Die Zukunft ist 2006. William Gibson, der hühnenhafte Autor, der mit "Neuromancer" den Cyberpunk erfand, forscht in seinem neuen Buch "Quellcode" einem rätselhaften Container hinterher. Welche Relevanz Recycling, Locative Art und Raubkopien dafür haben, lässt sich Uh-Young Kim im Gespräch näher erklären.
Text: Uh-Young Kim aus De:Bug 122


William Gibson ist ein Riese. Nicht nur bildlich gesprochen. Als großer Styler der Science Fiction, Namensgeber des Cyberspace bzw. Grabesredner von “Cyberpunk”, wie sich im Gespräch herausstellt. Sondern auch rein körperlich: turmhohe zwei Meter misst der Mann, mindestens. Das fällt seltsamerweise erst richtig auf, nachdem wir uns gesetzt haben. Während ich im Hotelsessel versinke und das Interview fortan unfreiwillig, aber durchaus angemessen aus einer ehrfürchtigen Froschperspektive führe, thront Gibson mir gegenüber wie auf einem Hochsitz.

In den Aufnahmen, die von ihm kursieren, kommt seine immense Körpergröße selten zur Geltung. Bei einem Gastauftritt in der ohne seine Ideen unvorstellbaren Fernsehserie “Wild Palms“ (1993) huscht er nur kurz ins Bild und wirkt dabei arg unbeholfen. Umso souveräner sitzt er in der etwas dick aufgetragenen Gibson-Doku “No Maps For These Territories“ (2001) im Auto als kettenrauchendes Orakel der Datenhighways.

Sein Second-Life-Avatar, mit dem er manchmal Lesungen hält, lässt wenig Schlüsse auf seine Anatomie zu. Nur ein YouTube-Clip aus den späten Sechzigern zeigt ihn als jungen, drahtigen Wehrdienstflüchtling, der über die Straßen von Toronto stakst und dabei von der Hippiekultur philosophiert.

Nun hockt William Gibson also leibhaftig vor mir: hageres Gesicht, kleine Brille und irgendwie charmant ungelenk – kurz muss ich an C-3PO denken. Aber Schluss mit der oberflächlichen Zerstreuung, schließlich soll es hier um sein Buch gehen: “Quellcode“, wie “Spook Country“ etwas unglücklich auf Deutsch heißt, ansonsten aber hervorragend übersetzt ist. Erneut fordert sich Gibson darin selbst heraus und reist erstmals in die unmittelbare Vergangenheit. Schon 2006 ging es dem Roman nach verdammt futuristisch zu. So blühte damals bereits die Locative Art auf.

Mithilfe von GPS und WLAN werden bei diesem Kunsttrend virtuelle 3D-Modelle von Kraken, toten Promis oder Mohnfeldern in der Wirklichkeit verteilt und durch zusammengeklebte Virtual-Reality-Helme sichtbar gemacht. Bei ihren Recherchen über die Kunst-Avantgarde erfährt die Pop-Journalistin Hollis Henry von der Jagd nach einem mysteriösen Container. Dabei stolpern jede Menge coole und tragikomische Figuren aus dem Gibson-Universum übereinander: Indie-Semi-Celebrities, Geo-Hacker, Söldner aus dem Irakkrieg, eine kubanisch-chinesische Fälscherfamilie, 9/11-Kontrollfreaks und Paranoiker sowie der luziferianische Werbemagnat Hubertus Bigend. Letzterer glänzte bereits in “Mustererkennung“ mit bestialischem Intellekt und blendendem Dandytum. Liebevoll bezeichnet ihn Gibson als sein Sprachrohr.

Der post-intentionale Krake
De:Bug: Eine meiner Lieblingsstellen in “Quellcode“ ist, wo der virtuelle Squid, ein Riesenkrake, in einer Lagerhalle auftaucht, über deren Oberfläche Videoclips und japanische Schriftzeichen laufen. In Ihren früheren Werken war eines Ihrer Leitmotive das “Grid“. Nun also der “Squid“? Die digitalen Tentakel von Google, Ebay, Blogs oder Handys durchdringen ja mittlerweile alle Lebensbereiche.

William Gibson: Ich bin mir nicht sicher, ob der Krake einen metaphorischen Zweck erfüllt. Ich arbeite post-intentional, tief in einer Methode versunken, die ich allmählich in meiner Karriere entwickelt habe. Sie erlaubt mir, erstmals nur Material anzusammeln und es danach abzuklopfen, ob es passt. Der Krake hätte auch ein sowjetisches Raumschiff sein können. Sie ist einfach aus meinem Unterbewusstsein aufgetaucht. Ich versuche, Absichten so weit wie möglich zu vermeiden, wenn ich Fiktionales schreibe.

De:Bug: Wussten Sie denn von Anfang an, was in dem Container steckt?

William Gibson: Ich wusste nicht, was in der Box sein sollte, bis ich mir sogar Sorgen machen musste, denn es ging auf den Schluss zu. Ich hatte zwar eine Liste von Dingen, die einigermaßen wache Leser erwarten konnten – womöglich eine Art von Massenvernichtungswaffe. Aber mich reizte an der Erzählung, den Glamour des Thriller-Genres, die Auflösung des “MacGuffin”, zu unterwandern. Am Ende geht es nicht so sehr um den Inhalt des Containers, sondern darum, was die guten Schurken damit anstellen.

De:Bug: Im Prinzip machen sie sich über die anderen lustig.

William Gibson: Ja, sie tun es für den Spaß!

De:Bug: Wie kam es dann dazu, dass Ihre Romane nun in der Gegenwart spielen?

William Gibson: Ich bin immer schon davon ausgegangen, dass jede Art von Fiktion gleichermaßen von spekulativer Natur ist. Selbst die Geschichte im historischen Sinne ist eine grundlegend spekulative Disziplin. Wenn ich auch nur ein Artefakt aus der fernen Zukunft haben könnte, wäre das ein einfaches Geschichtsbuch. Das Interessante daran wäre nicht das Ende, sondern der Anfang der Menschheitsgeschichte: Was haben die ersten Menschen wohl gedacht? Im Laufe dieser Erzählung könnte man dann zu so etwas wie dem Wesen der Dinge kommen. Da das aber unmöglich ist, musste ich einen Umweg nehmen. Science Fiction hat mir dazu gedient, die zunehmend von Fiktionen überlagerte Gegenwart, die wir Wirklichkeit nennen, unter dem Deckmantel einer imaginativen Zukunft zu erkunden. Für mich war es immer selbstverständlich, dass jede Science Fiction von dem Moment handelt, in dem sie geschrieben wird. “Neuromancer“ handelt nicht etwa von der Zukunft, sondern von den frühen Achtzigern. Indem ich mich also der Gegenwart angenähert habe, setze ich im Grunde genommen nur fort, was ich schon immer gemacht habe – nur absichtlicher.

De:Bug: In “Quellcode“ heißt es, der Cyberspace habe sich nach außen gekehrt. Ständig sind wir mit elektronischen Medien verbunden. Sie formen unser Verständnis von Wirklichkeit, wie das auch schon die Literatur seit Jahrhunderten getan hat. Glauben Sie, dass es einen Unterschied macht, ob unsere Wahrnehmung von Büchern oder elektronischen Medien beeinflusst wird?

William Gibson: Ich glaube nicht. Ich operiere ja im ältesten Massenmedium der Welt, in dem ich schwarze Zeichen auf einem weißen Papier oder einem Bildschirm arrangiere. Und mich fasziniert immer noch, wie sich Menschen aus den entlegendsten Gegenden diese Zeichen in einem komplexen kulturellen Prozess zueigen machen. Ihre Interpretation vom Kraken z.B. vervollständigt erst den kreativen Akt. Was uns dabei von allen anderen Arten auf der Erde unterscheidet, ist unsere neurologische Fähigkeit, Prothesen für unser Gedächtnis zu konstruieren. Wir wurden zu Menschen, als wir begannen, Repräsentationen der Wirklichkeit zu erschaffen. Zuerst in gesprochener Sprache mit Geschichten, die von Stamm zu Stamm überliefert wurden. Diese ersten Darstellungen waren die ersten Medien. Früher glaubte ich, dass die Höhlenwände die ersten Bildschirme waren. Aber dann ging mir auf, dass das Lagerfeuer der erste Screen war, in dessen Flammen Gesichter hineinprojiziert wurden. Demzufolge machen wir das also schon seit Ewigkeiten. Es ist Teil des Projekts unserer Spezies, zunehmend ausgefeilte und effiziente Prothesen für das menschliche Gedächtnis zu erschaffen.

De:Bug: Aber so eine gemütliche Lektüre im Bett ist doch schon etwas anderes, als vom multimedialen Feed aus Bildern, Sounds und Zeichen, wie sie heute permanent auf uns einströmen, beschossen zu werden. Wie beeinflussen neue Technologien die Gesellschaft?

William Gibson: Ich habe zwei Blickweisen, um Veränderungen durch aufkommende Technologien zu begreifen. Einmal kann man die These aufstellen, dass praktisch alle wichtigen gesellschaftlichen Veränderungen technologisch ausgelöst wurden. Neue Technologien bitten uns dabei nicht um eine Daseinsberechtigung. Sie tauchen einfach auf. In diesem Sinne ist unser Pilot außer Kontrolle. Andererseits bin ich schon seit langer Zeit davon überzeugt, dass relativ wenig wirklich neu ist. Oft recyceln sich nur Dinge aus einer vorangegangenen Ära. In gewisser Weise haben wir mit E-Mails nur wiederentdeckt, wie in der viktorianischen Zeit Briefe geschrieben wurden. Es gab damals zwei bis drei Postauslieferungen am Tag. Die Leute haben sich andauernd Telegramme oder lange Briefe geschrieben und hielten so den Kontakt zueinander aufrecht. Es scheint, dass das getan wird, sobald sich die Gelegenheit dazu bietet. Diese alte Form menschlichen Verhaltens wurde in einem neuen Medium wiedergeboren.

De:Bug: Was aber ist mit Google? Das ist doch völlig neu, oder?

William Gibson: Ja, Google ist vollkommen neu. Tatsächlich ist Google mein liebstes Gegenargument zur Recyclingthese. Seit es das gibt, schreibe ich in dem Bewusstsein, dass jeder meiner Verweise gegooglet werden wird. Als “Mustererkennung“ herauskam, startete irgendjemand in England eine Website, auf der sämtliche Bezüge, Ereignisse und Orte aus dem Buch gegooglet und verlinkt waren. Es dauerte ungefähr eineinhalb Jahre, bis sie fertig war. Und jetzt bei “Quellcode” war es so, dass eine Website von solcher Komplexität mit jedem Begriff und Ort aus dem Roman bereits online war, noch bevor das Buch überhaupt in den Läden gestanden hat.

De:Bug: Kann man nun also als Roman-Autor nicht mehr so gut schummeln wie noch vor Google?

William Gibson: Sie werden auf jeden Fall meine Fußspuren finden. Das Neue daran ist, dass aufgrund der Existenz von Google alles, was geschrieben wird, Hypertext ist. Das ist verblüffend, und ich habe keine Ahnung, wohin das führen wird.

De:Bug: Wussten Sie von YouTube, als sie “Mustererkennung“ geschrieben haben?

William Gibson: Ich glaube, YouTube war noch nicht wirklich passiert. Jedenfalls war es noch nicht bis in mein Bewusstsein vorgedrungen. Erst vor ein paar Monaten bin ich tief in YouTube abgetaucht, um ein paar bizarren Clips hinterherzujagen. Und dabei ging mir auf, dass die Handlung von “Mustererkennung“ überhaupt keinen Sinn in einem YouTube-Universum gemacht hätte. Wenn es so etwas wie die mysteriösen Clips aus meinem Buch gegeben hätte, wären sie alle sofort bei YouTube gelandet.

De:Bug: Existiert denn schon so etwas wie die Locative Art?

William Gibson: Ja und nein. Wenn du “Locative Art“ googlest, stößt du auf elitäre akademische Konzeptkunst. Projekte, die viel mit Mapping zu tun haben. Da gibt es Typen aus Cambridge, die die Flugbewegungen von Tauben in London kartographisch dokumentieren. Manchmal ist das ganz interessant, aber mit meiner Idee hat das nichts zu tun. Ich habe “Locative Art“ mehr als eine Form von Graffiti, als Hyperspatial Tagging, mit einer international verstreuten Matrix erfunden.

De:Bug: Der Cyberspace steht nun also mitten im Leben – oder auch umgekehrt. Was ist eigentlich mit dem Punk passiert, der ein bezeichnender Teil der einstigen Literaturbewegung um sie herum war?

William Gibson: Wenn es ihn überhaupt jemals gegeben hat, ist “Cyberpunk“ heute wie ein Pantone Chip aus der weiten Auswahl an Schattierungen der Populärkultur, die einem Designer oder Regisseur zur Verfügung stehen. Die angemessenste Verwendung des Begriffs “Cyberpunk“ heutzutage wäre wohl, wenn jemand damit ein Video oder ein Jeans-Modell umschreibt. Du hättest jedenfalls eine Idee davon, was damit gemeint ist. Abgesehen davon bedeutet es heute nichts mehr. Das führt zu der Frage, ob man überhaupt noch ein Bohemian in dieser Gesellschaft sein kann. Wir verzehren und konsumieren Gegenkulturen mittlerweile so schnell, dass sie überhaupt nicht mehr wirksam werden können. Der Markt ist immer schon da. Dieses Dilemma verfolgt mich seit einiger Zeit, denn ich habe schon immer eine Vorliebe für bohemistische Lebensentwürfe gehabt. Wenn wir tatsächlich in einem postmodernen, postindustriellen Zeitalter leben und die Bohème die Traumphase der industriellen Zivilisation verkörpert, hätten ebenso gut alle Kurt Cobain folgen können.

De:Bug: Oder ihrem Freund und Kollegen Cory Doctorow. Der scheint diesen Widerspruch ganz gut auszuhalten: Einerseits macht er sich die Taschen voll, andererseits engagiert er sich im Copyright-Aktivismus und veröffentlicht seine Bücher kostenlos im Internet. Ob das sonst noch für jemanden funktioniert, ist eine andere Frage.

William Gibson: Ich stelle meine Bücher nicht zum Download ins Netz, aber ich schreite auch nicht ein, wenn sie dort auftauchen. Ich lege mich nicht mit Piraten an, denn ich habe mir Corys Doktrin zu Herzen genommen: Piraterie ist eine Steuer auf Ruhm. Wenn es keine Raubkopien von deinen Werken gibt, bist du nicht berühmt.
http://www.williamgibsonbooks.com

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Elektronische Lebensaspekte.