In den USA sucht kritisches Bewusstsein nach "911" ein neues Zuhause. Der zahnlose Printjournalismus da draußen treibt die aufgeweckten Infonerds nach hier drinnen, ins Internet. Gegen Bushs "New World Order" und die Steigbügel-halterische Mainstreampresse etabliert sich eine erstarkte "Diginews Order".
Text: nico haupt aus De:Bug 57

Digitale Zerissenheit der “Webjournalisten”
Die veränderte Medienlandschaft der USA nach dem 11.9.

Wenn man nach den klassischen Medien geht, so gibt es so gut wie keine Journalisten, die an der offiziellen Version von “911” zweifeln, seltsamerweise aber auch keine Artikel über die wenigen Zweifler. Daher wird die Flucht ins Internet immer größer und man kann kaum noch von einem Hobbywebjournalismus sprechen, sondern eher von einer medialen Gegenbewegung.

Dort ist z.B. George W. Bush der größenwahnsinnige Terroristenbekämpfer, der sich anschickt, schon wieder eine “New World Order” aufzubauen. Und die Debatten um Krieg, zivile Rechte, Kriegsgefangene sowie detaillierte Beweisführung für eine Verschwörung von amerikanischem Boden finden (wie bei democraticunderground.com) in einer solchen Vehemenz statt, so dass man tatsächlich glauben mag, die herkömmlichen Medien wären ein gleichgeschaltetes Reichszeitungsorgan.

Dabei wird z.T. äußerst wissenschaftlich vorgegangen. Mainstreamartikel von ABC News, Washington Post, NY Times u.a. werden kleinlichst analysiert und ältere Artikel von vor dem 11. September als Beweisorgan herangezogen, um zu belegen, dass da noch die Welt der Kritik einigermaßen in Ordnung war. Der “Schnipseljournalismus” soll auch belegen, dass ein Krieg gegen die Taliban lange vor dem 11.9. geplant war. Fast jeder Skeptiker kennt mittlerweile das Zitat vom “Teppich aus Gold oder Bomben”. Original-URLs als Fußnoten, hier Methode, sind im Mainstreamjournalismus ja immer noch die Ausnahme.

So wird aber auch absurderweise jeder “Ausrutscher” der Mainstreammedien eine Sensation, selbst wenn er nur ein wenig Skeptizimus enthält. Solche Artikel werden dann promotet, als gälte es, auch noch deren Auflage zu steigern, nur um das Ziel zu erreichen, die “anderen” aufwachen zu lassen: So wurde etwa die Dailynews-Meinung aus England gepostet, die die USA nach Bushs “State of the Union” Rede mit Nazideutschland verglich. Die MONITOR-Ausgabe über das Bin Laden Homevideo ist der absolute Chartbreaker und fast alle wissen, obwohl ansonsten in den USA niemand wirklich auf ausländische Presse reagiert, dass Le Figaro für die Nierenoperation von Osama in Dubai steht, der von Larry Stevens vom CIA besucht wurde.

Wohlgemerkt, es sind hier überwiegend Amerikaner, die versuchen, das Rad der Geschichte des “Floridapräsidenten” engagiert wieder zurück zu drehen. Da wird selbst dem verhassten Nachbar Kanada bewundernd auf die Schulter geklopft, als dessen TV-Sender Vision TV eine Miniserie des Medienkritikers Barry Zwicker startete, die die Verstrickung von 911 mit dem CIA belegen soll. Die Helden im Internet heißen derzeit schon lange nicht mehr Napster, Morpheus oder 2600. Es sind solche Nobodys wie Michael Ruppert (copvcia.com), der die Insider Trading Geschäfte von CIA und Deutsche Bank um American Airlines herum aufgedeckt hat und die “reale Welt” mit 2000 Zuhörern in Portland erreicht hat. Oder “Rivero” von Whatreallyhappened.com, David Rense und wie sie alle heißen.

Plötzlich erscheint das Internet wie Gallien, das nach dem Dotcomcrash seine eigentliche Wesensbestimmung wiedererlangt hat: Verbreitung, Archivierung und Reflektion von Wissen und Information, ob in Text, Video, Sound oder Bild. Seit 911 ist der Informationsfetischismus daher genauso stark gestiegen wie ein vermeintlich heimlicher Wunsch nach Doktrinen auf der analogen Seite.

Die Mediendemokratie scheint bedroht, so der gemeinsame Tenor. Nicht so im Netz! Der digitale ThinkTank 2002 lebt, die Außenwelt gilt nur noch als verdummter Analogsklave. Der beste Motor, um dem auszuweichen, ist die Standleitung, DSL oder Kabelmodem. Doch noch ist die Hoffnung groß, denn die Printmedien haben ja bekanntlich ihre digitalen Vetreter im Netz und daher wird die Freude immer größer, wenn bei den Mainstreamvertretern mal ein Zitat von alternativen Digimedien abgedruckt wird.

Die Verstrickung des Energieunternehmens ENRON mit dem Weißen Haus ist ein weiteres Beispiel, wie detektivisch Fakten im Netz zusammengetragen werden. Fast stündlich erhielt man investigative Recherchen, welche Manager mit welchen Firmen an bestimmten Tagen zusammen hockten. Darauf muss man selbst bei deutschen Medien, die sich immer selbst wegen ihres investigativen Journalismus loben, beim Spiegel, der Süddeutschen, aber natürlich auch bei der NY Times tagelang warten. Auch die Selbstmordtheorie eines ENRON-Managers wurde erst auf Druck von democraticunderground.com zumindest in der Yellow Press wieder verworfen und zusätzlich sogar noch ein anderer verschwiegener Selbstmord der Auditor-Firma Andersen Consulting vom Dezember 2001 wieder aufgefrischt.

Der Druck der Diginews auf die Print- und Fernsehwelt scheint stärker zu werden. Dabei sind nur wenige Mainstreamer wie Guardian und Observer, weil sie offener sind für Randdetails, im Netz beliebt. Für die Recherche der Netzdemokraten wird nichts ausgeschlossen. Seit Jahren hatte man etwa gelernt, mit Viren, Attacken, Bombs, Worms, Trojanern oder Meinungstrolls ohne Blutvergießen zusammenleben zu können. Und nun schaut man mit einer Mischung aus Trotz, seltsamem Isolationstrieb und größerer Energie als je zuvor auf den Rest der Welt und bedient sich unkonventioneller Methoden.

Wer heute nach einer Meldung oder Information sucht, zappt beispielsweise mit “Copernico” herum. Das ist ein Suchmaschinenprogramm, dass alle Ergebnisse von Google bis hin zu Indischen Zeitungen zusammenstellen kann und einen eigenen Browser und Translator integriert hat. Die notwendige Internationalisierung merkt man auch an immer häufigerem zurückgreifen auf Sites wie Babelfish, um polnische oder arabische Texte auszuwerten.

Zu den sogenannten seriösesten Newsportalen gehören etwa Salon.com, Indymedia.org (deutsches Pendant indymedia.de), Alternet.org, guerrillanews.com, mediachannel.org und telepolis.de. Wer es investigativer oder konspirativer haben will, geht etwa zu saag.org oder tenc.net. Aber natürlich mischen bei Nachrichten auch die so genannten Me-Zines mit. Großer Vorreiter war natürlich der Drudgereport, der heute auch nichts anderes macht, als individuell Meldungen anderer zusammenzustellen. Me-Zines sollte man nicht so naserümpfend betrachten, schließlich weiß man, dass bei bestimmten Medien in Wirklichkeit auch nur Egomanen wie Rupert Murdoch, Leo Kirch, Michael Eisner oder Bill Gates den Ton angeben.

Zur Recherche gilt halt vor allem: Originalquellen aufsuchen! Und das ist im Internet logischerweise leichter denn je. Wenn das Pentagon was “sagt”, dann geht man halt zu defenselink.mil. Danach geht es zurück zu den Me-Zines oder Newsboards, auf denen man kurz seine Meinung, den neuesten Link oder Zitate hinterlassen kann. Als eins der effektivsten Tools zur Newsrecherche hat sich z.B. ein offener Chat oder Messenger mit Rückfragen zum Zeitgeschehen herauskristallisiert. Zum Gegen-News-ThinkTank gehört natürlich auch Wahrheitsgehalt. Im Zweifelsfalle wird dies bei urbanlegends.about.com oder snopes.com abgecheckt, was glücklicherweise immer öfter schon vor dem Posting geschieht.

Doch was macht die digitale Welt nun schlauer von der analogen, was macht sie smarter? Eine Erklärung ist sicherlich, dass man auf das zugreifen kann, was man will. Die Vergleichswerte gehen schneller. Im Fernsehen muss ich bis zur nächsten Stunde oder eine Werbung weiter warten, bei den digitalen Printzwillingen von SPIEGEL bis Herald Tribune ist zu viel verstecktes Editorial und Redaktionsschluss drin. Flacher Schlagzeilenjournalismus à la CNN ist dennoch hilfreich. Wieder hilft hier der Zynismus. Hat CNN oder BILD eine neue Meldung drin, kann ich schnell meine Suchmaschine benutzen, um Hintergrunddetails zu erhalten. CNN ist also im Netz so eine Art Chartsradio der digitalen Welt – zwar aktuell, aber im Spirit in der Steinzeit stehen geblieben.

Auch Geheimdienstinfos sind schneller bei Spiescafe.com, Janes.com, Intelligenceonline.com, DEFKA oder cryptome.org zu finden. Mit etwas längerem Delay tauchen deren Infos dann bei den Mainstreamzeitungen ohnehin auf und man rollt sich ab vor Lachen. Die sogenannten Spy-Zines kann man auch ernst nehmen, da meist ehemalige Geheimdienstler oder Politsprecher mit tatsächlich guten Quellen von unterbezahlten “Deep Throats” dahinterstecken.

Sollte daher einmal wirklich in der analogen Überwachungswelt die New World Order eingetreten sein, so haben die Netzidealisten bereits jetzt die neusten Kryptoprogramme oder snifferfreien Browser wie Peek-a-Boo als Schutzweste angelegt und es heißt:

Willkommen in der Old World Disorder!

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Elektronische Lebensaspekte.