Das Netz als Diskursmaschine: Der Sammelband zu Netztheorie und -praxis.
Text: Mercedes Bunz aus De:Bug 37

LIEBER LAYOUTER, UNTEN KOMMT NOCH EIN ZUSATZKASTEN, DEN MAN UNTER DEN TEXT SCHNIPPELN SOLLTE. DA GEHT ES UM EIN ANDERES BUCH. NUR REINMACHEN, WENN ES PLATZMÄSSIG GEHT. JA? SO NUR TEXT OHNE BILD LAYOUT ZUSATZINFORMATION. /BUCH/Netztheorie Das Netz fassen Netztheorie mit “Preferred Placements” Im allgemeinen hat die Theorie mit den Neuen Medien ein Problem. Während sie Popkultur noch durch Cultural Studies wenn auch widerwillig in den Griff bekommen hat, steht sie den Neuen Medien eher ratlos gegenüber. Die meisten “philosophischen” Texte, die sich konkret mit dem Internet auseinandersetzen, lesen sich eher wie Bedienungsanleitungen oder stellen Institutionen wie das w3-Konsortium vor, die an massgeblichen Entscheidungen von Internetstandards beteiligt sind. Fast könnte man glauben, dass die Praxis der Theorie mal wieder meilenweit voraus wäre, zumindest wenn man nicht mittlerweile angefangen hätte, die Theorie selbst als Praxis zu begreifen. Die Jan van Eyck Akademie hat jetzt allerdings ein Buch herausgegeben, dass neue Wege geht. “Preferred Placements”, was man ungefähr mit “bevorzugte Plazierung” übersetzen könnte, setzt sich mit Praxis im Internet ebenso auseinander wie mit theoretischen Konzepten, von denen aus man die “Knowledge Politics on the Web” – so der Untertitel – beschreiben kann. Treffpunkt dieser beiden Diskurse ist die Erarbeitung einer “Web-Epistemologie”, die an einer Ausbalancierung zwischen User und Medium interessiert ist. Ebenfalls versucht das Buch den positiven bzw. negativen Phantasmen der Presse auszuweichen: Weder soll das Medium im Bann des Users als kabelgewordene Demokratie eines personifizierten kollektiven Autor “Mensch” gelesen werden, wie Wired es lange getan hat, noch soll der User als passiv, überflutet von Information und hilflos den Machenschaften dunkler Kinderpornographen ausgeliefert gedacht werden, wie es die Presse hierzulande gerne tut. Der Trick: ”Preferred Placements” setzt nicht bei Medium oder User an, sondern bei der Schnittstelle dazwischen: im Grunde also bei der Software, konkreter bei jenen Anwendungen, die das gelieferte Wissen im Netz zum User dirigieren oder vom User dirigiert werden, um bestimmtes Wissen zu liefern. Kritisch untersucht wird die Ergebnispolitik der Suchmaschinen (beispielsweise der Verkauf der ersten beiden Suchergebnisse), das zu nahe Nebeneinander des News Angebots bei AOL zu E-Commerce oder das Bilden von Userprofilen über Cookies für kommerzielle Interessen. Scheinbar absichtlich nimmt das Buch jedoch nicht nur Texte auf, in denen der User als passives Objekt der Software erscheint. Im Gegenzug wird vom Programmierer Matthew Chalmers eine Software entworfen, die Profile erstellt, über die der User selbst verfügen kann, um an Sites zu gelangen, auf die er selber nicht gekommen wäre. Sozusagen. Daneben findet sich eine Reihe von Aufsätzen, die sich dem Thema widmen, wie Wissen im Internet funktioniert: Einerseits werden Kartographien des Internet besprochen, deren unterschiedliche Methoden verschiedenes Wissen sichtbar machen. Andererseits werden Probleme der “Authorisierung” von Wissen diskutiert und der Status von Information im Internet untersucht: Die Aufregung um einen wissenschaftlichen Text, der gleichzeitig in einer stark zugangsbeschränkten wissenschaftlichen Zeitung und im Internet veröffentlicht wurde, zeigt die Problematik der “Authorisierung” von ernstzunehmenden Texten im Netz. Nur wenn der Veröffentlichungsort im Netz an eine Institution in der “realen Welt” rückgekoppelt ist, gilt das Wissen als gesichert. Diese Regel der Entsprechung greifen Projekte wie RTMark.com auf, die in Preferred Placements unter dem Namen Rouge Gallery (Gauner Galerie) präsentiert werden. Hier imitieren Netzseiten unter einer ähnlichen URL wie ihr Vorbild deren Layout, füllen dieses jedoch mit einem meist das “Original” kritisierenden Inhalt wie http://www.microsoftedu.com oder http://www.microsmith.com. Die Theorie: Zwischen den Texten, die anhand von konkreten Anwendungen oder Sites Probleme und Verschiebungen aufzeigen, die sich beim “neuen” Medium Internet ergeben, finden sich immer wieder welche, die eher von der Theorie aus auf das Medium zugehen. Neben dem Herausgeber Richard Rogers sind es die Texte von Gerald Wagner und Steve Woolgar, denen es darum geht, wie Theorie Technologie konstituiert. Gemeinsam an ihrer Herangehensweise ist der Versuch, einen Theorieansatz zu entwickeln, der das Internet nicht von den menschlichen Akteuren vor den Bildschirmen aus denkt. “Éwir suchen nicht länger nach den menschlichen Autoren des Webdiskurses”, schreibt Wagner, “sondern nach dem Diskurs selbst, dessen ‘Urheberschaft’ in diesem Fall nicht mehr über die User-Surfer konsitutiert wird, sondern setzen bei kartographierenden Techniken und den Anwendungen und Tools selbst an.” Für die Web-Epistemologie, die Rogers daraufhin entwirft, gilt es vor allem, Diskurse zu fassen, die sich auf der technischen Oberfläche des WWW abbilden. Unter Rückgriff auf kartographische Such-Techniken, die Informations- und Begriffskluster im Netz aufzeichnen – gemäss der Clicks, die eine Website bekommen bzw. der Links, die auf sie verweisen – entwickelt Rogers eine Methode, Diskurse im Internet zu analysieren: Das Netz als Diskursmaschine. Steve Woolgar wiederum, vielleicht durch seine Zusammenarbeit mit dem französischen Philosophen Bruno Latour der bekannteste unter den Autoren, verortet das Internet selbst als Effekt eines theoretischen Diskurses: “Technologie ist letzten Endes theoretisch. Es geht um Alternativen von sozialer Verteilung (vielleicht bedrohliche, vielleicht befreiende), die die Verteilung des Einkommens, des Zugangs, der Information, des Wissens und der Macht beinhalten.” Fazit Was an “Preferred Placements” bestechend ist, ist vor allem das Zusammengehen von Theoretikern, die ihr Metier nicht nur oberflächlich kennen (wie das beim Schreiben über das Internet doch häufig vorkommt), sondern die ihr detailliertes Wissen über technische Abläufe in Theorien und Analysen umsetzen. Es wird klar, dass sich in den technischen Entwicklungen selbst Praktiken finden lassen, wie man die vielbeschworene “Flut” von Wissen im Internet in praktische Häufchen transformieren kann. Kritik und Möglichkeiten von Anwendungen werden von “Preferred Placements” dabei ebenso diskutiert, wie theoretische Methoden durch sie hindurch entwickelt werden. Die offene Stelle eines Ansatzes, dessen Zentrum der Umgang mit Wissen ist – die “Knowledge Politics on the Web”, bleibt dabei die Technologie, das Medium selbst. Selbst in Woolgars Text wird das Internet als Materialisation von gesellschaftlichen Effekten gelesen – wie diese Materialisation jedoch selbst wieder auf die Gesellschaft einwirkt, bleibt aussen vor. Während man die Diskurse auf dem Netz mit der in Preferred Placements” entwickelten Webepistemologie hervorragend zu fassen bekommt, werden die Übergänge und Einflüsse zwischen den Diskursen auf dem Internet und in der Welt “draussen” ausgeblendet. Die Web-Epistemologie konsituiert das Netz als eine abgeschnittene Welt für sich. Was überrascht, weil direkt vor der theoretischen Nase von Woolgar, bei dem ehemaligem Co-Autor Bruno Latour, man die sogenannte Actor-Network-Theory findet, die es möglich machen würde, das Internet nicht nur als Effekt, sondern als Aktant in eine Theorie mit einzubringen. Ein Punkt, an dem man allerdings mit “Preferred Placments” im Rücken gut weiterarbeiten kann. Richard Rogers: Preferred Placement. Knowledge Politics on the Web. Maastricht, Jan van Eyck Akademie Editions 2000 LIEBER LAYOUTER. KLEINER ZUSATZKASTEN UNTEN FÜR EIN ANDERES BUCH (WENN GEHT NUR) Weitere Überlegungen zur Netzkultur Alles Texte, die das Netz sowohl im Hinblick auf seine technologische Basis als auch auf seine sozialen und kulturellen Effekte untersuchen. Keine weiteren Legenden, sondern sinnvolle Überlegungen, was eigentlich vernetzt, d.h. vermischt und verknüpft ist, und was daran nicht neu, nur bislang nicht als Geflecht gesehen wurde. Das hier nicht fleissig am real life vorbei theoretisiert wird, ist auch eine Kritik des bisherigen Geredes über das Netz im wissenschaftlichen Diskurs. Medientheorie, Philosphie, Kulturwissenschaften und Kunst kommen zu Wort, schreiben u.a. über Körper und Identität im Netz, politische Strategien, Cyberfeminismus, immatrielle Arbeit und auch darüber, was eine Datenkritik bedeuten könnte. Angenehm zu lesen, weil auch nicht mit Wahrheitsanspruch überfrachtet. (AP) M. Jahrmann, Ch. Schneebauer (Hg.): Intertwinedness, Überlegungen zur Netzkultur. Ritter Theorie, dtsch/ engl., 252 Seiten, DM 29

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Elektronische Lebensaspekte.