Erkenne deine Fehler als verborgene Intention
Text: Alexandra Dröner aus De:Bug 113


Jas Shaw und James Ford halten sich selbst für unverwechselbar, andere halten sie für ein Sammelbecken an Auswechselbarkeit. Die Fäden des New Rave halten sie auf jeden Fall in der Hand.

Angefangen hat alles, als die Mancunians Jas Shaw und James Ford auf Tour mit ihrer 4-köpfigen Indieband Simian noch den Drang verspürten, nach den Auftritten in irgendeinem Club oder Pub um die Ecke Platten aufzulegen – elektronische zumeist. Scherzhaft nennen sie sich Simian Mobile Disco und betreiben ihr DJ-Geschäft als Ausgleichssport zum stressigen Band-Alltag. Simian läuft nicht schlecht, erfüllt aber nicht die Bedürfnisse der beiden Jungs, die Band löst sich auf, ungefähr zeitgleich mit der Veröffentlichung eines Remixes des Simian-Songs “Never Be Alone” der damals noch unbekannten Franzosen Justice. Und Bang! Das Sprungbrett für Justice wird zum Wegweiser für SMD.

Nach ein paar Maxis, etlichen Remixen und unzähligen DJ-Dates landet jetzt ihr erstes Album “Attack Decay Sustain Release” auf dem Uk-Label Wichita. Ein Album fast wie ein Club-Set, zumindest wenn man offen ist für neue Hörgewohnheiten, einen Wechsel von Songs zu Tracks, zwischen Detroit, Rave, Elektro und Cosmic Disco.

Handelt es sich hierbei nun um ein großes Album, um den willkommenen Dancefloor-Pop-Konsens für 2007 oder nur um einen Flitzer, der sich halbnackt an Daft Punk vorbei auf den roten Teppich schummelt, um alsbald von einer aufgebrachten Authentizitätspolizei abgeführt zu werden?

Der erste Eindruck ist positiv, Jas und James gebärden sich nicht als neon-gewandete Rave-Hipster, sondern tragen eine unauffällige, sympathisch nerdige Mucker-Aura mit sich herum.

De:Bug: Hallo Jas, hallo James, wie alt seid ihr eigentlich?

Jas & James: Wir sind beide 30 Jahre alt.

De:Bug: Hört man euer Album, sollte man vermuten, dass ihr euch schon seit mindestens drei Jahrzehnten in Discos und Studios herumtreibt. Selten habe ich bei einem Album so oft gedacht: kenn ich, kenn ich; nur um dann bei der Identifizierung vermeintlicher Samples zu scheitern. Arbeitet ihr überhaupt mit Samples?

James: Nein, eher selten. Auf dem Album gibt es kein einziges Sample.

De:Bug: Wie also kommen die Zitate zustande? Wie arbeitet ihr tatsächlich?

Jas: Ich glaube, der Hauptgrund dafür, dass die Leute denken, sie würden jede Menge originäre Samples aus vergangenen Jahrzehnten hören, liegt darin, dass wir sehr viele alte Synthies aus den 70ern benutzen, freaky analoges Zeugs eben. So sind es wohl weniger wir, die eine direkte Referenz herstellen wollen, als vielmehr der Sound der gleichen Maschinen, die in den 70ern und 80ern benutzt wurden.

De:Bug: Ihr seid ebay-Kunden?

Jas: Oh ja, es ist beängstigend!

James: Oftmals, wenn wir ins Studio kommen, finden wir ein Paket, von dem keiner von uns mehr weiß, wer es eigentlich bestellt hat oder was darin sein könnte. Es ist wie jeden Tag Weihnachten.

Jas: Es ist gefährlich, es wimmelt nur so von tollen Sachen, weil jeder gerade was verkauft. Jeder wechselt gerade zu Software und will seine Hardware loswerden. Wir können nicht genug davon kriegen, es gibt so viel davon da draußen.

James: Bei uns kann schon ein schräger Sound oder komischer Trick mit irgendeiner seltsamen kleinen Delay Box, an der vielleicht nur noch ein Knopf funktioniert, etwas auslösen und wir machen einen Song daraus. Wir verschwenden also nicht nur unser Geld.

De:Bug: Ihr habt also keine initiale Idee, ihr macht einfach irgendetwas an und …

James: Wir haben nie eine Idee (beide lachen …). Wir sagen nie, komm lass uns diesen oder jenen Song machen, das wächst einfach ganz organisch und entwickelt sich aus Herumspielerei. Wir stöpseln Hardware zusammen, starten eine Sequenz und wissen vorher nicht, was dabei herauskommen wird. Wir fangen einfach an, machen einfach los, und wenn wir etwas hören, das wir mögen, nehmen wir es auf.

Kein Lalala, kein Retro
De:Bug: Auf dem Album gibt es mindestens vier Tracks mit traditionellen Songstrukturen und Vocals, habt ihr euch auch bei diesen Stücken nicht vorher überlegt, mit diesem oder jenem Sänger arbeiten zu wollen, und den Track dementsprechend konzipiert?

Jas: Wahrscheinlich bringt unsere Indie/Folk-Vergangenheit uns dazu, ganz selbstverständlich so lange an etwas zu arbeiten, bis wir etwas haben, was einem Song nahe kommt. Wir sitzen aber nicht zu Hause mit einer akustischen Gitarre und singen lalalala … Die Struktur von Akkord und Melodie hängt für uns sehr vom Sound ab, schon ein bestimmtes Timbre aus einer neuen Maschine kann die unterschiedlichsten Intervalle und Akkorde suggerieren. Wenn wir glauben, etwas zu haben, nehmen wir das zumeist in einem einzigen Take auf, eigentlich machen wir jedes Mal eine große lange Performance im Studio, um zu sehen, was noch alles Interessantes passieren mag. Und oftmals führt dann eine solche Session zu etwas, das für einen Refrain durchgehen kann. Ich mag an analogem Equipment wirklich, dass die Sektionen im Gegensatz zur blockhaften Arbeitsweise am Computer fließend ineinander übergehen, wenn man überhaupt von Sektionen sprechen kann. Auf jeden Fall brauchen wir immer viel Zeit, um das Durcheinander, das wir anrichten, zu organisieren.

De:Bug: Und das passiert dann …

James: … am Computer. Weniger zum Programmieren, sondern eher, um die guten Parts aus den Aufnahmen herauszusuchen und die passenden zusammenzufügen.

De:Bug: Wie steht ihr zu dem Vorwurf, zum Reigen aktueller Mash-Up-Künstler zu gehören, die wahllos die neuere Musikgeschichte plündern?

James: Wir wollten keine Retro-Platte machen. Es überrascht uns ehrlich, wenn uns Leute sagen, ach, das ist doch dieses oder jenes Stück. Wir haben das unbeabsichtigt gemacht, ohne uns vorzunehmen, bestimmte Platten zu kopieren. Du hörst einen Sound, der dir gefällt und der dich an etwas erinnert – so ungefähr funktioniert doch Musikhören. Oftmals magst du etwas deshalb, weil es sich vertraut anhört, und so machen wir manchmal Tracks, die wie Klassiker anmuten, eben weil wir diese Art von Musik mögen und gern an sie erinnert werden. Aber wir wollen nicht einfach von alten Platten klauen, wir wollen neue, futuristische Musik machen.

Jas: Wenn wir beim Produzieren an einen Punkt kommen, wo die Sounds zu einfach, zu vorhersehbar werden, dann ändern wir die Richtung. Man mag immer noch hören können, woher unsere Einflüsse stammen, wenn wir aber denken, dass wir den Track genau so schon gehört haben, verwerfen wir ihn.

James: Das offensichtlichste Stück, über das alle sprechen, ist das von Technotronic …

De:Bug: Der “Pump up the jam”-Verweis auf “The Beat”.

James: Ja, nun ja, es gibt eine klare Ähnlichkeit, aber es ist kein Sample, es ist nicht das Gleiche. Ich denke, wir haben gewissermaßen versucht, eine ähnliche Stimmung zu erzeugen, wir lieben einfach diese HipHouse-Girl-Vocals, genauso wie wir alten Detroit-Sound mögen. Im Endeffekt versuchen wir eine seltsame Art von Popsong aus all diesen Dingen zusammen zu machen. Wir haben das damals ehrlich nicht wahrgenommen, bis wir den Track anderen Leuten vorgespielt haben und jeder meinte: “Ah, das ist doch …” und wir: “Mist! Wirklich?”

Jas: Der Grund, warum wir “The Beat” dann doch nicht weggeworfen haben, so wie wir es eigentlich getan hätten, lag daran, dass der Rest des Tracks noch so viel mehr zu bieten hat. Eigentlich baut sich der ganze Song um diesen einen Beep auf, wir haben nur mit diesem Beep und einer seltsamen Bassdrum angefangen, und wenn du die Vocals und diesen Akkord wegnehmen würdest, würden die Leute sagen: “Was ist das denn?” Ich mag diese einfachen Tricks, mit denen du die Leute dazu bringst, Sachen zu mögen, die sie sich normalerweise nicht anhören würden.

Eine Art Tarnkappeneffekt
James: Ich glaube, wir machen einfach Musik, die wir aufregend finden und die wir mögen, und es ist definitiv sehr einfach herauszuhören, wo unsere Einflüsse herkommen. Trotzdem ist das Album keine musikwissenschaftliche Abhandlung, wir haben nicht bewusst versucht, bestimmte Stile zusammenzubringen, um damit dieses eine magische Ding herzustellen. Es ging eher um “lass uns was zusammenstöpseln und Spaß haben”.

De:Bug: Ihr seid ziemlich einflussreich im Moment und hinterlasst Spuren an vielen verschiedenen Stellen, James produziert zum Beispiel die Arctic Monkeys und die Klaxons. Hat euch das bei der Produktion von Attack Decay Sustain Release unter Druck gesetzt? Hattet ihr das Gefühl, mit dem heißesten Album des Jahrzehnts herauskommen zu müssen, weil das so von euch erwartet wird?

Jas: Nein, gar nicht. Wir haben die Tracks abends oder an freien Wochenenden produziert, nicht wirklich als Album, sondern als Tracks hier und da, die wir für unsere DJ-Sets benutzen konnten.

James: Es soll Spaß machen. Es hat als Nebenprojekt angefangen, weil wir einfach Platten spielen und Musik machen wollten, die wir auch mögen, obwohl wir in einer Indie-Band waren. Und eigentlich gab es keinen Grund damit weiterzumachen, als sich Simian aufgelöst hatte, außer eben diesen, dass wir so viel Freude dabei hatten. Das ist der wirkliche Grund, warum das Album existiert, wir gehen einfach lieber Sonntagnachmittags ins Studio und spielen mit alten Synthesizern, als uns im Pub zu betrinken.

De:Bug: … es hält euch weg von der Straße.

James (lacht): Ja, besser als Klebstoff zu schnüffeln an irgendeiner Ecke …

De:Bug: Auf eurem neuen “Bugged Out“-Mix kombiniert ihr Joakim mit den Klaxons, Para One und LFO, wie sieht eure Platten-Sammlung aus?

James: Wir benutzen alles, Vinyl, MP3s, egal, es wäre dumm, das nicht zu tun. Wir sind sehr unpuristisch. Wir lieben altes Equiment, wir lieben Vinyl und haben beide sehr viele Platten, aber wenn wir auflegen, benutzen wir natürlich auch neue Technologie. Wir nutzen gerne Laptops und laden uns viele MP3s von allen möglichen Blogs herunter, es würde wirklich keinen Sinn für uns machen, auf irgendeine Weise puristisch zu sein, warum sich selbst einschränken? Musik bedeutet für uns, dass wir versuchen, uns einfach alles anzuhören, so viel Unterschiedliches wie möglich zu erfahren, neue Tunes überall aufzuspüren. Viele Leute bevorzugen, sich nur mit einer Richtung zu identifizieren, wir nehmen lieber ein bisschen von allem.

De:Bug: Gibt es Musik, der ihr euch nicht bedienen würdet, ein No-go, zum Beispiel in Richtung Bastard-Pop wie Kraftwerk zusammen mit Whitney Houston?

James: Wir mögen keine Bootlegs, wir mögen wirklich keine Bootlegs.

Jas: Einen großen Hit über einen anderen großen Hit legen? Selbst Soulwax – und die waren berühmt dafür – machen so einen Scheiß nicht mehr. Am Anfang war es vielleicht interessant zu hören, wie sich ein Track zusammen mit einem anderen bekannten Track verändert, aber dann hat das jeder gemacht, jeder hat Ableton entdeckt und plötzlich hast du im Club nur noch einen Strokes- oder Aguilera-Track über irgendeinem Elektro-Hit nach dem anderen gehört. Nicht auszuhalten, absolut langweilig und so einfach …

James: Ich finde, dass Ableton fast eine epochemachende Technologie ist – das Produzieren von elektronischer Musik wird damit technisch so viel einfacher. Es ist ein tolles Tool, sehr leistungsstark und wir benutzen es gerne, aber es führt auch dazu, das Hunderte von schlimmen, schlimmen Platten damit gemacht werden können. Das ist ein Grund mehr, warum wir gerne analoge Maschinen benutzen, die allein durch den Arbeitsprozess, durch die Interaktion beeinflussen, wie und was du schreibst. Der Prozess des Produzierens soll sich für uns vom Prozess des Auflegens abheben.

Jas: Ein Freund von uns kam vor kurzem ins Studio und erzählte uns begeistert von seiner neuen Software: “Du drückst auf Randomizer und es macht von allein einen neuen Track!” Wir haben versucht höflich zu bleiben, “Ist ja toll“, aber ich bitte dich, wie unglaublich seelenlos ist das denn?

James: Aber da lässt sich drüber streiten, ist vielleicht Geschmackssache, es kommt ja auch darauf an, welchen Teil der Random Selection du benutzt …

Jas: Das ist schon richtig, ich habe auch kein Problem mit Künstlern wie zum Beispiel Autechre, die in etwa so ähnlich arbeiten, aber ich glaube auch nicht, dass sie sich vor ihre Software stellen und jubeln: Guck mal, es hat mir einen Song gemacht … Bei so einer Art des Produzierens ist der Prozess interessanter als das Ergebnis. Es wird zu etwas Akademischem und ich lese lieber darüber, als selbst so zu arbeiten. Wir sind lieber intuitiv, Musik sollte nicht nur im Kopf passieren, sondern auch überall anders, du musst nichts darüber wissen, du musst es nur fühlen. Manchmal machen wir Tracks, die vielleicht disharmonisch sind oder sonstwie unperfekt und die sich aber trotzdem richtig anfühlen und dann lassen wir diese Fehler einfach zu, weil sie Teil unseres Produktionsprozesses sind. So wie Brian Eno gesagt hat: Erkenne deine Fehler als verborgene Intention an.

James: Gutes Zitat, das solltest du benutzen (lacht).

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Elektronische Lebensaspekte.