Der in London lebende Autor und Künstler Armin Medosch hat soeben das Buch "Freie Netze – Geschichte, Politik und Kultur offener WLAN-Netze" veröffentlicht, dass sich der noch jungen Subkultur nichtkommerzieller Nachbarschafts-Netze auf Wifi-Datenfunkbasis verschrieben hat. Im De:Bug-Gespräch mit Janko Röttgers erklärt er nun, was es mit diesen freien Netzen auf sich hat und warum er sich wünscht, dass wir in Zukunft alle zu mobilen, selbstbestimmten Sendeeinheiten werden.
Text: Janko Roettgers aus De:Bug 77

Jeder eine wandelnde Telefongesellschaft

DeBug: Wie sahen deine ersten aktiven Erfahrungen mit drahtlosen Netzen aus – und wann hast du erkannt, dass sich dahinter mehr verbirgt als nur ein weiterer Weg ins Internet?

Armin Medosch: Meine erste Begegnung mit drahtlosen Netzen war 1997 in San Francisco. Ich traf damals Harvey Branscomb in einem typischen SF-Cafe, im Freien, mit Laptop vor sich, irgendwelche E-Mails nach Taiwan oder Japan schickend. Die Antenne war am Dach eines Gebäudes in der Nähe. Erst später erfuhr ich, dass Harvie 1997 als Missionar für drahtlose Netze unterwegs war. Er hatte bereits eines in Aspen, Colorado, installiert. In SF half er der Initiative SF-LAN, einige drahtlose Knoten aufzustellen.

Dass sich dahinter mehr verbergen könnte, darauf wurde ich erstmals im Spätherbst/Winter 2000 aufmerksam, durch Consume in London. Dahinter steckte die rastlose Energie James Stevens und Julian Priests. Eine Idee zur Selbstorganisation, eher eine gesellschaftliche als eine technische Idee. Technisch gibt es viele Umsetzungsmöglichkeiten für diese Idee. Wichtiger ist die soziale Ebene. Das versuche ich im Buch zwischen den Zeilen zu sagen, ohne missionarisch zu werden.

DeBug: Was ist eigentlich so frei an freien Netzen?

Armin Medosch: Grundsätzlich wende ich mich ab von metaphysischen oder staatswissenschaftlichen, umfassenden Begriffen der Freiheit. Gerade durch den Krieg im Irak, der doch unter der Bezeichnung “Iraqui Freedom” läuft, wird uns schmerzlich in Erinnerung gerufen, wie dieser Begriff von der neoliberalen Rechten vereinnahmt wurde. Deshalb muss Freiheit in anderen Zusammenhängen wieder eingeführt werden, als Recht auf freie Meinungsäußerung, Freiheit der Zusammenkunft und Bewegungsfreiheit.
Aber man kann nicht warten, bis einem solche Rechte gegeben werden. Man muss sich diese Rechte nehmen, etwa indem man ein freies Netz aufbaut. Frei heißt in diesem Kontext also vor allem selbstdefiniert, ein Netz zwischen mir und dir und deinem Nachbarn und dessen Nachbarn. Mit allen, die in Reichweite sind, kann ich ein Netz aufbauen. Und zwar ganz legal. Ich muss keine Löcher buddeln, muss niemand um Genehmigung ersuchen und an niemand Miete zahlen. Was ich dann in diesen Netzen tue, ist genauso meine Sache und die Sache derjenigen, mit denen ich das gemeinsam mache und niemandes sonst. So zumindest ist meine Auffassung. Ob der letzte Punkt darin vor deutschen Gerichten Bestand hat, ist eine andere Sache.

DeBug: In Deutschland ist die Debatte um freie drahtlose Netze scheinbar erst mit einiger Verspätung und auch mit weit weniger Enthusiasmus als in den UK gestartet. Woran liegt’s?

Armin Medosch: Eine extrem schwierige Frage. Ich kann darauf nur ein wenig anekdotisch antworten. Die derzeit in Deutschland aktivste Sache geht von Freifunk.net aus. Als die begannen, berichteten sie mir, viele Leute würden immer wieder fragen: Ist es denn legal? Darf ich das denn auch wirklich? Ist die Strahlung gesundheitsgefährlich? Und was, wenn jemand so ein Netz missbraucht? Auf alle diese Fragen gibt es vernünftige Antworten, die davon abhängen, wo sich jemand befindet.
Aber in Deutschland ist die Rechtslage kaum anders als in UK. Also würde die Antwort in das schwierige Gefilde der nationalen Mentalität reichen. Bevor ich mich da zu irgendwelchen Statements hinreißen lasse, würde ich eher auf die positive Seite hinweisen. In Deutschland hat es etwas später begonnen. Aber jetzt, da es begonnen hat, wird es richtig ernst genommen. Die Leute schmeißen sich da mit viel Energie dahinter. Die “Freifunk Summer Convention” Mitte September in der C-Base Berlin war ein richtig toller Event. Technologisch, aber auch strategisch und politisch sind die Leute voll auf der Höhe. Vielleicht kommen die richtig interessanten Sachen aus dieser Szene, die mit zwei, drei Jahren Verspätung startet.

DeBug: Welchen Einfluss können freie Netze auf die Diskussion um die Zukunft des geistigen Eigentums haben?

Armin Medosch: Der dazu wichtigste Beitrag kam von Eben Moglen, Anwalt der Free Software Foundation, auf der Konferenz Open Cultures in Wien im Juni diesen Jahres. Er machte klar, dass freie Software langfristig nur überleben kann, wenn es zwei weitere “frei’s” gibt, freie Netze eben und freie Hardware. Die Entwicklungscommunity für freie Software hängt davon ab, übers Netz kollaborativ ihre Sachen zu entwickeln. Wenn Communities einfach geschlossen werden, indem der Upstream-Provider den Stecker zieht, ist eben Sense. Mit freien Netzen im Sinne von dezentral und verteilt ist es schon viel schwieriger, irgendwo den Stecker zu ziehen. Dasselbe mit der freien Hardware. Freie Software braucht auch eine Plattform, auf der sie laufen kann. Um langfristig diese Freiheit zu sichern, ist freie Hardware ebenso wichtig wie freie Software.
In einem engeren Sinn könnte ich sagen: Was die RIAA nicht weiß, macht sie nicht heiß. Wenn ich ein lokales drahtloses Netz habe, innerhalb dessen ich Files jeder Art mit anderen teile, kann ich möglicherweise ein Fair-Use-Argument vorbringen. Ich teile meine Files eben nur mit den Leuten, mit denen ich auch meine Bandbreite teile. Das ist wie Freunden Mixkassetten geben.

DeBug: Welche Berührungspunkte siehst du zwischen Voice over IP (Netz-basierte Telefonie, kurz VoIP) und freien Netzen? Wo gibt es da möglicherweise Regulierungsdruck und wie reagiert man darauf am besten?

Armin Medosch: Die Betreiber freier drahtloser Netze, die ich kenne, halten VoIP für die Killer-Applikation. Wenn ich eine Datenwolke habe, ein freies drahtloses Netz, das ein signifikantes Areal abdeckt wie etwa den Stadtteil, in dem ich lebe – und außerhalb dessen ich mich eh selten bewege – dann kann ich damit überall absolut gratis telefonieren. Da ich aber meinen Laptop nicht dauernd mit mir rumschleppe, ist eine der wichtigsten Entwicklungen der drahtlose Anrufbeantworter, also zeitversetzte Kommunikation.
Man kann sogar noch weiter gehen. Jetzt, da langsam UMTS kommt, wird GSM für die Konzerne immer uninteressanter. Die Technologie für GSM, die Access Points oder Local Cells, werden zudem immer billiger. Und es gibt Open-Source-Ansätze. Man könnte also in derselben Art, wie man legal ein Netz auf Basis der 802.11b-Technologie aufbaut, legal ein freies GSM-Netz aufbauen. Das könnte man dann mit all den alten Nokia- und Ericsson-Handies benutzen, die überall rumliegen. In UK gibt es Entwicklungen in dieser Richtung.
Es ist klar, dass der Ansatzpunkt hier die Regulierungsbehörden sind und dass die alt eingesessenen Mobiltelefon-Gesellschaften – die Milliarden für ihre Lizenzen bezahlt haben – hier ihre Rechte verteidigen. Eigentlich haben sie kein Business-Modell mehr. Hier geht es darum, aus der Community Druck auf die Regulatoren auszuüben, nicht dem Druck dieser Verteidiger der Vergangenheit nachzugeben.

DeBug: Die Frage, ob sich freie Netze als feste Größe etablieren, lässt du in deinem Buch bewusst unbeantwortet. An welchen Faktoren könnten sie denn deiner Meinung nach scheitern?

Armin Medosch: Sie können eigentlich gar nicht scheitern. In UK gibt es 3000 drahtlose Hotspots, die sich dem Consume-Modell verschrieben haben. An 3000 Orten kann ich meinen Laptop einschalten, Consume als Netzwerknamen eingeben, und schon bin ich drin. Und das landesweit, von Brighton bis Glasgow. Das soll erstmal ein kommerzieller Anbieter nachmachen.

DeBug: Welche Rolle nehmen freie Netze in deiner persönlichen Wunsch-Zukunftsutopie ein?

Armin Medosch: In meiner persönlichen Zukunftsutopie entwickeln wir sozial verträgliche, nachhaltige und, verzeih, funky Technologien selbst. Ohne Großkonzerne, ohne Staat. Und wir haben die Freiheit, diese auch in Umlauf zu bringen. Wir können damit tun, was wir wollen, und sind niemandem Rechenschaft schuldig.
Kommunikation ist ein Menschenrecht, das wir nicht an Nokia und die Telekom delegieren sollten. Diese zurecht kritisierten Konzerne versuchen verzweifelt, sich an etwas mit Neuheitswert anzuschließen. UMTS war der größte Fehler der jüngeren Technologiegeschichte. Nun geht es darum, dass die enormen Summen, die diese Firmen für ihre Nutzungsrechte an bestimmten Abschnitten des elektromagnetischen Spektrums bezahlt haben, nicht dazu ausgenutzt werden, den gesamten Fortschritt der Telekommunikation zu hemmen. Es gibt im Grunde keine Knappheit der Ressourcen in diesem Bereich. Mit den neuen computergesteuerten Funktechnologien ist genug Bandbreite für alle da. Mit dem Handy in der Hand kann jeder eine wandelnde Telefon-, Rundfunk-, oder Fernsehgesellschaft sein. Technisch ist das keine Utopie mehr, sondern machbare Wirklichkeit. Es geht darum, dies auch gesellschaftlich durchzusetzen.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.