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Text: Rhesus M. Dexter aus De:Bug 32

/design Webdesign-Inspirationsbusiness The Man of the Millenium will get you all! Oh, wir hören da was flöten: Der DMMV (Deutscher Multimediaverband), Lobbyverbund deutscher digitaler Möchtegern McKinsey Enkel plant einen WebDesigner-Kongress zur Mitte des Jahres. Nicht, dass wir so etwas nicht bräuchten, jedoch denkt man sich in Düsseldorf ganz oberlehrerhaft: Lasst uns die bloss nach Mainz stecken, die sollen da was lernen und nicht die ganze Zeit kiffen. Mainz? Webdesignerkongress in Mainz? Jawohl, denn “Mainz wurde im hohen Mittelalter mit Bezeichnungen belegt wie ‘Metropole der Städte’, ‘Herrin der Völker’ oder ‘Diadem des Reiches’, dichterischen Attributen, die eine anerkannte Vorrangstellung widerspiegeln. Die Stadt gehörte in diesen Jahrhunderten eindeutig zu den reichsten und bedeutendsten rheinischen Städten.” Ausserdem ist Mainz offizielle Gutenberg-Stadt (Merke: Johannes Gutenberg = Man of the Millenium) und dort lässt es sich für Web-Designer gut noch etwas dazulernen. Da gibt es ein Gutenberg Museum, da kann man schnell vor den Panels noch etwas DMMV-korrekten Input bei Jo mitnehmen, um vor seinem Projektleiter zu Haus nicht immer den digitalen Kulturbolschewiken zu mimen. Die waren ja sowieso alle nicht bei der Bundeswehr – also ab ins Gutenbergmuseum und heftig an der Bibel inspiriert! Und abends dürfen wir zusammen vielleicht in einen Beat-Club der Herrin der Völker gehen, wo auch Rock-Musik gespielt wird. Ob denn dann wohl auch ein innovativer Webdesigner aus den USA kommt? – Klar, wir haben doch Jo, der zieht den Karren aus dem Dreck, wo Jo ist, ist Metropole, Kulturmetropole wohlgemerkt und Metropole der Städte sowieso, davon haben die Amis bekanntlich ja zu wenig, also müssen auch die Innovativen kommen, ausserdem gibts auch Rock-Musik. Klingt schlüssig, was soll man sonst wohl noch bieten, oder biste etwa schon mal durch ‘nen Diadem des Reiches gejeanst, Ami? Alle anderen müssen auch kommen, denn sie jammern unablässig im Choral, dass es keine Veranstaltung dieser Art gibt. Sie wissen, das man Austausch und Inspiration braucht, um stetig zu reüssieren und die Schnittstelle zum Projektleiter-Glück zu bleiben. Man möchte sich kennenlernen, ein Bier bei den Stones neben Humphrey-Bogart Postern trinken und vielleicht auch dem Mainzer Figuralchor beitreten, um Contacting Host adäquat rheinisch zu wimmern. Ok, das Ganze hat natürlich auch einen wirtschaftlichen Grund, warum es nun ausgerechnet in Mainz stattfindet: Mainz, Herrin der Völker, Sitz der rheinischen Typomafia in Gestalt des Verlag Herrmann Schmidt (www.typographie.de, Killer-Website by the way), hat mit der von Schrifthersteller Linotype einen Tag zuvor veranstalteten Typomedia Konferenz, ein Zentral-Organ des Kerning-Nerdism im Örtchen. Und da im europäischen Kulturverständis des 21. Jahrhunderts alle Designer vor der Druckmaschine gleich sind, werden sie ganz nach Jo’scher Manier (“Gutenbergs geschäftliche Unternehmungen lassen erkennen, dass er ein beachtliches Potential an Fähigkeiten besass, Geldgeber und Mitarbeiter mit besonderen Kenntnissen für ein Projekt zu begeistern und einträgliche kommerzielle Aktionen auf den Weg zu bringen.”) mit in den analogen Grafikdesigntiegel geworfen, um gleich wieder ihre Identität zu verlieren. “Ja, wir mögen die Grafikdesigner ja auch, würden aber auch gern mal was Eigenes haben” höre ich sie rufen, “denn Fernsehredakteur ist eben auch nicht gleich Zeitungsredakteur”. Wir können sie verstehen, warten somit auf das offizielle Programm als versöhnliche Massnahme und hoffen darauf, dass es irgendwann auch die RedBull Webdesign Academy geben wird, wo Location, Surrounding und Thema stimmen und wir uns alle sehen. Weitere Ansätze eines digitalen Tribal Gatherings werden wieder in Berlin geplant. Die Berlin Beta Crew hat sich von der durchwachsenen Übung des letzten Jahres erholt, die Zeichen der Zeit erkannt und geht die 3.0 Version im Spätsommer 2000 mit einem Rundumschlag an Beraterpower an. Unsere Maulwürfe berichten von konspirativen Geheimzirkeln, die ein dichtes Netzwerk von hochkomplexen Themen, Kooperationspartnern und Events spinnen, auf das es nun ein heiteres multidisziplinäres Medien-Festival wird.

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Elektronische Lebensaspekte.