Text: Freak Linz aus De:Bug 24

Die Abbildung zeigt in einem Leichenhaus aufgereihte menschliche Körper. Aufschrift: Tausende von älteren Menschen werden in diesem Winter nicht mehr frieren. Die Kampagne war von der Hilfsorganisation Help the Aged initiiert worden, die auf die “schockierende Anzahl von Kälte-Opfern” aufmerksam machen wollte. Als Zeitungen sich weigerten, die Kampagne zu drucken, entschied die britische Aufsichtsbehörde, dass wegen der Ernsthaftigkeit der Botschaft kein Grund zur Beanstandung vorliege. Aber: Wann ist eine Botschaft ernsthaft und wann nicht? Fehlt es einer an sich richtigen Aussage an Ernsthaftigkeit, nur weil sie im Rahmen einer Werbekampagne vorgenommen wird? Oder sind die Aussagen der Werbung von vorneherein so absurd und unrealistisch überhöht, daß Werbung überhaupt keine “wahren” Aussagen treffen kann? jedes Bild ist wie ein Messer ein Gebrauchsgegenstand und lesen meint hier denken mit anderem Verstand indem man liest und was begreift In Deutschland sieht das grundsätzlich nicht viel anders aus, könnte sich aber in nächster Zeit ändern. Ausgangspunkt und Grenzpfosten für die Werbung sind hier: die guten Sitten. Geht man mit einer grundsoliden calvinistischen Einstellung davon aus, dass Werbung für alle Wirtschaftssubjekte einfach notwendig ist, muß man auch anerkennen, dass irgendwann Grenzen für die unausweichbare Konsumentenbelästigung bestehen. Die Frage ist nur wann und wo. In einigen Werberegelungen sind z.B. direkt an Kinder appellierende Werbemassnahmen verboten, da Kinder sonst kaum einen autonomen, eienen Willen entwickeln können und zu sehr beeinflusst würden. Indirekt an Kinder appellierende Werbungen sind dann aber wieder erlaubt. Auch sind ansonsten Übertreibungen, marktschreierische Massnahmen und das Aufbauschen (bildlich: Bier mit Sahne oben drauf sieht “realistischer” aus als der tatsächliche Bierschaum) zulässig, da alle Rezipienten wüssten, was gemeint sei. Konkret: In der Werbung darf gelogen werden, bis sich die Balken biegen, solange nur jeder weiss, dass sie sich biegen. Aber die Frage bleibt: wie sieht Realität in der Werbung aus? In der Jurisprudenz gab und gibt es – während es ansonsten kaum noch jemanden interessiert – viel Lärm um die Benetton-Werbekampagne, die Anfang der 90er in Umlauf gebracht worden war. Am Bundesverfassungsgericht (BVG) in Karlsruhe sind zur Zeit immer noch zwei Verfassungsbeschwerden anhängig, die zunächst im Herbst letzten Jahres vom 1. Senat zur Entscheidung gebracht werden sollten, dann verschoben worden sind und jetzt im Laufe diesen Jahres erwartet werden. Das Paradoxe und Aufsehenerregende an den vorhergehenden Entscheidungen des Bundesgerichtshofes (BGH) war, dass exakt dieselben Bilder, die in Nachrichtensendungen zum täglichen Geschäft gehören, im Zusammenhang mit einer Werbekampagne nicht gezeigt werden durften (ölüberzogene Ente in Ölteppich schwimmend). Die Prozess-Geschichte begann damit, dass Benetton als Auftraggeber und der Stern als Verbreiter von der Zentrale zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs verklagt wurden. Der Vorwurf lautete: Verstoss gegen die guten Sitten. Hinterfragt man, was die guten Sitten denn bitteschön sein sollen, kann man als Nicht-Jurist schnell einen Lachkrampf bekommen, denn diese werden traditionell als das Anstandsgefühl aller billig und gerecht Denkenden beschrieben. Billig meint in diesem Zusammenhang jedoch in etwas antiquierter Sprache so etwas wie gut. Aber unabhängig davon und vom Verständnis von Anstandsgefühl (empirische Vorstellung von Konvention=Sitte und Moral=Sittlichkeit?), muss man einräumen, dass es tatsächlich viele Menschen gegeben hat, denen die Bilder zu viel waren und die vor allem durch die H.I.V.-Stempel-auf-Arsch-Bilder irritiert waren. Die Reaktion eines Aids-Kranken in Frankreich ist hierfür ein recht gutes Beispiel. Er schaltete eine Gegenanzeige mit seinem von der Krankheit gezeichneten Gesicht und dem Untertitel: während des Todeskampfes, der Verkauf geht weiter. Kein schlechter Slogan an sich. Dass aber die noch nicht einmal besonders trashige Darstellung der Realität ein Verstoss gegen die guten Sitten sein soll, stempelt den Rezipienten dümmer, als er in Wirklichkeit ist. Denn wenn ansonsten übertrieben und überhöht werden darf bis life style zu Comic mutiert, ist es kaum verständlich, dass die Realität sittenwidrig sein soll. Welche Vorstellung von Wirklichkeit haben die Richter des BGH bei ihrer Entscheidung gehabt? Das Leitbild, dem gefolgt wurde, ist die bürgerlich-liberale Vorstellung des Wettbewerbs einerseits und der Glaube an die hiermit verbundene Informationserlangung des Konsumenten durch die Werbung andererseits. Das Stichwort lautet hier bürgerlich-liberales Verständnis des Kommunikationsprozesses. Demnach ist das Risiko der demokratischen Staatsform nur tragbar, wenn die Staatsbürger informiert sind und so das gesellschaftlich “Richtige” im politischen Prozess zum Durchbruch kommt. Unrichtige und wahrheitswidrige Aussagen sollen aus dem politischen Prozess herausgehalten werden, um Exzesse bei der Meinungsbildung zu unterbinden. Hat eine Meinungsäußerung nichtpolitischen Charakter, minimiert sich der Schutz der Äusserung, da sie nicht dazu beiträgt, die zum Meinungsbildungsprozeß notwendigen Informationen beizubringen. Werbung hat keinen politischen Inhalt und ist daher nicht in dem Maße schützenswert. Gibt die Werbung dem Konsumenten falsche oder überzogene Informationen, und dazu gehört auch die unsachlich gefühlsbetonte Werbung im Gegensatz zur sonstigen life-style Werbung, ist sie nicht leistungsbezogen und verstösst gegen die guten Sitten. Warum aber kann dann unsachlich gefühlsbetonte Werbung den Konsumenten irritieren? Agentur bilwet beschreibt das in einem anderen Zusammenhang so: Die Sicherheit ungestörten Konsums bedeutet, dass es nie mehr Probleme geben wird. Das unschuldige Bewusstsein zeichnet sich durch eine bekennende Kleinlichkeit aus, welches ein Universum heraufbeschwört, in dem persönliche Irritationen (…) einen Anschlag auf die unschuldige Existenz bedeuten. Man wird in Sachen hineingezogen, mit denem man nichts zu tun haben will. (…) Die Angst hinter der (organisierten) Unschuld ist die vor dem Unerwarteten und Sinnlosen. Das ist letztendlich der Grund, warum gefühlsbetonte Werbung bei der Verknüpfung mit einer jeden überzeugenden sozialen Aussage nicht geschaltet werden darf. Eine explizite soziale Aussage lag bei der Benetton-Kampagne aber gar nicht vor. Es wurde kein Appell: das ist böse, helft den Aids-Infizierten, nehmt die ölverschmierte Ente doch mal in den Arm oder ähnliches abgedruckt. Gezeigt wurden nur die für sich genommen neutralen Bilder plus das Logo von Benetton. Die Bilder waren aus dem Zusammenhang der Nachrichten gerissen und in den vermeintlich falschen Zusammmenhang der Werbung geschmissen worden, stellten also eine Art von visuellem DJ-ing dar. an der dafür vorgesehenen Stelle erhebe ich meine Stimme das ist soziale Marktwirtschaft langweilig wird sie nie Verkauft werden sollte eine Diskussion über den sozialen Bedeutungsgehalt des Dargestellten. An diesem Punkt setzt nun ein neues Verständnis von Kommunikation ein, das langsam auch in juristische Hirne Einlass zu finden scheint. Denn wenn man bei der Frage, was falsche und was richtige Realität sein soll, nicht weiter kommt, kann man auch allgemeiner fragen: gibt es überhaupt noch einen Unterschied zwischen politischem Diskurs, kultureller und kommerzieller Kommunikation (Pop/Politik/Produkte)? Wer was in welchem Zusammenhang sagt, ist ansonsten von entscheidender Bedeutung. Ob der politische Diskurs im Parlament abgehalten wird oder nicht, entscheidet z.B. über Immunität und Indemnität, d.h. die strafrechtliche Verfolgbarkeit der Parlamentarier; die Kunstfreiheit zieht andere Grenzen als die Pressefreiheit, die Pressefreiheit ist anders einschränkbar als die einfache Gewerbefreiheit. Aber: wo ist der Unterschied zwischen der von Mercedes-Benz gesponserten Kunstausstellung im Foyer des Bundestages und dem Verkauf von Beuys-Postkarten mit dem Aufdruck Demokratie sei lustig und den ästhetisch wirken sollenden schwarz-weiss Bildern eines Gerhard Schröder in Brioni Anzügen? Lehnt man es ab, eine Unterscheidung zwischen Pop/Politik/Produkte als Äusserungsform zu akzeptieren, weil sie eh Hand in Hand gehen und sich so überschneiden, daß sie kaum voneinander zu trennen sind (egal ob man das jetzt begrüsst oder nicht, ist ja alles so komplex heute), erwachsen in der juristischen Argumentation neue Schwerpunkte. Sollten sich die Verfassungsrichter für diese Auffassung von Kommunikation entscheiden, könnten sie so den Weg für eine neue Art von extremem social-image-advertising ebnen, das mehr gesellschaftspolitische Aussagen enthalten könnte als 10 Monitor-Sendungen und Spiegel-Ausgaben zusammen, alle Art Directoren Deutschlands könnten endlich ihr permanent schlechtes Gewissen in großflächigen Bildern beruhigen und den Zug für eine neue Aufklärungskampagne starten. was Liebe nicht zu Stande bringt das schafft die Dummheit das ist der Satz bei dem ich bleibe Und vielleicht werden die Richter des BGH doch noch eines morgens aufwachen und feststellen, wie frisch die neue Lätta wirklich schmeckt. Ob eine Norm- und Wertepolitik durch das Verbraten von Image-Transfers einfach zynisch oder nur Rhetorik einer langweiligen Popper-Polemik ist, ist eine andere Frage. Ob dann in der Zeit der Neuen Mitte überhaupt noch ein Interesse besteht, Klischees zu knacken und verkappte Zeigefingerpolitik anzuzetteln, eine noch andere. Der Bastard wird in aller Unschuld zu einer werbe-ästhetischen Kategorie heranwachsen können: “The United Bastards Of Benetton” (agentur bilwet).

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Elektronische Lebensaspekte.