Wer sein Label “Hartchef” nennt und als ersten Künstler “Audio Werner” herausbringt, hat Humor. Beste Voraussetzung, um sich in Köln gegen die Platzhirschen von Kompakt zu positionieren.
Text: Fabian Dietrich aus De:Bug 91

Weder hart noch Chef
Hartchef

Für die Macher eines kürzlich in einem spanischen Fanzine erschienenen Atlas der deutschen elektronischen Musik schien im Jahre 2005 alles klar zu sein auf der Techno- und House-Landkarte. Die musikalischen Grenzlinien verlaufen ehern zwischen lokalen Label- und Sound-Feudalmächten: Gigolo hält den Süden retrotechnisch unter Kontrolle, Playhouse dominiert House aus Frankfurt, Berlin wird von einer Polypol aus Bpitch Control, Pokerflat und Perlon regiert und Köln ist die unbestrittene Trutzburg der Minimalfürsten von Kompakt. Spätestes seit der Plattenladen Label und dann auch noch Vertrieb wurde, schien die Definitionsmacht eines lokalen Sounds der Stadt in die Hände des Ziehkindes der Voigt-Bande gelangt zu sein. Es ist die alte Geschichte vom Schatten der Großen, in dem die Kleinen stehen. Die im Dunkeln sieht man nicht. Und erst recht nicht aus der Ferne. Doch es tut sich was am Rhein. Neben dem 1000 Quadratmeter großen Kompakt-Komplex treibt ein zartes Gewächs seine Frühlingsknospen. Hartchef ist da.

Von Chicago angefixt

Die Idee entstand aus einer Konstellation, die wohl so den meisten Labelgründungen in der einen oder anderen Form Pate steht: Es ist 2003 und die Freunde Erk und Holger sind hin und weg vom Sound, den ihr Kollege Andi, der Audio Werner, in seinem Kölner Studio zusammenschraubt. Es ist Tanzmusik aus klassischen Elementen mit dem Flow alter Chicago-Tracks. Frisch, nicht retro. “Das muss raus”, dachten sich Erk und Holger, beide langjährige Mitarbeiter bei Groove Attack. Dass die beiden mit ihrer Idee dann auch nicht beim benachbarten Kölner Label- und Vertriebs-Redwood Kompakt landeten, bei dem sie nach eigener Aussage “soundmäßig ja eigentlich doch besser hinpassen würden”, lag dann auch auf der Hand: “Das können wir selbst.” Trotz anfänglicher Vorbehalte wurde Hartchef schließlich in den Vertrieb von Groove Attack aufgenommen, wo das Label neben Drum-and-Bass- und HipHop-Acts doch eine ziemliche Randerscheinung ist. Ein echtes Mauerblümchen eben. Doch diese Entscheidung sollte sich auszahlen, Audio Werners Debüt war in den Läden schnell vergriffen und musste nachgepresst werden. Ein Hit, allerdings einer von der Sorte, die einem nicht mit der Tür ins Haus fallen, sondern subtil wirken und es doch schaffen, konstanten Druck zu machen, einer, der sich Zeit nimmt und mit clever aufgebauten Breaks für Spannung auf der Tanzfläche sorgt. Wie gemacht für eine Playhouse-Party, wo die Platte schnell zum Geheimtipp avancierte und das neue Label einen ersten Kreis von Fans gewann.

Bitte nur nicht so teutonisch gerade

Nach dem gelungenen Start folgten weitere Veröffentlichungen, neben Audio Werner wagten sich nun auch Holger (alias Eye Dew) und Erk (als Erk Richter) an den Start. Bald erscheinen die Platten Nummer vier, fünf und sechs, es geht voran. Obwohl man zwischen den dreien eine starke Variation in Sachen Deepness, Härte und gelegentlicher Verzocktheit (Audio Werner) ausmachen kann, erlangte Hartchef in kurzer Zeit ein sehr klares Labelprofil. Man spricht eine gemeinsame Sprache: minimal, locker aus der Hüfte, bloß nicht statisch und vorhersehbar. Dazu Andi: “Der Swing muss einfach stimmen. Ich brauche einen funky Housebeat, alles andere kann da ruhig Techno sein.” Doch wie hart sind die drei Hartchefs wirklich, versteckt sich hinter Holger, Erk und Andi etwa eine neue erfolgreiche Spezies von Rhein-Pimps? “Nein, nur das nicht. Wir sind weder hart noch Chefs”, betont Holger. Hartchef ist ein Adjektiv, zumindest bei den Jungs in Köln (”is ja hartchef, die Mucke!“) und meint nichts weiter als geil, super, spitze, daher wird der Name auch eigentlich klein geschrieben – das passt zum Understatement, mit dem Erk und Holger ihr Pflänzchen dieses Jahr im Dschungel der Großen zur Blüte bringen wollen. Viel Erfolg.

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Elektronische Lebensaspekte.