Weblogs machen es möglich: Um Howard Dean, einem Kandidaten für den Posten als amerikanischer Präsident, hat die erste Open Source Wahlkampf-Kampagne eingesetzt. Über ein Weblog hält er enge Verbindung zu den Bürgern - weitaus effektiver als die Machtlobby um Cheney und Bush. Und das kommt nicht von ungefähr, denn der Demokrat hat als Wahlkampfmanager Joe Trippi, der früher bei Progeny Linux Systems gearbeitet hat. Lawrence Lessig, Rechtsprofessor an der Universität Stanford, kritischer Copyright-Aktivist und Vorsitzender des Creative Common Projektes, hat Trippi interviewt.
Text: Lawrence Lessig aus De:Bug 75

wahlen / weblogs

Das erste Weblog for President / Joe Trippi

Lessig:
Haben die Weblogs Dean entdeckt oder Dean die Weblogs?
Trippi:
Eine interessante Frage. Seit mindestens 2 Jahren bin ich ein regelmäßiger Weblogs-Leser. Ab und an gab ich mal Kommentare ab, aber eigentlich war ich eher ein “Lurker”. Vor ungefähr 18 Monaten gab es dann im “myDD.com” Weblog einen Kommentar, dass Howard Dean sich als Präsidentschaftskandidat aufstellen lassen sollte. Ich kommentierte das wiederum, und war von da an ein ziemlich konstanter Leser des Blogs. Als ich dann der Manager der Wahlkampagne von Dean wurde, wusste ich zwar, dass wir ein Blog machen wollten, es war mir aber zuerst nicht ganz so wichtig. Es gab zunächst genug anderes zu tun.
Aber dann geschahen zwei wichtige Dinge. Das erste war Meetup.com. MeetUp.com ist eine Website, die Leute mit gemeinsamen Interessen nutzen, um sich vor Ort zu organisieren. Ich las eines Tages im MyDD.com-Blog, dass sich dort auch Leute wegen Howard Dean versammeln. Innerhalb weniger Wochen war uns klar, dass wir diese Leute von Meetup.com unterstützen müssen. Das zweite war eher ein Schicksalsmoment. Ein Typ namens Matt Gross kam eines Tages in mein Office. Er erzählte mir, dass er gerade nach Utah gefahren war, weil er so viel von Dean halte. Er kam direkt nach Burlington, ohne vorher anzurufen, um uns nach einem Job zu fragen. Irgendwie kam er an der Sekretärin vorbei und hielt seinen Kopf gerade lang genug in mein Office, um zu rufen: “Ich hab fürs myDD.com-Blog geschrieben.” Ich habe ganz unvermittelt geantwortet: “Du hast einen Job bei uns”. Und ich glaube, keine 48 Stunden später hatte er ein hässliches Weblog für uns bei Blogspot aufgesetzt. Das Blog war irgendwie zugleich niedlich und hässlich, jedenfalls war es wohl das erste Blog in einer Präsidentschaftskampagne.

Lessig:
Welche Art von Problemen gab es mit dem Blog?
Trippi:
Ich brauchte über eine Woche, um das IT-Department davon zu überzeugen, dass wir ein Icon von Meetup.com auf unser Blog machen. Aber über das Weblog generell gab es eigentlich keine Diskussion. Es war in der Kampagne ein Ding unter vielen. Es brauchte wirklich jemanden wie Matt, der sich jeden Tag um das Blog kümmern konnte, während Leute wie ich und der Gouverneur quer durch Iowa reisen mussten. Mittlerweile haben wir ein anderes Blog. Das “Call to Action” Weblog mussten wir zurückziehen. Es tat uns leid, aber dem fehlte einfach eine Kommentar Sektion. Und wenn man eine Community aufbauen will und so etwas wie die Story der Kampagne erzählen möchte, dann braucht man Interaktion. Das Feedback, das wir bekommen und die Ideen, die wir daraus ziehen sind einfach atemberaubend. Kleine Dinge, an die ein Wahlkampfbüro niemals gedacht hätte. Das Weblog kann all die kleinen Löcher unserer Kampagne stopfen, die wir übersehen haben. Sie sagen uns: “Hey, das habt ihr vergessen, das braucht ihr noch.” Und wir machen es dann und stellen es zum Download bereit.
Ich habe eine Zeitlang für Progeny Linux Systeme gearbeitet und mich immer gefragt, wie man die Art der Kollaboration von Linux und Open Source generell auf unsere Kampagne übertragen könnte. Was würde passieren, wenn es einen Weg gäbe, jeden in die Präsidentschaftskampagne zu integrieren?

Lessig:
Sie würden es also eine Open Source Präsidentschaftskampagne nennen?
Trippi:
Ja. Genau der Gedanke kam mir, als ich sah, wie sich das Blog entwickelte. Ich denke, es ist so “Open”, wie moderne Politik sein kann.

Lessig:
Es ist ja die Aufgabe des Managers einer solchen Kampagne, Leute dafür zu motivieren. Inwiefern hilft das Blog dabei auf eine andere Art und Weise als früher?
Trippi:
Es stellt einfach eine reale Verbindung zu den Leuten her. Es wäre unmöglich die Ideen, die es generiert, sonst zu bekommen. Wir hätten sonst gar nicht die Möglichkeit gehabt, mit so vielen Leuten direkt zu kommunizieren, und jetzt stellen sie zentrale Ideen, Ideen auf denen unsere Kampagne aufbaut. Wir wissen auch sofort, wenn wir etwas falsch machen. Ich hatte gestern Abend einen Auftritt bei CNBC, Capital Report, und als ich aus dem Studio kam, bin ich sofort zum Blog und habe allen erzählt: “Das war der schlimmste Fernsehauftritt, den ich in der gesamten Kampagne hatte”. Ich musste nicht mal vorher nachfragen. Man weiß einfach, wenn man etwas verpatzt. Man weiß einfach, dass man über etwas dringend nachdenken muss, was man vergessen hatte, weil die Leute dich daran denken lassen.

Lessig:
Angenommen mal, ich wäre der Manager einer anderen Kampagne und ich würde dir sagen, schau mal, ich habe eine Email Liste, die ist 10mal so dick wie die Liste der Leute in deinem Blog. Ich akzeptiere Feedback und Leute können mir mailen, wenn ich etwas falsch mache. Was finden Sie im Vergleich dazu an einem Blog besser?

Trippi:
Es ist zunächst mal schneller. Fast Real-Time, wenn man, während man etwas tut, die Kommentare liest. Man kann die Ideen des Blogs aussprechen. Aber wichtiger ist diese Art von Community, die sich um ein Blog herum bildet. Das ist es, worum es im Netz geht: Gemeinschaften aufbauen. Es mag zwar eine Zillionen Communities geben, aber du weißt, deine Community bildet sich rings um das Weblog.

Lessig:
Es ist also eine Gemeinschaft, weil die Leute dort nicht nur über Ideen lesen sondern auch selber zugleich schreiben?
Trippi:
Ja, es ist ein Gefühl. Es ist ein Gefühl dafür, dass wir alle ein Teil davon sind, und dass wir gemeinsam unseren Weg finden. Egal, ob es um etwas geht, das sehr wichtig für die Kampagne oder die Nation ist, wir tauschen diese Ideen offen aus. Trolls ausgenommen.

Lessig:
Lass uns ein wenig über Trolls reden. Wäre ich ein traditioneller Manager einer Kampagne, dann würde ich doch als erstes sagen: “Mein Gott, man gibt hier die Kontrolle aus der Hand und dann steht man sofort vor einer Horde von Trolls. Wie soll man damit zurecht kommen?” Was ist Ihre Antwort auf Trolls?
Trippi:
Also wir haben eine recht gute Methode entwickelt, die im übrigen direkt aus dem Blog heraus entstand: Es gibt so etwas wie ein Dean-Team. Dazu haben wir einen “Team-Raiser” entwickelt, dem man Geld überweisen kann. Für Trolls gibt es einen speziellen “Troll Dean-Raiser”. Wann immer jemand eine Troll-Bemerkung loslässt, gehen eine Menge Leute hin und überweisen dem “Troll Dean-Raiser” Geld. Das funktioniert tatsächlich. Also wenn jemand ins Blog kommt, nur um Dean runterzumachen, sorgt er dafür, dass Dean innerhalb einer halben Stunde 500$ für seine Wahlkampagne mehr hat. Das hat einige Troll-Poster demoralisiert.
Aber was die Kontrolle betrifft. Ich glaube, das ist der Grund, warum andere Kampagnen keinen Erfolg im Internet haben. Es ist meine 7te Präsidentenkampagne, und in jeder habe ich vor allem eins gelernt: Man soll eine strenge Kontrolle über deine Community haben. Eine Art militärische Kommandokette. Man gibt den Direktoren der Staaten Befehle, die geben die Befehle weiter ins County und die in die kleineren Reviere.
Ich habe nun mit genug Technologie im Netz gearbeitet, um zu wissen, dass man definitiv alles erstickt, wenn man im Internet mit einer ‘Command and Control’-Mentalität arbeiten will. Es ist schwer, das aufzugeben, aber wir haben uns einfach dazu entschieden. Ich denke, die anderen Kampagnen werden sich das nicht trauen.
Es gibt ein paar Gründe, warum das gerade mit Howard Dean funktionieren kann. Erst mal ist er der, der er ist. Er ist anders als die restlichen Kandidaten. Er ist offen, fällt Entscheidungen, die auf Fakten basieren und er glaubt wirklich, dass es darum geht, die Menschen wieder für die Demokratie zu engagieren.
Die Kampagne sagt aber auch ganz klar: “Okay, wir sind bereit den Leuten die Schläger in die Hand zu geben, das Blog sozusagen und sind offen für ihre Hilfe.” Und drittens, egal was ihre Meinung zu Gesundheit, Copyright oder all die anderen Themen sind, um die wir uns kümmern, wenn die Menschen nicht aufhören zu jammern und sich nicht in der Demokratie engagieren und daran partizipieren, dann ist es auch egal wie ihre Meinung ist, denn es wird nie jemand kommen und sich für ihre Meinung einsetzen. Denn, so wie es jetzt ist, geht es doch vor allem ums Geld.
Diese Kampagne versucht etwas anderes zu sagen: “Sieh her, man kann das anders machen. Es muss sich nicht immer alles um die 33 Lobbyisten pro Kongressmitglied in Washington drehen. Die Leute haben die Macht, sich zu engagieren und einen Unterschied zu machen.” Ich glaube, unser Blog hilft genau an dieser Stelle. Und je mehr wir diese Community aufbauen, um so mehr verstehen auch Leute mit Positionen, die sich vom Gouvernor unterscheiden, dass wir das gemeinsam tun. Wenn wir ins Weiße Haus kommen, dann wissen die Leute, dass wir ihnen zuhören und einige ihrer Issues diskutieren werden.

[Es folgt eine ‘Governor-on-the-phone-Break’]

Trippi:
Es gibt eine Verantwortung der Bürger, sich in ihre Demokratie zu involvieren. Das fehlt uns seit 20, 30 Jahren. Wenn Tausende kleine Aktionen machen würden, ein wenig Zeit und Geld investieren, dann gibt es eine Chance, dass ein Kandidat wie unserer das Weiße Haus erobert und den Leuten wird ihre Regierung endlich wieder gehören. Und dann haben wir auch eine ehrliche Diskussion über all die Themen, die normalerweise von den Mächten unterdrückt werden, die darüber keine Diskussion haben wollen.

Lessig:
Wenn also das “Democratic Leadership Council” eure Kampagne attackiert, dann sind sie einfach mit dieser Form von Demokratie nicht glücklich?
Trippi:
Ja. Ich glaube, das ist einer der Hauptgründe. Die mögen es, berufen zu sein. Die mögen es auch so, wie es jetzt ist. Zuviele von ihnen jedenfalls. Und sie haben Angst davor, was passiert, wenn das Volk sich wieder kümmern würde, wenn es beispielsweise verlangen würde, dass ein Thema wie das Gesundheitswesen wirklich wieder in Angriff genommen wird.
Aber genau das ist es, was wir wollen: Das Verlangen des Volkes danach schüren, wieder eine Stimme zu haben. Unsere Kampagne ist eine Plattform für sie. Wenn es uns gelingen sollte, haben wir eine große Veränderung in der politischen Landschaft. Und eine große Veränderung in der Art, wie Kampagnen finanziert werden. Wir hätten die partizipierende Demokratie zurück.
Unsere größte Hürde dabei ist, die Leute davon zu überzeugen, dass sie wirklich etwas bewirken können. Das Internet ist einer der Orte, an dem die Menschen daran glauben können. Dieses Gefühl der Gemeinschaft, wenn sie an einem Blog teilnehmen oder wenn sie Reaktionen an die Regulierungsbehörde Federal Communication Commission (FCC) schicken. “Warte mal, wir haben ja wirklich die Macht, etwas zu tun”. Bei der FCC haben sie gesehen, wie der Kongress reagiert hat. Und bei unserer Kampagne sehen sie es auch.
Es geht nicht darum, dass uns jeder 25$ spendet. Diese Art von Akt ist nicht so viel wert. Es geht um etwas anderes. Darum, dass so viele Leute daran glauben, dass sie, wenn sie etwas tun, damit das Rennen auf das Präsidentschaftsamt rocken können. Das hat sie dazu gebracht, es zu versuchen. Ich finde, das hat die gleiche Bedeutung wie: “Wir haben die Macht das System zu verändern.”
Wenn man selber Kandidat ist, ist das natürlich schwieriger. Es gibt eine Art natürlichen Zynismus, etwa ob der Kandidat es wirklich ernst meint und solche Sachen. Ist der echt? Oder ist er einer von den anderen? Unsere Kampagne gibt sich Mühe zu zeigen, dass er keiner von den anderen ist und dabei hilft das Weblog auch. Jeden Tag kann man da hin und nachschauen, was los ist, und man bekommt einen Eindruck von den Leuten, die hinter der Kampagne stehen. Wer sie sind und wofür sie stehen. Und irgendwie hoffen wir, dass aufgrund dieser Beziehung die Menschen irgendwann realisieren, “Ja, vielleicht sind die wirklich anders. Vielleicht ist diese Kampagne wirklich anders.” Wie man das von einer Wallpaper-Webseite bekommen sollte, weiß ich nicht. Mit einem Blog gibt es jedenfalls eine andere Art Tiefe in der Verbindung mit den Leuten. Ich hoffe das jedenfalls.

Lessig:
Also glauben Sie, dass die Architektur des Blogs etwas ist, was eine engere Verbindung mit den Leuten ermöglicht als Webseiten normalerweise oder das Fernsehen z.B.?
Trippi:
Auf jeden Fall.

Lessig:
Ich möchte noch einmal über Geld reden. Wie stehen die Zahlen zur Zeit? Was sind die Durchschnitte? War der Erfolg überraschend oder haben Sie das so erwartet? Und, lassen Sie uns auch über das Abendessen von Dick Cheney reden.
Trippi:
Wir haben jetzt 224.000 Leute, die subscribed sind, um Howard Dean zu supporten. Was das “Cheney Lunch” betrifft, der Vizepräsident hatte ca. 125 Leute zu einem Lunch eingeladen, die ihm je 2000 Dollar gegeben haben. 250.000 Dollar insgesamt. Wir hatten 9.700 Leute, die im Durchschnitt 53$ gespendet haben. Das sind 508.000$.
Es gab dabei ein paar Dinge, die uns überrascht haben. Wir haben zunächst mal ein wenig daran gezweifelt, dass unsere Supporter wirklich an die Cheney Summe rankommen würden. Und dass es so schnell passieren würde, hätten wir nie erwartet. Wir haben die Email mit unserem Aufruf erst Freitag Abend eher spät losgeschickt, wir waren deshalb nicht sicher, ob überhaupt die Hälfte der Leute ihre Email lesen würden. Wir dachten, am Wochenende gehen eh die meisten weg und wenn sie zurückkommen, wüssten sie gar nicht mehr, dass etwas passiert war.
Aber andererseits haben wir die ganze Zeit gewusst, dass wir das alles nicht wegen des Geldes machen. Das war das Interessante daran. Wir haben das vom ersten Tag an aufgebaut, weil wir überzeugt waren, dass es nicht reicht, “irgendetwas” im Netz zu machen. Wir wollten, dass die Leute sich organisieren und die Online Community dazu nutzen, die Offline Community weiter zu organisieren. Und was wir bisher gesehen haben, war absolut begeisternd.
Wir hatten z.B. eine Email-Liste von 481 Leuten in Austin. Denen haben wir gemailt: “Wir kommen”. Als wir dann ankamen, waren mit 3200 Leute da. Und der Grund für diese hohe Zahl war, dass diese 481 Leute hingegangen sind und die Flyer heruntergeladen haben, sie kopierten, sie in der Latino Community ausgelegt haben, in den Wahlstationen, in denen Kommunalwahlen waren und dass sie andere Leute angerufen haben und all diese Dinge von selbst organisiert haben. Das passiert uns andauernd. In Seattle waren 1200 Leute, die Hälfte davon hatten niemals vorher etwas mit Politik zu tun. Sie wurden organisiert von Leuten, die im Blog waren oder irgendwie sonst unsere Organisationstools benutzt haben. All das sind Effekte der Dean-Community, die wir aufgebaut haben.
Und genau deshalb haben wir die Community ja auch aufgebaut, und es war uns auch nicht entgangen, dass bestimmt Geldspenden daraus folgen würden. Aber die Menge hat uns völlig überrascht. Bislang haben wir 83.000 Spenden bekommen, alles in allem mehrere Millionen Dollar.
Als wir diesen Wettkampf mit Cheney hatten, und mit Howard Dean vor dem Blog saßen, bewaffnet mit einem 3$ Turkey-Sandwich und gegen Cheney und sein 2000$ Essen antraten, das hat einen der Punkte, die wir machen wollen, wirklich gut herausgebracht. Wir lernen aber jeden Tag dazu. Als der Governor das erste mal hier war, wusste er nicht mal, was ein Blog ist. Jetzt fragt er “Hey, warum hat das Weiße Haus kein Weblog?”. Es ist ein Lernprozess für ihn. Für beide. Leute, die das Netz benutzen, um mehr über die Themen zu erfahren, die alle betreffen, sehen, dass da jemand ist, der Präsident werden will und der wenigstens ein Interesse für dieses Medium hat und das als Erfahrung begreift und es versucht. Manchmal vielleicht zum ersten Mal und nicht ganz den Erwartungen entsprechend, aber ich denke, es ist cool, ihn dabei zu beobachten. Er hat Dinge entdeckt, die wir schon vor drei Jahren wussten, aber es ist trotzdem cool einen Präsidentschaftskandidaten dabei zu beobachten wie er die gleichen Dinge entdeckt, die man selber schon entdeckt hat. Ich selber war einer der Early Adopters, als das Netz noch etwas war, das nur wenige kannten. Und ich bin da schon durch, aber vor allem habe ich für eine Menge Leute gearbeitet, die gegenüber dem Netz keinerlei Neugierde haben.

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Elektronische Lebensaspekte.

Weblogs, das sind alternative Newsportale, deren Artikel ausgiebig in Foren diskutiert werden. In den USA spielen sie eine immer wichtigere Rolle und sind eine reale Alternative zum immer redundanteren und rechtslastigen Newsangebot der Medienbranche. Denn die hält seit 9-11 zu oft verschüchtert den Mund.
Text: nico haupt aus De:Bug 60

Bürgerrechtsbewegung in Newsform
democraticunderground.com

In den USA sind sie derzeit beliebt wie die frühen Filesharing-Programme: Weblogs. Spätestens seit den neuesten Grabenkämpfen zwischen “left wings” und den rechtskonservativen Anhängern der internationalen Terroristenbekämpfung ist der Weblog-Traffic beeindruckend – man könnte von einer ThinkTank-Bewegung sprechen. Weblogs halten sich – vor allem nach 9-11 in den USA zurecht – für die demokratischeren Newsportale. Das beginnt beim Zugriff – jeder kann Posten, wenn auch nicht ohne Gegenkontrolle. Alle Quellen werden äußerst penibel begutachtet und auf Standardfragen abgeklopft: Wer hat die Website angemeldet, wer hält Anteile, wie ist das Biographieprofil? Keine Behauptung darf ohne Quelle gepostet werden. Man will sich weder von Copyrighthetzern noch von Zweiflern in die Suppe spucken lassen. Ein Erfolg ist, wenn CNN zu spät bestätigen muss, was man selbst schon lange rausgefunden hat.
Auch die Technologien der Weblogs sind demokratisch: Die Scripte für diese Meldungen sind meist kostenlos zu erhalten, jeder kann ein Weblog bauen. Anspruchsvollere Baukästen gibt es beispielsweise von moreover.com, die auch kommerzielle Portale betreuen. Dort – Moreover ist z.B. auch der Hauptversorger für die Yahoo-News – verlangen sie allerdings Lizenzgebühren.

Das derzeit beeindruckendste unter den Weblogs ist democraticunderground.com. 2001 aus Protest gegen die “illegitime” Wahl George W. Bushs gegründet, beeindruckt das Politboard mit fast 13 000 Mitgliedern und zahlreichen Moderatoren. Ziel von democraticunderground ist es vor allem, eine offene Übersicht über alle wichtigen Meldungen zu liefern. Mittlerweile hat democraticunderground fast 15 Sektionen, die etwa die Middle-East-Thematik, Bürgerrechte, Anti-Bushismen, Energie, Aktivismus, Justiz- oder Gesundheitsthemen enthalten. Daneben kann man auf aktuelle Meldungen im 1-Minutentakt zugreifen.

Erfolg wird kopiert

Der Erfolg von Unabhängigen News Boards oder Weblogs lässt sich nicht mehr aufhalten. Die Resonanz auf DemocraticUnderground und hunderte von ähnlichen Konzepte wird immer größer. Webökonomen haben deshalb vor einigen Monaten angefangen, das Konzept der News-Weblogs zu kopieren und kommerziellen News-Boards wie forums.delphiforums.com oder Ezboard.com Mitgliederbeiträge aufzudrücken. Gleichzeitig durchsuchen sie die offenen Inhalte auf Copyleft-verdächtige Äußerungen und versuchen ein Profil über deren Miglieder zu erhalten. DemocraticUnderground ist dagegen kostenlos – man editiert selbst – und wird nicht überwacht. Tendenziell raufen sich daher Reuters, CNN, AP usw. die Haare. Die Weblog-ThinkTanks träumen dagegen von eigenen Nachrichtenagenturen, um nicht mehr von kommerziellen Anbietern abhängig zu sein. Mediachannel.org ist etwa eines der Vorbilder, weil sie Journalisten und andere mit einer Web- und Videostreamingstruktur ausstattet, die rein auf News im klassischen Sinn setzt und gleichzeitig eine sehr große Mailingliste hat.

Warum das Konzept dieser investigativen Politmagazine im Netz nicht auf Deutschland überschwappt, ist derzeit fraglich. Mangels DSL- oder wireless-Strukturen? Ist die Medienlandschaft ausgewogener? Fehlt es am spielerischen Umgang mit Technik oder schlicht an Erfahrung? Newsboards werden jedenfalls in Deutschland noch belächelt und eher mit Chats assoziiert.

Was war in Venezuela?

Eines der spannendsten Beispiele war das Wochenende vom sogenannten Venezuela-Putsch. Innerhalb weniger Minuten sind venezuelische DemocraticUnderground-Mitglieder aufgetaucht, die quasi live von dem Coup berichtet haben und zusätzlich unabhängige Zentralen wie vheadline.com promotet haben. So hatte DemocraticUnderground innerhalb von wenigen Stunden nicht nur Namen der eigentlichen Putschisten zusammen (John Negroponte, Otto Reich, Western Hemisphere Institut/Georgia etc..) sondern auch Augenzeugenberichte von dem Flugzeug, indem der gestürzte Präsident Chavez ausgeflogen wurde: einem US-Flugzeug. Auffallender Weise war die US-Presse mehr oder weniger die einzige, die über diesen Putschversuch positiv berichtete, denn seit 9-11 unterdrücken die Medien auffälliger Weise jede Kritik an der US-Regierung, die offensichtlich ihre Finger im Spiel hatte. Immerhin wurde die Sichtung des Militärflugzeugs später auch im Guardian und in der New York Times bestätigt, letztere sprach von einem “möglichen US-Coup”.

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