Der faule Apfel des Baile Funk
Text: Alexandra Dröner aus De:Bug 113


Bonde do Role gelten in ihrer Heimat Brasilien als Baile-Funk-Verräter. In Europa passen sie aber bestens in den New-Rave-Hype. Das ist ihnen auch viel wichtiger, denn wo kommt schließlich Goethe her?

Mit Confetti im Haar arrangieren drei brasilianische Twens ihre müden Knochen gutgelaunt auf den unbequemen Stühlen des Frühstücksraums eines Berliner Hostels, während sich ihr Manager bei der Planung des abendlichen Amüsements gerade für das Schwuz entschieden hat. Die bunten Papierschnipsel stammen vom letzten Fotoshoot, die Müdigkeit rührt vom Konzert- und Interview- Marathon der vergangenen Tage her: Bonde Do Role sind auf Promo-Tour.
Frisch gesigned von Domino, der Labelheimat der Arctic Monkeys und Franz Ferdinands, treten Marina Vello, Pedro D’eyrot und DJ Gorky an, dem europäischen Clubber ein Album nahe zu bringen, das aus überwiegend kurzen Songs, fast Fragmenten bestehend, nach nur 30 Minuten schon wieder zu Ende ist, sich aber ausgezeichnet als Audio-Flyer für Bonde Do Roles erklärte Herzensmission empfiehlt: Party machen, klar doch.

Bonde Do Role fühlen sich pudelwohl in ihrem selbst angerührten Genre, einer Verquickung von traditionellem Baile Funk, Elektroschnipseln, Riot-Girl-Vocals und Gitarrenriffs, als wäre Run DMC & Aerosmith nie passiert. Eilig mit dem Prädikat “Sound of young Brazil” versehen, begeistert sich selbst die heimische Presse für ihre Musik, die USA- und Europa-orientierte Indie-Kids mit dem als cheesy und überhaupt viel zu brasilianisch verfemten Baile Funk aussöhnt und, nimmt man es genau, eigentlich auf das Konto von 2many DJs geht.

Gorky, der wohlbeleibte Band-DJ und Producer mit der freundlichen Fistelstimme, eifert schon früh den belgischen Bastard-Poppern nach, und auch Pedro, sein MC, Co-Produzent und Rave-erprobter Mitbewohner, lässt seine ehemalige Vorliebe für deutschen Hardtechno zugunsten ungehemmter Stilvielfalt sausen. Marina, eine fröhliche Sweet-Sixteen-Version der Atari-Sängerin Hanin Elias, an ihrer Highschool ob ihrer Punk-Attitüde als “fauler Apfel” verschrien, darf auf einem übrig gebliebenen ersten Mash-Up-Track gastsingen und fortan ist das geplante Elektro-Duo von Gorky und Pedro vergessen – das hier macht einfach mehr Spaß. Als Trio bilden sie Bonde Do Role, genannt nach ihrem Lieblings-Hang-Out in ihrem Heimatort Curitiba, einer 1,7 Millionen Stadt im Süden Brasiliens, halbwegs bekannt für ihr preisgekröntes Nahverkehrssystem, geprägt vom konservativen Mittelstand und weit weg von Favelas, Drogenkriegen und dem Ghetto-Alltag in Rio oder Sao Paulo.

Deutsche Exotik
Die geglückte Metamorphose der drei Highschool-Geächteten zur ordentlichen Band wirkt beinahe wie ein Unfall. Erst als Diplo sie kontaktiert, dem ganz zufällig eine CD mit zehn Bonde-Do-Role-Partyknallern, eigens produziert für ein Feierwochenende am Strand, in die Hände gefallen ist und sie als erstes Signing für sein neues Label Mad Decent haben möchte, realisieren sie, dass ihre Produktionen auch einem größeren Publikum gefallen könnten. Dass sie damit nicht automatisch von den traditionellen Baile-Funk-Anhängern ins Herz geschlossen werden, stört sie dabei wenig: “Wir sind wie Vanilla Ice.” Mit Stolz erzählen sie von ihrer Freundschaft mit der besten brasilianischen Funk-MC Deize Tigrona, dem großen Vorbild von M.I.A., spielen aber trotzdem lieber drei Promo-Gigs hintereinander an einem Abend in London, wo sie je nach Location entweder als Gay-Band und Vorgruppe von Gossip, als niedlicher Indie-Pop-Act auf einer Under-Age-Party oder als neuster New-Rave-Import für verdrogte Neonkinder im Scala fungieren, als vergeblich zu versuchen, auf einem echten Ghetto-Rave akzeptiert zu werden.

Auch die Wahl ihrer Remixer zielt auf Europa: Die in UK ansässigen Radioclit und die Portugiesen Buraka Som Sistema machen den Anfang mit den “Gasolina”-Remixen, das Go!Team und der französische Newcomer Brodinski werden wohl unter anderen folgen. Zu Deutschland pflegen sie eine besondere Beziehung, Marina, die sich wegen “Lola Rennt” schon mal die Haare von Pink auf Rot gefärbt hat und aktuell “Goodbye Lenin” großartig findet, würde gern den jungen Werther im Original lesen können oder wahlweise auch Dostojewski auf Russisch, während Pedro davon schwärmt, dass die Deutschen den Trance erfunden haben, und wissen möchte, wann es denn endlich Zeit für New Trance wäre, was dazu führt, dass alle zusammen die berühmte Synthie-Passage aus dem letzten Justin-Timberlake-Hit skandieren.

Bleibt die Frage, worüber sie eigentlich in ihren portugiesischen Texten singen?

Marina: “Weißt du, wenn sie beim normalen Baile Funk die ganze Zeit über Analsex rappen, singen wir halt über Analsex mit Diarrhoe.”

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.