Von Grundschulenbuddys zu unberechenbarem transkontinentalem Kuddelmuddel. Von Skam zu Sonig. Vom Probekeller zum DVD Studio. Und doch bleiben Wevie Stonder unsere liebste elektronische Krabbelgruppe.
Text: Eric Mandel aus De:Bug 94

WEVIE STONDER // Die Trojaner von Brighton

Bank Holidays stehen vor der Tür, und wie üblich sind die Londoner über Brighton hergefallen. Dementsprechend brauchen wir den besseren Teil einer Stunde, um in der völlig überlaufenen Heimatstadt von Wevie Stonder einen Parkplatz zu finden. Nachdem die Suche in Strandnähe endet, lotst uns Nichtautofahrer Al, Gründungsmitglied und Chefprogrammierer der Band, in Richtung seiner Souterrainwohnung, um die Band als Interviewpartner zu vertreten. Die meisten Kollegen sind im Ausland unterwegs: Nadir al-Bramir beleuchtet eine Theaterproduktion in Nashville, Tennessee und ist mittlerweile, ebenso wie Henry Sargeant, nach Hamburg gezogen. Einer zügigen Abwicklung der Promotion ist damit zwar nicht wirklich gedient – von Proben und Produktion ganz zu schweigen – aber die Menschen Brightons und Wevie Stonder im Speziellen haben ohnehin ein weitaus stressfreieres Verhältnis zur – in London ungleich kostbareren – Zeit. Wir reden hier immerhin von einer Band, deren erster Auftritt auf das Jahr 1992 datiert, der zweite erst auf dem Sonar Festival 2000 stattfand. Deren Hauptmitglieder sich noch aus der Grundschule kennen und die ihr erstes Tape “veröffentlichten”, indem sie es in die örtliche Leihbibliothek stellten und warteten, was passierte. “Tatsächlich weiß ich nicht, ob es bis heute jemand ausgeliehen hat”, schmunzelt Al, während er Tee mit Milch serviert. “Wir haben einfach weitergemacht wie bisher.” “Das heißt”, ergänzt No. 5, der dazugestoßene mysteriöse fünfte Mann, wie er mittlerweile vor allem in Japan mystifizierend genannt wird, “immer wenn genug und ausreichend betrunkene Leute in einem Raum waren, wurde Musik gemacht. Und was immer dabei rauskam, war, nachdem wir uns mal an einer missglückten Coverversion von ‘I Just Called To Say I Love You’ versucht haben, Wevie Stonder.” Erst zur Jahrtausendwende hat bekanntermaßen mit Skam ein Label auf die doch irgendwann mal verschickte Demo-CD reagiert, die Band umgehend zu besagtem zweiten Liveauftritt verdonnert und in diesem Jahr mit “The Wooden Horse of Troy” das mittlerweile viereinhalbte Album veröffentlicht (eine bei Sonig unter dem Namen “Wevie de Crepon” erschienene CD mitgerechnet). Allen gemein ist die von Al wie folgt formulierte Arbeitsmaxime: “Wir versuchen nach wie vor, jeden Track inhaltlich und stilistisch komplett anders aufzubauen.” Herausgekommen ist ein Trojanisches Pferd voll von Progrock-Zitaten, Dreiertakten, hörspielartigen Situationen, drollig inszenierten Foundsounds und erstaunlich fetten Beats. Der Verzicht auf Pointen, Regeln und Ratio verortet Wevie Stonder nachdrücklich in ihrer eigenen Liga, irgendwo zwischen Robert Wyatt und Adolf Noise, den Residents und Monty Python. Live kommen dazu “crappy homemovies” und die absurden Kostüme und Tools aus dem unerschöpflichen Devotionalienkasten von Frontmann Henry, dessen Ego mittlerweile selbst Gründungsmitglied Rich Sothcott aus der Band gedrängt hat – ein Konflikt, der, wie wir am Ende übereinstimmend feststellen, eigentlich die ideale Grundlage für Als Zukunftspläne darstellt: eine DVD, die das kinematographische und theatralische Potential dieser hochsympathischen Krawalltruppe festhält. Vielleicht ein typischer Bandfilm in der Tradition der Rutles, Spinal Tap und dem Spice-Girls-Film, vielleicht aber doch eine Aneinanderreihung filmischer Tracks, in der jedes Kapitel eine eigene, britisch-durchgeschossene Welt eröffnet. Wir werden uns, wie üblich, gedulden und überraschen lassen müssen.

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Elektronische Lebensaspekte.