Was kann das Web2.0 vom Web1.0 lernen, um einen zweiten Dotcom-Crash zu verhindern? Oder ist sowieso alles anders? Bubble- oder Hysterie2.0?Neuer Hype, nichts beim Alten.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 108

“Wir könnten uns durchaus in einer zweiten Internetblase befinden.”
Richard Parsons, Time Warner CEO

Im Januar 2000 war die Wirtschaftssensation des neuen Jahrhunderts die Fusion von AOL und Time Warner. Die alten Medienmogule und das Internet, so die banale Sicht damals, würden endlich konvergieren. Und das Internet – damals war AOL laut Aktien das größere Unternehmen – vielleicht sogar noch die neue Regentschaft des multimedialen Jahrhunderts bestimmen. Irgendwas musste ja den Milleniums-Hype rechtfertigen. Was für die einen ein überfälliger Traum war, ein Anzeichen dafür, dass die New Economy die Old Economy doch noch schluckt, ein Jahrhundert Kapitalismus mit den Mantras der Ressourcen-Knappheit und Arbeitskräfte wirklich zu Ende ist und das nächste von Ideen, Aufmerksamkeitsökonomien, globalen Massen und virusartiger Kopierbarkeit von Information regiert würde, war für andere der Moment, an dem klar war, dass die Blase bald platzen müsste. Und sie brauchte nicht mal mehr den Piekser durch die Twin Towers, denn schon im März 2000 brachen die Aktien der NASDAQ-Unternehmen komplett zusammen, der stetige Fall dauerte bis 2003. Aus der Spaß, nun regierte der Dotcom-Tod. Jetzt lagen die New-Economy-Verwöhnten wirklich auf der Straße, und ihre Aktien-Renten waren bestenfalls noch das Papier wert, auf dem sie gedruckt wurden. Allein AOL verbrannte in nur drei Monaten fast 200 Milliarden Dollar an Aktienvermögen, dafür hätten sie heutzutage 400 MySpace kaufen können, jeder einzelne mit doppelt so vielen Usern wie AOL selbst (leider gibt es gar nicht so viele Menschen). Und der NASDAQ ist mehr als ein halbes Jahrzehnt später immer noch nur halb so fett wie damals.

Am Hochofen der IT-Börse
Tatsächlich ist die Bezeichnung Blase, trotz des extremen Peaks im Jahr 2000, eher eine schwache Metapher, die meisten benutzen ihn deshalb auch eher als Marketing-Term. Denn schon Mitte der 90er begannen die – traditionell von Venture-Kapitalisten gefütterten – Internetunternehmen eine Geldverbrennungsanlage zu installieren, die niemand treffender als Michael Wolff in seinem Buch “Burnrate” beschrieben hat. Trafen sich damals zwei IT-Kapitalisten, dann warfen sie sich nicht ihren jeweiligen Aktienkurs um die Ohren, sondern ihre Burnrate – Damals gingen gerade die ersten Internetunternehmen an die Börse, auch das ein entscheidender Unterschied zu heute, wo sich nahezu niemand mehr an die Börse traut, und somit das Geld, das in diese “Bubble” fließt, nicht das einzelner Anleger, sondern der sich um ihr Risiko durchaus bewussten VCs ist. Wie viele Millionen Verlust man damals pro Monat machte, war das Anzeichen für Erfolg, denn es war das Anzeichen dafür, wie viel Glaube man für die neue Idee mobilisieren konnte. Und Glaube, das war damals Kapital, denn das Internet war einfach noch zu neu, um zu verstehen, wie man aus dem ehemaligen Idealisten und Wissenschaftshaufen Geld machen könnte.

Trust me
Genau darin ist sich auch das, was jetzt als Web2.0-Bubble beschrieben ist, den Anfangszeiten des Internet wesentlich ähnlicher als dem Moment des Zusammenbruchs. Glaube regiert. Aber hier liegen auch die fundamentalen Unterschiede, denn mittlerweile weiß man, wie man im Internet Geld verdient, und eine der besten Methoden ist auch noch einer der Momente, der von vielen als einer der Gründungsstränge von Web2.0 bezeichnet wird: Googles AdSense-Programm. Zu den Zeiten von Tom Wolff machte man Geld mit dem Zugang zum Netz. Er selber verkaufte z.B. eine Filemaker-Datenbank mit ein paar tausend Webseiten an einen Verlag für Unsummen, die damit dachten, sie hätten das Internet in ihrer Hand. Damals verlief die Kampflinie zwischen Old und New Economy. Die Frage war, kauft das Fernsehen das Internet, die Telefonfirmen die Provider oder andersherum. Heute geht es für Web2.0-Firmen eher um die Frage: Google, Yahoo oder Microsoft. News Corps. Kauf von MySpace ist hier eine große Ausnahme. Fusionen im großen Stil, die im klassischen Kapitalmarkt die Szene bestimmen, sind allerdings ebenso wenig Thema wie Börsengänge. Da ist man immer noch glücklich, dass Google es vor zwei Jahren geschafft hat. Zwar werden immer noch immense Mengen an Geld in diverse Start-Ups gesteckt, aber zumeist kaufen die Venture-Kapitalisten sich – so denn Erfolg in Form von Userzahlen droht – eher selbst wieder auf. Die Grandes Dames der Internetindustrie gehören zwar nach wie vor zu großen Teilen den Gründern, aber eben auch den VCs.

Internet war gestern
War der bestimmende Trend damals also logischerweise das “Wir wollen auch ins Internet”, lässt sich Web2.0 nicht mehr auf einen Nenner reduzieren. Die Firmen haben nicht nur völlig unterschiedliche Strukturen, sondern auch komplett andere Einsatzbereiche. Es gibt Mashups, also Services, die nur wenig Serverplatz und Traffic brauchen, weil die Hauptinhalte von woanders her kommen, und deren Überlebensmodell fast schon dem von Selbstständigen gleichen könnte. Die Mashup-Posse ließe sich, auch das ist neu an der Web2.0-Industrie, am ehesten mit einer durch freie APIs angefütterten Talentschmiede vergleichen. Kein Wunder, dass sich fast alle neuen Start-Ups unisono darüber beschweren, dass es schwer ist, neue Leute einzustellen, weil Google und Co. schon alle wegkauft haben. Dann gibt es die Content-intensiven Seiten (Video, aber auch diverse Social-Software-Seiten), die notgedrungen den Anschluss an die mächtigen Säulen des Netzes suchen müssen, weil die drohenden legalen Probleme und der notwendige Finanzfluss für Traffic und Serverfarm unweigerlich mit ihrem Erfolg und ihrem Wachstum verknüpft sind. Dazu kommen noch die mobilen Web2.0-Firmen, die über Handy-Provider mit ganz anderen Einnahmequellen innerhalb der wenigen Inseln im Meer des großen Umsonstinhalts, zu dem das Web geworden ist, rechnen können. Und nicht zuletzt die schon jetzt als rein philantropische Projekte funktionierenden Wikis. Allen gemein ist, und hier steckt ein weiterer der fundamentalen Unterschiede, die kaum vermuten lassen, dass sich ähnlich wie aus der ersten Welle neue Monsterfirmen wie Yahoo oder Google herausdestillieren lassen, dass sich von Anfang an das monetäre Kapital in einer Wechselwirkung mit dem Kapital der Nutzer befindet. Ein paar vorsichtige Millionen mag ein angehender YouTube-Klon vielleicht verbraten (was nicht mehr ist, als man für die Nullnummer einer Zeitung braucht), aber wenn sich nicht schnell die User einstellen, dann dürften sich Investoren wie RTL, Jamba etc. schnell wieder ihrem Kerngeschäft zuwenden. Und wer heute eine gut funktionierende Social-Software-Seite kauft, der ist nicht wie damals darauf aus, in eine Idee zu investieren, sondern er kauft die User gleich mit und damit Realestate für den Verkauf von Anzeigen. Das Wachstum einer Firma lässt sich – anders als bei den Bubble-Investitionen – in den diversen Phasen des Betaprozesses genau verfolgen. Zwar drückt sich in den Beschreibungen (The Flicker of … The MySpace of … etc.) immer noch die Hoffnung aus, mal der Größte in seinem Bereich zu werden, aber das konstante Wachsen von Web2.0-Firmen gibt Investoren einen überschaubaren Rahmen, der Investitionen kalkulierbar macht.

Verscheuchen statt Verbrennen
Die typische Web2.0-Firma, deren Businessfeld ja nicht mehr irgendein ominöses Netz der Zukunft ist, funktioniert letztendlich recht einfach. Sie stellt eine Datenbank mit Funktionen ins Netz, das Füllen der Datenbank wird den Nutzern überlassen. Firmen der Bubble – sofern sie sich denn als Content-Unternehmen platzierten – wollten eben dieses Datenbankenfüllen selber übernehmen, das war personalintensiv und damit eben teuer. Was früher durch frühzeitige IPOs ermöglicht wurde, gelingt jetzt schon im Betastadium, in dem User gesammelt werden. Und die lassen sich eben nicht verbrennen, sondern nur verscheuchen, aber vor allem sind sie wesentlich kalkulierbarer als Hoffnung. Zumal die User damals höchstens in Aktien investiert hatten, Geld, dessen Eigenschaft es eh ist, zu fluktuieren, diesmal haben sie Inhalt investiert, ihre Photoalben, ihre Bookmarks, ihre Videos und ihre sozialen Zusammenhänge. Die loszulassen, fällt eigentümlicherweise schwerer, als Geld zu verlieren. Der Aufkauf einer Web2.0-Firma von einem der Internet-Giganten ist also weniger eine spekulative Investition als vielmehr ein Drahtseilakt auf der schmalen Linie der User-Ethik. Wie viel Werbung verkraftet eine Community, bevor sie beginnt, sich woandershin zu bewegen, ist die Businessfrage2.0, nicht das hohle Versprechen, dass alle das Internet nutzen werden, denn das ist längst entschieden. Sollte es also, trotz aller Einwände, doch noch eine Bubble2.0 geben, dann wird sie sich so langsam wie alle Migrationsprozesse vollziehen.

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Elektronische Lebensaspekte.