Es gibt eine Dreierkette: Beatles "Revolver", Elvis Costellos "This year's model", Phoenix "United". Mit ihrem neuen Album "It's never been like that" zeigen Phoenix als die beste Band der Welt jetzt den The-Bands, wie man mit Klasse rockt.
Text: Timo Feldhaus aus De:Bug 103

Es kommt nicht darauf an, dass ”It’s never been like that“ wieder einmal ganz anders klingt als sein Vorgänger, dass die Singleauskopplung ”Long Distance Call“ neben dem Instrumental ”North“ und dem dunkel keyboardmäßig-beweglichen ”Lost and Found“ die einzigen Lieder sind, die etwas aus einem einnehmend-gitarrenschweren, aber oberleichten Grundthema der gesamten Platte herausragen und so die Punkte bezeichnen, an denen sie sich etwas in die alten Phoenix verwandelt, der Band der distinguierten, sehr künstlich-artifiziellen schlauen Art des Popsong-Schreibens.
Das neue Album ist anders, aber noch einmal, es ist nicht wirklich wichtig, dass nun das bedingungslose, befreite Sixties-Popalbum entstanden ist, dass Phoenix niemals positiver klangen und sonniger und stringenter, roher und mehr vorwärts.
Um all das geht es nicht. Wieder einmal ist nichts wie zuvor, und trotzdem, es ist alles genauso. Genauso wie jedes der zwei so unterschiedlichen Alben davor, genau wie ”United“, genau wie ”Alphabetical“, genauso großartig, genauso eigen, in sich, Phoenix. Ein neues Album der besten Band der Welt, jetzt folgt, einzig möglich: Jubel!

It’s never been like that

Man erzählt also wieder die Geschichte von vier Freunden, die sich kennen, seit sie sechs Jahre alt sind, die zusammen aufgewachsen sind, in dem verkünstelt-luxoriösesten, vielleicht langweiligsten, verrückt elaboriertesten Ort der Welt: Versailles. Die dort ihr eigenes Studio gebaut haben, in das sie zuletzt, nach den dreimonatigen Aufnahmen in Berlin, zurückgekehrt sind, wo sie den Rest, das Ganze ihres neuen dritten Albums zu Ende gebracht haben.
Nach ”United“, dem exaltierten, heterogenen, nur durch den Anschlag und Klang eines Keyboards und die einnehmende Stimme Tomas’ zusammengehaltenen Erstling, und dem distinguierten stylisch-narzisstischen, HipHop und Soul beeinflussten ”Alphabetical“ jetzt eben der bedingungsloseste, affirmative, konsequenteste Pop: nicht theoretischer Entwurf, sondern die Tat. Nach 1,5 Jahren unentwegter Tour mit allein 60 Stationen in den USA ist die Band direkt nach Berlin und hat das Album in einem kurzen Wurf an die Oberfläche gespielt. Fertig, los, der Optimismus ist in Form gegossen, aus dem bedingungslosen Risiko entstanden, ohne Noten auf dem Blatt und vorherige Ideen auf dem Zettel.
Auch diesem Album hängt diese seltsame Melancholie an, leichte, so schwerelose Melancholie. Die hinten hackt, im Hinterkopf, sich eingestellt hat, über die Jahre und irgendwie auch schön ist, mittlerweile genau da hingehört. Die Musik von Phoenix handelt immer von dem vergangenen und zukünftigen Glück, pendelt zwischen Nostalgie und Phantasie und spielt immer um den Zwischenraum herum, da wo diese Art Melancholie kreist, die Distinktionsmedium wurde, distanziert von dumpfblöder Fröhlichkeit und tieftraurigem Herzschmerz. Und von all den furchtbaren The-Bands, die auf so langweilige Weise den Rock retten sollen.
Die Verbindung aus tanzbar rockiger Beschwingtheit, munterer Ausgelassenheit und künstlich-narzisstischer Tragik. Als ewiger Moll-Akkord. Die mögliche Schönheit raumgreifend anzeigt und den Zweifel immer mitklingen lässt.

Darlin

Es ist auch der Ritt schlauer Soundästheten hin zu einem irgendwie einfachen, heiteren Rockalbum. Eine Band, die eigentlich nur aus Gitarrenspielern besteht, muss das wahrscheinlich irgendwann.
Und die Platte klingt nach dem Gegenteil von kapriziöser Großherrschaftlichkeit, hat nicht die blumige Sonnenschwere von Air – mit denen sie auf Tour waren, die auch aus Versailles kommen, lange Freunde sind und deren Musik dasselbe Thema hat: Eskapismus, Verlorenheit, Flucht, der Long Distance Call, der schallt, von weit her, und so betörend klingt und unnahbar.
Phoenix allerdings freuen sich ganz ehrlich darüber, wenn man sagt, dass man ihre Musik als positive Melancholie empfindet, als hätten sie das so noch nie gesehen, als wäre das jetzt neu, auch ein Unterschied zu Air, welche mir wahrscheinlich gleich mit Effet den weißen Fehdehandschuh gegen die Schulter gestreift hätten und wortlos aus dem Zimmer gegangen wären, bei so viel platter Brutalität in der Beschreibung.
“Die Tour war ein ewiges Pendeln zwischen Frustration und Exaltation. Alles um uns herum ist gewirbelt, wir vier waren immer zusammen, es ist viel passiert, wir sind dann gar nicht nach Paris zurückgekehrt, haben den Rhythmus mitgenommen ins Studio.“

It’s elecronic

Chris und Deck sitzen da, dreißigjährig, wie zwanzig aussehend, und klatschen jungsmäßig ab, wenn sie meinen, was Lustiges gesagt zu haben, so gar nicht Bohème, eher einfach nett.
Ist es am Ende also doch ein Ding der Blutsverwandtschaft, Tradition und jahrhundertealter bourgeoiser Genomsoße, die da mitfließt, in den Adern dieser jungen Franzosen? Der Esprit, der Stil, der ganze Quatsch? Warum sonst können diese Jungs in New Balance, abgelatschten Jeans und französisch ins Gesicht fallenden Haaren diese wahnsinnig vollkommene Musik machen?
Natürlich ist das großer Unsinn. ”Versailles ist in unserer Musik als ein negativer Ort präsent, es ist der Ort der absoluten Leerstelle, Nicht-Vorhandensein von jeglicher Bewegung, es ist sehr einfach, in Versailles ein Rebell zu sein.“

Das unbestritten beste Album von Daft Punk, ”Discovery“, wäre ohne ”United“ nicht möglich gewesen, sag ich jetzt mal. Die Beeinflussung ist aber hörbar beidseitig: ”Was wir wirklich gelernt haben von elektronischer Musik, von Air oder auch Daft Punk, ist die Art zu produzieren, keine Kompromisse einzugehen und alles alleine zu machen. Viele Rockbands erfüllen dieses Klischee, alles schön einzuspielen und der Produktion ganz fern zu bleiben. Und lassen sich so einen wesentlichen Teil des Prozesses aus der Hand nehmen. Ich denke, es ist auch die Essenz von unserem Leben, nicht nur als Musiker, genau das zu machen und dahin zu arbeiten, wie wir es für richtig halten. Vielleicht ist es nicht gut, aber es ist unser eigenes.“

If I ever feel better

Als 2000 ”United“ erschien und ein wenig später ”Living in a Magazine“ von Zoot Woman, war das so ein Erweckungserlebnis, gerade auch für alle die, die nie Wave gehört haben, oder Brian Ferry, oder von mir aus David Bowie, jedenfalls nicht, als das wirklich passierte, weil einfach zu jung. Das es plötzlich so etwas gab, so Musik, auf die man sich so enorm einigen konnte, so neu, so alt, modern zerbrechlich, fein, gefühlvoll und gleichzeitig dancemäßig mitreißend. Völlig stilsicher genau den Punkt zu treffen, ohne die leiseste Rockblödheit.
Allerdings wurden Phoenix und Zoot Woman nicht tausendfach kopiert, es gibt eigentlich fast keine Bands oder Musiker, die ähnlich klingen, was die Sache an sich ja noch interessanter macht.
Immer die Frage, wie es geht, schüchterne Traurigkeit und Dandysensibilität ganz einfach in einen unbeschwerten Sommerhit zu verwandeln. Noch dazu mit diesen eigentlich unmöglichsten Veratzstücke aus French House und Glam Rock. Und jetzt diese ganzen Gitarren. Man kommt nicht dahinter, ein bisschen wie das Flüstern Scarlett Johanssons in das Ohr von Bill Murray am Ende von Lost in Translation. Roman, der Bruder von Sophia Coppola, hat jetzt das zweite Video für Phoenix gedreht.
Und Tomas singt weiter völlig unverständlich nur immer über Liebe und Distanzen und Zwischentöne und die bekannte Unmöglichkeit, sich zu verstehen – und wie toll das ist, wenn gerade genau diese Illusion dann passiert, dass das alles doch so verdammt gut klappt. Dieses ganze Ding, in einem Zimmer zu sitzen mit Freunden und sich großartig zu fühlen und gleichzeitig ganz allein. In diesem Zimmer, einmal mehr, läuft dann Phoenix.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.