Weblogs sind mehr als Netztagebücher, denn sie mutieren immer mehr zu ernstzunehmendem Guerillajournalismus. Seitdem sie technisch immer einfacher zu verwalten sind und jede Menge Statistiken einem beim Zugriff helfen, kann man sich seine eigenen Informationsdienst erstellen uns selbst Nachrichtenproduzent werden, quasi. Djing mit News eben.
Text: oliver wrede | oliver.wrede@web.de aus De:Bug 53

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Weblogs: DJing mit News

Weblog schien lange ein neues Hobby von vereinsamten Net-Addicts zu sein schien. Erst in jüngerer Zeit erscheinen Artikel und Beiträge über Weblogs, die das Format als Alternative zu herkömmlichen Medien ernst nahmen. Denn spannend war schon immer, dass sich mit der neuen Technologie auch neue Modelle entwickeln: Weblogs zum Beispiel, deren unterschiedliche Ausformungen irgendwo zwischen privater Homepage und Nachrichtenagentur angesiedelt sind.

Weblogs, was ist das?
Gemeinsam ist allen Weblogs, dass sie Kommentare und Links zum Netzgeschehen beinhalten und selbst Netzgeschehen sind (“web”). Daneben haben sie meist eine chronologische Struktur auf der Startseite (“log”), in der die aktuellsten Einträge zuerst aufgeführt werden. Der Erfolg der Weblogs ist ganz wesentlich technisch begründet. Vor wenigen Jahren haben verschiedene Softwareentwickler Anwendungen erfunden, die das Erstellen und Pflegen von Weblogs so stark vereinfachen, dass jeder mit wenig Kenntnissen und in wenigen Minuten und ohne Installation einer Software eine solche Site erzeugen kann. Viele Anbieter solcher Anwendungen stellen ihr System kostenlos zur Verfügung (z.B. http://www.blogger.com, http://www.manilasites.com) – gewissermaßen als freie Content Management Systeme für jedermann.

Der Gute Ruf
Aus technischer Sicht besteht die Magie der Weblogs darin, dass sie unabhängig von der inhaltlichen Ausrichtung technisch relativ kompatibel sind und man mit Hilfe spezieller Datensammler-Software und standardisierter Protokolle die Beiträge tausender Individuen verschmelzen kann – zu einem kontinuierlichen Nachrichtenstrom, in den man sich nahezu in Echtzeit einklinken kann wie ein Börsenmakler in Aktienkurse. Nicht die Institution “Redaktion” garantiert die Qualität der Beiträge, sondern der gute Ruf einzelner Individuen, deren Namen in der Szene bekannt sind wie DJs in der Musik-Szene. Und tatsächlich betreiben sie in gewisser Weise eine Art “News-Jocking” indem sie ihrer Stammleserschaft einen Schmankerl nach dem anderen präsentieren. Belohnt werden diese Opinion-Leader mit Aufmerksamkeit in Form von Zugriffen und Links, die andere auf ihre Seiten legen. Jeder Weblogger will also seine regelmäßige Leserschaft bei Laune halten und sich durch besonders nennenswerte Einträge auszeichnen. Über automatisierte statistische Auswertungen lassen sich Rangfolgen besonders häufig erwähnter URLs (blogdex.media.mit.edu) und oft gelesener Weblogs (www.weblogs.com) erstellen, so dass das Auffinden der wichtigsten und besten Weblogs garantiert ist. Da viele Weblogs nach dem Prinzip “Linkst Du mich link ich Dich” Quellenangaben neben die Einträge setzen und oft auch ihre eigenen Weblog-Favoriten auflisten, kann man sich unablässig von einem Weblog zum nächsten klicken – solange, bis man seine eigene Bestenliste erstellt hat.

Eine ernstzunehmende Alternative
Ausgestattet mit einem solchen kollektiven Selektions- und Bewertungsprinzip entsteht mit zunehmender Erfahrung der Weblog-Gemeinde eine interessante Alternative zu den etablierten Magazinen. Weblogs sind sowieso in der Geschwindigkeit überlegen, stellenweise aber auch mehr und mehr in Punkto Qualität den professionellen Vorbildern gewachsen. Es ist aber fraglich ob sich dieser Trend so weit durchsetzt, dass ein kollektiver Guerilla-Journalismus entsteht, der nicht mehr durch das Diktat von Chefredaktionen gebändigt wird, sondern nur noch durch das kollektive Votum der Internet-Gemeinschaft. Einen ersten Großtest gab es in Folge der Terroranschläge: Während Berichte und Beiträge amerikanischer Zeitungen und Fernsehsender versuchten, sich gegenseitig mit Amerika-Zentrismus und Regierungsfreundlichkeit zu überbieten, blieben die Weblogs sehr facettenreich. Wer in den USA wirklich informiert sein wollte, konnte mit etwas Eigeninitiative und mit Hilfe der Weblogs exzellente Informationen und Beiträge erhalten, beispielsweise Kommentare von amerikanischen Intellektuellen, die in keinem der großen Zeitungen abgedruckt worden wären.
Und es waren die Weblogger selbst, die erkannt haben, dass ohne die Verbreitung von Weblogs in Ländern wie Afghanistan, Irak und China ihre Sicht vorerst die einer westlich geprägten Informationselite bleiben wird. Aber es ist auch diese Informationselite, die das Internet gestaltet, weil sie sich ihre Werkzeuge selbst schaffen. Das Motto wurde einst von einem der Weblog-Pioniere in Anlehnung an Kennedy so formuliert: “Don’t ask what the Internet can do for you – ask what you can do for the Internet!”

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Elektronische Lebensaspekte.