Im Wiener Concept Store "Park" präsentierten gerade sechs österreichische Designer, wie sie mit dem Nike Air Force One verfahren würden. Debug nimmt die Vernissage als Anlass, um die veränderte Rolle von Mode-Boutiquen zu überdenken.
Text: jan joswig aus De:Bug 89

Am Diskurs stricken
Der Concept Store als Debattier-Bühne

“J’ecris meilleure des princesses que des pommes de terre. Les princesses sont le thème plus complexe.” (“Ich schreibe lieber über Prinzessinnen als Kartoffeln. Prinzessinnen sind das komplexere Thema.”) Marcel Proust
Früher galt als abgemacht, dass bei der Gegenüberstellung von Mode und Kunst die Mode den Kartoffel-Part erwischt. Das hat sich lange aufgeweicht. Mode und Kunst haben sich längst verschwistert, die Grenzen werden durchlässig. Das schlägt auch auf die Orte ihrer Repräsentanz durch. Nicht nur sehen immer mehr Modegeschäfte wie “Heimat” in Köln oder “Apartment” in Berlin wie die White Cubes der Galerien aus, peu à peu übernehmen diese Geschäfte auch die soziale Funktion der Galerien.
In den 1980er-Jahren schwangen sich die Galerien in New York, London, Köln oder Berlin zu den Brennpunkten der diskurshipsten Auseinandersetzungen auf. Vernissagen wurden zu Ereignissen, bei denen Intellekt und Eitelkeit sich an weitaus mehr entzündeten als bloßem Kunstinteresse. Galerien waren Konspirationszellen zur Weltübernahme, in denen wilder gesoffen und gekokst wurde als in jedem Club, mit vertrackteren -ismen jongliert wurde als in jedem Philosophiezirkel und ironischeres Weltenbürgertum inszeniert wurde, als es Helmut Berger je verkörpern könnte.
Seit Ende des letzten Jahrhunderts macht die Mode der Kunst verstärkt den Rang als Katalysator Nummer eins für die hipsten Auseinandersetzungen streitig, erblüht immer mehr von der Kartoffel zur Prinzessin. Nur ein Beispiel: Das intellektuelle Kunstfeudalismus-Magazin “Texte zur Kunst” widmet sich in der aktuellen Ausgabe ganz dem Schwerpunkt Mode.
In diesem Zuge wandeln sich auch die Modegeschäfte zu dem, was ehemals die Galerien verkörperten. Sie sind nicht mehr Tempel des Konsums, sondern Tempel der Kommunikation. “Heimat” bringt eine “Modedepesche” heraus, ein Magazin, mit dem sie ihre Sicht auf Mode jenseits des bloßen Objektes Kleidung ausbreiten. Neben Fotos von Stephan Schneiders neuer Kollektion steht ein Text zu Geschlechtsidentitäten steht ein Porträt von Robert Gernreich. Concept-Stores wie “Apartment” in Berlin oder “Park” in Wien arbeiten ebenfalls gezielt daran, Mode in ein Umfeld zu stellen, in dem sie diskutierbar wird. Helmut Ruthner von Park: “Es ging uns bei der Architektur extrem darum, dass es keine Architektur gibt, dass der Raum nur Hintergrund ist. Die Nähe zum White Cube liegt auf der Hand. Die Designer im Laden müssen aber nicht zwangsläufig etwas mit Kunst zu tun haben. Wichtig ist uns so etwas wie unser Buchprojekt. Wir haben von allen im Laden vertretenen Designern eine persönliche Bücher-Hitliste angefordert. Die Bücher liegen im Laden aus. Das reicht vom Bildband bis zum Krimi. Man sieht teilweise sehr genau: Wo kommen die Inspirationen her? Wir präsentieren die Kleidung im Gesamtbild der Kollektion – und darüber hinaus, wie bei den Büchern. Viele gucken sich die Gesamtkollektion an, sehen andere Zusammenhänge. Es wird viel nachgefragt. Es kommen wahnsinnig viele Modestudenten, um einfach mal zu schauen. Es ist unser Bestreben, dass es keine Barriere gibt. Leute sollen sich gern die Sachen anschauen, sie können dann ja in drei Jahren was kaufen.”
Auch die Bread&Butter Berlin wird das Beiprogramm zur Modemesse umgestalten. Nicht mehr Vergnügungspark ist das Thema – die Juppheißa-Feierei mit Karussell soll ein Ende haben -, sondern ein aufklärendes Kontextualisieren der Mode. Spezialisten wie Bless oder Andreas Murkudis werden ihre Vorstellung von Mode als gesamtgesellschaftlichem Phänomen in einem Galerie-ähnlichen geistigen Erlebnisraum vorstellen. Ein Schuft, wer dabei wieder nur an eine “PR-Strategie zur Image-Optimierung durch Content“ denkt …

Air Force One statt Geburt der Venus

Ein schöner Erfolg in diesem neuen Aufgabenfeld ließ sich unlängst in Wien bestaunen. So wie Milan Kunc 1982 in seinem Bild “Venus in Gefahr“ mit der “Geburt der Venus“ von Botticelli umgesprungen ist, haben 2004 sechs österreichische Designer den Nike Air Force One bearbeitet, kommentiert, attackiert. Ausgestellt wurden die Ergebnisse im Concept Store “Park“.
Der blankweiße Air Force One ist ein unbestrittener Designklassiker einer umstrittenen Firma. Die Designer hatten eigentlich nur die eine Chance: Wollten sie ihn nicht unstrittig hässlich machen – die schwer pubertäre Variante -, mussten sie ihn strittig verschönern.
Die beiden gewitztesten Eckpositionen kommen von Wendy & Jim und Fabrics Interseason.
Wendy & Jims Air Force One sagt: “Die Kritik an Nike hat sich längst selbst aufgefressen. Wer jetzt in das alte Horn stößt, steht nur als verbohrter Gestriger da. Das schwächt die Kritik, statt sie zu verstärken. Wendy & Jim haben mich so bearbeitet, als gäbe es gar nichts, aber auch rein überhaupt nichts zu mir zu kommentieren. ‘Neutral’ ist das neue Kritisch.”
Fabrics Interseasons Air Force One sagt: “Glaubst du etwa, die Plateauschuh-Variante von mir würde unbeabsichtigt an Buffalo-Schuhe erinnern? So etwas macht man nicht unabsichtlich.”
Nike als die neuen Medici, Park als die neue Galerie Paul Maenz, Fabrics Interseason als die neue Mühlheimer Freiheit: Das ist nur eine Konstellation in einer Entwicklung, die mit Martin Margiela, Bernhard Willhelm, Frank Leder und den vielen anderen abweichlerischen Konzeptdesignern losgetreten wurde. Viel Wirbel hat die Armani-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie gemacht, nachhaltigen Einfluss auf das Verhältnis von Kunst, Mode, Diskurs werden aber die Concept Stores und die von ihnen ausgewählten Designer/innen haben.

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Elektronische Lebensaspekte.