Whirlpool hätten sich aufgelöst? Nein, sie lösen nur musikalische Kategorien auf. Die drei Fragezeichen der H-Muzik gehen auf dem neuen Album "Lifechange" from: Disco to: Hip House to: Cowpunk to: Softpop. Das Weitwinkelobjektiv der Tanzmusik.
Text: Jan Joswig aus De:Bug 43

Freaks, I see Life

Whirlpool

Hasch mich, ich bin der Whirlpool. Und wieder sind sie entwischt. Whirlpool, die Produktmarke, muss man seit “From: Disco to: Disco” nicht mehr vorstellen. Whirlpool, die Musik, und Whirlpool, die Arbeitsgemeinschaft, versucht, genau dieser Fixierung auf “From: Disco to: Disco” zu entkommen. Als Nummer 1 Band durch Italien zu touren und die Umkleideräume mit Leuten zu teilen, die singen: „I wanna have sex on the beach”, ist die traumatische Folie, von der Eric D. Clark, Hans Nieswandt und Justus Köhnke alle weiteren Projekte ablösen müssen. Aber verfolgt zu werden, kann einen ja auch kreativ befeuern. Nachdem sie mit Whirlpools „???” und ihren Soloalben „Fur Dancefloor”, „Lazer Music” und „Spiralen der Erinnerung” ausgetestet haben, wie weit man wohl diesen omniösen Genrehilfsbegriff „H-Musik”, den Hans Nieswandt geprägt hat, auffächern kann, sind sie mit ihrem neuen Whirlpool-Album „Lifechange” endgültig in ein freies Morgen entwischt, in dem H-Musik nur noch im ganz Kleingedruckten House-Musik meint. Fett darüber steht: Holpern, Haltung, Humor. Die Konstante in der Whirlpool-Grundhaltung, die bei allen Genreaufbrechungen und Verschiebungen zwischen Track und Song, House und Pop, Künstler und Komödiant, der kategorischen Ablehnung von Kategorien schlechthin, immer präsent ist, hält auch das eklektische „Lifechange” zusammen: Whirlpool-Stücke schäumen vor einer Ausgelassenheit, einem Zugriff auf das Material mit respektvollem Humor, in dem das Flair einer chaotisch-glamourösen Kommune aufstrahlt. Das Sich-gegenseitig-ins-Wort-Fallen dokumentiert in den Stücken das Sich-gegenseitig-Inspirieren. Disfunktionalität is not a four letter word. Whirlpool-Stücke feiern die Freundschaft dreier ausgeprägter Charaktere – Eric, der Entertainer, Hans, der DJ, Justus, der Songwriter, etwa so wie in den Comicselbstentwürfen von Dee-Lite oder ABC auf „How to be a Zillionaire”. Obwohl die Drei zu „Lifechange” so unabhängig voneinander, so Band-entfernt wie noch nie gearbeitet haben, behauptet das Ergebnis genau das Gegenteil. Mit dem Drei-Freunde-Popsongformat der Stücke stellt „Lifechange” ein Repräsentationsmodell hin, an dem sich Hörer identifikatorisch abarbeiten können. Das ist das alte Bandkonzept, dass dem Club- und Rave-Produzentenkonzept entgegensteht, den Hörern einen Raum zu schaffen, in dem sie sich selbst repräsentieren können. Aber Whirlpool ist eben auch ein egoistisches Projekt, eine gegenseitige Charakterschmiede, in erster Linie der kreative Reibungsfloor für Eric, Hans und Justus. Und genau an dem Punkt beginnt Musik zu leben und selbst ein Trinkerschunkellied Sinn zu machen, wenn man „Lifechange” fragt. Oder wie Nieswandt ein Stück auf „Lazer Music” titelte: „Freaks, I see Life.”

De:Bug: Ihr zitiert auf „Lifechange” zwar viel aus der Dancemusic-Geschichte, das Format ist aber Song und nicht Track. Seid ihr jetzt endgültig eine Band?

Hans: Eigentlich genau im Gegenteil. Wir haben aufgehört mit der Idee von Whirlpool als Repräsentation einer Band, mit diesem popbandartigen Auf-Tour-Gehen-Ungetüm. Wir haben den Fehler begangen, den einen oder anderen guten Auftritt zu machen. Da dachten die Leute, das können sie mit Whirlpool immer machen. Aber die Stücke auf „Lifechange” sind weitgehend in Eigenregie der einzelnen Mitglieder entstanden. Wir sind nicht von einer bandartigen Konstellation zu einer Form von Songs gekommen. Paradoxerweise kann man sagen, die Platte klingt bandmäßiger, ist aber weniger bandmäßig entstanden als früher.

Eric: Ich hasse diese Kategorisierungszwänge, Band / Projekt, Pop / Dance, French House / New Jersey House. Was meint French House anderes als, Franzosen haben auch Synthesizer und Sampler? Alles, was wir von der ersten Whirlpoolplatte an probiert haben, kann man nicht genau kategorisieren, und das ist gut. Whirlpool ist seine eigene Rubrik. Die Bandidentität wurde Whirlpool ja nur wegen unseres Tourens aufgedrängt. Wir hätten die gesamte Italientour vielleicht lieber von angeheuerten Livedummies bestreiten lassen sollen. Diese Leute würden möglicherweise immer noch touren und uns bezahlen. Dafür sind wir aber zu honest.

De:Bug: Und in dieser Whirlpool-Rubrik spielt Tanzfunktionalität eine immer geringere Rolle? Oder ist Disfunktionalität sogar ein gezieltes Stilmittel?

Hans: Ich bin nicht daran interessiert, bewusst eine disfunktionale Platte zu machen, da ich als DJ arbeite. Unsere Musik ist auf jeden Fall aus der DJ-Perspektive produziert, und mit DJ meine ich nicht Kneipen-DJ. Es ist die Idee, das zu stretchen, was ein Club-DJ machen kann. Was kann ein clubartiger Song tragen, nicht unbedingt an Inhalt, sondern an anderer Stimmung als gewohnt. Aber Whirlpool ist nichts wirklich Geplantes. Die gewisse Disfunktionalität, die Holprigkeit lässt sich nicht planen. Es wäre richtig blöd zu entscheiden, wir müssen das Stück „From: Disco to: Disco” machen und lachen uns auf Befehl kaputt. Das wäre ja schrecklich. Wir stellen eher eine gewisse Holprigkeit fest und finden einen Gefallen daran, anstatt es zu erzeugen.

De:Bug: Bedeutet die Holprigkeit eine ironische Distanz zu eurem Material?

Hans: Es gibt keine tongue in cheek-Haltung auf unserem Album. Lustig zu sein, ist etwas völlig anderes, als sich über etwas lustig zu machen.

De:Bug: Also Witz statt Ironie?

Hans: Witz ja, aber unser Witz bedeutet in keinem Falle eine standardisierte Lustigkeit, als Masche. Ich könnte nicht mehr in den Spiegel gucken, wenn ich eine Erfolgsformel ausschlachten würde. Gerade die From: Disco to: Disco-Erfolgsformel ist ja besonders gefährlich: eben witzig zu sein. Wir sind ja keine Stand Up Comediens, die sich eine neue Nummer ausdenken. Ironie, Berechnung, Marktkalkül, das liegt uns sowieso völlig fern. Man macht nur das, was sich gut anfühlt. Nur sehr zynische Leute können das vielleicht, die Seele ausschalten und ein berechnet kommerzielles Produkt hinstellen. Aber dazu bin ich nicht ausgebildet. Allerdings kann ich es durchaus genießen, wenn ich mir einen Joe T. Vanelli-Remix anhöre, der keinerlei Anspruch auf eine eigene Handschrift erhebt, darauf, die Seele des Produzenten zu repräsentieren. Wo es darum geht, es läuft in den größten Clubs der Welt zur besten Zeit. Ich schreibe ja auch Werbung. Da fließt nur wenig Seele von mir ein, aber es macht trotzdem Spaß, etwas einfach gut zu machen.

De:Bug: Im Jahre 2000 ein Hip House-Stück zu produzieren, ist nicht tongue in cheek?

Eric: Hip House hat nie den Arsch hochgekriegt. Es gibt nur eine Handvoll Hip House Tracks, es sollte mindestens 2 oder 3 Hände voll mehr geben. Hip House hatte einen guten Sinn für Humor, für Party.

Hans: Unser Hip House Track mit MC René ist witzig, aber nicht tongue in cheek, es ist aufrecht witzig. Ich mochte immer Hip Hop Samples im House. Die Beats wurden mehr cut up dadurch. Im Moment ist die Situation offen für deutschen Hip House. „Discotizer” von 5 Sterne Deluxe hat Housetempo.

De:Bug: Ihr habt zu „Lifechange” einen Einplattenvertrag mit Warner abgeschlossen. Die nächste Singleauskopplung wird „Lifechange” sein, ein „Cold Song”-Nachfolger, der jeder Britpopballade Konkurrenz machen könnte. Müsst ihr demnächst dann doch wieder als Band posieren? Was stellt sich Warner für euch vor?

Hans: Warner zwingt uns keine Vorstellungen auf. Wir knüpfen bei Warner an ihren alten 60er Geist an, als sie die Westküstenexperimentalschmiede für Psychedelicsongwriter wie Van Dyke Parks, Beau Brummels, Harper’s Bizarre usw. waren. Das ist eine großartige Verbindung für uns. Sie hatten damals eine Menge Künstler, die keinen kommerziellen Sinn machten und sich streubten, auf Tour zu gehen. Und als Labelkünstler neben Madonna oder Prince zu stehen, ist uns auch recht. Prince ist ein brilliantes Beispiel für jemanden, der experimentell, erfolgreich, massenzugänglich, funky und sexy ist.

De:Bug: That’s what Whirlpool is all about, too?

Hans: Ich gieße noch mal heißen Kaffee auf den kalten.

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Text: tobias rapp aus De:Bug 10

Autopilot macht Freude Whirlpool und die kurzberockten Zusammenhänge der Glaubensfragen von Tobias Rapp Italien, im letzten Sommer. Auf dem Marktplatz einer kleinen Stadt stehen tausende kreischende Teenager vor einer Bühne und jubeln einer Band zu, die nach allem möglichen aussieht, nur nicht nach einem Top-Ten-Hit in den Charts. Zwei tragen Brillen, haben lange Haare und sehen aus wie Germanistikstudenten, der dritte ist schwarz, hat eine riesige Sonnenbrille auf und tobt hüpfend über die Bühne. Der eine Brillenträger steht stoisch an einem Keyboard, der andere headbangt mit einem Bass im Arm. Das sind Whirlpool. Und die Lost in Music-Sendung “From Disco to Disco” hat noch eine solche Szene: Eine zehn Meter lange weiße Limousine fährt vor, die Türe wird geöffnet und nachdem sechs unglaublich große, blonde und kurzberockte Frauen ausgestiegen sind – wie sie so over-the-top wahrscheinlich nur in Disco-Sendungen des italienischen Fernsehens existieren – folgen Justus Köhnke, Hans Nieswandt und Eric D. Clark. Je zwei Frauen schnappen sich einen, es geht mit ungläubigen Gesichtsausdruck über einen roten Teppich durch einen Flur in eine Disco, die aussieht, als sei Italo-House hier erfunden worden, und die drei beginnen ihr Stück “From Disco to Disco”. Und der Laden, vollgepackt mit Fernseh-Disco-Besuchern, singt und tanzt mit. Wow – das rockt. Der Teenage-Craze-Ernstfall. Und diesmal nicht mit Brooklyn Bounce als Protagonisten, sondern mit einem ehemaligen Spex-Redakteur – von dessen Weggang sich das Blatt nie wieder erholt hat – und seinen Freunden, also Leuten, deren Perspektive auf die Welt der eigenen wahrscheinlich nicht gänzlich unähnlich ist. Außerdem, darum geht es doch bei Jugendkultur: – die unbestrittene Fiesheit von, sagen wir, Caught In The Act mal beiseite – Energieströme. Was fühlt man da? Erstaunlich wenig. “Man schaltet auf Autopilot”, sagt Hans Nieswandt, “und man hat relativ wenig Kontrolle über das Geschehen.” Dinge passieren also. Und Macht, hat das was mit Macht zu tun? “Höchstens mit der Macht des Surrealismus.” In einer Fernsehshow habe Eric D. Clark “I can’t believe I’m doing this” als Refrain gesungen. Hm. Auch glamourös sei das eigentlich alles gar nicht. “Ein bißchen wie im Zoo”, meint Eric D. Clark. “Im Grunde war das nicht so aufregend, wie die erste eigene Platte in den Händen zu haben”, sagt Justus Köhnke – und dabei haben sich Whirlpool die richtig harte Nummer, nämlich die Tour durch die Sommerdiscos am Mittelmeer, gar nicht gegeben. Trotz der Nummer 1 in den italienischen Charts. Und nun sind wir eine Platte später. Der Erfolg von “From Disco To Disco” ist nicht nach Deutschland zurückgeschwappt, “zum Glück”, sagen Whirlpool. Und “???” tut fast so, als wäre da nichts gewesen. Sehr souverän hört die Platte sich nicht etwa extra-kaputt an, als gelte es, sich die eigene Unabhängigkeit zu beweisen. Sie tönt eher ein bißchen weniger kantig und holperig als die bisherigen Whirlpool-Platten, dafür ein wenig eleganter und runder. Vom Konzept her funktioniert sie aber ähnlich. Ein wenig Experimentelles hier, ein paar gelungene Gimmicks da, meist relativ gerade Beats – und ein potentieller Hit: “Crazy Music”. Basierend auf einem Sample von Roxy Music. Im dazugehörigen Video präsentieren sich Whirlpool dann doch als Popband: Ganz in weiß, Hans Nieswandt mit kürzeren Haaren, als wolle er bei Blur einsteigen. Und im Nebenraum sitzt Schorsch Kamerun von den Goldenen Zitronen. Und immer dazwischen geschnitten, langhaarige Roxy Music-Fans, die bei einem Konzert 1973 zu der Aufführungen des Originalstücks abrocken, jetzt also dem Sample, von dem sie damals noch nichts wußten, zujubeln. Und genauso wie die Zuschauer von damals etwas bejubeln, was sie nicht sehen, sehen wir Whirlpool Instrumente spielen, die wir nicht hören. Ist aber auch ohne all das Spezialwissen zu genießen. Richtiger Pop. All das, was elektronische Musik mit wie auch immer gearteter Underground-Credibility in Deutschland nur ungern wird. Aufgenommen haben Whirlpool ihre Platte in Jamaica. Doch wer vermutet, das habe etwas mit Fraktionsbildungen zu tun, etwa im Zuge von Streitigkeiten, die Justus Köhnke schon einmal metaphorisch nach Diktat eines Artikels für die Spex verreisen ließen, liegt falsch. Zwar leben alle drei in Köln, aber, sagt Hans Nieswandt, dort trete man nicht als Unit auf. Und Köln, mit seinem von Nieswandt beschriebenen Dreieck zwischen Redaktion, Delirium/Kompaktplattenladen und einigen Cafés, scheint wahrscheinlich von Berlin aus genauso homogen, wie Berlin-Mitte von Köln aus. Auch wenn Berlin keinen Flughafen hat, wo einem ständig Freunde aus Rio, London und Tokio über den Weg laufen. Da werden Texte zu Gruppen und Streite zu Glaubensfragen. Nein, sie sind weggefahren, weil es sich so einfach besser produzieren läßt. Und Jamaica hätte sich eben so ergeben. Ebenso gut hätten sie in Kuba oder Spanien landen können. Und so geht der Technorumms aus einem enfernten Keller im Intro des ersten Stücks eben in Tropengrillenzirpen über und nicht in Flamenco oder Microstoria-Geplocker. Auch wenn sie sich zu und ab als solche inszenieren, Whirlpool sehen sich nicht als Band im Sinne einer Einheit. Eher als Zusammenhang, der sich trifft und Musik macht, ein Whirlpool, der Ideen durcheinanderwirbelt. Und das nicht im Sinne von Architektur oder Layout, sondern als eher spontane Reaktionen, was Gefühl selbstverständlich mit einschließt. Und auch Ausdruck, der inkriminierte Begriff aus jenem oben genannten Artikel von Justus Köhnke. “Selbstbezügliche Musik pißt mich an”, sagt der. “Also, Musik die um ihrer Reinheit willen produziert wird.” Im Unterschied zu den Jungs-Maschine-Einheiten, wie man sie immer wieder in Studios bestaunen kann, sehen Whirlpool sich als ein freundlicheres Modell, das Glanz und Eleganz nicht abgeneigt ist. In Protestanten-Country, wo elektronisch Musik-Hausen nun mal liegt, wo die Weigerung sein Gesicht hinzuhalten immer nur zur Hälfte Strategie, zur anderen Hälfte aber aus Jahrhunderten mitgenommene Körperverneinung ist – die ganzen Technokeller haben in ihrer Schmucklosigkeit auch etwas von der Schlichtheit protestantischer Kirchen – ist es da eine ganze Menge, die Freude und die Disco stark zu machen. ZITATE: Elektronische Musik – zur Hälfte Strategie, zur anderen Hälfte aus Jahrhunderten mitgenommene Körperverneinung? Wow – das rockt. Der Teenage-Craze-Ernstfall. Sehr souverän hört die Platte sich nicht etwa extra-kaputt an, als gelte es sich die eigene Unabhängigkeit zu beweisen.

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