Text: Sascha Kösch aus De:Bug 24

Musik war immer schon eine Vollzeitbeschäftigung, bei der, wenn man nicht plötzlich das Marketingallroundtalent in sich aufgehen sah, die meiste Zeit für das Pflegen sozialer Kontakte draufging. Wo kann ich auflegen? Wer nimmt mir meine Tracks ab? Zu wem sollte ich besser nett sein, damit er mir hilft? Wer kann was besorgen? Wer auf so etwas keine Lust hatte, der machte es einfach alles selber – für Deutschland in den frühen 90ern eine revolutionäre Idee, gerade wenn Jugendliche sie hatten – und lieferte damit einen neuen Anlaufpunkt für andere mit ähnlichen Fragen. Die ökonomische Struktur elektronischer Musik hat dabei immerhin die Ebenen etwas näher aneinander gerückt. Man verhandelt nicht mit Leuten, die seine eigenen Eltern sein könnten oder vielleicht sogar sind, sondern mit Menschen, die das gleiche gemacht haben wie man selber, DJ’s waren, oder Produzenten, Plattenlädeninhaber, Vertriebsmogule oder was auch immer. Die langwierigen Verhandlungen mit Labelchefs werden zwischen ein paar Neuheiten über den Plattenladentresen gemacht oder am Handy, auf Partys, bei Vertrieben. Man schaut zwar schon mal nach den Labelchefs, aber trifft sich mit ihnen lieber schnell auf einen Kaffee. Die sperrigen Dancefloors, die nicht so wollen, wie man selber will, kann man abends eben mal auschecken, um zu sehn, was an einem oder der Welt faul ist, falls man das unbedingt will. Die Majors oder Großvertriebe sind auch wesentlich sympathischer geworden, ja, selbst das Remixbusiness läuft eigentlich ganz OK. 1000 GRÜNDE ES DOCH ZU TUN Die Ökonomie der 1000er Auflage ist eine recht verlässliche stabile Größe geworden, unter der man besser nicht liegen sollte, damit man alleine oder zu zweit alles ganz gut handeln kann und auch finanziell irgendwie über die Runden kommt. Der gelegentliche Scheck vom Label zahlt die immer viel zu hohe Telefonrechnung. Kurzum: Dank Vinyl, einem Medium, das aus seiner sperrigen Industrialität und einem klassisch gut funktionierenden Interface, das wir alle lieben (die Technics), eine analoge Lücke in die digitale Welt gerissen hat, leben wir alle in einer ökonomischen Nische, einer relativ unbeschwerten Mikroökonomie mit der sozialen Absicherung vieler Freunde, die man mit einer großen Franchisingkette von Delikatessenläden vergleichen könnte und die obendrein auch noch so etwas wie Sinn vermittelt. COVERENDE HIER Das konnte Musik auch schon immer ganz gut. Die CD Attacke ist dank unfähiger Firmen, die es bislang immer noch nicht geschafft haben, ein vernünftiges Interface zu liefern, auf dem man die Tracks nicht nur wie Schallplatten mixen, sondern auch noch sehen kann, ausgeblieben. Im Gegenteil: Für den Bereich von Zuhausehörern etabliert sich langsam eine ähnliche Art von Struktur, die man bei 12″ Labeln schon hat, wofür man sich vor allem bei der Telekom bedanken sollte. In munterer Zirkulation wechseln Musikstücke, Stücke von Vinyl oder CD und von Geldscheinen den Besitzer wie im 19ten Jahrhundert. Warum also sollte Musik jetzt auf einmal nicht mehr reichen, wo sie doch dazuführt, das viele Leute sich andauernd schöne Geschenke machen? DIE 1999 DEBATTEN Die MP3 Debatte, die in lustigen Milleniumsaphorismen von Kinderschändern, per se kriminellen Jugendlichen, anachronistischen Piratenflaggen, ein paar cool desingten Wunderkisten und vereinzelten Smilies geführt wurde, hätte eigentlich jeden aufhorchen lassen müssen. Mehr vielleicht noch das Gebrabbel der neuen Mitte, wo mittlerweile sogar gestandene Bürgermeister nicht mehr wissen, ob damit ein Stadtteil in Berlin gemeint ist, wohin sie nun zur Wahlpropaganda in schmuddelige Discos gehen müssen, um sich mit drogensüchtigen Freaks eine Debatte möglicher Jahrtausendwende-Bohemiens zu erdenken? Oder war die neue Mitte vielleicht doch nur eine Zielgruppe? So eine wie die, die in der Autoindustrie mittlerweile als die postmoderne Zieligruppe anvisiert wird, weil sie nicht kaufen soll, sondern nur als “szenemässig” versiegeln muss, was die anderen kaufen sollen, nicht weil die es brauchen, sondern weil es “In” ist, und weil die anderen damit dann eben das kaufen können, was sie als Masse per se nicht haben können: “In” zu sein eben. Die Verwirrung war gross in den letzten Monaten, und dass sie abnehmen wird, parallel zum Anstieg neuer Technologien, ist wohl nicht zu vermuten. Sie wirkt mittlerweile schon so verdreht, dass eigentlich nur noch Gabi Bauer von den Tagesthemen mit ihrem dezenten postmodernen Mona Lisa Lächeln dem ganzen einen Sinn verleihen kann. Zurück zu den Fakten, egal wie verwirrend. Die Musikindustrie wurde in den letzten Monaten auf einmal zum Anwalt des gebeutelten und misshandelten Musikproduzenten und der kulturellen Vielfalt. Selbst Ulrich Wickert wusste plötzlich, wo das Frauenhofer Institut liegt, zwischen bodenloser Technikbegeisterung eines abgehalfterten, aber mit dem Mediensuffix zumindest gleich viel richtungsweisender dastehenden Standorts Deutschland und einer über allem schwebenden Frage eines WWW Neulings in den besseren Büroetagen: Wie können sich die Kids aus dem Internet Drogen ziehen, und warum finde ich keine? Ging eigentlich alles in eine Richtung, die man höchstens deshalb nicht als absurd erkennen konnte, weil sich erst mal alle um den Krieg kümmern mussten, der anfänglich mit grosser Selbstbekenntniseuphorie zwar als medialer gefeiert wurde, mittlerweile aber einfach nur noch “der Krieg” ist. FILESHARING FÜRS LETZTE WEIHNACHTEN In Vorbereitung auf den letzten Weihnachtsgabentisch der Saison warten CD-Player, die MP3 spielen können auf uns, viele bezaubernde neue extraslim G3 Powerbooks, Webtelefone, Amazon.de, die nach dem Vorbild des amerikanischen Vaters in das Musikvertriebssystem einsteigen, weil die Plattenindustrie sich bislang nicht getraut hat, die Einzelhändler auszuknocken, ein paar Freischärler mit grossen Namen, die plötzlich, weil es ja zu gehen scheint, alles selber machen wollen, Medienstrategen, die versuchen MP3 als Promoinstrument einzusetzen, kurzum, die sogenannte Popkultur erfüllt mal wieder ihre oft zitierte kulturelle und ökonomische Vorreiterrolle der wirklichen Welt. Was kommt? Free Economy, Gift Economy, One To One Marketing, Shareware zum Frühstück, und das Netz überall, speziell konfigurierbar für die sozialen, ästhetischen und sonstigen Belange eines jeden Einzelnen. Die Vorteile unserer 1000er Auflage-Ökonomie (schwer zu produzierendes, unersätzliches, medial anachronistisches Produkt, das aus seiner Anachronie den einzigen Vorteil gezogen hat) brechen an allen Ecken und Enden zusammen. London hat seine ersten Powerbook DJ’s, und da sie das verhasste Medium CD einfach überspringen konnten, gleichzeitig noch vorzeigen können, was jeder gerne hätte, kommen sie damit nicht mal uncool weg. Im Gegenteil. Kein Vinyl mehr zu haben, könnte bald schon recht schick werden, die Livebands und Laptopsupergroups machen hier schon jetzt alles vor. Powerbooks werden tatsächlich ohne weiteres den geliebten Technics den Rang ablaufen. Und die Plattenläden? In einer Situation, in der das Haben und Nichthaben von neuen Tracks nur noch eine Frage des Speicherplatzes ist, und der konstanten Availability bzw. des technischen Knowhows, sieht es für den Einzelhändler nirgendwo gut aus, weder bei Büchern, noch bei Schallplatten, und schon gar nicht bei MP3s. Die Musiker? War es schon anstrengend genug für eine CD, deren erhöhter Preis ja zumindest noch damit zu rechtfertigen war, das mehr draufpasst als auf Vinyl, mindestens eine Stunde zu produzieren, damit es sich nach etwas anhört, es auch jemand ohne BonusMix CD zum gleichen Preis kauft, wie schwierig wird es dann erst gleich zehn Stunden Musik zumachen, die plötzlich auf dem gleichen Ding, dem gleichen Datenträger Platz haben, also kaum soviel teuerer verkauft werden können, vor allem wenn man sie sich selber zusammenstellen kann. Wieviel wird da pro Track wohl noch übrig bleiben, wenn man es nicht selber herstellt, veröffentlicht und vertreibt? Die CDR Regale bei Saturn, MediaMarkt, WOM usw. werden auch nicht grade kleiner. Und, hatten wir schon, um das Delirium komplett zu machen erwähnt, daß DVDs auch nicht viel anders aussehen als CDs? Warum sollten, wenn Videos eh schon produziert sind, und auf CDs nur schlecht Werbung passt, eigentlich nicht bald alle Tracks, die auf MTV laufen, nur noch als DVD verkauft werden? Was hätte man da als visuelles eher vernachlässigender Produzent elektronischer Musik noch gross zu bieten, ausser Schnelligkeit, sozialen Kontakten, Billigkeit und Variabilität? COMMUTERWORLD Genau, den eigenen Computer. Und er kann mehr als nur Rebirth runternudeln. Es wird in den nächsten Jahren darum gehen, den Computer in all seinen medialen Fähigkeiten genau so zu nutzen, dass man alles selber machen kann, und das machen jetzt schon einige. Aber auch genau zu wissen, mit wem man sich schnellstmöglich vernetzen sollte, damit Potentiale nicht ungenutzt herumlungern und professionellen Dienstleistern durch nostalgische Träume analoger besserer Welten den Raum öffnen, in dem man sich selber sowieso besser auskennen sollte. Es wird nicht nur darum gehen, bei sich zu Hause Musik, Design, Webauftritt, Distribution, CD Factory usw. aufzubauen, sondern vor allem darum, wie und wie gut man sich untereinander vernetzt, wie man sich eigene Oberflächen, Öffnungen und Räume in den Informationskanälen sichert und so bündelt, dass sie gehört, genutzt und gefunden werden. Wir brauchen Datenbanken, Netzradio und Fernsehen, Mailinglisten, Informationszentren, Standards, Links, Programmierer, Standleitungs-, Searchengine- und Streamingexperten, neue Ideen zur eigenen Vermarktung, Downloadstrategien usw. und zwar jetzt, denn sonst dürften wir uns alle, der gesamte Bereich elektronischer Musik, in den nächsten Jahren von einer ökonomischen Nische zu einem Hobbydasein degradiert haben, das sich aus Bannerclicks der Pornoindustrie finanziert, um die Unmenge an grossartigem Content überhaupt noch Online zu halten, was oft genug schon gemacht wird, und wenigstens noch ein ökonomisches Konzept ist, das Sinn macht.

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Elektronische Lebensaspekte.