Der Film hat HipHop außerhalb New Yorks populär gemacht. 25 Jahre nach seiner Erstausstrahlung tourt Regisseur Charles Ahearn zur Anniversary Tour durch deutsche Kinos. Jan Kage war dabei.
Text: Jan Kage aus De:Bug 121


Letztes Jahr hatte der Film “Wildstyle“, der Anfang der 80er die junge New Yorker HipHop-Kultur dokumentierte und in der ganzen Welt popularisierte, 25-jährigen Geburtstag. Nach seiner Weltpremiere im ZDF und der folgenden Tour durch Japan, die USA und den Rest der Welt war sowohl der Graffiti-Virus als auch Breakdance, Scratch-Djing und Rap Teil der globalen Jugendkultur und der Film selbst das Referenzmedium Nummer eins für alle aspirierenden B-Boys und Fly-Girls.

Die Graffitis von Lee Quinones, der die Hauptfigur Zorro spielt, und von Lady Pink dienten als Studienmaterial für ungezählte angehende Aerosol-Artisten. Und die Szenen des Films, in denen man den DJs auf die Finger gucken kann, waren lange Zeit das einzige Dokument, an dem sich DJs die Tricks der Grandmaster abgucken konnten.

So ist es kein Wunder, dass eine Reihe medialer Ereignisse den 25-Jährigen begleiten: Im Oktober veranstaltete VH1 ein “HipHop Honors“ und brachte die Paten der Kultur noch mal auf die große Bühne, der schwedische Verlag Dokument hat gerade den aufwendig von Regisseur Charlie Ahearn gestalteten “Wild Style The Sampler“-Band rausgebracht, der das Making Of des Klassikers mit vielen Bildern und Stories dokumentiert. Mitte Februar fuhr ich Ahearn und den Oldschool-Rapper Busy Bee auf der Anniversary Tour durch die Lande und hatte Gelegenheit zu Gesprächen.


Charlie Ahearn und Fans

Egal, ob in Christiania, Kopenhagen oder im Kölner Gloria: Kaum laufen am Ende des Films die Credits über die Leinwände, brandet tosender Applaus auf, Leute johlen. Der Film fing die Aura der frühen New Yorker HipHop-Kultur so authentisch und direkt ein, dass manche handwerkliche Fehler nicht ins Gewicht fallen – sie sind nicht entscheidend, es geht um mehr. Charlie Ahearn sagt, dass der Film über die Jahre Patina sammeln würde, die sich gnädig über die Unzulänglichkeiten lege. Trotzdem guckt er sich den Film nicht selber an.

Charlie Ahearn: Nun, ganz ehrlich: Ich schäme mich als professioneller Filmemacher immer, weshalb ich mich auch bei jeder Vorführung rausschleiche, um mich entspannen zu können. Wenn ich mir den Film angucken würde, hätte ich ein Filmemacher-Trauma. Ich müsste all das wieder durchleben, was ich als Regisseur vermasselt habe, und mich mit den Schwächen meiner Entscheidungen konfrontieren – Blickwinkel sind zum Beispiel falsch und es ist für jeden, der etwas vom Filmemachen versteht, ziemlich offensichtlich, dass in ein paar entscheidenden Szenen die Leute in die falsche Richtung gucken.

Aber wie in der Musik und den anderen Künsten hat auch im Film oft das Produkt mehr Seele, dessen Produzent unbedingt etwas mitzuteilen hat. Ein Grund dafür, warum auch heute noch “Wildstyle“ so viel fresher ist als der zwei Jahre später mit ordentlichem Budget gedrehte und von Harry Belafonte produzierte Streifen “Beatstreet“. Und ein Grund, warum sich Samples aus dem Film unter vielen anderen auf Platten von Nas, Cypress Hill und den Beasty Boys finden.

Charlie Ahearn: Meine filmenden Freunde und ich fanden in den 70ern die Filme von Andy Warhol wirklich witzig. Wir waren Teil einer Szene, die einen ähnlichen Zugang hatte. Und ein Teil dieses Zugangs war es, kreative Leute für die Rolle zu casten und die Szenen vielmehr um deren Kreativität zu kreieren als durch den Plot selbst.

Außerdem wollte ich die Ästhetik des primitiven Filmemachens aufgreifen. Ich widerstand generell der Idee, den Film aufpolierter scheinen zu lassen, ihn professioneller wirken zu lassen, durch wunderbar gesetztes Licht und so. Ich habe bei “Wildstyle“ und mehr noch bei dem Kungfu-Film, den ich vorher produziert habe, mit voller Absicht versucht, den Primitivismus des Films so weit zu treiben wie ich konnte und damit durchzukommen. Es war der Versuch, die primitive Einfachheit und sogar Unprofessionalität mit dem zu verbinden, was man Punk-Filmemachen nannte.

Ich war nicht auf der Kunsthochschule und auch keiner meiner Freunde war auf einer Kunsthochschule. Trotzdem haben wir Filme gemacht, so wie wir es wollten. Ein paar davon sind, wenn man sie später sieht, eher peinlich. Aber wir haben bewusst an Andy Warhol als Vorbild gedacht, so wie man sich auf etwas Interessantes konzentriert, ohne es mit einstudierter Filmemacher-Technik auszudrücken und so einen Eindruck tatsächlichen Lebens in einer Situation einfängt.

De:Bug: “Wildstyle“ ist ein Dokument vom New York der frühen 80er; genauer: Ein Dokument der HipHop-Kultur, die gerade ihren Weg von der South Bronx in die Kunstwelt Manhattans fand. Die Mode als auch die Bilder der Stadt, die sich seitdem so krass verändert hat, sind fest an diese Zeit gebunden. Der Umstand, dass du heute nach 26 Jahren mit dem Film unterwegs bist, ist aber auch Beleg für die Zeitlosigkeit von Wildstyle. Könnte man heute einen ähnlichen Film in New York drehen?

Charlie Ahearn: Die kurze Antwort ist: nein. Zum Beispiel, dass Mitarbeiter des öffentlichen Nahverkehrsystems MTA uns in die Yards ließen, um die Grafittiszenen zu drehen und die Züge anzusprühen. Vieles von dem, was wir taten, brauchte eine große Ebene Vertrauens unter allen Beteiligten – mein Verhältnis zu den MCs zum Beispiel. Ich weiß nicht, ob das heute so möglich wäre. Auf der anderen Seite machen Leute immer interessante Filme, da will ich nicht zukünftige Möglichkeiten zerreden.

Die Vorproduktion zu diesem Film begann im Juni 1980 mit einem Treffen von Fab Five Freddy und mir in einem verlassen Massagesalon am Times Square, wo ich half, eine Kunstausstellung zu organisieren. Er hatte einen Freund, Lee Quinones, und ich war sehr an Lee interessiert. Ich hatte vorher, 1978, einen Super8-Kungfu-Film für 1000 Dollar gedreht, “The Deadly Art of Survival“. Beim Dreh habe ich überall diese Murals gesehen. Unglaubliche grafische Arbeiten mit Motiven von Comic-Characters von Lee Quinones. Ich hab immer gefragt, wer die gemacht hat? Und alle sagten: “Lee! Komm schon, das ist der bekannteste Künstler!“

Später habe ich ihn dann getroffen, als wir eine Kungfu-Szene vor einem seiner Bilder drehten. Er kam mit seinem selbstgebauten Motorrad und seinem riesigen Afro vorbei. Und ich sagte: “Ich würde gerne mit dir was Filmen.“ “Alles klar!“ “Wie treff ich dich wieder?“ Er antwortete: “I’ll be around.“ Dann fuhr er weg und ich sah ihn ein ganzes Jahr nicht mehr, bis ich halt zufällig Fab Five Freddy traf. Er kam zur Times-Square-Show, weil ich Poster für den Kungfu-Film in Lees Nachbarschaft aufgehängt hatte. Ich wollte gerne Graffiti-Bilder von Lee in der Show, also fragte ich Fred, ob er nicht mit Lee am nächsten Morgen wiederkommen wolle, um direkt vorm Eingang ein Graffiti zu malen.

Die Schau war eine Art Outlawshow in einer Art Squad am Times Square, schwer vorstellbar heute. Und er malte ein sehr kleines Bild, auf dem “Fab Five“ stand. Das war der erste Schritt für uns drei, gemeinsam einen Film zu drehen.

Charlie Ahearn hat sich bühnenfein gemacht. Normalerweise trägt der 56-Jährige dunkle Hemden zu seinem grauen, kurzen Haar. Für die Wildstyle-Auftritte wählt er ein schwarzes XL-Shirt mit dem Wildstyle-Logo im BlingBling-Glitzerdruck, das ihm Busy Bee geschenkt hat, und eine rote Mütze auf dem Kopf. Er ist ein guter öffentlicher Redner, setzt Pausen und artikuliert präzise, weiß, wo er einen Lacher kriegt. Natürlich hat er die Geschichten vom Wildstyle-Dreh schon ungezählte Male im letzten Vierteljahrhundert dargeboten, aber er trägt sie immer noch frisch und mit Verve vor. Das Publikum hat den Eindruck, als erzählte er die Stories zum ersten Mal. Es klebt an seinen Lippen.

Charlie Ahearn: Wenn man sich die Szene am Ende von “Wildstyle“ anguckt, das war ein verlassenes Amphitheater. Lee hat da als Kind in den Ruinen gespielt, weil er nur vier Blocks entfernt wohnte. Es stand in seiner Nachbarschaft. Leute haben da Schore gespritzt oder Kids haben die Wände getaggt. Als Lee mit mir den Film gedreht hat, schlug er vor, ebenda die letzte Szene zu drehen. Ich habe mir den Ort angeguckt und richtig Schiss gekriegt, weil es zu groß war. Es fiel außerdem völlig auseinander, weshalb das Gebäude selbst für mich zu einem Symbol für New York City wurde, das zu dieser Zeit auch eine Art leer stehendes Gebäude war.

Wir kriegten keine Genehmigung dort zu drehen. Lee ging also einfach mit seinen Leuten hin und malte das Gebäude an. Und als wir dann die tatsächliche Partyszene drehen wollten, mussten wir den ganzen Park ordentlich ausleuchten und die riesigen Lautsprecher ranschaffen. Das war ein sehr großer Part der gesamten Dreharbeiten. Aber wir hatten keine wirkliche Genehmigung, was ein bisschen beunruhigend war.

Und hier sind wir also und drehen den Film und meine Produktionsmanagerin kommt recht nervös an und sagt: “Die Polizei ist da!“ Ich drehe mich um und sehe, wie dieses Polizeiauto am linken Bühnenrand vorfährt. Der Cop rollt sein Fenster runter, zwei saßen im Auto. Ich hatte diesen Aktenordner, in dem sich gar nichts befand, der mir aber ein bisschen Sicherheit gab. Er gab mir das Gefühl, für diesen Film tatsächlich Regie zu führen. Ich lehnte mich also ins Fenster und sagte: “Tausend Dank, dass ihr hier rumguckt. Könnt ihr mir bitte einen Riesengefallen tun? Wir werden diese Szene in der nächsten halben Stunde drehen und wir haben hier absolut keine Sicherheit und den ganzen Abend war keine Polizei da. Könnt ihr bitte aufpassen?“ Dann ging ich zurück zur Szene, die Party hatte nicht wirklich aufgehört und als ich mich umdrehe, sehe ich, wie das Polizeiauto vom Gelände fährt. Den Rest des gesamten Abends haben wir keine Polizei mehr gesehen. Und das war HipHop! Das war HipHop1981.

Dadurch, dass man eine Großstadt in einer extremen Krisensituation hatte – denn, ja, die Leute hatten Probleme: Das Schulsystem und das U-Bahnsystem fielen auseinander, Gebäude brannten aus, es war also rau – aber dadurch gab es auch viel Platz für Leute, die einfach taten, was sie tun wollten. Graffitiwriter schlichen in die Trainyards oder Kids, die ihre Soundsystems an die Straßenlaternen anschlossen, um ihre Street- und Blockparties in den Parks zu schmeißen. Aus diesen Umständen wurde HipHop geboren.

De:Bug: Der Film wurde ja ironischerweise mit Geld des deutschen Senders ZDF und des britischen Channel 4 gedreht. An welchem Punkt der Produktion hat sich bei dir das Gefühl eingestellt, dass du ein lokales New-York- oder sogar ein lokales Bronx-Phänomen in die ganze Welt exportierst?

Charlie Ahearn: Als ich mit Fab Five Freddy und Lee Quinones an der Grundidee arbeitete, daran, wie wir diesen Film designen würden, hatte ich überhaupt keine Idee, wie ich einen Film finanzieren oder produzieren sollte, denn ich hatte ja noch nie vorher wirklich einen Film gedreht, außer dem Kungfu-Film auf Super8. Ich hatte auch noch nie ein Skript geschrieben oder einen Produzenten kontaktiert. Aber ich war als Filmemacher bekannt genug. Es gab damals auch nicht so viele unabhängige Filmemacher.

Ein Freund von mir gab mir also den Kontakt zum ZDF und ich schickte einen Brief mit vier Fotos von besprühten Zügen und einer Videokassette mit einem MC-Battle und ich sagte dem Redakteur, das sei die neue HipHop-Kultur und darüber würden wir einen Film machen, der einen narrativem Fluss haben würde, aber gleichzeitig die Kultur dokumentiere. Ich beschrieb ihm den Film so: “Er fängt im U-Bahn Depot an, wo dieser Outlaw-Künstler malt, und endet mit einer Crowd, die ’Ho!’ ruft.“ Und er schrieb zurück: “Ja, wir sind sehr begeistert von der Idee, diesen Film zu machen!“

Ich war total überrascht, denn es schien zu einfach. Ich hatte nämlich außerdem noch einen Brief an den amerikanischen öffentlich-rechtlichen Sender PBS geschickt. Und die haben einen sehr hässlichen Brief zurückgeschrieben, in dem sie sagten, dass der Inhalt nicht von nationalem Interesse sei, dass es sich dabei nur um ein lokales New Yorker Phänomen handele, sie aber ein nationaler Sender seien. Und plötzlich kam der Brief aus Deutschland und man war interessiert. Das war für mich als Produzent sehr beeindruckend, denn es war der Beweis dafür, dass ich tatsächlich etwas produziere. Nicht viel später schrieb mir Channel 4 aus London und jeder Sender gab, glaube ich, 25.000 Dollar.

Da hatte ich nun 50.000 Dollar, was für mich ein unglaublicher Betrag war. Für einen Spielfilm ist das nichts, aber mir gab es die Möglichkeit eine Crew anzuheuern und alles in die Wege zu leiten. Von da an hatte ich wirklich das Gefühl: “Ja, diese Kultur geht nach draußen!“ Vielleicht muss sie ein paar Orte auf ihrem Weg überspringen. Vielleicht zeigen wir den Film nicht zuerst in den USA, sondern zuerst in Deutschland, wie es dann ja auch kam. Ironischerweise kam der Film nicht zuerst in die Kinos, sondern wurde im ZDF gezeigt. Die nannten den Film: “Graffiti“, weil das Wort “Wildstyle“ wohl im Deutschen nicht ausgesprochen oder übersetzt werden kann.

Kurz nachdem der Film vom ZDF gesendet wurde, tauchten auf der Berliner Mauer gesprühte Graffiti-Pieces auf, die ganz klar aus dem Film stammten: Der Zorro-Character und ein paar der Buchstaben und Animationen. Und das war sogar noch bevor ich mit Zephyr und Revolt das Mural gemacht habe, dass das Logo des Films werden sollte. Das Logo haben wir erst gemacht, als wir versuchten, den Film zum Festival in Cannes zu bringen und ihn in die ganze Welt zu verkaufen. Wir konnten den Film in Cannes nicht ohne ein freshes Logo, das aber auch lesbar war, verkaufen.

De:Bug: Wie viele Leute waren im Team von Wildstyle?

Charlie Ahearn: Im Kern war die Crew eine Dokumentarfilm-Crew, keine Spielfilmcrew, die typischerweise etwa dreißig Leute umfasst. Wir hatten, glaube ich, sechs oder sieben. Wir hatten einen Kameramann und seinen Assistenten, einen Soundmann samt Assistent, der das Mikrofon angelte, einen Skriptsupervisor, um Anschlussfehler zu vermeiden, einen Produktionsmanager, der auch der Co-Regisseur war, und dann mich als denjenigen, der den Rest machte. Das sind sieben.

Wir hatten niemand für Props, Garderobe, Essen oder Lastwagenfahrer. Nur bei den großen Szenen, wie der im Amphitheater, die insgesamt zweimal mit unterschiedlicher Crew gedreht werden musste, hatten wir mehr Leute: Da hatten wir dann drei Kameras samt Assistenten. Es war ein riesen Job, das Licht zu setzen. Aber das war die Ausnahme. Die Großzahl der Szenen wurde nur mit ganz kleiner Crew gedreht.

Fünfundzwanzig Jahre nach “Wildstyle“ ist HipHop zur dominierenden Jugendkultur geworden. Die Ästhetik der Beats findet sich heute in den meisten Mainstreampop-Produktionen. Die Werbung hat HipHop für sich vereinnahmt und ein normaler Musikvideodreh hat ein Team, das ums Zehnfache größer ist als die originale “Wildstyle“-Crew; ebenso sein Budget. Wildstyle hat die Blaupause für all das geliefert, beziehungsweise die grundlegende Bildsprache definiert. Wildstyle und die Fotos von Martha Cooper und Henry Chalfant sind die frühesten professionellen Dokumente der HipHop-Kultur und als solche unauflösbar mit ihr und ihrer Popularisierung verbunden.

Als diese werden sie bestehen bleiben und in fünfundzwanzig Jahren 50-jähriges Jubiläum feiern. Charlie Ahearn wird dann 82 Jahre alt sein. Wahrscheinlich ist er dann wieder auf Tour, die Mütze auf dem Kopf und das XL-Wildstyle-Shirt am Leib. Das Mikro in der Hand wird er vor einem jungen oder einem gealterten Publikum stehen – das hängt davon ab, ob sich HipHop konstant erneuern wird. “Hello,“ wird er sagen. “My name is Charlie Ahearn and I’m the director, scriptwriter and producer of the movie Wildstyle.“ Das Publikum wird applaudieren und johlen und er wird sich aus dem Saal schleichen, sobald das Licht ausgeht. So wie vor fünfundzwanzig Jahren schon.


http://www.wildstylethemovie.com

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Elektronische Lebensaspekte.