Tagging ist ein wichtiger Bestandteil vieler Web2.0-Services. Die scheinbare Unordnung willkürlich vergebener Stichworte mausert sich damit zu einem ernsthaften Konkurrenten für Kataloge, Kategorien, Schubladen und Schuhkartons.
Text: Janko Röttgers aus De:Bug 98

Web 2.0

Folksonomy: Ich und du und Tags dazu

Bücherregale umsortieren mit Clay Shirky

Was haben Flickr, Technorati, Del.icio.us, Upcoming.org und die Weblogs des britischen Guardian gemeinsam? Sie alle setzen auf so genannte Tags – Stichwort-Wolken, die Ordnung in den Datensalat der Fotos, Links, Termine und Texte bringen sollen. Diese Stichwörter werden den jeweiligen Daten von den Nutzern zugeordnet – und zwar frei, ganz ohne Vorgaben. Ein Flickr-Bild eines Hundes kann also die Tags Hund oder Dog besitzen – aber eben auch süß, Wuffi oder Stinker. Ein ziemlich willkürlicher Wust also. Trotzdem glauben Netztheoretiker wie Clay Shirky, dass Tags der Schlüssel zu einem besser strukturierten und demokratischeren Web sind. Shirky arbeitet in New York als Consultant und Dozent und hat sich in den letzten Monaten zu einer Art Guru der Tagging-Gemeinde gemausert.

Am Anfang stand Livejournal
Dabei war er selbst erst einmal skeptisch, als er im Jahr 2000 auf eine der ersten Netz-Plattformen mit Tags stieß: Die Weblog-Community Livejournal. Dort war es möglich, die eigenen Interessen ohne vorgegebene Regeln aufzulisten und darüber dann andere Nutzer zu entdecken. “Erst dachte ich: Was für eine furchtbare Verschwendung, die waren einfach nur zu faul“, erinnert sich Shirky. “Doch dann wurde mir klar, dass das nicht stimmt. Denn es geht dir um das persönliche Profil. Du profitierst davon, Nutzer die Welt in ihrer eigenen Sprache beschreiben zu lassen. Diese Erkenntnis prägte mich.“
Der zweite Aha-Effekt kam für Shirky, als Ende 2003 die Social-Bookmarking-Plattform Del.icio.us im Netz auftauchte. Del.icio.us-Nutzer sammeln ihre Bookmarks im Netz und verstichworten sie ebenso ungehemmt wie Livejournal-Blogger ihre persönlichen Vorlieben – Überlappungen und Kreuz- und Quer-Referenzen inbegriffen. “Das klassische Beispiel ist: Das Wort Jaguar kann eine Katze beschreiben, ein Auto oder ein Betriebssystem von Apple“, so Shirky. “Aber mit Paaren von Tags – Jaguar und Automobil – kann ich dieses Problem lösen, ohne dass es dafür irgendeine Form von Hierarchie bräuchte.“

Die Macht der Katalogisierer
Ordnung ohne Hierarchien – das ist für Shirky mittlerweile zu einer Art Schlachtruf geworden. Livejournal, Del.icio.us und die Foto-Community Flickr sind seiner Meinung nach nur erste Beispiele eines umfassenderen Trends. Klar, es ist schön, dass man bei Flickr Fotos zu randständigen Tags wie “Streetart“ oder “hellblau“ findet. Doch Shirky geht es nicht nur darum, Bilder zu beschriften. Er glaubt, dass Tags eine Alternative zu altbekannten Ordnungssystemen darstellen und dass die neue Ordnung unseren Alltag gehörig durcheinander bringen könnte. Bisher wird dieser überall von ähnlichen Ordnungsansätzen bestimmt. Egal ob beim Aufräumen der Festplatte oder der Plattensammlung: Wir lieben Hierarchien. Zuerst legen wir eine Reihe von Kategorien fest, dann jeweils ein paar untergeordnete Schubladen oder File-Folder – und irgendwann geht’s ins Subsubmillieu. File under Techno, Köln, Minimal. Gute, alte Gewohnheiten. Clay Shirky hält solche ontologischen Ordnungsansätze für ideologisch vergiftet. Als Beweis dafür zitiert er gerne Bücher und Büchereien. Vielleicht, weil seine Mutter Bibliothekarin war. Vielleicht ist sein Bücherregal auch einfach wuchtiger als seine Plattensammlung. “Es gibt aus zahlreichen Fachgebieten Bücher über Kreativität“, erklärt Shirky. “Kunst, Technologie, Politik und dergleichen mehr. In Bibliotheken finden sich diese Bücher immer in größere Kategorien eingegliedert – Kunst, Technologie, Politik. Auf meinem Bücherregal zu Hause stehen Bücher über Kreativität jedoch zusammen. Ich glaube, dass Kreativität eine fundamentalere menschliche Eigenschaft ist als die Felder, in denen sie blüht. Das ist eine Weltsicht, die von Bibliotheken nicht geteilt wird.“
Clay Shirkys Bücherregal sieht also anders aus als das einer Bibliothek, wo er auf der Suche nach seinen Kreativitäts-Schmökern die Hacken ablaufen muss. Doch was hat das mit Weltanschauungen zu tun? Der Zusammenhang wird deutlicher, sobald es um politische Reizthemen geht. Um Kategorien wie “queer politics” zum Beispiel, die man in staatlichen Büchereien in den USA vergeblich sucht. “Es ist nahezu unmöglich für die Regierung, irgend etwas Offizielles zu tun, das auch nur die Existenz Homosexueller anerkennt. In jeder offiziellen Kategorisierung blieben sie damit außen vor“, berichtet Shirky. Die neue Ordnung 2.0 stehe dagegen jedem offen. “Ich kann in diesen Systemen meine Weltsicht einbringen und dabei gleichzeitig sehen, was andere Menschen glauben.“

Wie denkt ihr alle über die Welt?
Wegen dieser demokratischen Komponente werden Tag-basierte Ordnungssysteme im Netz auch als Folksonomy bezeichnet – ein Mashup aus “folks“ und “taxonomy“. Ich und du und Tags dazu als Basis eines Klassifizierungs-Systems. “Der grundsätzliche Unterschied zu anderen Ordnungssystemen besteht darin, dass dies von Amateuren an Stelle von Experten betrieben wird“, erklärt Shirky. “Und es wird von Leuten in einem lokalen Kontext betrieben. In erster Linie tagge ich Fotos auf Flickr, um mich selbst an sie zu erinnern.“
Gleichzeitig ermöglichen Systeme wie Del.icio.us oder Flickr Kooperation ohne ein vorheriges Aushandeln der Spielregeln. “Delicious-Nutzer, die Sachen für sich selbst archivieren, können gucken, was andere so finden – ohne gezwungen zu sein, miteinander zu koordinieren. Es braucht dazu keine komplizierte Diskussionsrunde.“
Dieses Wechselspiel zwischen individuellem und kollektivem Handeln eignet sich natürlich auch prima als Stimmungsbarometer. So ziemliche jede Social-Bookmarking-Plattform besitzt eine Liste der populärsten Tags. Doch derartige Analysen ließen sich natürlich auch mit Daten-Subsets durchführen. Eine denkbare Frage: Welche anderen Tags sind unter jenen Nutzern populär, die Bookmarks oder MP3s mit den drei Begriffen Techno, Köln und Minimal gekennzeichnet haben? “Jede Gruppe besitzt latente Ordnungskriterien. Es ist schwer, diese explizit zu ergründen“, erklärt Shirky. “Man kann schlecht fragen: Wie denkt ihr alle über die Welt? Aber wenn man sich anschaut, wie eine Gruppe von Menschen versucht, Dinge in Erinnerung zu behalten, bekommt man ein Bild von der Gruppe und nicht nur ihren Einzelpersonen.“

Nächste Station: Geolocation
Als Yahoo im Frühjahr Flickr aufkaufte, war Folksonomy plötzlich in aller Munde. Zahllose Webseiten legten sich Tagging-Funktionen zu. Blog-Suchmaschinen wie Technorati begannen damit, Tags auszuwerten. Und so manch einer fragte sich: Wie können wir alle diese Tag-Universen zusammenbringen? Clay Shirky hält diese Frage für verkehrt. “Flickrs Tags beziehen sich alle auf Fotos. Bei Delicious sind sie dagegen viel konzeptueller, da es um das Finden von Web-Adressen geht. Diese Beschreibungen können nicht so einfach verschmelzen.“
Verbindungen seien möglich und in Einzelfällen auch sinnvoll – aber es gebe kein Patentrezept zur Kombination verschiedener Tagging-Plattformen. “Es macht keinen Sinn, eine universelle Regelung zu erzwingen“, ist Shirky überzeugt. “Das würde nur das Kategorsierungsproblem wiederholen, das diese Angebote lösen sollen.“
Viel wichtiger ist es laut Shirky, die Datenbasis der Tags und der darauf basierenden Anwendungen zu erweitern. Flickr & Co. speichern heute bereits ab, wer welches Objekt wann und wie taggt. Ausgewertet werden davon jedoch nur die wenigsten Informationen. Dabei könnte es durchaus interessant sein, zu wissen, ob jemand das Stichwort “Wahldebakel“ im Oktober 2005 oder im September 2004 vergeben hat. Der nächste Schritt liegt dann im Auswerten von Lokationsdaten zur Präzisierung von Tags. “Man wird die alternativen Informationen nutzen, die mit Tags verbunden sind. Wir werden Dinge nach Kriterien wie Zeit, Nutzerbasis und Gruppen aufteilen.“ Und wenn dann die Datenbasis erst einmal breit genug ist, werden die darauf aufbauenden Anwendungen schon von selbst kommen. Wie wär’s zum Beispiel mit einem Google-Adsense-Konkurrenten auf Tagging-Basis? Oder einem Medien-Aggregator mit Feedback-Loop, der Folksonomy-TV aufs heimische Mediencenter bringt? “In den nächsten Jahren wird unglaublich viel in diesem Gebiet passieren“, ist sich Clay Shirky sicher. Und wir fangen lieber jetzt schon mal damit an, unsere Bookmarks und Bücherregale umzusortieren. Schuhkartons fliegen als erstes raus.

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Elektronische Lebensaspekte.