Mit Bannern verdient heute keiner mehr etwas. Im Web lauern neue Werbestrategien, schmutzig und illegal.
Text: Michael Marth aus De:Bug 128


Das Netz ist schon lange nicht mehr das, was es mal war. Zum Beispiel Werbung: Um im WWW Geld zu verdienen, muss man schon lange keine Banner mehr schalten. Cookie-Dropping und Afiliate-Hopping sind die neuen Strategien, mit denen mit dem Surfverhalten der User Geld verdient wird. Wirklich legal ist das nicht.

Mit harten Bandagen
Dass im Internet mit harten Bandagen um wenig User-Kohle gekämpft wird, ist bekannt. Doch die echten Web-Geschäftsmänner halten sich nicht mit Finanzierungsideen für Communities auf – ähnlich wie der bemitleidenswerte Staubsaugervertreter oder der Zeitungsabo-Mann schöpfen sie lieber Provisionen bei der Vermittlung von Kunden an Unternehmen ab. Rein virtuell, versteht sich – denn beide Parteien bekommen davon meist gar nichts mit.

Er kann einem schon leid tun: Gerade mal 24 Jahre alt und schon Runzelfalten auf der Stirn, grübelt Mark Zuckerberg immer noch an einer schlüssigen Idee, wie man aus seinem Köpfe-Katalog Facebook entsprechend Profit schlagen könnte. Damit ist er nicht allein: Jeden Tag entstehen unzählige neue Web-2.0-Anwendungen, die teils wunderbar innovativ sind – nur leider kaum Geld bringen. Die echten Geschäftsmänner im Web haben sich derweil längst ein anderes operatives Feld gesucht: Affiliate-Marketing. Das klingt zwar nicht besonders sexy – bringt aber viel mehr Kohle.

Ich kam, SEO und siegte
Um vom dicken Kuchen der Web-Provisionen einen Happen abzubekommen, braucht man nur jede Menge Suchmaschinenoptimierung (SEO) und etwas schwarze Magie. Im Szene-Jargon lauten die Zaubersprüche dazu “Cookie Dropping” oder “Affiliate Hopping” – ausgefuchste Varianten, um Gelder für die Weitervermittlung von Kunden an Versandhäuser, Banken oder Mobilfunkfirmen abzuholen.

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Foto von John Perivolaris

Der Feind der Unternehmen ist dabei meist nicht mehr als ein kleines Pixel. Während des Aufrufens einer Website wird es geladen und verbeißt sich anschließend im Browser-Speicher des Nutzers: Der Binärzwerg installiert nämlich ein Cookie – eine kleine Textdatei, mit der sonst etwa Amazon die zuletzt angeklickten Bücher kennt oder sich der Otto-Versand die Produktwunschliste seiner Besucher merkt. In unserem Fall übermittelt das Cookie die Information: “Falls der Kunde bei xy einkauft – ich habe ihn dorthin geführt.” Surft der User also tatsächlich innerhalb von circa 30 Tagen noch mal etwa zu Deutsche Bank, Telekom oder Otto-Versand, simuliert die Textdatei, dass zuvor auf ein Banner geklickt wurde – und das Unternehmen dementsprechend Provision an den “Cookie Dropper” zahlen muss.

Der User hat damit kein Problem – er zahlt nicht mehr, als er sowieso zahlen muss. Die Firmen dagegen schütten die Provisionen eigentlich nur dann aus, wenn auch wirklich ein Werbemittel – etwa ein Banner – dafür eingesetzt wurde. So fordern es auch die Richtlinien des Bundesverbands Digitale Wirtschaft: “Es muss ein Werbemittelkontakt (durch Click oder View) mit dem Endnutzer stattfinden, um ein Cookie setzen zu dürfen”, steht da – doch nicht nur Cookie-Dropper wissen: Die Pixeltapeten verschandeln mir meine Seite – und draufklicken tut auf so etwas auch kaum jemand.

Wild Wild Web
Dass sich das unauffällige Platzieren von Cookies richtig lohnen kann, weiß Martin W. (Name geändert, Anm. d. Red.), der über seinen Webseiten-Katalog die Binärbomben abwirft: “Meinen regulären Job könnte ich eigentlich kündigen”, erklärt er. Den Rest des Tages wäre ihm dann wohl langweilig – außer regelmäßig den Content aufzufrischen und so den Suchmaschinen schmackhaft zu machen, ist nicht viel zu tun. “Mit etwas Gehirnschmalz kann man damit ordentlich Geld verdienen”, sagt er. Und wer weiß: Vielleicht wird er ja einer der Millionäre, von deren Existenz in der Branche schon kolportiert wird.

Freilich gehen auch die Firmen mittlerweile gegen Cookie Dropping vor – so gut wie jedes Web-affine Unternehmen hat in seinen AGBs einen entsprechenden Passus vermerkt. Doch die Wege der Affiliate-Programme sind weit verzweigt: Will etwa der Otto-Versand mehr übers Internet absetzen, beauftragt er eine spezielle Web-Agentur, die eine Auswahl an geeigneten Werbeträgern trifft und so genannte Netzwerke mit Fühlern in die verschiedenen Themenbereiche des Internets engagiert. Bei diesen wiederum sind verschiedene Unternehmen (so genannte “Affiliates”) mit meist nicht mehr als einem Arbeitsplatz registriert, die sich für den Otto-Versand-Job bewerben können, heißt: dessen Werbung mit Aussicht auf Provision auf ihre Seite stellen dürfen.

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Foto von John Perivolaris

Dirty slut banged hard!
Wer wirklich Werbeträger spielt, bekommt das Unternehmen somit kaum mit. Lediglich beim Prüfen der Statistiken können zweilichtige Strategien aufgedeckt werden.
Noch klandestiner wird es, wenn zusätzlich zu den Netzwerken so genannte Sub-Netzwerke an Aufträge kommen, deren Wirken noch weit schwerer zu kontrollieren ist. Diese “Sub-Affiliates” geben dann oft nur ihre soliden Seiten als Werbeträger an, setzen aber die Werbemittel auch gerne auf ihren Pages mit zweifelhaften Inhalten ein. “Pornos und illegale Downloads haben einfach die stärksten Klickzahlen”, erklärt Martin W. Die Folge: Nicht selten erscheint ein seriöses Geldinstitut mit “Das beste für Ihr Geld!” über Videos mit Titeln wie “Dirty slut banged hard!”.

Dabei ist der Umweg über kaum sichtbare iFrames, Sub-Netzwerke & Co. nicht unbedingt nötig: Auch spezielle Adware kann Provisionen einsammeln. Beliebt sind etwa Toolbars, die Usern beim Besuch bestimmter Seiten Rabatte versprechen. Der Clou: Auch hier wird ohne das Anzeigen eines Werbemittels Vergütung eingestrichen – jedoch nur ein Teil davon (als “Rabatt” bezeichnet) an den Kunden ausgegeben. Verspricht die Toolbar etwa sechs Prozent bei Beate Uhse, bleiben immer noch 19 Prozent beim Toolbar-Anbieter hängen. Weitere Cookie-Abwurfstellen: Layer-Ads oder heimlich installierte Adware – ganz ohne Rabatt-Angebot. Und auch die etwa bei Filehostern beliebte Methode der Weiterleitung lügt einem geradeaus ins Gesicht: “In fünf Sekunden lädt ihr Link”, steht da – und will eigentlich sagen: “Gib mir einen Moment, um ein paar Cookies auf deinem Rechner abzuwerfen!”

Affiliate Hopping
Wer sich dagegen nicht in den virtuellen Kampf um heimlich hinterlegte Textdateien einlassen will, betreibt einfach “Affiliate Hopping”. Die Taktik: Ein Affiliate registriert sich bei mehreren Netzwerken, die alle von einem Unternehmen beauftragt werden. Der Klick auf den Banner einer Seite wird mit etwas Glück entsprechend von allen Netzwerken erfasst – und die Provision vervielfacht sich. “Das System ist aber nicht mehr en vogue, weil die Industrie dahinter ist und teils entsprechende technische Hürden geschaffen hat”, sagt Martin W. Solange das jedoch nicht allen Netzwerken und Agenturen auffällt, ist “Affiliate Hopping” womöglich die gemütlichste Methode, um an die netten Provisionen zu kommen.

Die Internet-Werbewirtschaft nun zu bemitleiden, wäre indes die falsche Gemütsregung. Sie packt die Provisions-Gauner schließlich in Watte ein: Zivil- oder gar strafrechtliche Konsequenzen müssen diese nicht fürchten – sie fliegen höchstens aus dem Netzwerk und können dann an keinem Affiliate-Programm mehr teilnehmen. “Abschreckend wirkt das nicht gerade”, sagt auch Martin W. “Mit etwas Geschick kommt man sowieso wieder in die Partnerprogramme rein” – und das Spiel geht von vorne los.

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Elektronische Lebensaspekte.

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