Hängen in Glasgow
Text: Sandra Sydow aus De:Bug 113


Das Quartett Shitdisco liebt KLF, Grauzone und rockige Stimmbänder. In Glasgow machen nämlich alle verrückte Projekte. Früher nannte man das Punk-Funk, jetzt New Rave.

Joel Stone, Joe Reeves, Jan Lee und Darren Cullen sind Shitdisco aus Glasgow. Ohne gängige Klischees bedienen zu wollen, muss man anmerken, dass das schlechte Wetter und die Kunsthochschule dort anscheinend ein ausgesprochen nahrhafter Boden für innovatives musikalisches Gut zu sein scheinen. Shitdisco stimmen zu. Kennen gelernt wird sich während des Kunststudiums 2003, berühmt berüchtigt werden sie durch ihre illegalen Hausparties in der West Princes Street 61, in der Wohnung des Schlagzeugers, die Location nannte sich in Insiderkreisen “61“ und bis Sommer letzten Jahres wurde dort derbe gerockt mit teils bis zu über 250 Leuten. Der Vergleich mit anderen Neonfarben-Aktivisten wie Klaxons u.ä. soll hier aber mal außen vor gelassen werden, denn Shitdisco schaffen es noch ein wenig anders, und auch der Sound ist eher geprägt von Spiellust und echtem Raverschweiß als von Spartenkanälenzappen.

Ihre Vorbilder sind Disco, The Prodigy, Kraftwerk und auch Grauzone, was man hört, aber nicht schnell überhört hat, denn Shitdisco versuchen zumindest laut eigener Aussage nicht zu kopieren. Sie geben ihre Autonomie nicht aus der Hand durch Vertragsfesselung und MTV-Präsenz, bleiben auch weiterhin der Kunst verbunden und halten den Begriff “New Rave“ für einen Witz. Shitdisco spielten schon mehrmals in Berlin, unter anderem im White Trash, Magnet und der Maria und Joe Reeves plaudert ein bisher gehütetes Geheimnis aus, dass die geplante nächste Platte eventuell in Berlin aufgenommen werden wird. Passenderweise lag da nahe, hier in der Stadt auf illegalen Parties in Glasgower Ausmaß die Leute zu fragen: New Rave? Shitdisco? What the fuck …? Gedacht, getan. Wenn man die im April veröffentlichte erste Platte von Shitdisco dann diesen Leuten auch noch vorspielt, kommen dementsprechend folgende Fragen auf, die Joe Reeves uns gerne und ausführlich beantwortet hat:

De:Bug: Was ist eigentlich das Neue an “New Rave“? Mögt ihr wirklich die Happy Mondays?

Joe Reeves: Wir lieben die New-Rave-Fans! Sie sind das Beste an diesem Begriff und dieser “Bewegung“. Sie kommen zu unseren Konzerten in selbst angefertigten Klamotten und mit viel Lust und Willen zu tanzen – das ist verblüffend. Unabhängig davon machen wir nur das, was wir seit 2003 gemacht haben, und damals nannte man es “Punk-Funk“ … Ich denke, der Name New Rave war eigentlich ein Scherz. Das Wesentliche an New Rave ist die Verbindung zu Old Rave, oder Rave, wenn du so willst, die Möglichkeit, dass jeder eine Party machen kann, ein Rave, eine Clubnacht, wo immer man will. Ursprünglich war Rave unglaublich neu, weil es verlassene Räume und Locations erschlossen hat wie Lagerhallen, offene Felder und Fabriken und sie zu Partyorten gemacht hat, als eine Reaktion auf vorherrschendes politisches Klima. Das ist eine unglaublich befreiende Sache, wenn Menschen öffentlichen Raum besetzen und auf die Regierung pfeifen und machen können, was sie wollen, eine ganze Nacht lang. Man könnte natürlich noch viel demokratischer handeln, wenn die Nachbarn und der Rest der Anwohner auch auf dieser Party wären … Das jedenfalls ist eine der Hauptaussagen, mit der wir bei dieser Ravesache übereinstimmen. Und ja, ich liebe die Happy Mondays. Ich traf auch Bez (Mark Berry) letztes Jahr und er war sehr nett und ausgesprochen gebildet.

De:Bug: Was habt ihr ursprünglich gehört, dass euch dazu gebracht hat, selbst Musik zu machen?

Joe Reeves: Discomusik und The Prodigy. Ausgehen in Clubs war immer der größte Spaß, obwohl wir alle auch gerne auf Konzerte gehen. Es wurde in Glasgow allerdings zu teuer und so begannen wir einen eigenen Club in unserem Haus. Dann dachten wir, wir sollten das auch weiterhin machen, diese Musik, diese Art zu feiern, aber als Band. Das und die Möglichkeit, noch mehr Drogen zu nehmen und keinen richtigen Job zu haben. Ja, wir sind wirklich glücklich jetzt.

De:Bug: Denkt ihr, das Indiemusik das Schlimmste ist, was Dancemusik passieren kann?

Joe Reeves: Es gibt da eine Menge Mist momentan, gerade auch aus UK, und gerade weil UK einen so großen Einfluss hat außerhalb (was nicht unbedingt gut sein muss). So hat man letztendlich eine Menge Kopien von schlechten Bands, die sich anhören wie andere schlechte Bands, die eine wirklich gute kopieren. The Fratellis zum Beispiel – also, wir sind keine Fans …

De:Bug: Alex Kapranos, der Sänger von Franz Ferdinand, sagte mal in einem Interview: “Es gibt weniger einen typischen Glasgow-Sound als eher eine Glasgow-Attitüde. Es ist eine sehr unabhängige Wir-könnens-Ethik. Leute geben den verrücktesten Projekten eine Chance. Wir Glasgower sind ziemlich unbezähmbar, was das angeht.“ Stimmt das? Was meint er damit?

Joe Reeves: Da stimme ich vollkommen zu! Was Shitdisco angeht, stimmt das genau. Wir kommen alle aus England und trafen in Glasgow als Studenten aufeinander. Weil wir dadurch quasi Ausländer waren, konnten wir dort nie einer bestehenden Szene angehören. Das ist einer der Gründe, warum wir mit diesen Parties angefangen haben, um eine Art “neue“ Szene zu etablieren, wobei, eher eine “Nicht-Szene“, wenn das möglich ist. Der Kern von Glasgow ist eine höchst kreative Stadt. Man ist hier sehr stolz auf seine Zugehörigkeit und jeder, der hierher kommt, bleibt für immer! Vielleicht hat es teilweise mit dem Wetter zu tun – das ist so beschissen, dass du gezwungen bist, irgendwie deinen Spaß selbst auf die Beine zu stellen, eher das als zu warten, bis die globale Erwärmung die Stadt warm und freundlich macht.

De:Bug: Was sind eure Pläne für die Zukunft? Was passiert nach eurem ersten Album?

Joe Reeves: Wir planen eine globale Hausparty. Vergleichbar mit LIVE8, wenn nicht sogar größer. Haltet also die Augen offen!
http://www.shitdisco.co.uk

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Elektronische Lebensaspekte.