”No more fucking Rock'n'Roll" posaunte Westbam vor 10 Jahren. Dass er sich jetzt eines anderen besonnen hat, bekommt seinem Ruf als Visionär nicht gerade gut.
Text: Harald Peters aus De:Bug 95

Zug verpasst
Westbam spielt Gitarre

Die drängendste Frage, die sich angesichts des neuen Westbam-Albums stellt,
lautet: Warum? Wobei das Album derart facettenreich fragwürdig geraten ist,
dass es sich um ein ganzes Westbam-Warum?-Bündel handelt – man weiß gar
nicht, wo man ansetzen soll. Dabei hat Westbam noch vor wenigen Monaten
unter seinem Decknamen Members Of Mayday das herrlich dengelnde Stück
“Prototypes” veröffentlicht, das so erfrischend altbacken klang, als hätte
es rund 14 wunderbare Jahre auf dem Buckel. Es erinnerte an eine Zeit, an
die man sich kaum noch erinnert, weshalb es irgendwie ein schönes Andenken
war. Sein neues Werk erinnert allerdings an eine Zeit, die man leider noch
bestens in Erinnerung hat, zumal die Spätfolgen und Entstellungen scheinbar
unaufhörlich bis in die Gegenwart wuchern.
“Do You Believe In The Westworld?”, so der fragende Titel des unseligen
Werks, ist gewissermaßen Westbams künstlerische, inhaltliche und auch
konzeptuell überflüssige Auseinandersetzung mit Electroclash, die – und das
kommt noch erschwerend hinzu – auch ästhetisch unbedingt unerfreulich
geraten ist. Nicht, dass hier der recht erhebliche Einsatz von Gitarren zu
bemängeln wäre, es ist vielmehr die dumpfe Art des Einsatzes zu bemängeln,
die auch noch so tut, als hätte es vor Westbam noch keiner getan. Aber
falsch! Viele haben es getan, und die meisten haben aus gutem Grunde schon
wieder damit aufgehört.
Wenn das Album also überhaupt zu etwas taugt – man ist ja immer bemüht, das
Gute zu sehen –, dann als ein hervorragendes Beispiel für schlechtes Timing.
Wäre es vor zwei Jahren veröffentlicht worden, hätte man es zwar nicht als
musikalische Offenbarung aufgenommen, aber immerhin als nettes Experiment.
Es ist ebenfalls möglich, dass es in etwa zehn Jahren einen gewissen
abseitigen Reiz entwickelt. Aber jetzt, im August 2005, ist es nicht
vielmehr als der peinlicher Versuch, sich mit Schwung hinter einen Zug zu
werfen, der schon längst über alle Berge ist. Selbst die zugegebenermaßen
recht originelle Idee einer Trance-Version von Velvet Undergrounds altem
Gassenhauer “Sunday Morning“ reißt es da leider nicht raus.

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Elektronische Lebensaspekte.