Die Medienrevolution findet doch noch statt: Aus Konsumenten werden Produzenten, übersichtliche Datenbanken treten die Nachfolge der TV-Sender an und die Werbeeinnahmen landen zuverlässig immer bei Google.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 103


Eine besonders drollige Pirouette der permanenten, globalen Kommunikationsparty illustriert derzeit recht plastisch, wie bewegte Bilder zukünftig erzeugt, distribuiert und vermarktet werden: Die Site Googleidol.com funktioniert wie pures New-Economy-Voodoo, zählt die Nutzer nach zwei Monaten schon in Millionen und der australische Betreiber kann sich über einen soliden Hype in europäischen Massenmedien freuen. Dabei ist die Idee zur Seite alles andere als neu oder weltbewegend, vereinfacht gesagt, ist Googleidol nichts weiter als ein Wettbewerb um das dämlichste Playback-Video abgedroschener Popmusik: Die in der Regel jugendlichen Teilnehmer können in den zwei Kategorien “Music Video” und “Webcam Video” antreten, indem sie sich zum Lied ihrer Wahl möglichst lippensynchron vor der Digicam zum Löffel machen – wobei die Einreichungen in der Webcam-Sparte ungeschnittenes und auch sonst unbearbeitetes Material sein müssen, bei den “Music Videos” darf der digitale Bastelkeller nach Belieben genutzt werden. Der Googleidol-“Talent-Scout” – also die Freundin des Site-Betreibers – sichtet die bis zu 20 am Tag eingeschickten Videos und trifft eine Vorauswahl für die laufenden Wettbewerbe. In diesen treten dann jeweils acht Videos um die Gunst der Surfer an, nach drei Abstimmungsrunden im K.o.-Prinzip bleibt eins übrig, dessen Schöpfer einem lausigen Preis (Gratis-Domain für ein Jahr) und vor allem den vergänglichen Ruhm als “Gidol” oder Netzdepp der Woche bekommt.

Links statt Großproduktion
Auch wenn man unter einem geglückten Video-Konsumerlebnis etwas anderes versteht, als pixelig gefilmte, schlecht ausgeleuchtete Teenager am Rande des Nervenzusammenbruchs zu beobachten, ist der Erfolg von Googleidol bemerkenswert, und zwar zunächst ob des libertären Effektes, die hierarchische Einwegkommunikation des Fernsehens durch ein (wenn auch stark asymmetrisches) Netz aus Sendern und Empfängern zu ersetzen. Des weiteren ist die Produktions- und Verwertungsstruktur interessant, wobei der direkte Vergleich mit dem internationalen Franchise-TV-Format “Pop Idol” (hierzulande “Deutschland sucht den Superstar”) erhellend wirkt: Die jeweiligen Käufer der Pop-Idol-Lizenz für ein Land müssen ihren Inhalt immer noch mühsam mit Castings und nach den detaillierten Vorschriften des Lizenzvertrages aufwendig produzierten TV-Shows selbst herstellen, was naturgemäß mit einem immensen Aufwand an Kapital und Arbeit verbunden ist. Googleidol bekommt dagegen seinen Inhalt fix, fertig und vor allem gratis in die Mailbox geliefert – einzig der Geltungsdrang der Teilnehmer als Initialantrieb verbindet hier noch das TV- mit dem Web-Pendant. Im Fernsehen kommt nach der Herstellung als nächster Schritt die Verbreitung des Materials via terrestrischer und Satelliten-gestützer Ausstrahlung sowie der Einspeisung in Kabelnetze, was wiederum Kosten und Arbeit verursacht. Googleidol löst das Distributionsproblem dagegen mittels banaler und extrem billiger Verlinkung: Die Videos kommen nämlich schlicht von Googles Video-Service, auf den jeder beliebige Filmchen hochladen kann, solange er nicht zu dreist mit dem Urheberrecht hantiert. Googleidol muss also auf seiner Site nur eine überschaubare Anzahl kleiner Bilder und die Abstimmungsfunktion unterbringen, letztendlich besteht sie damit im Kern nur aus gewichteten Verweisen – und außer der Arbeit entstehen so gut wie keine weitereren Aufwendungen für Herstellung und Vertrieb. Logisch geht das Prinzip auch bei der Verwertung weiter: Die TV-Show muss Werbeplätze, Mehrwertnummern und CDs verkaufen, Googleidol finanziert sich mittels – Überraschung – Google-Ads, was den Kreis schließt und erklärt, warum der Konzern sich über eine Site freut, die eigentlich mit kostenlosen Google-Ressourcen hohe Nutzerzahlen generiert.

Wunder im Remix
Der Budenzauber vom Neuen Markt funktioniert demnach plötzlich doch noch: Ein 27-jähriger Australier (Ben Petro) hat beim Stöbern im Netz eine blöde Idee, stellt eine magere Seite mit gewichteten Links auf andere Sites online, zwei Monate später fängt er an Geld zu verdienen und bekommt außerdem weltweit Props für seine Pfiffigkeit. Smart organisierte Datenströme machen reich und berühmt. Aber während das Prinzip vor fünf Jahren dummerweise nur als Pyramidenspiel an den Börsen geklappt hat, findet jetzt eine echte Wertschöpfung statt, zwar noch in einem bescheidenen Rahmen, aber es dürfte noch Aufmerksamkeit für hunderttausend weitere “Sendungen” wie Googleidol übrig sein – im Sinne des Web 2.0-Credos, dass die Masse des Angebots für eine Sparte entscheidend ist und nicht der punktuelle Massenerfolg. Die Online-Erben der klassischen TV-Marken (Sender, Serien, Formate) müssen also nur noch ein Problem erfolgreich lösen und zwar die eigentlich zentrale, aber im TV-Betrieb oft vernachlässigte Sache mit der guten Idee. Im Fall von Googleidol sind dies in erster Linie der Name und die schnörkellose Umsetzung eines nicht sonderlich originellen, nicht sonderlich frischen Wettbewerbs. Der Name ist dabei so dreist und so naheliegend, dass er funktionieren musste, ein sauberer Marketing-Hieb auf die Zwölf und die erste Voraussetzung für die Verbreitung der Adresse auf den üblichen dezentralen Kanälen. Die einfache und funktionale Umsetzung einer eingängigen Spielidee geht erfahrungsgemäß proportional zur vermeintlichen Simplizität in die Hose, aber auch hier hat Petro keine Fehler gemacht, inklusive der goldenen Web-Regel, dass Sites am besten funktionieren, wenn das Geschehen teilweise vom Betreiber diktiert und der Rest von den Nutzern entschieden wird: Die persönliche Vorauswahl der Videos ist also sowohl inhaltlich als auch für das Nutzergefühl extrem wichtig: Mitmachen will der Surfer nämlich nur innerhalb konsistenter und halbwegs überschaubarer Strukturen. Und nachdem Googleidol als wohlformulierte Idee im Netz stand, waren aktive Werbemaßnahmen obsolet, weil die schnatterfreudigen Nutzer die Adresse ohne weiteres Zutun verbreiten – und wenn klassische Massenmedien wie “Spiegel TV” ebenfalls berichten, übernehmen sie weniger die Meinungshoheit, sie werden vielmehr zu einem besonders dicken Knoten auf der Karte des viralen Spiels. Dessen Potential steht immer noch am Anfang, was wir heute zu sehen bekommen, sind lediglich die ersten spürbaren Auswirkungen einer Entwicklung, die die Aufmerksamkeits-Ökonomie völlig neu ordnen wird, während Übertragungsbandbreiten und Speicherplatz tendenziell kostenlos zur Vefügung stehen.

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Elektronische Lebensaspekte.