Telefonieren im Netz? Klar, das geht bald. Die Entwickler von Kazaa Janus Friis und Niklas Zennström arbeiten mit Skype gerade daran, das Telefonieren nach P2P Manier zu dezentralisieren und machen das Telefonieren übers Internet so doch noch interessant. Jetzt muss man nur noch die Headsets los werden.
Text: Janko Roettgers aus De:Bug 76

Die zweite P2P-Revolution
Skype: Telefonieren mit Kazaa-Technologie

Zum Höhepunkt des Dotcom-Booms gab es mal eine schöne Idee: Was wäre, wenn wir all unsere Telefongespräche übers Internet laufen lassen könnten? Voice over IP (VoIP) hieß das Zauberwort und die Venture-Kapitalisten waren begeistert. Telefongespräche führt schließlich jeder, teure Telefonrechnungen dagegen mag keiner. Dummerweise blieb der Boom aus, weil Bandbreite ein noch viel zu teures Gut war. Zudem schien abgesehen von ein paar technophilen Enthusiasten niemand so recht Gefallen an der Idee zu finden, mit dem Headset vorm PC zu sitzen und rauschende Transkontinental-Streams aufzubauen, nur um ein paar Pfennige zu sparen. Also landeten die Headsets in der Schublade, wo sie gemeinsam mit dem klobigen, aber angeblich so herrlich ergonomischen Trackball-Mausersatz auf eine bessere Zukunft hofften.
Die könnte jetzt gekommen sein. 2003 scheint das Jahr zu sein, in dem VoIP aus seinem Dornröschenschlaf erwacht. Schuld daran sind nicht zuletzt Janus Friis und Niklas Zennström, denen wir auch schon Kazaa verdanken. Genau, die Tausch-Software, deren Netz mittlerweile rund doppelt so groß ist wie Napster zu seinen Bestzeiten. Kazaa ist mit mehr als 280 Millionen Downloads die beliebteste Software aller Zeiten und ganz nebenbei der Erzfeind der Musikindustrie.
Nun haben sich Friis und Zennström also dem Internet-Telefonieren verschrieben und wollen dort den Erfolg Kazaas wiederholen. Das Erfolgsprinzip: Skype setzt wie Kazaa auf P2P-Technologie. Das komplette Netz aller Teilnehmer ist damit dezentral. Die Kosten für die Bereitstellung der Infrastruktur sind minimal, die kostenpflichtigen Erweiterungen – etwa durch Übergänge ins lokale Telefonnetz – bereits in greifbarer Nähe. Zudem ist Skype mindestens eben so einfach zu bedienen wie Kazaa: Ein paar Mausklicks reichen zur Installation. Probleme mit Firewalls gibt es keine. Das Interface ähnelt einer schlichten Instant Messaging-Application. Und die Klangqualität eines Gesprächs ist zumindest mit einem DSL-Anschluss so gut, dass man sein klassisches Telefon gar nicht mehr anfassen möchte.

Der Telefonweg von Nutzer zu Nutzer
Um all das zu bewerkstelligen, setzen die beiden P2P-Entwickler auf ein dezentrales Netzwerk, dass dem von Kazaa ähnelt. Supernodes – Rechner ohne Firewall und mit guter Anbindung – übernehmen für Nutzer mit schlechterer Anbindung das Weiterleiten von Such- und Verbindungsanfragen. Anders als im Falle von Kazaa gibt es jedoch ein globales, dezentrales und ständig aktualisiertes Nutzer-Verzeichnis – sozusagen das Skype-Telefonbuch, das nötig ist, um den Nutzernamen die jeweils aktuelle IP-Nummer zuzuordnen. Will ich einen anderen Skype-Nutzer anrufen, dann wird diese Anfrage nach einem Mausklick auf den Hörer-Button zunächst an den mit mir verbundenen Supernode weitergeleitet. Der schaut in seinem Verzeichnis nach, mit welcher IP-Adresse der andere Nutzer denn grad im Netz unterwegs ist. Die eigentliche Verbindung wird dann verschlüsselt direkt zwischen mir und dem anderen Nutzer hergestellt.
Wer es einmal ausprobiert hat, weiß: Dies ist die zweite P2P-Revolution. Nur dass es diesmal nicht den Labels, sondern den Telekom-Riesen an den Kragen geht. Zugegeben, bisher können Skype-Nutzer nur untereinander tratschen und sind mit Headsets an ihren PC (leider nicht Mac) gebunden. Doch die nächste Stufe lugt bereits um die Ecke. Im September kam in den USA das erste Wifi-Mobiltelefon auf den Markt, das Internet-Telefongespräche über jeden Wireless Access Point ermöglicht. Ein College in New Hampshire hat damit begonnen, seinen Studenten freie Telefongespräche ins ganze Land über das Campus-Netzwerk zu ermöglichen. Telefone verschmelzen immer mehr mit PDAs und Gameboy und bringen zunehmend auch die für Applikationen wie Skype nötige Rechenleistung mit. Kombiniert man all das mit der rasant wachsenden Zahl von Wifi-Zugangsknoten, dann entsteht dabei ein Bild, dass manch einem UMTS-Investor Kopfschmerzen bereiten dürfte.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.