Brauchen wir wirklich einen neuen Browser? Kann ein Browser sozial sein? Und wenn ja, wie lässt sich damit Geld verdienen. Johnny Haeusler von Spreeblick nimmt Flock unter die Business-Lupe.
Text: Johnny Haeusler aus De:Bug 98

User 2.0: Flock on!

Ein neuer Browser. Ein neuer Browser? Ein neuer Browser! Haben wir nicht schon genug davon? Nicht nach Meinung der Entwickler von Flock, die sich selbst, I kid you not, als “Flockers” bezeichnen. Ausgestattet mit etwas Startkapital – man spricht von 2 Millionen Dollar in der “ersten Runde” – basteln die Flocker an einem Browser für alle Plattformen, der momentan schon in der Preview-Version für einigen Rummel in der Blogosphäre sorgt. Denn basierend auf der Mozilla-/Firefox-Engine “Gecko” soll Flock sämtliche aktuellen und kommenden Drogen für digitale Sozialjunkies integrieren. Die frisch gefundene URL bei del.ico.us ablegen und taggen? Ein Klick in die Flock-Toolbar genügt. Inhalte einer Website für den eigenen Blog-Eintrag zitieren und referenzieren? Der Toolbar-Button “Blog” öffnet den integrierten Editor (Extra-Feld für Technorati-Tags, na klar) und postet direkt zum eigenen Blog. Flickr lässt sich per Drag’n’Drop mit Hilfe eines einblendbaren Frames nutzen und ebenso leicht können Vergessliche “The Shelf” als temporäre Ablage für URLs, Bilder oder Texte verwenden, welche man wiederum per Ziehen und Fallenlassen ins neue Blog-Posting packen kann. Das alles funktioniert bereits recht gut mit der noch nicht besonders sexy gestalteten Vorab-Version von Flock, mit der man auch in Sachen Performance noch nicht allzu hart ins Gericht gehen sollte. Und es macht nach einer kurzen Eingewöhnungszeit nicht nur Spaß, sondern auch Sinn, denn es spart dem Dauerblogger Zeit: weniger zu ladende Sites, keine zusätzlichen Software-Tools, kein Wechseln zwischen den Programmen mehr. Geplant ist der Ausbau auf viele weitere Web-Dienste, denn der Nutzer soll die freie Wahl behalten: Die oben genannten aktuell integrierten Services sind nur der Start, so die Informationen auf der Flock-Website.

Viel Service
Diese angekündigten Service-Erweiterungen werden für die Nutzer von Flock angenehm und überzeugend, für die Flock-Entwickler jedoch überlebenswichtig sein. Denn bei dem vom Hersteller unabhängig verbreiteten Browser-Preis von genau 0,00 Euro und der GPL-Lizenz, unter welcher der Flock-Code steht, muss das Geld an anderer Stelle fließen. Diese Stelle nennt sich “Expanded Sponsorship Arrangement”, was nichts anderes bedeutet, als dass jeder in Flock integrierte Service für die Vermittlung von Nutzern und oder deren Datenspuren Bares an Flock überweisen wird. Genauso läuft das schon bei allen Browsern, die bspw. die Google- oder Yahoo-Suche in ihrer Toolbar integriert haben. Wer die Zielgruppen liefern kann, darf mitverdienen. Kleines Rechenbeispiel? Gäbe es weltweit eine Million Flock-Nutzer (zum Vergleich: Firefox wurde bisher über 100 Millionen Mal geladen) und würde Flock nur zehn tägliche Cent mit jedem dieser Nutzer verdienen (Flock-Nutzer sucht per Google, Google kassiert AdSense-Einnahmen und gibt davon etwas an Flock ab), hätte Flock jährliche Einnahmen von 36 Millionen Euro. Davon lässt sich das ein oder andere mittelständische Unternehmen recht gut finanzieren. Persönliche Nutzer-Daten wie Name und Wohnort sind dabei übrigens relativ irrelevant, es geht meist allein um die individuelle Konstellation aus Bookmarks und/oder Such(t)-Verhalten, um die Auslieferung der richtigen Werbung an die richtige Stelle eben. Wo selbige sich befindet, ist unerheblich; irgendwo im Netz wird sie wohl sein, und das sollte in den meisten Fällen genügen. Selbst wenn Paranoia übertrieben sein mag, muss man solche Geschäftsmodelle natürlich nicht mögen. Komplett daran vorbei kommt man jedoch kaum, denn der User 2.0 ist Realität: Er lässt sich zu geringen Gebühren für die Aufwertung ansonsten kostenfreier Dienste hinreißen (flickr), akzeptiert bei entsprechenden Features die Context-sensitive Werbung solcher Dienste (Gmail) und sucht nach fokussierten Mini-Applikationen, die weder Download noch Installation benötigen, da sie im Browser beheimatet sind (37signals, Flock). Geld fließt vom Endkunden zum Anbieter – wenn überhaupt – nur in sehr geringer Höhe, persönliche Daten werden dafür unter vorgeblicher Transparenz und eigener Kontrolle, mit Einverständnis und besser noch: freiwillig zur Verfügung gestellt.

No free lunch
Und so verschieben sich nur die Währungen und Zahlungsweisen von den “harten” zu den “weichen”. Nicht mit Euros wird bezahlt, sondern mit Aufmerksamkeit. Und anstelle von Dollars werden Informationen ausgetauscht. Zumindest was den Endkunden angeht. Man darf also auf den nächsten Schritt gespannt sein, wenn User 3.0 wieder in harter Währung zahlt. Dafür wird er gewünschte Anonymität, gezielte Unerreichbarkeit und ständige Werbefreiheit erhalten. Privilegien eben.

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Elektronische Lebensaspekte.