletzt der elektronischen Musik, die wir heute so gern haben. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden eine Reihe von neuen Techniken und Methoden zeitgenössischer Musik. Man ging mit der Musik neue Wege, um ihre Sprache weiterzuentwickeln. Einer der Hauptverbreiter dieser neuen Ansätze war Pierre Boulez, der mit dem “seriellen”, mathematischen Ansatz versuchte, das gesamte Spektrum des Tonraums zu ordnen. Dieser Ansatz wurde abgeleitet von der Zwölftonmusik, die erstmals die Entwicklung einer Art Tonsprache ermöglichte. Die Musik wurde nicht mehr in Noten begriffen sondern in einer Art Code. Hier stiess man aber schnell an die Grenzen, da sich diese serielle Musik auf traditionelle Instrumente beschränkte. Neue Ideen, Instrumente und Maschinen mussten her. Musik mit Maschinen, Geräusche als musikalische Basis Ñ Ideen, die mit der Musique Concr?te umgesetzt wurden. Musique Concr?te, Pierre Schaeffer und Pierre Henry Einer der Pioniere dieser neuen Ideen war der französische Toningenieur Pierre Schaeffer. Er gründete 1948, damals bei Radiodiffusion-Television Francaise (RTF), mit dem Studio d’Essai das erste elektronische Musik-Studio. Mit einer Vielzahl von Mikrophonen, Phonographen, Tape-Rekordern mit variablen Geschwindigkeiten und Sound Effekten kreierte er eine neue musikalische Kunstform, die Musique Concr?te Ð die Ursuppe elektronischer Musik. Schaeffer sah sich selbst dabei zu Beginn gar nicht mal als Musiker, in seinen Augen betrieb er technisch-akustische Experimente, die weder den Anspruch musikalischer Kunst hatten, noch den Beginn einer neuen musikalischen Ära markieren sollten. Den Anstoss für eben diese Experimente gab der Versuch, eine neue Art von Hörspiel zu entwickeln Ð eine Art Geräuschsymphonie. Dabei stiess er auf eine neue Technik: Er kam auf die Idee, eine Schallplattenrille in sich selbst zu schliessen, heute als Loop ein gängiges Prinzip. Pierre Schaeffer beschrieb die Faszination dieses Schaffens einer Endlosrille so: “Durch diese Technik wird ein aufgenommenes Geräuschfragment aus seinem ursprünglichen Kontext gerissen. Die endlose Wiederholung eines Klangsplitters lässt seinen Ursprung vergessen – er wird zum plastischen Objekt, zum Klangobjekt.” Mit seinem “Concert de bruits” hatte Schaeffer für die Musik erschlossen, was in Malerei und Film schon lange etabliert war: die Collage aus vorgefundenem Material. Das Organ dieser direkt auf Tonträger fixierten Musik wurde der Lautsprecher. Unterstützung in seinem Schaffen fand Schaeffer unter anderem durch den Schlagzeuger und Pianisten Pierre Henry, der 1950 mit Schaeffer zusammenzuarbeiten begann. Er sollte in den Folgejahren einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung der Musique Concr?te leisten. Das Revolutionäre an der Musique Concr?te war aber nicht nur die technische Herangehensweise. Anstatt von einer abstrakten Konzeption auszugehen, die auf Notenpapier fixiert und dann erst in der Aufführung konkretisiert wird, schlägt die konkrete Musik den umgekehrten Weg ein: Ausgangspunkt ist das Rohmaterial, vom Mikrophon eingefangene Klänge, die nach dem Gehör ausgesucht, verarbeitet und anschliessend nach abstrakten Kriterien neu zusammenmontiert werden. Damit wird das kompositorische Verfahren auf den Kopf gestellt. Um diesem Umstand das ihm angemessene Gewicht zu verleihen, taufte Schaeffer diesen neuen Ansatz ‘concr?te’. Die Idee Schaeffers ging auch auf völlig neue Weise auf die Rolle des Zuhörers ein. Er war der Überzeugung, dass der künstlerische Aspekt in der Musik nicht zwangsläufig auf der aktiven Seite, also auf der des Interpreten zu suchen wäre, sondern dass die ganze Kunst im Zuhören bestünde. Die deutsche Avantgarde 1952 wird der Nordwestdeutsche Rundfunk durch Herbert Eimert gegründet. Bald unterstützt durch Karl-Heinz Stockhausen, der 1962 Leiter des elektronischen Studios des Westdeutschen Rundfunks wird. Beide prägten den Begriff “Elektronische Musik”. Stockhausen gilt heute als einer der führenden Komponisten der damaligen Avantgarde. In den späten sechziger Jahren schliesslich wurde die deutsche Avantgarde populär, als verschiedene Musiker ebenfalls versuchten, neue, von der Norm abweichende Ideen zu verwirklichen. Als erste Gruppe dieser experimentellen Welle fanden 1968 Can Beachtung. Can waren eigentlich eine Rockband, aber ihre Musik mit exzessiven Improvisationen über einem immer wiederkehrenden Beat hatte fast tranceähnlichen Charakter. Im gleichen Jahr trafen sich Ralf Hütter und Florian Schneider an der Kunstakademie in Düsseldorf und gründeten die Band Organisation, die sich nach dem ersten Album “Tone Float” in Kraftwerk umbenannte. Die ersten drei Alben waren alle hauptsächlich noch mit zahlreichen herkömmlichen Instrumenten wie Flöte, Geige und Schlagzeug gespielt worden. Für das vierte Album “Autobahn” leisteten sich Kraftwerk dann einen Mini-Moog, der damals noch soviel kostete wie ein Kleinwagen. Damit besiegelten sie endgültig ihre Wendung zur Elektronik. Kraftwerk gelten als Bindeglied zwischen der alten Avantgarde und heutiger elektronischer Musik, die bis heute von ihren Ideen beeinflusst ist. Die Entstehung elektronischer Musik ist also zurückzuführen auf Menschen, die neue Wege gingen und nicht dem Traditionellen anhafteten. Tatsächlich beteiligt waren natürlich viel mehr als hier erwähnt wurden nicht zu vergessen, Charles Ives, Olivier Messiaen, Bruno Maderna, Maurice Ravel, Anton von Webern, Oscar Sala und so weiter. Sie alle aufzuführen und ihren ganz persönlichen Anteil an der Entwicklung darzulegen, würde wohl den Rahmen der ganzen Zeitung sprengen und führt deshalb vielleicht etwas zu weit. Für die Reise ins Detail sei deshalb empfohlen, was hier als Buchtips aufgeführt ist. Büchertips Moderne Musik ãVon den Regeln der Klassik zum freien Experiment”, Rowohlt 7092 Wie die elektronische Musik “erfunden” wurde (mit Audio-CD) Elena Ungeheuer / Erschienen 1992 / Schott, Mainz/Taschenbuch Preis: DM 118,00 Elektronische Musik (mit Cassette) Hans U. Humpert / Erschienen 1987 / Schott, Mainz / Taschenbuch Preis: DM 64,00 Elektronische Klänge und musikalische Entdeckungen Andre Ruschkowski / Erschienen 1998 / Reclam, Ditzingen / Taschenbuch Preis: DM 20,00

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Elektronische Lebensaspekte.