Bis vor kurzem war unter Webdesignern alles erlaubt, was gut aussah. Selbst "ReadMe"-Dateien waren nicht vor Flash sicher. Derzeit bildet sich jedoch mit einem Mal ein gewisser Ethos heraus, der Accessibility und Usability ganz klar vor Flashibility kommen lässt. Mehr und mehr halten sich die Designer dabei an CSS, die Cascading Style Sheets.
Text: Marcus Hauer aus De:Bug 83

Die Reform des Webdesigns / Ab sofort gilt: Cascading Style Sheets

Vorgeschichte
Zurück ins Jahr 2000. Die Kurve der New Economy ist ganz oben angekommen. Zu dieser Zeit begab es sich, dass eine erfolgreiche kalifornische Agentur die eigene Website in demonstrativem Schwarz präsentierte und damit allen die Nachricht vom baldigen Ende der Luftblase verkündete. Um diesen Effekt noch zu verstärken, wurde die gesamte Website in simplem HTML-Design umgesetzt. Die Agentur hieß “Method” und wie sollte es anders sein: Es gibt sie heute immer noch. Tatsächlich war ihr HTML-Design der Site aus heutiger Sicht überraschend voraus geahnt, denn damals war Flash der gängige Agenturstandard. Nicht wenige Agenturen bezahlten sogar eigens Researcher (Joshua Davis bei Kioken zum Beispiel), die Flash bis an die Grenzen zum Quietschen bringen sollten. Die Gründe dafür lagen auf der Hand: Erstens konnte jede Flash-basierte Website dem Kunden viel mehr vermeintliche Interaktivität und Multimedia bieten. Zweitens konnte kein Webdesigner alle Browser im Überblick haben. – Dazu gab es einerseits zu viele, andererseits war deren Auslegung diverser HTML-tags alles andere als einheitlich, sondern ähnlich interpretativ, wie Verkehrsschilder für Autofahrer. Das sollte nicht mehr lange so bleiben.

Stildefinitionen für dynamische Umgebungen
Um zuviel Durcheinander in der dynamischen Umgebung des WWW zu vermeiden, wurde schon zu Mosaiczeiten im Jahre 1994 das “World Wide Web Consortium”, kurz W3C, gegründet. Diese Vereinigung ist bis heute beispielsweise für die Definition von Webstandards zuständig. Da es jedoch keine Verpflichtung ist, sich an diese Vorgaben zu halten, entwickelten sich aus neurotischer Konkurrenz der Browserentwickler und aus ihrer Innovationshast mehrere Produkte, die sich zwar alle Browser nennen, aber sehr unterschiedlich mit bestimmten Zeilen aus HTML umgehen. Als markantes Beispiel dafür lässt sich aufzeigen, dass die Definition für “Cascading Style Sheets 2.0” (CSS) der W3C aus dem Jahre 1998 stammt, aber bis heute noch nicht komplett in allen Browsern implementiert ist. Ganz so schnelllebig ist das Netz dann eben doch nicht!

Design und Inhalt
Um zu verstehen, worum es bei Webdesign mit Webstandards geht, muss man zu allererst Cascading Style Sheets erklären. Dabei geht es vor allen Dingen darum, das Design vom Inhalt zu trennen. Der Inhalt wird in einer so genannten Markup-Sprache geschrieben, z.B. XHTML – eine HTML Variante, die dem XML Syntax angepasst wurde. Das Design wird dabei komplett im CSS definiert. Somit kann ich als Designer für verschiedene Medien (Bildschirm, Drucker, Handheld, Aural) feinstens zugeschnittene Styles festlegen, ohne am Inhalt etwas zu ändern.
Wie notwendig diese Definitionen in einer beweglichen Welt wie der des Computers sind, zeigt das bei Webdesignern der ersten Stunde eher aus der Not entstandene Tabellendesign. Viele der großen Websites funktionieren heute aus Kompatibilitäts- oder Kostengründen immer noch so. Dabei wird eine in HTML gesetzte Tabelle dazu benutzt, komplette Inhalte an die richtige Stelle der Site zu setzen (Logo oben rechts, Navigation links, usw.). Wie wir alle wissen, sind Tabellen aber eigentlich dazu da, Datenkalkulationen zu erstellen oder sinnvoll darzustellen. Mit CSS kann man nun ohne Tabelle sagen, an welcher Stelle das Logo, die Navigation und der Content erscheinen soll, und wie bereits erwähnt, für jedes Medium entsprechend.

Die CSS-Reform
“Welcome to our new fully standards compliant website… With this version of our site we have committed a strong focus on usability and information design within a visually appealing framework.” Die Agentur WDDG, die als Einmannshow- und website mit Flash begonnen hat, preist jetzt ihre Webstandards auf der Eingangseite an. Auch die Agentur “Cuban Council” der Macher von Kaliber10000 (die Instanz im Webdesign) rühmt sich mit den aktuellen Standards. Deren Redesign der “Adobe Studio” Website wurde auch komplett mit CSS realisiert, ebenso wie das Design von “Wired News”.
Einen wichtigen Part bei dieser offensichtlichen “Reform” des Webdesigns schuldet man der zunächst als Mailingliste und später zur Online-Zeitung ausgebauten “A List Apart” Website von Jeffrey Zeldman, die schon seit 2001 im komplett auf Stylesheets basierten Layout erscheint und seither für mehr Standards im Netz kämpft. Hier werden wöchentlich dem Webdesign-Alltag angepasste Artikel, Lösungen und Erklärungen angeboten, auf denen ein Großteil der mittlerweile von Webdesignern entwickelten Sites beruht. Ein Artikel erklärt zum Beispiel, wie man Rollover ohne JavaScript und mit einem einzigen Bild in CSS baut. Selbst wenn sicherlich ein großer Antrieb der Macher aus einer gewissen Euphorie für Nerdtum und Open Source (der Quellcode für diese Sites ist natürlich, ganz im Gegenteil zu Flash, jederzeit verfügbar) entsteht, wird wohl erst in den kommenden Jahren zu spüren sein, was uns das Internet in Form von Hypertext schon seit Jahren versprochen hatte.

Die Agentur Method jedenfalls hat eine neue Website. Diesmal gegen den Trend komplett in Flash umgesetzt und warum kann wohl nur der Marketingchef beantworten. Wir freuen uns schon auf das Interview!

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Elektronische Lebensaspekte.