Der Film "Wholetrain" spielt im deutschen Graffiti-Milieu. Dass er das so spannend wie glaubwürdig macht, ist eine kleine Sensation – nicht nur, weil er für das ganze Team das Debüt ist.
Text: Jan Kage aus De:Bug 105

Film

Realness richtig gemacht
Wholetrain
Film

Mit Genrefilmen, vor allem wenn sie sich auf die Szene beziehen, in der die eigene Jugend verbracht wurde, ist das immer eine schwierige Angelegenheit. Schwierig der Spagat zwischen Authentizität und Realness-Anspruch nach innen einerseits und Verklärung und banalisierender Erklärungspflicht nach außen andererseits. Auch das Casting wird zum Härtetest, denn wer soll glaubhaft die Codes und Styles verkörpern, die über Szenezugehörigkeit entscheiden? Schauspielern nimmt man es meist nicht ab und die Szeneleute dilettieren zu sehr.
Dem Graffitifilm “Wholetrain“ ist der Drahtseilakt gelungen. Und dass dieser Akt kein Spaziergang war, wird deutlich, wenn man sich sein Zustandekommen ansieht. Angefangen mit der Suche nach Geldgebern, von denen die meisten dachten, das Phänomen Graffiti sei nicht mehr aktuell, oder die von der Brisanz der illegalen Straßenkunst verschreckt waren, über die Locationsuche – die Deutsche Bahn lehnte es nicht nur ab, als Kulisse zu dienen, sondern drohte auch gleich an, allen europäischen Verkehrsbetrieben zur gleichen Maßnahme raten zu wollen – bis hin zum erwähnten Castingproblem, das auch ein Jahr Vorbereitung verschlang. Am Ende dieser Tour de Force steht ein durchweg gelungener Debütantenfilm (sowohl für Regie, Schnitt, Kamera als auch die Schauspieler ist dies die erste lange Spielfilmarbeit). Rasant, glaubwürdig, mit Witz und trotzdem Tiefgang.
David (Mike Adler), Tino (Florian Renner), Elyas (Elyas M’Barek) und Achim (Jacob Matschenz) sind die ”Keep Steel Burning”-Crew (KSB). David, der wegen Straßenmalerei/Sachbeschädigung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt ist, hilft seinen Freunden trotzdem beim Sprühdosenklauen und schleicht sich nachts mit ihnen ins Zugdepot, um einen Waggon zu malen. Der Druck ist groß, denn die “Above The Law”-Crew (ATL) crossed die KSB-Bilder und fordert die Jungs heraus. Immer wieder kommt es zu Konfrontationen, die nicht nur beim verbalen Schlagabtausch bleiben. Währenddessen schlägt sich Tino mit seinen Sorgfaltspflichten als junger Vater rum und Achim – Davids Schüler – mit seinen Mittelklasse-Eltern. Für sie alle ist Graffiti mehr als eine Freizeitbeschäftigung: Es ist ihre Leidenschaft und der ganze Sinn im Leben.
Ein Sinn, für den es sich lohnt, alles andere zu opfern oder zumindest zu vernachlässigen: die Freiheit, die Ausbildung und die Familie. Die Crew ist die Ersatzfamilie. Auf sie ist Verlass und in ihr ist Verständnis. Aber es kriselt in der heilen Subkultur. David wird hin- und hergerissen zwischen seiner Leidenschaft und Loyalität zur Gruppe einerseits und der Vernunft andererseits – soll er doch mal mit dem Kunstprofessor reden, mit dem sein Bewährungshelfer befreundet ist? Achims Eltern wollen ihren Zögling wegen seiner permanenten Schulabsenz aufs Internat schicken. Tino wird emotional vom Battle mit den ATLs immer weiter aufgerieben, aber auch weitergetrieben. Und immer wieder die nicht gerade sympathischen Polizisten der Soko-Graffiti. Aber auch das eine Stärke des Films, dass diese nicht als böses Feindbild gemalt werden, sondern einfach als blöde Bullen, die sie sind. Keine Schwarz/weiß-, Held/Opfer-Trivialdialektik, sondern schlichtes Beschreiben; kein erhobener Zeigefinger, sondern einfach Erzählung.
Das Schauspiel ist überzeugend, oft dramatisch und immer wieder komisch, zum Beispiel wenn Tino den Stil der ATL-Crew mit den Worten disst: “Was? Mit so’nem scheiß Style kannst du doch nicht mal auf der Zillertaler-Bahn representen!“ Die Kamera bleibt ruhig und unaufgeregt und immer an den Jungs dran. Keine knalligen Farben, eher Grautöne – alles sehr real. Vor allem die Musik – produziert von Regisseur Florian Gaag selbst – bindet den Schnitt und verdichtet den Film zu einer durchweg fesselnden, spannenden Erzählung über vier Jungs in der Stadt, denen ihre Kultur alles ist, weil es sonst zu wenig gibt, wofür es sich zu leben lohnt.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.