Weniges scheint so futuristisch wie die Kombination von Technologie und Fashion zu "Wearables", vielleicht gerade, weil man ihrer Realisation als Alltagserscheinung immer noch nicht näher gekommen ist. In Zürich gab es jetzt einen Kongress, der den Stand der Dinge zusammenfasste - und es gab eine Überraschung...
Text: Katharina Tietze aus De:Bug 54

Nix da Konvergenz
Weiter Warten auf Wearables?

In Zürich fand im Oktober das 5. “International Symposion on Wearable Computers” (ISWC) statt. Die gastgebende ETH Zürich müsste es ja wissen und definiert “Wearables” folgendermaßen: “Sie können kontinuierlich betrieben werden, sie lassen sich weitgehend ohne die Benutzung der Hände bedienen. Sie unterstützen den Benutzer aktiv in der Informationsaufbereitung und -darstellung, verbessern die Wahrnehmung der Umwelt und sind als integraler Bestandteil der Kleidung unauffällig.” Vor allem letzteres traf auf keines der gezeigten Geräte zu. Auf der Tagung wimmelte es von jungen Männer, die an Kopf und Körper Technologien ausstellten.

Hände frei
Immer noch gehören Wearables eher der Cyberpunk-Ära an, wirken Borg-artig mit Schläuchen, Verkabelung und anderem Technologiezusatz. Sie liefern tolle Bilder, doch selten genug sind die Geräte alltagstauglich und serienreif – mit Ausnahme vielleicht von einem Slip von Procter & Gamble, der die fruchtbaren Tage der Trägerin anzeigen soll. Auf dem Symposium in Zürich wurden ebenfalls eher Schnittstellen zwischen Mensch und Technik sondiert, die man ausbauen könnte. Welche menschlichen Fähigkeiten kann man noch anzapfen?
Francine Gemperle von der Carnegie Mellon University, Pittsburgh hat sich vor allem mit taktilen Displays beschäftigt. Sie wies auf die Sensibilität des Sinnesorgans Haut hin. Der Tastsinn ist zentraler als wir denken, Babys beispielsweise orientieren sich zu allererst taktil, auf das Tasten können wir im Gegensatz zu Hören und Sehen nicht verzichten. Gemperle stellte den Stand der Entwicklungen vor und schilderte dann das eigene Projekt: Eine Weste bzw. eine Art Geschirr mit mehreren eng am Oberkörper anliegenden Sensoren, die auch für den Vibrationsalarm in Handys genutzt werden und sehr klein sind. Die entscheidende Frage war, wie kann der Mensch taktile Signale am Körper lesen, so wie Blinde Braille–Schrift mit den Fingerspitzen. Jeder kennt die Fehlerquote, wenn man sich spielerisch Buchstaben auf den Rücken schreibt. Aber möglicherweise lassen sich taktile Ausgabegeräte für ein Navigationssystem nutzen.

Film zurück
Vorgestellt wurde ein Projekt von Steve Mann, “The Wittnessential Net”, bei dem es darum geht, den alltäglichen Eingriffen in die Privatsphäre durch Überwachungskameras zu begegnen, indem man selbst Videomitschnitte macht. Mit einer nicht sichtbaren Videokamera filmt Mann seine Auseinandersetzung mit Angestellten eines Kaufhauses über den Einsatz von ebenfalls verborgenen Überwachungskameras. Das ist zum Teil sehr komisch, hat den Charakter eines Kunstprojektes und ist auch schon ein Jahr alt, aber diese Performance bringt einiges auf den Punkt.
Ein zweiter, eher klassischer Ansatz bei der Entwicklung von Wearables ist, von spezifischen Anforderungen bzw. Einsatzgebieten auszugehen. Oft entsteht dann mit Technologie gefüllte Arbeitskleidung, die u.U. später von der Mode adaptiert wird. Die Norweger von den Firmen “telenor R&D und Hitec O” stellten ihr Projekt vor. Es ging um Videokonferenzen zwischen Wartungsarbeitern auf Bohrinseln und Experten an Bildschirmen in den entsprechenden Firmensitzen. Einführend zeigte der Referent ausgiebig Bilder der geographischen Lage Norwegens, die deutlich machten, wie wichtig neue Kommunikationsformen für ein Land sind, in dem verhältnismäßig wenig Einwohner verstreut über Inseln, Halbinseln und Berge leben. Entstanden ist bei dem Projekt eine Weste, die auch ästhetisch gelungen ist. Wie ein Bauchladen ist ein aufklappbarer Touchscreen integriert, auf der Schulter sitzt eine Videokamera, die sich auch abnehmen lässt, der Rechner sitzt auf dem Rücken, dazu kommt das obligatorische Headset.

Digitaler Zwilling
Eine dritter möglicher Ausgangspunkt ist, von bereits durchgesetzten Technologien auszugehen, nahe liegend sind also vor allem Handys. Handys sind unsichtbar, multifunktional, und Texte lassen sich mit einer Hand statt mit zwei eingeben. Margiet Biemans vom niederländischen Telematica-Institut hat in einer Studie untersucht, wie Handy-Profile personalisiert werden. John Riordan von Swisscom stellt eine Entwicklung vor, mit deren Hilfe sich auf dem Handy Display erkennen lässt, in welcher Entfernung sich ausgewählte Freunde befinden – total praktisch, will man sich ein Taxi in den nächsten Club teilen. Aber Swisscom will noch viel weiter gehen: “We want to build a digital representative of the individual”. Darüber werden dann alle wichtigen Daten abrufbar, wie zum Beispiel Aufenthaltsort, Tätigkeit, körperlicher Zustand. Einwände tat John Riordan damit ab, dass die meisten Menschen ja auch Pay-back-Karten nicht ablehnen, obwohl ihr Leben dadurch total transparent wird. Da wird das Handy dann zur Fußfessel.
Birgit Richard von der Universität Frankfurt hat kulturwissenschaftliche Überlegungen zum Stand der Dinge angestellt. Dabei wurde deutlich, dass die Verschmelzung von Mode und Technologie beim Einplanen einer Handytasche in der Jacke eigentlich schon aufhört. Trotzdem ist interessant, wie Menschen Dinge transportieren. Darin unterscheiden sich die Geschlechter: So wie die Jungs alles in die Hosentaschen stecken, also am Körper transportieren, sammeln die Mädchen wichtige Dinge in der Handtasche. Und ein anderer Punkt: um Technologie zu verkaufen, muss sie sichtbar sein, meistens handelt es sich nämlich um Statussymbole.

Form & Funktion
Wo aber bleibt nun der Bezug zur Kleidung? Die italienische Firma C.P.Company ist hier visionär und wegweisend für eine wirklich Konvergenz von Mode und Computer. Die Gründer Carlo und Maria Rivetti sind der Meinung, dass ein Verschmelzen nur über den Stoff, das textile Material, stattfinden kann. Das heißt: die Elektronik muss leicht, weich, flexibel werden und die Stoffe technologisch ausgereift. Sie selbst verbinden Traditionen italienischer Konfektion mit Experimenten mit neuester Technologie. Entstanden sind Jacken aus feinem, verwebten Stahl; Nylonmaterialien, die mit einem Stahlspray beschichtet werden können (eine Technologie aus dem Flugzeugbau), oder eine Jacke mit integriertem Atemschutzgerät. Wunderbar ist eine Reihe von Regenmänteln, aus denen sich ein Sessel aufblasen oder ein Zelt bauen lässt. Die Rivettis verkörpern beeindruckend die Tatsache, dass Design, besonders von Kleidung, eine Haltung verlangt. Eine Haltung zu Themen wie Ökologie und Globalisierung, aber auch zum Menschen an sich, und damit auch Humor, Ironie und Poesie einschließt. Als Carlo Rivetti gefragt wurde, wozu das Mit-sich-Tragen von Informationen als Wearable denn nun gut wäre, sagte er: ‘Mit dem Computer trägt man Informationen bei sich, die in anderer Form viel größer und schwerer wären.’ Das ist – schlicht und einfach- bestechend. Und richtig.

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Elektronische Lebensaspekte.

Chip wird Chic. Noch sind Computer beige Kästen, die meist schon im Wohnzimmer stören. Ins Schlafzimmer kommen sie auf keinen Fall. Die Metapher heutiger Betriebssysteme ist da eindeutig. Seit den frühen 80er Jahren ist es dieselbe: der Desktop, der Schreibtisch, auf dem der Nutzer Informationen in Fenstern sammelt und verarbeitet. Doch bald kommt die dritte Welle der IT.
Text: konrad lischka aus De:Bug 45

fashion/wearables

Chip wird Chic
Die dritte Welle der Informationstechnologie

Marc Weiser vom renommierten Palo Alto Research Center (PARC) sah dieses Verhältnis schon 1996 am Ende: “Während der ersten Welle der Informationtechnologie von 1940 bis etwa 1980 dominierten die Computer, denen die Menschen dienten. Während der zweiten Welle starrten sich Mensch und Computer auf dem Schreibtisch an, ohne Teil der Welt ihres Gegenübers zu sein. Die dritte Welle beginnt gerade: Viele Computer dienen Menschen überall auf der Welt.”
Der Abstand zwischen Mensch und Computern kann dabei kaum kleiner werden als der zwischen Jacke und Träger. Der Anziehcomputer erfüllt eine wesentliche Anforderung an die dritte Welle der Informationstechnologie: Der Rechner verschwindet im Alltag. Er verändert die Grundlagen des Lebens ebenso unbemerkt wie die Kanalisation, ohne die es kaum so etwas wie Urbanität gäbe.
Entwürfe von Anziehcomputern gibt es zuhauf. Asha Peta Thompson erzählte krüzlich am ICA in London vom sprechenden T-Shirt. Sie entwickelt am “Design for Life Centre” der britischen Brunel Universität Hilfsmittel für Menschen mit Sprachproblemen. Etwa einen Sprachcomputer, der über die Oberfläche eines Kleidungsstücks gesteuert wird.
Es gibt auch andere Vorstellungen der dritten Welle der Informationstechnologie. Die Vision von Steve Mann, Professor an der Universität Toronto, kennt jeder, der Terminator sah. Einige Szenen waren aus der Perspektive des Cyborgs zu sehen, hier legten sich mehr oder weniger sinnige grafische Informationen über die Wirklichkeit. Mann hat einen Computer entwickelt, der samt Funkmodem am Gürtel zu tragen und über eine Einhandfernbedienung zu nutzen ist. Informationen – das fängt bei der Uhrzeit an – werden auf die Gläser einer Brille gespiegelt, was immer noch so aussieht, wie man es sich schon 1987 vorstellte. Eben das ist das Problem. Viele Entwürfe sind eine Projektion der Gegenwart in die Zukunft nach den Maßgaben eines James Bond Films. Technik muss zugleich vertraut und spektakulär sein. Und sie muss aus dem Gebiet der aktuell führenden Leittechnologie kommen. Raketen sind ein ebenso altes Konzept wie der PKW. Raketen am PKW hingegen sind spektakulär, ja geradezu futuristisch. Genauso verhält es sich mit IBMs Prototyp eines Thinkpads, der am Gürtel getragen und über Sprache gesteuert werden kann. Letztlich ist dies dasselbe Konzept, wie es heute schon auf jedem Schreibtisch steht, nur eben kleiner. Information wird weiterhin zentralisiert, wie beim jetzigen Computer. Seine Haupteigenschaft ist nicht das Verknüpfen von Information.
Neu an Anziehcomputern wird nicht ihre Größe sein. Entscheidend ist, dass sie keine Computer mehr sind. Die Funktionen der bisherigen monopolistischen Schnittstelle, die alle Informationen bündelt, werden zahlreiche Geräte übernehmen. Schon heute nimmt die Zahl unterschiedlicher Endgeräte eher zu als ab: DVD-Spieler, Mobiltelefone, PDAs, Subnotebooks, Laptops, Heimcomputer. Gleichzeitig vereinheitlichen sich die Protokolle, mit denen Texte, Filme, Emails, Musikstücke – jegliche Daten übertragen werden. Das könnte das Ende des Computers sein.
In den USA hat sich die “Defence Advanced Research Projects Agency” (DARPA) schon immer um die Zukunft verdient gemacht – etwa als sie 1969 das Internet begründete. Heute arbeitet man dort an Netzwerkarchitekturen, die bis zu 100 000 Komponenten verbinden und es ihnen ermöglichen, in Sekundenbruchteilen als kollektive Intelligenz zu handeln. Zum Beispiel schwirrt ein Sensorenschwarm über feindliche Linien, um Funkverkehr aufzuspüren. Ein Sensor teilt seine Entdeckung allen anderen mit, woraufhin sie kollektiv ihre Funktionsweise ändern und den Funkverkehr stören.
Die Metapher des Computers der Zukunft wird also nicht der Schreibtisch als Fixpunkt sein, sondern eine elektronische Wolke, die ihren Besitzer umgibt. Jack Mama entwickelt bei Philips Design sogenannte “Wearable Electronics”. Die Mehrzahl ist bewusst gewählt: “Der Computer wird sich bald in verschiedene Formen auflösen.” Nicht jeder Bestandteil der dann entstehenden elektronischen Wolke kann dann alles tun, aber sie können sich beauftragen und Ergebnisse austauschen.
Nicholas Negroponte sprach schon 1995 von “things that think”. Damit meinte er Dinge wie Bugs-Bunny T-Shirts, die per Global Positioning System den Eltern den Aufenthaltsort ihres Kindes mitteilen oder Schuhe, die mit jedem Menschen, dessen Hand man schüttelt, elektronische Visitenkarten autauschen.
Und das klingt ebenso wie Asha Peta Thompsons sprechende T-Shirts allemal vernünftiger als der Anziehcomputer.

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Chefsache Wearables: Wie synthetisiert man Kleidung und Kommunikations-Technologie? Wie bringt man seine Jacke zum Sprechen? Levi's und Philips versuchen, mit ihrer Jackenreihe icd+ eine Antwort zu geben.
Text: jan joswig aus De:Bug 45

wearables

Look, Mom, I’m a Robot
Levi’s/ Philips mit der zweiten Wearables-Kollektion

Einsam voran ziehen Levi’s/ Philips mit ihrer zweiten icd+-Jackenkollektion im Hitech-Krieg der Wearables. Die erste vom Stardesigner Massimo Osti designte Kollektion hievte elektronische Mode auf Pret à Porter-Stufe. 1800,- DM ist doch nicht übertrieben. Dann kauft man sich eben mal 120 Paar Socken weniger im Jahr. Im Frühjahr kann man nun zwischen zwei Jacken wählen, die dem professionellen Nomaden vom Fahrradboten bis zum Onlinedesigner die Erotik eines frischgewienerten Arbeitsroboters verpassen sollen. “Wipe my shiny Metal Ass!”
Der Entwicklung der Wearables allgemein steckt allerdings noch auf Krieg der Knöpfe-Niveau fest, alles halb so far out. Gefahrenzonenbewohner allerlei Geschlechts warten weiterhin darauf, dass BHs, die bei panisch erhöhtem Herzschlag ein SOS an die nächste Polizeidienststelle senden, endlich zum Survival-Standard werden, wie der Techno Bra von Kursty Groves, der leider noch im Test ist. Ansonsten brüstet sich die Konkurrenz zu “icd+”-Jacken damit, Taschen für CD-Player und CDs einzunähen und an Kabelösen gedacht zu haben (Spiewack). Über solche halben Schritte kann Levi’s nur lachen. Wer würde schon ein Auto mit Karosserie, aber ohne Motor kaufen? Philips liefert den Motor mit. Ein Motor aus Mobile mit Freisprechanlage (Philips Xenium GSM), MP3-Player (Philips Rush MP3 Player), Kopfhörern und Fernbedienung. Der Clou: Die Fernbedienung synchronisiert Mobile und MP3-Player. Kommt ein Anruf rein, schaltet sich die Musik (oder der HTML-Fernkurs) automatisch aus. Hektisches Rumgewurstel fällt aus. Der Wearable-Träger ist in der Flexecutives-Nomadenzeit entscheidende Sekunden schneller als sein Oldfashionkonkurrent.
Kabelösen, Klettverschlüsse, Laschen und Taschen außen und innen, unten und oben, sorgen für eine untrennbare (eh, auf jeden Fall, unwidersprochen) Einheit (Naja, wie stand es noch um den Terminus Einheit? Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört?) zwischen den Techniktools und der Jacke. Bis man da die Ärmellöcher gefunden hat und nicht mehr kopfüber einsteigt… Am besten, man pappt Mobile, MP3-Player und Fernbedienung mit den Klettverschlüssen außen auf die Brust. Dann muss man sie nicht so lange suchen wie in präelektronischen Garderobenzeiten das Feuerzeug. Und es täuscht darüber hinweg, dass die “icd+” gar nicht so sehr nach “Wipe my shiny metal Ass!” aussieht, sondern viel mehr nach den berüchtigten Fjällraven-Windjacken für Schottland-Touristen, die es nur in Kombination mit selbstgestrickten Ringelrollis gibt. Aber wenn man an den Erfolg der Ökolatschenlinie von Camper denkt, liegt Levi’s mit dem Design bestimmt gar nicht so falsch.
Obligatorisch bei Levi’s-Produkten: der “Shrink to fit”-Test. In der Badewanne läuft die Jacke keinen Millimeter körpernäher ein (gutes oder schlechtes Zeichen?), einen Stromschlag bekomme ich aber auch nicht (gutes Zeichen!); nicht einmal so ein kleines kuhzaunmäßiges Zwitschern. Ich habe allerdings nicht meinen alten Physiklehrer gefragt, ob das an den fehlenden Batterien liegen könnte.
Abgesehen von dem 30 cm langen Firmenschild im Nacken kann man elektronisch getuneter Garderobe im Moment noch die Stirn bieten, indem man das Siemens S6 D Mobile mit Hubba Bubba-Kaugummi auf die Brusttasche seines Vietnam-Parkas klebt und dazu ein Liedchen pfeift. Alles andere ist Kosmetik. (Na gut, und ein paar Grade Komfort- und Zeitgewinn). Aber ich bin eh Hippie.

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Text: Sascha Kösch aus De:Bug 05

Wearables.
Aus der Reihe: Schlagworte lernen mit De:Bug
Arbeitstitel Xybernaut

Sascha Kösch
bleed@buzz.de

Teil eins: jetzt

Was nun? Was soll jetzt nun die Zukunft noch mal sein? Nachdem Raumfahrt mit ihren Versprechen seit den 50ern (jedenfalls schon viel zu lange) eigentlich keinen Schritt weiter gekommen ist, schon gar nicht was Projekte betrifft, die Assoziation der Anonymen Astronauten zwar die Bevölkerung der Galaxie ernsthaft in Angriff nimmt, aber mit einem Budget, das vielleicht reichen wird, die eigenen Netzkosten zu tragen, wird es ein wenig eng hier unten. Genau da setzt das Konzept der “Wearables” ein, das sich, glaubt man den Investoren und Nerds, was immer eine gute glaubwürdige Mischung ist, zu einem der zentralen Entwicklungscluster herausputzen wird, der PCs, Gamekonsolen, Handys, Faxe, CD Player – also den ganzen Kram, den man heute noch mit einem etwas nostalgischen Gefühl, was vorkommen kann, Kommunikationsmittel nennt – und viele andere Dinge, die man als alltägliche, nützliche, unersetzbare Zeichen der “Moderne” schätzt, unter sich begräbt. Einfach so und weg sind sie. Nanu.
“Wearable”, der, Subj., engl.? Tragbare Computer. Nicht tragbar, weil sie so leicht sind wie vielleicht Laptops, Palmtops, Gameboys und funkige Uhren, sondern solche, die man an der Gürtelschnalle trägt wie einen Walkman. Oder im Turnschuh, wie die neusten ergonomischen Modelle des Michigan Institute of Technologie, kurz MIT, deren Display direkt auf den Augen sitzt und deren Bedienung wie eine Fernbedienung in der Hand liegt oder in der Hosentasche. Oder man hat sie Zuhause vergessen und wartet darauf, daß der eigene “Wearable” die Fingerbewegungen scannen kann. Diese Dinger werden uns noch schwer zu schaffen machen und vor allem denjenigen, die mit einer gewissen Art Cyborg Chique einfach noch nicht können und lieber schon wieder warten, bis man ein paar Gigabyte von der Krawattennadel auf die Retina projezieren kann.
Die Leute vom MIT können jedenfalls nicht warten. Thad Starner trägt seinen seit nun ziemlich genau 4 Jahren. Seitdem hat es haufenweise Hardware-Updates und Verfeinerungen gegeben, das Ding hört auf den Namen “Tin Lizzy” (Ford Anspielung, vermutlich tiefgehende) und dazu gibt es Anleitungen zum Selberbasteln (http://wearables.www.media.mit.edu/projects/wearables/lizzy/). Das ist knapp 4000 $ billiger ist als einen zu kaufen (7000$), der dann auch noch nach teurer Software schreit, am besten custommade. Kurzum, für nur 3000$ sind wir dabei, immerhin geht es hier um die Zukunft, da kann man sich schon mal ein wenig lächerlich machen und die Preise purzeln ständig, nur, ?, was macht man damit.
Im Grunde sind “Wearables” so nützlich wie nur was. Man kann eigentlich gar nicht ohne sie leben. Keine Notizzettel mehr, damit fängt ja immer jedwede Art von Überzeugung für neue Technologie an. Nie wieder Langeweile in der U-Bahn. Man braucht nicht mehr nach dem Weg zu fragen. Es fällt einem immer das passende Wort ein, selbst wenn man mit Japanern plaudert. Man hat nie das Gefühl, man hätte seine Lieblingssearchengine Zuhause vergessen. Dates werden nicht mehr verpasst, überhaupt ist Vergessen keine Entschuldigung mehr. Chirurgen können nicht mehr daneben schneiden, selbst wenn sie zum ersten Mal ein Skalpell in der Hand haben. Man erkennt jeden Menschen sofort und weiß sogar, wie er heißt (wo er wohnt, Telefonnummer, schmutzige Geheimnisse, usw.). Die Welt wird einfach überschaubarer, weniger lästig und ein paar neue Gefahren birgt sie auch.
Die Grundkonzepte, die das Ganze so unglaublich nützlich und verlockend machen, daß man herumlaufen möchte wie der ärgste Feind Jean Luc Picards, die Borg, bzw. wie vermutlich jeder zehnte Bauarbeiter in vier Jahren, die Schlagworte also, mit denen man sich nach “In-Line Cache” und “Ping Of Death” jetzt schon mal anfreunden sollte, sind: “Augmented Memory”, “Augmented Reality” und natürlich “Collective Intelligence”. Auch wieder nicht leicht übersetzbar nebenbei und vermutlich sollten wir den Wahn, alles gleich einzudeutschen, was so herumläuft, eigentlich aufgeben. Es sei denn, es kommt zu so wundervollen Schöpfungen wie “Datenautobahn”.
“Augmented Memory” in Kürze, ist eine Art ständig präsente Gedächtnisstütze. Der einfachste und längst realisierte Fall, ein Erinnerungsagent, “Rememberance Agent” (http://rhodes.www.media.mit.edu/people/rhodes/remembrance.html), der, während man schreibt, redet, (denkt), usw., die zu mindestens 90% freie CPU Kapazität nutzt (da verhält sich ein Rechner auch nicht anders als das mythisch unterbeschäftigte Gehirn), die so ein Texteditor übriglässt, um aus der eigenen Datenbank ähnliche, naheliegende oder eben auch skurrile Daten herauspurzeln zu lassen. Die von Mr. Rhodes geschriebene Software assoziiert und gibt einem nicht nur Daten, die einem eh auf der Zunge lagen, Argumente, die man glücklicherweise rechtzeitig gebackupt hat, sondern obendrein auch noch, wie jede gute Geschichte, sehr persönliche Erinnerungsbrocken und Lapsi, die das Reden irgendwie sinnvoll machen. (Ausschalten kann man ihn auch.). Gekoppelt mit einer Bilderkennungssoftware (Photobook), gibt es dazu noch vernünftige (denn diese Daten muss nun wirklich jemand eingeben, der zumindest etwas Routine und Ordnungssinn hat und vermutlich wird das die erste große Softwarebranche werden, die sich aus Wearable Computing entwickelt: kommentierte an visuelle Daten gekoppelte Datenbanken, z.B. Stadtführer, Landführer, Flußführer oder das große “Buch” der 20.000 Persönlichkeiten, die man einfach droppen muß) Angaben darüber, wen man grade wieder nicht gebührend begrüßt hat. Erinnerungen kann man nie genug haben und so schön und überlebenswichtig es sein mag zu vergessen, so gut ist es, wenn jemand anders das nicht tut. Und, kurze Erinnerung, wir reden hier nicht von Projekten, Visionen oder ähnlichem, weil die mittlerweile langweiliger werden als die Realität, sondern von Dingen, die man jetzt schon tun könnte, während man so auf der Couch rumlümmelt und De:Bug liest. Worte werden, das mal vorweg, nicht mehr ganz das sein, was sie mal waren und was das Internet immer versprochen hat, Hypertext, wird verflucht schnell eine sehr persönliche , mitunter geteilte Erfahrung werden.
“Augmented Reality”, ist die Überlagerung von visuellen Eindrücken mit virtuellen Bildern. Überaus nützlich bei jeder Art von Eingriff in dreidimensionale Strukturen. Und Chirurgen z.B. träumen schon jetzt von nichts anderem mehr. Die gute alte Geschichte des Röntgenblicks liegt greifbar nah. Zur Zeit sind natürlich die Interfaces zu den Augen (MIT benutzen für Tin Lizzy ein System, das sich “Private Eye” nennt und eher zur Darstellung von monochromem Text taugt) immer noch etwas problematisch und nicht umsonst haben begeisterte Wahnsinnige in Hoffnung auf ein billiges 200$ Produkt ganze Paletten voller Virtual Boysª (Sony, von denen hören wir später noch) auseinandergenommen. Aber dank der Arbeit am Virtual Retinal Display (http://www.hitl.washington.edu/projects/vrd/) dürfte in Kürze und nach der Massenproduktion, die schneller einsetzen wird, als man das Wort “Spektralanalyse” sagen kann, steht einer Dopplung (Verdreifachung usw.) des realen Raumes durch den “virtuellen” eigentlich nichts mehr entgegen. Damit wird die Welt einfach um die entscheidenden unendlichen Kubikkilometer größer, sodaß man schon jetzt absehen kann, wie wichtig und universell Wearables werden. Bei Eroberungen wurde noch nie gespart. Einfache Vorstellungsübung zu Augmented Reality: Geh auf die Strasse und denke dir, du bist paranoid oder der Terminator (1). Alle Dinge reden mit dir, Oberflächen zählen nicht mehr als Grenze, sondern Bankkontos, Computerskillz und Übertragungsraten bestimmen, wie groß das Gesichtsfeld ist. Nichts kann einen davon abhalten, den Bürgersteig mit Hieroglyphen zu versehen, auf einer Reklamewand die Sendung zu sehen, die man gestern einfach nicht mehr geschafft hat und nebenbei mit der Projektion (intern) seines Lieblingsmitspaziergängers über pseudopersönliche Dinge zu plaudern. Schöne Welt das, prinzipiell. Womit wir zum letzen Punkt kommen.
“Collective Intelligence”, ‘kollektive Intelligenz’ klingt grausam, ist aber eigentlich eher mikropolitisch. Wer mit wem sein Wissen teilt, denn teilbar ist es prinzipiell und jederzeit und dürfte nicht nur ein paar neue soziale Distinktionen mit sich bringen, sondern vor allem – darauf hoffen auch die Leute beim MIT, die empfehlen, “Wearables” nur beim Sport, unter der Dusche und im Schlaf nicht zu tragen – eine Art der Kommunikation, die letztendlich individuelles Denken zu dem Trugbild machen wird, das es immer schon war. Der flottierende Realisationsknoten, auf dem man schwimmen wird und der zur Zeit noch eher einer Kontinentalplatte gleicht, sollte beweglicher werden. So die harmonische Version. Denkbar natürlich um so mehr, daß da jemand an den Fäden ziehen wird, Verschlüsselungen umgeht, Werbung einspeist, direkt auf die Netzhaut, sublim und unhinterfragbar und zu empfehlen, daß einer massiven Angst vor dem Gelenktwerden, am besten jetzt schon mit einer variabel-heterogenen Subjektkonsolidierung gekontert werden sollte.
Alles eigentlich nur noch eine Frage der Ökonomie, des Designs und der Vorwegnahme. Das Subjekt, das Individuum, Denken, Reden, alles bekommt ein paar Agenten mehr, denn Agenten gibt es ja eh schon, selbst in der kleinsten Handlung, davon sollte einen die Sprachwissenschaft überzeugt haben, davor braucht man keine Angst zu haben. Nur den Überblick sollte man wie schon jetzt in seiner kleinen hochprivatisierten Welt Namens Zukunft behalten.
Wenn man sich Theo Waigl (Parteitag in Leipzig, Fernsehen, nicht zu nah ran) dazu anhören würde, was man ja irgendwie immer gerne macht, um zu wissen, was nun denn nicht sein soll, dann ist die Zukunft eine Multiplizität der Karikatur und die Karikatur (er und H.K.) gewinnt. Aber wenn sie gewinnen, dann möchten wir sie wenigstens im nächsten Wahlkampf in genau diesem schnieken Cyborg Outfit sehen. Zu bewältigende Handicaps gäbe es da genug (http://disability.com/) und genug Platz für wirklich überzeugende Festplatten auch.

Wir bauen eine neue Stadt (oder gleich mehr?)

Wie gesagt: daß Computer-Selbstbastler die Mehrheit der Bevölkerung darstellen, die ja immer – durch “Wearables” auch – ein Stückchen näher rückt, ist wohl eine Illusion und so dürften Firmen, die sich schnell in den wichtigsten Markt eingekauft haben, der zur Zeit existiert, nämlich Komplettlösungen für Wearables wie die von Xybernaut, genau richtig liegen.
Letzter Großeinsatz kam von den spielewütigen Sonys (Sony Digital), die sich so langsam, während Bill Gates auf WebTV setzt, was nicht unbedingt so nahe liegt, wie es scheint, bei Xybernaut unersetzlich gemacht haben, um dem Ganzen ein ordentliches Design und eine über die Spezialistenanwendungen hinaus einsetzbare Marketingstruktur zu verpassen. Und natürlich ihren Walkman Erfolg wiederholen wollen, vermutlich eher sogar mehr. Also, Big Player unserer Wahl definitiv Xybernaut, die mit einem schicken 155Mhz Pentiumprozessor und eleganter Bauarbeitermütze losziehen und die Welt erobern wollen. In Deutschland geschieht das im Verbund mit dem SBS Software Center (von IBM, Hewlett-Packard und Mercedes in Stuttgart gegründete Software Innovationsschmiede, die sich an mittelgroße Softwareunternehmungen hängt, die vielverspechend sind) und, wem sonst, Siemens Nixdorf auf der Hardware Seite. Gemeinsam werden sie ihre, vermutlich schon bald bei der Bundeswehr zum Einsatz kommende, “See and Speak” Technologie (Spracherkennungssoftware direkt ans Betriebssystem gekoppelt, Leitspruch: Xybernaut – “Technology that listens when you speak (TM).”, funky, oder?) auf den glorreichen Weg einer “Dominanz auf dem Computermarkt” (so Dr. Steven A. Newman, einer der Vorsitzenden von Xybernaut) schicken und uns mit der basisdemokratischen Free-Market-Version von “Wearables” beglücken, die, wenn schon nicht von Microsoft, so zumindest aus sicherem Hause kommen. Vorbei die Zeiten der Linuxgläubigen beim MIT? Wohl kaum, denn während die “Wearable”-Industrie sich noch als Entwicklungsstadium proklamiert, wenn auch als unglaublich vielversprechendes, sammelt die Gruppe beim Michigan Institute of Technologie schon simultan wesentliche Erfahrungen für ein anderes großes Projekt: Affective Computing. Cyberpal – Technologie, die dich tröstet, wenn du down bistª?

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