Westbam theoretisiert sich zum großen Technoimpersonator neben Väth und Hell. Anders als Ajurveda-Sven und Electrocash-Hell hat Westbam es bis heute ausgehalten, Techno einfach Techno sein zu lassen. Aber auch sein neues Album "Right on" klärt nicht die Frage, ob sein Techno überhaupt Techno ist. Reicht es, laut "Ja" zu rufen?
Text: Alexis Waltz/ Aljoscha Weskott aus De:Bug 65

Und Geschichte warf endlich seine wohltuenden Schatten, so als könnte man Walter Benjamin ein “So wird’s gemacht” entlocken, zumindest nachträglich ein freundliches Nicken über ein scheinbar perfektes Übereinkommen vernehmen: das von Demokratie und Massenkultur. Denn hieß es 1997 etwa nicht, sträucherschützender Fascho-Opa, geh mir aus dem Licht? Später dann der Merve-Band für unterwegs, Bernhardtscher Text und Luhmannsche Selbstversuche an einem Pool in Chicago und im Zentrum dieser Kultur immer wieder die Sprechmaschine Westbam, dahinter immer kurz vorm Verschwinden die Aufschreibemaschine Goetz. Und eigentlich sollte das der textuelle und musikalische Höhepunkt dieses ästhetischen Ensembles gewesen sein. Denn kurz danach brach diese so grausam als Raving Society titulierte konkrete Idee irgendwie zusammen: Kam der Bruch, als der Kohl wusste, es wird geravt, wie Westbam sagt, und etwas NEUES passieren musste? Doch welchen Bruch fokussiert darin eigentlich Westbam? Den musikimmanenten oder den diskursiven? Eine Disco im Kopf ist nun entstanden, ein fast subjektivistischer Entwurf mit Elektrosmog-Kopfschmerzen, weil Gemeinschaft plötzlich noch schwieriger zu denken und zu praktizieren ist. Solidaire or Solitar? Schröder oder Stoiber? Sind das die wichtigen Fragen? ”Right on” geht einen anderen Weg: Geradeaus und mittenrein – YO. Und was denken sie, Alexis?

Alexis Waltz
Aber noch mal von Anfang an: Was ist von einem DJ zu halten, in dessen Sets alle Tracks klingen wie von ihm selbst? Um die Figur Westbam existiert ein seltsames Vakuum: Auf Low Spirit und verwandten Labels erscheinen zum größten Teil Lizensierungen mit längst bekannten und abgefeierten Tracks, man organisiert Raves, wo man niemanden kennt, der erzählen könnte, wie sie waren. Nach Berlin, Charlottenburg ist es ein weiter, trostloser Weg, in umgekehrter Richtung offenbar auch.
Dann kam ”Right On“. Überall war klar, dass man Westbam und dem Album eine große Aufmerksamkeit einräumt. Und dann gab es doch einen starken Widerstand, sich mit dem Album tatsächlich zu befassen, die übliche Signifikationsmaschinerie in Anschlag zu bringen. Das ist das erste geile Moment: Westbam gelingt es, in der perfekt geölten Feuilleton-Maschine eine Leerstelle zu erzeugen. Diese Leerstelle heißt Techno, immer noch, immer wieder. Stuckrad-Barre konnte nichts Analytisches zu ”Right On“ sagen, weil seine Textpraxis über Distinktion, Denunziation und Dissing funktioniert, das Eine, Geile, der Kick gar nicht beschreibbar ist. Die Begriffsperson Westbam ist einem Pop-Feuilleton nicht (an)greifbar: Ihm etwa vorzuwerfen, er produziere seine Tracks nur gemeinsam mit Klaus Jankuhn, würde bloß künstlersubjektsmäßige Autonomie einfordern. Ihm die bigbeathafte Schwerfälligkeit seiner Grooves vorzuwerfen, wäre treffender, aber das ist wegen des Festhaltens am geilen initialisierenden Konzept okay. Die Früh-/Mittachtziger-HipHop-Beats wurden einmal in Techno umgewandelt, dann waren sie perfekt: Bassdrum-Glück gegen Subkultur-Progressions-Geschichtsschreibung. ”The W“: Man muss sich zur Begriffsperson, zum Medium für eine Sache machen, wenn es möglich ist. In der Technoprogrammatik Westbams wäre deren Brechung, Dekonstruktion drangehängt. Denn es gibt kein ”und“.

”Right On” klingt unglaublich überproduziert, aber das ist zwingend, wenn es möglich ist. Es geht darum, ja zu sagen, ein einfaches Ja ohne Einschränkung, Aufschub, Versprechen. Westbam ist bei dieser einfachen Aussage, die man einfach nicht zurückweisen kann, geblieben, hat sich von dieser Position aus immer wieder anderen Kontexten angenähert. Über Jahre und Jahrzehnte sind die anderen irgendwann ”Musiker“ geworden, haben irgendwelche ”Interessen“ entwickelt, aber Techno ist eigentlich keine Musik, sondern das physische ”Ja“. Väth etwa entdeckte das Trippige, Hell die kleine eigene Geschichte. Westbam besaß als einziger die Strenge, im positiven Nichts der Bassdrum, der Hookline zu verharren, und hat diese extrem fest im Auge gehaltene Idee immer wieder auf die jeweilige Gegenwart bezogen. Es geht nicht um künstlerische Kreativität, die man ja nicht mehr braucht, nachdem man den Technogedanken einmal gedacht hat. Westbam ist nie Musiker im klassischen Sinn geworden. Das ist niemand anders gelungen. Vielleicht produzieren The Advent oder das Label Cliq bessere, einfallsreichere, kreativere Technotracks, aber sie haben es nicht geschafft, das Projekt Techno so bedingungslos, ohne Kommentar, zu promoten. Die erste ”Mayday“-Hymne klingt wie ein ”Strings of Life“, bei dem alles weggelassen wurde, das die Massen eh nicht mitschneiden. Westbam ist von dem einen geilen historischen Moment des Mauerfalls ausgegangen, dessen Getrenntheit von der anschließenden Nationalisierung Rainald Goetz in seiner akribischen Materialensammlung ”1989“ nachgewiesen hat. Dieses Moment von radikaler Deterritorialisierung ist auf ”Right On“ wieder sehr stark hörbar, es ist eine Explosion, aus der Westbam immer noch schöpft. Und im Reden über das einst Produzierte und einst Aufgelegte gibt es nichts, was sich der einfachen begrifflichen Historisierung entzieht, keine Schleier des Geschichtlichen. Vielmehr kann die Frage, warum jenes oder dieses damals entstanden ist, einfach und präzis beantwortet werden. ”Right On“ wirft alles Gesagte dann um, weil es ja schon um etwas wie musikalische Konsistenz geht, und trotzdem funktionieren die dann jetzt doch musikalischen Ideen als die eine Idee, ein Punsch. Nena und Oldschool haben nichts miteinander zu tun, Westbam und Nena ebenso wenig. Westbam gelingt es, das, was nicht zusammen passt, zusammen funktionieren zu lassen, ohne eine Geschichte zu erfinden.

DEBUG:
Ist ”Right On“ als “Manifest in Time” zu verstehen, als eine Bestandsaufnahme oder tatsächlich als Gegenentwurf?
WESTBAM:
Gegenentwurf ist etwas irreführend. Ich wollte nicht noch mal zu dem zurück, was ich vor fünf Jahren gemacht habe, eher zu dem, was 1989 “The Cabinet” war. Damals gab es noch nicht die Community oder Clubszene, von der man heute sagt, für die macht man das. Die Tracks damals waren ausgedachte Disco, ich hatte keinen konkreten Kontext vor Augen, in den die Musik reinpassen sollte. Das ist wieder die Situation heute. Für Tanzmusiken ist es eine selten angewandte Methode, sie nach innen gerichtet entstehen zu lassen. Meistens denkt man aus einer Situation heraus. “Right On” ist Disco im Kopf, die Disco, die ich erfinden will. Ich sage natürlich nicht: Leute, jetzt habt ihr die Disco im Kopf, jetzt könnt ihr zu Hause bleiben. Es geht darum, für mich persönlich, im Rückschritt auf mich, musikalisch etwas auszuhecken und dadurch mein eigenes DJ-ing, meine Vorstellung von Tanz-Kultur zu beeinflussen. Man geht auf sich selbst zurück, denkt sich was aus, und das wird als Input in den sozialen Kontext reingegeben. Ich versuche, mir selber dazu den Club auszudenken.

DEBUG:
Man begibt sich in Klausur, um einen Masterplan entwickeln zu können?
WESTBAM:
Genau. “Ravende Gesellschaft” war der Versuch, das Techno-Ding zu nehmen, es als Populär-Ding zu erfinden. Techno ist etwas, was die ganze Gesellschaft erschüttert – dieses Versprechen sollte eingelöst werden. Wo der Helmut Kohl weiß, da wird geravt. Jeder hat es mitgekriegt. Die ganze Gesellschaft hat es für sich vereinnahmt, es ist Teil von ihr geworden. Dazu verhält sich “Right On” als Gegenentwurf.

DEBUG:
Der Bezug zu “The Cabinet” von 1989 ist interessant, weil ich bei “Right On” immer wieder an den Mauerfall und die Zeit kurz danach denken musste, an diese Erfahrung von Freiheit, an diesen unglaublichen Zuwachs von Möglichkeiten: Das Bewusstsein, dass jetzt plötzlich viel, viel mehr möglich ist.
WESTBAM:
Absolut. Auf dem letzten Album existierte das schon als Idee: dass es um die Befreiung von sich selbst geht. Jetzt geht es darum, die Freiheit auch wirklich zu nutzen, um strenger, gezielter zu sein. Jetzt ein sehr diverses Album zu machen, auf dem ich den Leuten zeige, was ich alles kann, wäre für mich völlig uninteressant. Diese Befreiung zeigt sich auch dadurch, dass man wieder etwas Strengeres machen kann. Viele reiten auf dem Technobegriff von Mitte der Neunziger herum, der sich damals schon erschöpft hatte. Doch für mich wird es eigentlich erst spannend, wenn sich jemand von den Regeln der Technowelt befreit.

DEBUG:
Wie würdest du diese Befreiung für dich selbst als Künstlerfigur, als Star, als Performer beschreiben? Was strebst du an?
WESTBAM:
Eben nicht das klassische Modell des Technokünstlers zu verkörpern, der sein so genanntes Ding durchzieht, bei dem alles schon vorher feststeht. Mein Ding ist es eben, dass ich etwas entwickeln will, dass ich was erleben will. Dass ich irgendwas machen will, was ich nicht geplant habe.

DEBUG:
Wie würdest du dieses Mehr beschreiben, das du vom klassischen Technokünstler einforderst?
WESTBAM:
Meine Vorstellung des Künstlers ist es, dass er nicht nur sagt: Ich spiele meine Musik, das ist mein Köfferchen, ich kenne auch schon die Reihenfolge der Platten und ansonsten habe ich nichts weiter zu sagen. Zu meinem Verständnis des Künstlers gehört es, dass er seine Idee auch erklären und als Musiker, DJ, Performer und Mensch verwirklichen kann. Und dass er auch eine Vorstellung davon hat, wie sie als Video umgesetzt werden könnte, wenn’s um Videos geht. Und dass er als Politiker handelt, wenn es darum geht, seiner guten Sache zum Sieg zu verhelfen. Ich habe die Texte für die Hülle der neuen CD geschrieben, das Schreiben gehört für mich auch dazu. Künstler sein heißt für mich Ideen haben, Ideen umzusetzen und ein Gefühl dafür zu haben, in welche Richtung es weitergehen könnte. Für dieses Verständnis ist die Zeit plötzlich reif. Ich habe auch persönlich das Gefühl, ich kann viel mehr machen als vor einigen Jahren, ich kann meine restlichen 90% auch noch ins Spiel bringen. Von daher bin ich euphorisch im Bezug auf die heutige Zeit. Man redet vom Ende von Techno. Für mich geht das Abenteuer gerade erst los.

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Elektronische Lebensaspekte.