Text: david hudson aus De:Bug 04

Who’s REVOLTING?

David Hudson
dwh@berlin.snafu.de

Vor einem Jahrzehnt hüllte sich Michael Jackson in schwarzes Leder und Ketten und teilte der Welt mit, er sei “Bad”. Die Welt reagierte, indem sie den Konsum seiner Platten um die Hälfte reduzierte. Und es ging noch eher bergab, ehe der Welt aufging, daß Michael Jackson tatsächlich “Bad” sein könnte – und zwar in einem noch viel interessanteren Sinn des Wortes, als der inzwischen entthronte König des Pop eigentlich zum Verkauf angeboten hatte.
Gekauft wurde zwar immer noch nicht, aber zum ersten Mal seit Jahren bekundete die Welt wieder Aufmerksamkeit. Jacko’s nächster Schritt war excellent. Nachdem er schon einmal punktete und die sinsiblen Nerven des Zeitgeistes traf, indem er den durch seinen Vater an ihm verübten Kindesmißbrauch in die Öffentlichkeit trug, vermarktete er ein anderes Trauma der aktuellen Top 40: Er war süchtig. Nein, nein, kein Heroin, daß wäre der Trend im Jahr davor gewesen – er konsumierte Schmerztabletten wie andere Menschen Süßigkeiten.
Selbst ein dezenter Manager hätte gemütlich auf Jacksons Karriere die Beine hochlegnen können, indem er die dunkle Seite der Pop-Ikone kapitalisiert hätte. Anbieten würde sich zum Beispiel eine schmerzliche Ballade, gereimt über, sagen wir, einen dieser pausbäckigen kleinen Engel der Gnade, gesandt, um ihn vor der Sinnlosigkeit sterblicher Qual hinweg zu retten. Aber soetwas werden wir von Jackson, der nächstes Jahr 40 wird und immer noch versucht, mit dem Kiddie-Markt Schritt zu halten, deshalb nie erleben. Nein, Michael Jackson ist sichtlich ganz Mythos und keine Substanz.
Bei R.U. Sirius liegt das Problem da ganz entgegengesetzt. Was genauso fatal sein kann, wenn man Anspruch auf einen höheren Platz in der Kulturlandschaft hegt. Und sein neues Projekt, REVOLTING!, ist so ungefähr das Schlechteste, was er hätte tun können, um sich diesen Platz zu sichern.
Sirius machte sich (buchstäblich) seinen Namen in Zeiten bevor die meisten überhaupt wahrgenommen hatten, daß soetwas wie “Cyberculture” überhaupt existierte. Der ehemalige Yippie hatte ein Gespür für die begehrtesten Trends und trieb die Cyperpunk-Welle bis ins Time Magazine. Vier Jahre vor dem Debut von Wired riefen er und Queen Mu ‘Mondo 2000’ ins Leben. Jetzt, fast eine Dekade später, scheint er immer noch darüber verstört zu sein, daß Wired gedeiht, während Mondo 2000 sich abquält. Mondo 2000 erscheint ab und zu tatsächlich und ein paar Leute nehmen sogar Notiz davon, während Wired…nun, das ist bekannt.
Der erste entscheidende Unterschied zwischen den beiden Magazinen ist für jeden offensichtlich, außer für Sirius vielleicht. Wenn ein loser (ein sehr loser) Vergleich gestattet ist, könnte man sagen, daß Mondo 2000 Greil Marcus’ ‘Artforum’ ist und Wired eher Forbes. Wired begriff sehr schnell, daß die “digitale Revolution” vor allem ein großes Geschäft ist und der ganze Rest, die McLuhan Zitate, das Nanozeug und die Radikalendemokratie der “elektronic frontier”, nur Köder. Diese Köder waren das Fleisch von Mondo 2000.
Der zweite wichtige Unterschied hat mit dem Beharren auf einer einsamen Vision zu tun. In einem Interview mit Jon Lebkowsky für CTheory letztes Jahr feierte sich R.U. Sirius als höllisch scharf und voller wichtiger Ideen. Zu scharf, für wahr, um der Stagnation von Beständigkeit zu erliegen. Im Bezug auf Mondo 2000 leidet er nicht an Selbsttäuschung:
“Wir waren immer wahnsinnig zweideutig. Sogar unser mahnendes, wildäugiges, faux-utopian Editorial der ersten Ausgabe ( Welches, nebenbei gesagt, von den akademisch Angehauchten immer noch als Beweis unserer Naivität herumgereicht wird), war eher eine Ausführung poetischer Extravaganz, als etwas wonach sich leben und sterben liese. Obwohl ich auf der Welle des Virtual Reality Hype und der Smart Drugs ritt, gab ich eine Menge zynischer Bemerkungen dazu ab. In den frühen 90ern wiederholte ich in allen Vorlesungen und Interviews den Satz: “Ich schaue mir lieber Ren und Stimpy auf Koffein an, als auf Smart Drugs im Cyberspace herumzufliegen.”, um mich vor einer Überidentifizierung mit einer noch enttäuschend in den Anfängen befindlichen Technologie zu bewahren. Nebenbei gesagt, ein sehr wahrer Satz. Nur ironische Distanz wird sehr schnell banal…und das macht einen fertig. Aber lasst uns nicht darüber reden. Was kann man dazu auch noch sagen. “
Was kann man da machen? Sieht so aus, als sei keine Idee es wert, daß man sich voll und ganz auf sie einläßt. Noch nicht mal “ironische Distanz”. Ich persönlich finde diese Sichtweise wesentlich sympatischer als irgendwelche vollkommen überzeugte Revolutionäre irgendeines Schlages, digital oder was auch immer.
Und doch scheint sich Sirius seiner Stärken nicht bewußt zu sein. “Ich bin verantwortlich für einigen von dem Mist, für den mein lieber Freund Perry Barlow 100 000 $ pro Sekunde bekommt.” tobt Sirius in REVOLTING!, aber warum kann er, R.U. Sirius, nicht auch abkassieren? Weil Barlow nicht nur “ernsthaft” ist, wie Sirius es bezeichnet, sondern auch für die Sachen ein langanhaltendes Lächeln übrig hat, die Sirius nicht müde wird, als Drohung gegen die derzeitgen Machtverhältnisse herauszustellen, was ,natürlich, auch seine zukünftigen Konferenzspartner einschließt.
Alles eine Frage der Haltung. “Grundsätzlich beziehe ich eine respektlose, surreale Position zur digitalen Gegenwart und Zukunft” sagte er vor zwei Jahren in einem Online Chat, “und versuche Leute zu provozieren und zu beleidigen so oft ich kann.” Stellen sie diese Aussage neben Barlow’s Essay “Beste aller möglichen Welten” und warten sie, welche sich besser verkauft.
Aber selbst wenn Sirius’ “respektlose, surreale Position” nur ganz hinten im Regal liegt und schon ein wenig Staub ansetzt, brauchen wir sie dort, um sie eines Tages für den Vergleich hervorholen zu können, was mehr Bestand hatte. Auch aus dem bereits zitierten Chat: “Ich denke, daß die erste Riege der Cyberkultur keine Ahnung hat, welche Effekte der Übergang der ehemaligen Arbeiterklasse in die digitale Wirtschaft haben wird. Frag sie, wie sie die wirtschaftliche Marginalization der großen Mehrheit verhindern wollen und sie werden dich anschauen, als hättest du beim Essen blödsinniger Weise Fleisch in dein Weinglas getunkt.
Sirius’s “blödsinnige Weise” heißt linker Libertarismus. “Ich habe gemischte Gefühle bei Beeinflussung durch Regierungen aller Art.,” fuhr er fort. “Ich muß zugeben, daß eine Regierung manchmal ein temporärer Keil gegen den Mißbrauch durch das große Kapital, Multinationalismus usw. sein kann.” Da liegt das Dilemma des linken Libertarismus begraben. Wie kann man genügend Macht in eine Regierung investieren, damit sie dich vor Bill Gates schützt, aber einen, persönlich, trotzdem in Ruhe läßt? Und, natürlich , will man für diese Investition nichts bezahlen.
Die Vermeidung dieses Dilemmas scheint jedoch nicht der Grund für R.U. Sirius REVOLTING! zu sein. Ob es das Schicksal von Mondo 2000 ist oder das Fehlen von 100 000 $ pro Sekunde, was immer es ist, er erscheint reichlich frustriert dieser Tage. Und REVOLTING! scheint der Ort zu sein, an dem er Dampf ablassen will. Was in Ordnung ist, wenn man nach Dampf sucht. Es gibt jedoch schon genug heiße Luft rund um das Web.
REVOLTING!, zumindest seine erste Ausgabe, handelt von der Kunst der pathetischen Rede. In einem der besseren Texte, Jack Boulware’s pathetische Rede über pathetische Reden, die zuvor schon in Suck erschien, schreibt Boulware, “Eine pathetische Rede sollte kurz sein, wütend, laut, beleidigend, bösartig und ohne auch nur einen Funken an Energie für Erklärungen zu verschwenden. So weit so gut. Der Punkt dieses Textes ist genau der, daß eine pathetische Rede einen Punkt haben sollte und der entsteht durch die Nebeneinanderstellung von klassischen pathetischen Reden des wundersamen Festspiels der Geschichte und den derzeitigen weinerlichen Beschwerden eines jeden Geeks mit Web-Page.
Ich kann den Punkt in R.U. Sirius’ Editorial nicht finden, im Einzelnen nicht und im Allgemeinen bin ich mir auch nicht sicher, ob ich ihn in der pathetischen Rede, die REVOLUTION! darstellen soll, sehe. Es gibt Höhepunkte. Das Interview mit Charles Mansons Web Typen funktioniert, weil Richard Metzger, der Interviewer und Herausgeber von DisInformation, keinerlei pathetische Rede hält und statt dessen einen klaren Blick bewahrt und die Person so präsentiert, wie sie ist.
Der REVOLTING! Artikel “Did Clinton Take Acid?” könnte eine echte Hilfe für neue Entwicklungen sein. Die Idee ist folgende: “Die Heuchelei der Clinton-Regierung in Sachen Drogen kennt keine Grenzen. Ihre Fortführung und Weiterentwicklung des katastrophalen Drogenkrieges der Reagan und Bush Ärea ist Wasser auf den Mühlen eines Industrie- und Gefängniskomplexes der so nur in einem Polizeistaat existieren kann.”
Falls Clinton wirklich während seiner Zeit in Oxford LSD genommen hat – mehr als einmal- und sich genügend Leute finden, die das bezeugen, dann würde nicht nur REVOLTING! einen hübschen kleinen Skandal an der Hand haben und wir uns einer Flut von Artikeln über die Einzigartigkeit des Mediums Web ausgesetzt sehen, sondern vielleicht auch ein Schimmer von Toleranz auf die nicht enden wollende Drogendebatte fallen.
Soweit der gute Teil. Der Rest ist nur Posing – von der eindimensionalen Sorte, die Sirius seit kürzerem an sich hat. Zum Beispiel in seinem aktuellen Profil von Mark Dippe, dem Regisseur des Science Fiction Kino Flops “Spawn”. Wir lernen, daß Sirius und Dippe sich tatsächlich vorher schon getroffen haben und gemeinsam “irgendjemandes Sammlung von Gewalt-, Pseudo-Snuff- und (Tier) Sexfilmen durchgegangen sind.”
Dieses “Pseudo-” springt euch sicher ins Auge. Ihr bleibt zurück mit eurer Überlegung: war es Forschung oder Feier? Und ich? Ich summe “He’s bad, yeah, he’s really bad.”

übersetzt von Daniela Künne

URLs:

REVOLTING!
http://www.revolting.com

Jon Lebkowsky, “The R.U. Sirius Interview: It’s Better to be Inspired than Wired”
http://www.ctheory.com/cd1.6-inspired.html

John Perry Barlow, “The Best of All Possible Worlds” http://www.factory.org/nettime/archive-1996/0561.html

Jack Boulware, “Rant on Rants”
http://www.revolting.com/1/rants/rar.html

DisInformation
http://www.disinfo.com

R.U. Sirius, “A Chat with the Master of Digital Hell” http://www.wired.com/news/news/culture/story/5494.html

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Elektronische Lebensaspekte.