Die Informationen und Formulierungen des elektronischen Wikipedia-Lexikons sind ebenso frei wie seine Freie Software. Das ist die Voraussetzung dafür, dass sich diese Enzyklopädie konstant weiter entwickeln kann. Mit Wissen gefüllt wird sie von uns, den Usern. Und obwohl also dort jeder schreiben kann, klappt das Experiment erstaunlich gut. Mario Sixtus stellt Wikipedia vor.
Text: Mario Sixtus aus De:Bug 85

Wissen-der-Welt.org | Elektronisches Lexikon mit Wikipedia

Rund 700.000 Papyrusrollen sollen in ihren besten Zeiten in den Regalen der Bibliothek von Alexandria herum gelegen haben. Durchschnittlich drei Meter lang war solch eine Wissenswurst. Das entspricht in etwa zehn aneinander gelegten Din-A4-Blättern. Wenn wir jetzt annehmen, die Schreiber vom Land am Nil hätten sich auf 24-Punkt-Hieroglyphen (Font: Osiris) geeinigt und die Normungsstelle des Bibliotheksbeirates hätte ferner, aus Gründen der Lesbarkeit, die Obergrenze der Zeichenzahl auf 9.000 pro Rolle festgelegt, dann hätte das gesammelte Weltwissen der Antike einen Speicherbedarf von 6,3 Gigabyte gehabt. Der neue iPod kommt beispielsweis in den Gewichtsklassen 20 und 40 Gigabyte in den Handel. Das Wissen der Welt des Jahres Null ließe sich somit von jedermann quasi nebenbei herumtragen. Auf eine Musiksammlung von der Größe eines Kleinstadt-Plattenladens müsste man trotzdem nicht verzichten.

Brockhaus und die Sache mit dem Platz
Wie schwer ist das Weltwissen heute? Die Standard-Edition des “Brockhaus Multimedial 2004” belegt auf der Rechnerfestplatte gerade einmal 2,5 Gigabyte. Und das trotz Multimedia-Firlefanz. Wie kann das sein? Das Zauberwort heißt Filtern. Die Brockhaus-Redakteure entscheiden, welches Wissen ihre Leser erreichen darf und welches nicht. Bernd Kreissig, Geschäftsführer der “Brockhaus Duden Neue Medien GmbH” sagt: “Die Tatsache, dass etwas im Brockhaus steht, ist ein Zeichen für die Relevanz dieses Themas.” Klar, Kreissig muss so denken, denn egal ob eine Enzyklopädie nun auf totem Holz oder auf Silberscheibe daher kommt: Der jeweilige Platz für das Wissen ist begrenzt. Das Wissen selbst nicht. Dumm gelaufen: Was einem Redakteur irrelevant erscheint, könnte den einen oder anderen Enzyklopädie-Nutzer durchaus interessieren. Darf es aber nicht. Obendrein verhält sich die Summe der Erkenntnisse auf diesem Planeten frecher Weise dynamisch. In Ableitung eines angeblich aus Indianermund stammenden Sprichwortes könnte man also sagen: Erst wenn der letzte Buchstabe gedruckt, das letzte Byte gebrannt und das erste Exemplar verkauft ist, wirst du feststellen, dass deine Enzyklopädie veraltet ist.
Was läge also näher, als eine dynamische Wissenssammlung in einem ebenfalls dynamischen Medium anzulegen? Beispielsweise im Internet? Über diese Möglichkeit sinnierte Rick Gates am 22. Oktober 1993 in der Newsgroup alt.internet.services. “Ahh … but what about contributors … where will you find authors to write the short articles you need? Well, I’d first have to start out by finding some way of communicating with an extremely diverse set of people … everyone from linguists, to molecular biologists, from animal rights activists to zymurgists, and from geographers to gas chromotographers. Guess what? 🙂 The Net provides just such an arena! So I thought about it some more … and came to the conclusion that this is a good idea!”

Wikipedia: Leser schreiben mit
Die Idee war genau so simpel, wie gute Ideen eben sein sollten. Alle Arten von Spezialisten tummeln sich sowieso im Netz (vielleicht mal abgesehen von Ludditen, aber das sind ja eigentlich keine Spezialisten), also müsste man nur eine Plattform einrichten, auf der sie ihr Know-How deponieren und aktualisieren könnten. Das wäre alles. Denkste. Zuerst musste noch ein paar Jahre debattiert und ausprobiert werden, bis im Januar 2001 die erste Version von Wikipedia ins Netz ausgewildert werden konnte. In einigen Punkten unterscheidet sich Wikipedia grundlegend von anderen Enzyklopädien. Da wären zum Beispiel die Leser, die gleichzeitig Autoren sind: Über jedem Textabschnitt befindet sich ein kleiner “Bearbeiten”-Link, der – Klick – eben dieses gestattet. Ratzfatz ist eine Änderung vorgenommen und der Text ist wieder auf dem neuesten Stand. Neue Artikel sind genauso schnell angelegt. In der postmodernen Welt, in der jeder Mensch irgendein Spezialist für irgendwas ist, ist diese Methode wahrscheinlich die einzig logische. Das Wiki-Prinzip, das jeden surfenden Nichtsnutz zum potenziellen Redakteur einer Wiki-Seite macht, wurde 1995 vom Software-Guru Ward Cunningham entwickelt und von uns in der Debug Nr. 72 bereits gebührend abgefeiert.
“Und das soll funktionieren?”, höre ich die Skeptiker ihre Köpfe schütteln. Zur Beantwortung dieser Frage holen wir kurz den E-Business-Berater Martin Roell ans Mikrofon der zu dieser Thematik ein kleines Anekdotchen vorbringen wird.

Sich selbst regulieren
“An der Berufsakademie Dresden hielt ich im Frühjahr einen Workshop namens ‘Akademisches Arbeiten mit Weblogs und Wikis’ ab. Anhand der Wikipedia und des Artikels zu Deutschland erklärte ich gerade: ‘… und sie könnten da jetzt alles ändern, wenn sie wollten…’ (Grinsen in der ersten Reihe) ‘… was sie natürlich jetzt nicht direkt machen sollten…’ (großes Grinsen. Hinten meint einer: ‘zu spät’) ‘… wenn sie sich nicht unbeliebt … oh.’ Irgendein Scherzkeks hatte die Amtssprache für Deutschland in ‘Türkisch’ geändert. Ich forderte die Studenten dann auf, nichts zu unternehmen, außer ständig Reload auf ihrem Browser zu drücken. War sehr lustig. Alle Mann gespannt vor den Monitoren … reload, reload, reload. Und bang, stand auf einmal wieder ‘Deutsch’ da. Im Handumdrehen hatte das jemand wieder verbessert. Die Jungs und Mädels saßen mit offenen Mündern da: ‘Wer war das?’ War eine großartige Episode um Wikipedia, freiwilliges Engagement, Wikis und ‘das Netz ist gut’ zu erklären.”
Vielen Dank Herr Roell für diese erleuchtende Geschichte und auch dafür, dass sie sich extra in unser kleines Heft bequemt haben.

Das GNU
Sicherlich, 100-prozentig verlassen kann man sich auf die Informationen innerhalb der Wikipedia nicht. Aber wo kann man das schon? Wem diese revolutionäre Art der Wissenssammlung noch nicht ausreicht, um Wikipedia von den Brockhäusern, Encartas, Encyclopedia Britannicas usw zu unterscheiden, für den haben wir jetzt noch ein GNU. Ein Gnu? Was für ein Gnu? Nun, genau genommen die GNU “Freie Dokumentenlizenz ” (GNU FDL). Die Informationen und Formulierungen in der Wikipedia sind ebenso frei wie freie Software. Sie dürfen also sowohl für private als auch für kommerzielle Projekte unentgeltlich genutzt werden, so lange auf die Herkunft hingewiesen wird. Tatsächlich gibt es bereits Wikipedia-Klone im Web, die mit Bannerwerbung beklebt sind und deren Betreiber versuchen, die kollektive Arbeit tausender Freiwilliger in die eigene Tasche hinein zu versilbern. Lustigerweise stört das niemanden sonderlich. Das Original ist eben unübertroffen.

Das Bildungsbiest wächst derzeit exponentiell. Insgesamt 70 unterschiedlich umfangreiche Sprachversionen existieren derzeit – darunter solche in Kurdisch, Gälisch, Urdu und Plattdüütsch. Es gibt 840.000 Artikel, davon 310.000 auf Englisch und 120.000 auf Deutsch.

Weltweit mit Dependancen
Mit der “Kamelopedia” pflegen die deutschen Wikipedianer obendrein ihre eigene Satire-Variante. Dort erfährt man beispielsweise Wissenswertes über Norddeutschland: Norddeutschland ist ziemlich nass. Hauptexportgut des Landes außer Regen ist Nebel, der als Frühnebel, Bodennebel, Hochnebel, Mittagsnebel, Abendnebel oder Küstennebel vorkommen kann. Damit die Norddeutschen bei dem ganzen Nebel nicht dauernd zusammenstoßen, sagen sie in regelmäßigen Abständen Moin.
Auch andere Seitenprojekte gedeihen prächtig. Das “Wiktionary” will einmal ein ausgewachsenes Wörterbuch werden, mit “Wikiquote” entsteht eine Zitate-Datenbank und mit den so genannten “Wikireadern” wird der Kreis nach Alexandria endgültig geschlossen: Sie bestehen aus Papier. Partnerunternehmen kümmern sich um Druck und Vertrieb der Büchlein, die ausgewählte Wikipedia-Artikel beinhalten. Wer will so was haben? “Wir sehen durchaus Bedarf für gedruckte Versionen”, sagt uns der deutsche Wikipedianer Arne Klempert. “Lange Texte werden einfach nicht so gerne am Monitor gelesen.” Ach so. Na gut. Klempert ist zweiter Vorsitzender des Vereins Wikimedia Deutschland – Gesellschaft zur Förderung freien Wissens, der am 13. Juni im Rahmen der Tagung Wizzard of Oz in Berlin gegründet wurde. In anderen Ländern sind ähnliche Organisationen im Entstehen begriffen. Ziel des Vereins wird vorwiegend das rechtlich einwandfreie Einsammeln von Spenden sein. Denn Wissenssammlung kostet Geld. Der aus 14 Rechnern bestehende Serverpark in Florida, auf dem sämtliche Wikipedia-Versionen zentral gehostet werden, stöhnt monatlich unter einem Datenverkehrsaufkommen von 4,5 Terabyte. Zwar zahlt Wikipedia-Initiator Jimmy Wales die Datentransfergebühren bislang generös aus eigener Tasche, aber: “Mittelfristig wollen wir das Projekt ausschließlich durch Spenden finanzieren”, sagt Klempert.

Bald neu: Verortung der Wikis?
Nun, Wikipedia-Artikel aus Papier sind sicherlich ein interessanter Ansatz, der Wissensdatenbank ein wenig Mobilität zu verpassen. Einige Wikipedianer denken aber bereits drei Schritte weiter. Das Anwendungszentrum Oberpfaffenhofen lud kürzlich zu einem Erfindungswettbewerb ein. Gesucht werden die besten Ideen dafür, was man mit dem geplanten, europäischen Satellitenortungssystem Galileo denn so anstellen könnte. Die Idee der Netz-Enzyklopädisten ist so schlicht wie großartig: Die Wikifizierung der Welt. User, die einen Galileo-fähigen Handheld oder ein ähnliches Gerät mit sich herum tragen, sollen zu jedem Ort der Welt das dazugehörige freie Wissen abrufen können. Informationen, Anekdoten, Geschichten, Legenden und Märe. Und natürlich sollen sie auch welche eingeben. Das ortlose Wissen würde so auf einmal einen geografischen Bezug bekommen. Das Wissen über Alexandria wäre zwar nach wie vor überall, aber eben auch ganz besonders in Alexandria – irgendwie.

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Elektronische Lebensaspekte.