Die Großwetterlage rund um Cloud-Musik, Streaming und Musikabos
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 160

Für eine Weile schien es, als sei mit dem MP3 alles gesagt. Wir haben das bestimmende Musikmedium, an dem sich alles ausrichten wird, für mindestens die nächsten Jahrzehnte gefunden. Der lästige Kampf um das Format braucht uns erstmal nicht mehr zu interessieren. In Wirklichkeit aber hat er sich nur verlagert. Die neue Direktive heißt Cloud-Musik, Musikstreaming, Musikabo und greift ausnahmsweise mal nicht das Fundament des Formats an, sondern die Art und Weise wie wir – oder ob wir – Musik kaufen.

Bislang war es, egal wie viel Verwirrung und Panik die digitale Verschiebung ausgelöst hat, relativ einfach. Es gibt Musik in Stücken – Singles, EPs, Alben, Tracks. Und wir kaufen Musik, die uns gefällt, in Stücken, so wie Kuchen beim Bäcker. Oder treiben uns eben auf den Nachbeben der Filesharing-Welle rum, posten YouTube-Videos und Soundcloud-Links auf Facebook und füllen unsere Handys mit allem, was irgendwie zu bekommen ist. Jetzt soll es noch einfacher werden. Die zahlreichen Musikstreaming-Dienste, die zur Jahreswende angetreten sind, versprechen alle eins: zum Preis eines (billigen) Albums im Monat alle Musik der Welt hören dürfen. Mehr Dumping geht kaum. Deezer, Rara, Rdio, Simfy, Juke, Napster und Sony sind schon da mit solchen Angeboten. Spotify und einige andere werden noch folgen. Musik nicht mehr kaufen, sondern zum Streamen lizenzieren, das hält zunächst mal die eigene Festplatte schlank und gibt für wenig Geld immer und überall Zugriff auf unübersehbar viel. Die Idee klingt denkbar einfach. Die Umsetzung wird von allen Anbietern oft ebenso einfach realisiert. In den Ländern, in denen solche “Services” schon länger am Start sind als in Deutschland, wurden schnell Massen ehemaliger Käufer zu Abonnenten konvertiert. Dabei folgt der Neuadept ähnlichen psychologischen Mechanismen der Verführung wie damals bei Napster. Die eigene Musikerfahrung wird zunächst mal mit erheblichem Aha-Effekt nach den Highlights der Vergangenheit durchsucht. Dann stellt man fest, wie viele der aktuellen Hits, mit denen einen die Freunde täglich zuposten, auch noch dabei sind. Irgendwann hat man die eigene iTunes-Bibliothek vergessen und steigt als Streaming-Konvertit ganz um – befreit sich von diesem Rechner-Ballast: Ordner, Files und die mühsame Verwaltung des Ganzen.

Aber Moment mal. Nichts gehört mir mehr. Ich bin nur noch Lizenznehmer von Musik. Das klingt ernüchternd. Wir sollten aber auch nicht verschweigen, dass dem immer schon so war. Selbst zu Zeiten des guten alten Vinyls verbarg sich hinter dem Kauf einer Schallplatte nie wirklich der Besitz von Musik, sondern nur eine materialisierte Lizenz zum Abspielen unter strengen Bedingungen. In den tiefsten Rillen fand sich ein eigenwillig ätherisches Konglomerat von Abspiel-, Aufführungs- und Kopier-Rechten. Musik gehörte noch nie ganz zum Bereich der Materie. In diesem Sinne könnte man die fortschreitende Entmaterialisierung von Musik, deren letzte Spitze Cloud-Musik ist, als eine (seit der Erfindung des Urheberrechts) immer schon inhärente Eigenschaft von Musik bezeichnen, vielleicht einen Antrieb, dessen wahre Verwirklichung letztendlich nur einer passenden Konstellation von wirtschaftlichen Gegebenheiten, technischen Voraussetzungen und vernetzen Grundeinstellungen bedurfte, um da anzukommen, wo wir uns jetzt ungefähr befinden.

Cloudsourcing
Unser Umgang mit Musik ist ja schon seit Jahren in einem ständig beschleunigten sozialen Geflecht aufgegangen. Bis in die hintersten Reihen der Mechanismen des Fan-Werdens, dem Zusammenkratzen von Restaufmerksamkeitsökonomie und der generalisierten Beschaffungskleinkriminalität integriert in Social Networks. Ein Spiel, bei dem die Künstler, Label und Hörer nur noch verschiedene Positionen auf dem Schachbrett des generellen Medienwandels sind und nicht mehr klar definierte Stellungen am Tresen einer kapitalistischen Gleichung aus Produktivkräften, Produktionsmitteln und Markt. Labelbetreiber kennen diese Irrealität des Musikmarktes als Geschäft seit langem, z.B. als Pfennigfuchserei von digitalen Marginalbeträgen für Downloads. Künstler als Milchmädchen-Mischkalkulation von ständig umgeschichteten Prioritäten zwischen Eigenwerbung, Selbstausbeutung und Querfinanzierungsnotständen. Die Restbestände der alten Rechnung, so und so viele Verkäufe machen so und so viele Einnahmen, schwirren noch in unseren Köpfen. So wirklich überzeugend sind sie schon lange nicht mehr. Und Cloud-Musik wird die letzten Reste dieser Gleichung noch einmal mit einem Statement aus massiven Streamingzahlen vs. minimalen Einnahmen bis zur völligen Unkenntlichkeit torpedieren.

Natürlich ist diese Bewegung auch die logische Fortsetzung unser aller Musikpraxis. Alleine hören? Das macht keinen Spaß mehr. Musik muss gepostet werden, geteilt, von anderen geliked, kommentiert, Teil der täglichen Kommunikations- und Bewertungsschwemme werden, die unser digitales Ich ausmacht. Erst dann erreicht sie – heute mehr denn je – wirklich ihren Wert und mit ihr wir selber. Und dieser Wert von Musik als Kommunikation ist in seiner Komplexität so abstrakt, dass Cloud-Musik für manche gerade durch den scheinbar einfachen Ansatz einer Rundumversorgung erstmal als Befreiungsschlag wirken kann.

Die vielen Gesichter der Wolke
Um in diesem neuen Modell von Musik durchzublicken, müssen wir aber erst einmal aufräumen in der Wolke. Prinzipiell gibt es genau zwei verschiedene Ansätze von Cloud-Musik. Dass sie in den kommenden Jahren immer mehr miteinander verschmelzen werden, macht all das nicht übersichtlicher. Zum einen kommen von den Monstern im Netz – Apple, Google und Amazon – sogenannte Musik-Locker. Zugriff auf ein Festplattenkontingent im Netz, von dem aus man dann auf allen Endgeräten seine eigene Musik hören kann, ohne sich um die Komplexitäten des Hin- und Her-Kopierens kümmern zu müssen. Dabei haben diese Online-Festplatten natürlich jeweils – als Verkaufsargument – ganz eigene Qualitäten. Apples iTunes Match z.B. frischt einem die eigene Musikbibliothek, egal welcher Herkunft, mit qualitativ guten Files auf. Und wird deshalb gerne als Generalamnestie für Filesharer bezeichnet, weil man mit 24,99 Euro im Jahr sämtliche bislang geklauten Files plötzlich legal auf seinem Rechner und dem iGeräte-Universum hat. Schon das hat die Musikindustrie und Apple ein langes Ringen um die Verträge gekostet, aber der Damm, den klassischen Verkauf und die Hardliner-Einstellung gegenüber Piraterie mit neuen Modellen aufzuweichen, schien gebrochen. Google baut zentral, entsprechend der generellen Firmen-Strategie, auf Browser und Android-Apps als Musikplayer und das an jeder möglichen Stelle gepushte eigene soziale Netzwerk Google+ als virales Bindeglied. Amazon schiebt die MP3-Einkäufe direkt in die eigene Wolke und will mit einer Mischung aus langer Tradition bei Cloud-Services und frischen Tablet-Träumen glänzen. Bei allen dürfte es nicht allzu lange dauern bis auch sie, zumindest in Mischformen, bei Modell 2 angekommen sind. Dem Musikstreamingabo.

Alle Services dieser Art sind natürlich auf dem Social Graph von Facebook aufgesetzt. Und auch die zugänglichen Musik-Bibliotheken unterscheiden sich selten groß in der Menge an Tracks, die es zu hören gibt. Ein Lizenzvolumen aus Majorplattenfirmen, Indie-Konglomeraten wie Merlin, IODA, Orchard, Finetunes. Es fehlen vor allem ein paar Generalverweigerer, frische Schichten des tiefen Undergrounds und das, was wir als das Pendant zu “Dark Fiber” in der Musikgeschichte bezeichnen könnten: Musik, die einfach im prä-digitalen Zeitalter verloren gegangen ist.

Der kleine Unterschied
Die Unterscheidungen liegen im Detail, und diese Details können den großen Unterschied machen. Wie gut ist die Facebook-Integration? Schon hier steigen ein paar der eingeführten Namen wie Napster oder Sonys Qriocity, aber auch Neueinsteiger Rara und Juke mit Social-Media-Achselzucken aus. Gibt es über Facebook hinausgehend soziale Netzwerke, aus denen man seine Freunde mitnehmen kann? Jetzt bereits eine hohe Kunst, die kaum ein Anbieter beherrscht. Oder gar ein eigenes Follower-Modell? Und wie wird mit auf dem Rechner heimischen MP3s umgegangen, lesen wir iTunes-Bibliotheken mit? Hier beweisen nur einige Player Stärke (genaue Auflistung im Überblick auf Seite 17). In der Frage nach der Kommunikation der beteiligten Endgeräte untereinander beweisen hingegen fast alle eigene Stärken. Bei der Entdeckung neuer Musik in den Apps selber werden die Unterschiede schon wieder größer, denn nur Charts oder gar Redaktionsempfehlungen der jeweiligen Plattform reichen nie. Und dann bewegen wir uns schon in Bereichen, die althergebrachte Verkaufsstrukturen wie hehre Kunst vorkommen lassen, in diesem Markt aber durchaus ein Argument sind. Soundcloud hat es gezeigt: Inwiefern ist der jeweilige Service selber wieder Plattform und erlaubt Mashups und Apps intern? All diese minutiös ausgeklügelten Strategievarianten und gelegentlich auch Vernachlässigungen der einzelnen Services machen aus dem scheinbar überall gleichen Angebot ähnlicher Mengen von Songs und nahezu identischen Preisen in der Welt der Musikabos aus dem kleinen Unterschied plötzlich völlig andere Welten.

Und genau dort sehen sie zurecht ihren USP, den letztlich entscheidenden Lockfaktor für genau diesen Service und keinen anderen. Die Verdienstmargen sind dabei pro User denkbar klein. Rentieren wird sich das nur für diejenigen, die fähig sind, mindestens Dritter auf dem Weltmarktmusikabogetümmel zu werden. Es sei denn, sie verfolgen eigentlich irgendeine Quersubventionsstrategie für ihre Hardwarebranche (denkbar z.B. bei Sony und Apple). Warum einen genau das interessieren sollte und man nicht auf ein Pferd setzen möchte, das man später einfach gegen ein besseres neues austauschen kann? Nach Jahren eigener Landvermesserarbeit im Millioneninventar der Musikwelt zur Erstellung eigener und geteilter Playlisten wäre ein Verschwinden genau des Services, auf den man gesetzt hatte, ungefähr so katastrophal wie das Verschwinden der Hälfte der eigenen Freunde auf Facebook. Oder – für OldschoolFreunde formuliert – die öffentliche Verbrennung der eigenen Mixtapes aus Jahrzehnten. Ein soziales Desaster. Und man selber ist ja schließlich immer nur ein Teil dieses Sozialen. Dataportability ist in diesem Sektor bislang kein Thema. Vielleicht lässt sich das aber sogar eher lösen, als das gravierendere Problem der Unvereinbarkeit verschiedener Dienste. Denn wer auf Wolke Nr. 9 schwebt, für den bleiben Freunde auf Wolke Nr. 8 bislang halbwegs stumm.

Die nächste Wetterfront
Die nächsten Stufen dieser Evolution der Vergeistigung und kompletten Einbettung von Musik in kommunikative Strukturen blitzen schon am Horizont. Bislang wird dieser Kampf an der Grenze zwischen Musik besitzen und Musik streamen ausgetragen. Technische Gegebenheiten wie Speichermangel und eine lausige Datenübertragungsgeschwindigkeit machen den massiven Austausch zwischen verschiedenen Geräten im Moment noch zur Qual. Diese Grenze wird jedoch immer schneller zum Scheinfaktor dank rasant sinkender Festplattenpreise und -größen und ständig steigender Datendurchsätze drahtloser Verbindungen. Die Verschmelzung, die Unkenntlichkeit dieses Gegensatzes, dürfte zum Zusammentreffen der beiden oben erwähnten Modelle von Cloud-Musik führen und der Menge an frei verfügbarem Speicher aber auch der Definition, was frei in dieser Hinsicht genau bedeutet, eine entscheidende Rolle zukommen lassen. Genau dann wird nicht mehr nur die Musik, sondern alle wichtigen Medien auf nur einer Wolke, in nur einer App, als Argument ins Spiel kommen. Ganz ähnlich wie das Modell iTunes, wo man von Musik über Podcasts, Videos, Bücher und nun bei Apps gelandet ist.

Eine weitere Wandlung dieser Wolke, die Facebook jetzt mit ihrer neuen “Listen With Friends”-Funktion entern möchte, ist Realtime. Gleichzeitig im Netz etwas erleben, zusammen Musik hören, ist ein kleines, aber wichtiges Argument für Kommunikation, denn bislang beschränkt die sich auf zeitversetzte, Review-artige Strukturen. Der Erfolg von Turntable.fm war in dieser Hinsicht richtungsweisend, da nur so aus Musik auch wieder ein Spiel werden kann, nicht mehr nur ein “reden über”. Die Frage ist auch nicht ob, sondern wann Hawtin seine Sets gleichzeitig als Facebook-Plaudereien streamen wird und die virtuellen Decksharks ihm in die Platten greifen. Überhaupt: Streaming ist keine Einbahnstraße. Der gesamte Komplex von Sender und Empfänger ist in den bisherigen Cloud-Musik-Realisationen rings um die Metapher der Playlist aufgebaut, und somit essenziell indirekt. Zusammen durch die Straßen ziehen und die gleiche Musik hören ist nur dann wirklich etwas Gemeinsames, wenn man die gleiche Musik auch tatsächlich gleichzeitig hört. Dabei sollte es kein Zwang sein, mit der Nabelschnur zweier Kopfhörer aneinander gebunden oder am selben Ort zu sein. Und natürlich ist ein massiver Ausbau der Geodaten vorhersehbar, die bislang nur selten in Geo-Playlisten auftauchen, wie: Was hören Menschen in deiner Nähe? Aber eben nicht als Lösung der unserer hyper-transparenten, Stalkeranteilnahmegesellschaft wesentlich näher liegenden Frage: Wo bist du? Kann ich mithören?

Haifischtümpel
Der große Lizenzbaustein, der für die weitere Entwicklung fallen muss, ist die Einbindung und Gleichwertigkeit im Streaming der eigenen Musik jenseits beschränkter Bibliotheken. Die Aufhebung eben dieses Gefühls, ständig um die Grenze des Erlaubten herum navigieren und sich auf einen, wenn auch auf massiver Breite nivellierten, Musikgeschmack einigen zu müssen. Diese Entwicklungen können nur von Cloud-Musik vorangetrieben werden. Wir freuen uns auf die langsame Verschiebung der Lizenzmodelle und den Haifischtümpel nachrückender Startups, die nach und nach von diesen Wellen verschluckt werden, oder ihr eigenes Terrain in diesen offenen Fragen abstecken. Und dann wird sich auch mal zu Recht die Frage stellen lassen: Warum zahle ich ein Medien-Cloud-Abo mit direkten Lizenzabgaben an all die, die mir etwas wert sind, und zusätzlich GEZ mit indirekten Abgaben für die Subventionierung einer immer weniger existenten Restmasse, der immer noch Gläubigen der Religion der Massenmedien aus dem letzten Jahrhundert?

Die folgenden Szenarien der Musik-Cloud-Meute: Du kommst in eine Bar, in der du die meisten Follower hast, also wird als Nächstes auf deine Musik geswitcht. Im Supermarkt läuft genau die Musik, auf die sich alle Anwesenden einigen können, denn nur dann will man gar nicht mehr aufhören, einzukaufen. Als DJ hat man jederzeit Überblick über die von der Crowd am meisten geliebten Tracks und kann darauf eingehen oder nicht. Die Videowerbung um uns herum hat plötzlich eine fast verdächtige Nähe zu den eigenen Vorlieben. Vermutlich dürfte ein nicht geringer Anteil der Einnahmen von Cloud-Musik-Services in Zukunft aus tagesaktuellen und regional exakt eingrenzbaren Marktdaten bestehen, und wer damit am profitabelsten umgeht und die Untiefen der Privatsphäre dabei dennoch am besten umschifft, dürfte am Ende die Nase vorn haben.

Fotos & Konzeption: Rachel de Joode
Assistentin: Anna Massignan
Model: Jule @ Pearlmanagement

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