Machmal ist Design einfach scheiße. Aber das macht nichts, das merkt nämlich keiner - außer Designern. Linernotes zu einem überbewerteten - aber dennoch wichtigen - Business.
Text: Rikus Hillmann aus De:Bug 99

Alles außer Tiernahrung
Design und mehr. Was dagegen?

Rund und Bunt.
Auch dieses Jahr wurden wieder massiv viele Ecken abgerundet. Design befindet sich nach wie vor im Spannungsfeld zwischen Sinn und Zweck, Form und Farbe, wobei die Tendenz gaz klar weg vom Sinn, hin zur reinen Form geht. Rundes italienisch-inspiriertes Schlagschatten- und Verlaufs-Design hat sich jetzt auch nachhaltig skalierbar im Interface etabliert und die eckige Pixel-Ästhetik unseres geliebten Design-Atoms verdrängt. Und gerade deshalb hoffen wir, dass die Minimal-Ästhetik der Web2.0-Gestaltung ein digitales Memphis-Revival verhindert. Allerdings ist diese Entwicklung total marginal, denn Gestaltung im Sinne von nachhaltiger Entwicklung wird es eh nicht mehr lange geben. Alles wird jetzt Marketing, sonst haben wir ja gegen die Kinesen keine Chance. Bodenhaftung brauchen eh nur Design-Profs. Die Wahrhaftigkeit verschwindet. Gaukler übernehmen das Feld. Stand doch nicht schon im Mittelalter PR für Pest und Ruhr (oder Park & Ride)?
Eines der großen Buzzwörter dieses Jahres ist Branded Entertainment, die spaßorientierte Umwertung von unternehmerischem Kultursponsoring, gezielt am Early Adoptor vorbei, direkt hinein in zappelnd homogene Zielgruppensegmente. Der glückliche Kunde wird so ohne Umweg zum beglückten Kunden. Er muss sich an niemand Coolem mehr orientieren, sondern wird direkt von der coolen Marke gefickt. Das macht Sinn! Dem folgend feuert T-Mobile mit seinem gratis DVD-Elektronic-Musik-Mag Slices ganz gehörig in die Lemminge und zeigt dabei sehr gekonnt, wie virales Marketing durch unwillkürlich explosionsartiges Ausstoßen von Luft aussieht. Da wird mancherorts mit geklöppeltem Seitenscheitel in den Interviews etwas zu heftig auf das Final Scratch Interface gehustet. Dieses glaubwürdige Verbreiten von Werbemitteilungen von authentischen Privatpersonen in Communities nennt man auch Buzzing. Wenn dir also dein Soulseek-Mate demnächst schreibt “Bis in die Ohren rein mit dem Sound und du hörst DJ Tiesto schon ordentlich rinsen, aber er macht es dir nur noch geiler. Bis zum Anschlag rein ins Ohr. Nur so ist es ein richtiges Set und nur so ist es richtig deep. So wie du es willst, oder? Es ist rough, es ist hart und es geht so geil ab, wie kaum was anderes. Packe dich selbst am Hinterkopf und ramme dir den Sound ganz rein. Denn Tiesto ist einer der ganz dreisten Typen. Sein Motto: Durchgefickt und weggeschickt!”, dann ist die Major-Musik-Industrie endlich auch viral dort angekommen, wo sie sich seit DSDS erkennbar aufbaut: in der Menschenverachtung; also bei den Freunden zu Hause, die wir so gerne belügen. Glückwunsch.
Anders Volkswagen. Die lassen auf der Basis eines mobilitätsorientierten Präsentationskonzeptes für den VW Fox ein Kopenhagener Hotel ganz hip umbauen und einundsechzig Zimmer wunderbar aufsehenerregend von einundzwanzig Stars und Sternchen des bunten Design-und Streetart-Biz durchillustrieren. Tolles Konzept, mediale Standing Ovations und da man Hotels nur nutzt, weil sie meist woanders sind, als man gerade selbst, hat das nebenbei irgendwie auch extrem viel mit Mobilität und Autos zu tun. Macht also auch Sinn, für Volkswagen viel und weniger für uns, denn wir sind das Volk für den Wagen, das sich dann fragt, warum gleich einundsechzig Zimmer, eins hätte doch auch für mich genügt. Das hat dann VW auch gemerkt und gleich für das Volk ein total mobilitätsmäßiges Reise-Magazin namens “Anyway” mit rausgebracht, aber dafür den Inhalt in diesem 80-Seiten-Advertorial vergessen. Die unheilige Allianz von Marke und Medien hat also mancherorts noch viel zu lernen und das vielleicht so: Könnte man nicht Markenkommunikation so ausrichten, dass bestimmte konsumschwache Zielgruppen verachtet und ausgerenzt werden, um so bei diesen soziale motivierte Begehrlichkeiten zu wecken? Her mit Hartzeting!

Mehr Gestaltung, sowieso.
Ja, ein Jahr auch der Farben, der kräftig kontrastierten, kombinierten und konnotierten Farben (Schwarz, Rot, Bild, Gelb, Grün). Das glossy iPod-Weiß wurde von Lead- zur Followfarbe. Uns kitzelt die Erkenntnis: Die handschmeichlerische iPod-Schalenlackierung hat auch die Magazinwelt nachhaltig beeinflusst. Solange etwas glänzt, und sei es nur das teure Bilderdruckpapier, hört man den schrägen Akkord aus trendy/wertig/hip/authentisch und verhilft so mancher Edition und Marke in Wiederholung zum wahrhaftigen, semantischen Gleichklang von Oberfläche und Oberflächlichkeit. Ja, das Papier, so deutsch und deutlich spiegelnd, reflektiert es leider nur das junge hübsche Gesicht der gegenüberliegenden Werbe-Seite. Text und Typo sind eure Party nicht. Leider.

Auch Deutschland.
Kommen wir zum Visual Lead Magazin 2005. M Publication aus Wiesbaden, kleinverlagig, monothematisch und monogesponsort, d.h. ganz herzzerreißend durchgedieselt, hat es echt verdient. Muss man erst mal schaffen, so extrem stylisch mit einer thematisch so innovativ hinkenden “Deutschland”-Issue klar auf Augenhöhe des Mainstreams anzukommen. Warum: Für die schlappen 17 Euro stellt sich das jeder extra in Sichthöhe in den Schrank, damit es jeder sieht. Und darum geht’s doch im Design, oder? Auch das Gesellschaftmagazin Dummy als Lead Newcomer 05 mit einem tollen Editorial-Design zur “Juden”-Issue vom Art-Direktor der Spex Mario Lombardo, dem Titanen, wollen wir trotz seiner etwas exzentrischen journalistischen Führungsriege nennen. Diese hat allerdings noch mit der IQ Style zu klären, wer jetzt diese Pagina-Trenner-Doppellinie in 2 Punkt/0,5 Punkt erfunden hat. Der Preis für die beste Produktions- und Layoutoptimierung geht an den Piranha-Verlag. Die machen jetzt aus einem Template-Formatvorlagen-Satz zwei Hefte: Piranha für die Doofen und Groove für die Breiten. Auch toll: Das großformatige “Liebling” aus Berlin, das auf seinem hochwertigen Zeitungsdruck so mit Raum protzt, als hätte die Debug-Redaktion vor zwei Jahren aus einer Ausgabe ganze acht gemacht. Allerdings haben die immer bessere Schwarzweiß-Bilder als wir, das muss man schon neidlos anerkennen. Schön und kompakt nach wie vor das Fussball-Magazin 11 Freunde, die mit dem wenig inspirierten “Rund” aus dem Olympia-Verlag einen neuen Konkurrenten bekommen haben, dem wir leider weniger Chancen ausrechnen als weiterhin dem ehrlichen Verlagskumpel Kicker, der scheiße aussieht, aber das jedenfalls beständig. Egal: “Mailand oder Madrid – Hauptsache Italien!”, wie National-Kicker Andreas Möller es einst so schön formulierte.

Es darf auch mal scheiße aussehen.
Ja, das ist unser Motto und deshalb habt ihr uns wegen unseres neuen Formates und dem versiebten Januarheft auch entsprechend mit Kot beworfen, doch der ist getrocknet und wir verkaufen ihn jetzt als Dope. Große Freude erfüllt mich, dass wieder ordentlich gestencilt wird. Die Cargo-Kisten-Schablonen-Schriften sind die waren Gewinner des Jahres. Stencil auf Kisten, auf Hauswänden und in Heften. Nicht kleckern, sprühen! Schönste Stencil dieses Jahr: Le Corbusier/Lineto, gefolgt von Exakt/Die Gestalten. Gefolgt von den humanistisch angehauchten Slab-Serifen , die neben den Tagesthemen nun auch den Grauwert des gerelaunchten The Guardian aufhellen. Und dazu hat der Herr Fons Hickmann als neuer deutscher Grafik-Design-Star natürlich auch wieder ordentlich cool mit Kuli überall draufrumgekrakelt. Voll Oldschool, ne?! Endlich bei den Stars angekommen sind Streetartist Swoon aus New York und WKInteract mit der besten Monographie des Jahres. Dazu wurde noch Letraset in Neubau umgewertet. Dass man langsam bei den Werken von Genevieve Gaukler das Maul nicht mehr zubekommt, hat sich angedeutet. Die macht mir Angst (aber ich würde sie trotzdem sofort heiraten). Back to Oldschool: Im Kunstgewerbemuseum Berlin wird die Hochschule für Gestaltung Ulm, die gesellschaftspolitisch etwas betroffenene, geistige Tochter der Mutter aller Design-Schulen, dem Bauhaus, mit der Ausstellung “ulmer modelle – modelle nach ulm” zum 50-jährigen Gründungsjubiläum endgültig beerdigt. Die Dokumentation durch Gefriertrocknung dieses wichtigen und spannenden Themas kann man dem kuratierenden HFG Archiv Ulm einfach nicht durchgehen lassen. Ansonsten war’s überall wieder toll bunt, doch leider ist mein Stift jetzt leer und ich muss aufhören. Apropos: Wenn dies ein Konsularschiff ist, wo ist dann der Botschafter?

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Elektronische Lebensaspekte.