Das deutsche Schulmodell der Zukunft steht in Bonn-Beuel. Die Gesamtschule dort hat sich durch Microsoft- und Apple-Sponsoring zur "Medienschule" gemausert: Computer plus Werbung, Wirtschaftssponsoring statt Staatsunterhalt.
Text: anne pascual | miu@schoenerwissen.de aus De:Bug 49

Kinder ködern mit Komputern
IT Wirtschaft sponsort Schulen

In Virginia fielen kürzlich 23 000 iBooks vom Himmel und machten die Kids der “Henrico Public Schools” ziemlich glücklich. Apple Chef Steve Jobs hatte diesen Deal praktischer Weise rechtzeitig zur Einführung des neuen iBook Modells eingefädelt. Ausbildungseinrichtungen sind schließlich zu DEM beliebten Marktplatz avanciert. Während früher Unternehmen ihr Image mit der Förderung von Kunst und Kultur blank polierten, freut sich nun speziell die IT Branche über den einfachen und wirksamen Weg, den kleinsten Menschen Gutes zu tun, indem sie das passende Werkzeug für die Wissensgesellschaft an die Institutionen verkauft und damit gleichzeitig die jungen Menschen an das Firmen-eigene Interface gewöhnt.

Vom Schulmilch-Markt zum IT-Absatz
In der Tat wird Technologie auch im Unterricht immer wichtiger. Medienkompetenz steht etwas mystisch in jedem Schulcurriculum, denn das sich alles um Information und Kommunikation drehen wird, das steht fest. Doch bevor die neue Lernkultur ins Land einzieht, muss zunächst die nötige technische Infrastruktur her, erst dann kann so richtig über Ziele und Methoden nachgedacht werden. Während bislang der Schulhof allerhöchstens ein Markt für Schulmilch-Hersteller gewesen ist, wird er jetzt zum umkämpften Segment. Unhinterfragt wird akzeptiert, dass der Staat das notwendige Arbeitsmaterial für die Bildung der Zukunft outsourct. Immer mehr Schulen müssen deshalb bereit sein, Partnerschaften mit IT-Unternehmen einzugehen – frei nach Gutdünken des Schulleiters. Bereits vor fünf Jahren hatten sich der Forschungsminister und die Telekom in Person von Ron Sommer vorgenommen, alle 44 000 Schulen in Deutschland ans Netz zu bringen. Erst Ende dieses Jahres werden jedoch alle angeschlossen sein.

Fall-Beispiel Bonn-Beuel
Wer allerdings auf eigene Faust loszieht und Sponsoren für Rechner, Software und Server sucht, nennt sich werbewirksam “Medienschule” und nimmt gern an nationalen und internationalen Wettbewerben teil, denn Innovation wird belohnt. Den Sponsoren sei dank. Konkret sieht das beispielsweise so aus, dass in Bonn-Beuel das Unternehmen Plato Systems (sic!) jedem interessierten Schüler oder Lehrer ein Laptop im Wert von 6500 DM für schlappe 1000 DM anbietet. Dafür müssen die Eltern allerdings vertraglich zustimmen, dass pro Tag 30 Minuten lang Werbung in jeweils zehn Drei-Minuten Sequenzen auf dem Display flimmert. Damit der Unterricht nicht zur Werbesendung wird, bleibt die “Schulkernzeit” werbefrei. So genannte “Microsoft-Partnerschulen” oder “Apple-Distinguished-Schools” wie die Gesamtschule Bonn-Beuel (ist beides, natürlich) erhalten ihre Software kostenlos zur Verfügung gestellt. Funknetze sind schon aufwendiger zu organisieren und daher auch noch nicht Realität. Einen Server spendet die Bertelsmann Stiftung schon mal gern. Auf ihre Initiative haben sich auch die “führenden Medienschulen Deutschlands” zu einem Netzwerk zusammengeschlossen und ein Leitbild zusammengestrickt, das zum guten Schluss mehr Eigenverantwortung und den regelmäßigen Nachweis der Entwicklung und Qualität der Schulen fordert. Mehr nicht.
In den USA kann man bereits sehen, wohin schulische Selbstorganisation führen könnte. Denn kaum sind dort Netzanschlüsse gelegt, wird das Klassenzimmer zum Marktforschungsinstrument. Ohne Wissen der Eltern werden beispielsweise Daten der surfenden Schüler aufgezeichnet und ausgewertet. So lässt sich einfach, billig und authentisch eine ganze Zielgruppe erforschen. Bis das selbst amerikanischen Lehrern und Eltern zu weit ging, die jetzt eine Bürgerbewegung gründeten und ein Gesetz zum Schutz der Privatsphäre ihrer Kinder durchzusetzen suchen.

Bill in Bonn-Beuel
Tatsächlich werden immer mehr öffentliche Räume – ob Schulen, Museen oder Brandenburger Tore – zu Werbeflächen umfunktioniert. In den Schulen wird dank dieser Entwicklung immer präziser Einfluss auf die Schüler ausgeübt. Möglicher Weise übernimmt Werbung sogar auch ein stückweit die Funktion von Ausbildung und Erziehung. Die Angst vor Manipulation ist dabei vielleicht nicht grundlos, man kann jedoch auch das Eindringen von Markennamen in den öffentlichen Raum als frühes Üben von intelligentem Konsumverhalten werten. Die Schüler sollen ihre nähere Umwelt vergleichen lernen, und da bieten sich Marken hervorragend an. Besonders beliebt sind die von Unternehmen ausgeschriebenen Wettbewerbe, zum Beispiel um einen neuen Getränkeautomaten oder einen Werbespot während des Unterrichts zu entwickeln. Die Siegprämien sind nicht zu verachten und machen der Gewinnerschule alle Ehre. Gleichzeitig kreiert sich damit einerseits die Zielgruppe selbst praktischer Weise ihren Geschmack; andererseits entdecken die Firmen damit früh ihren kreativen Arbeitnehmer-Nachwuchs.
Um zu testen, ob das bei uns genauso gut funktioniert wie in den USA, hatte Microsoft beim letzten Bundestagswahlkampf einen Preis für die beste von Schülern konzipierte Website zum Thema Wahlen ausgeschrieben. Fast 300 Schulen ließen sich von den 60 000 DM Preisgeld ködern, und Bill Gates flog höchstpersönlich zur Preisverleihung nach Bonn-Beuel (natürlich die Gewinner-Schule) ein. Überhaupt investieren auch andere IT Unternehmen gern mal in zukünftige Arbeitskräfte. Wer sein Studium nicht mit Jobben finanzieren will, kann sich von willigen Investoren [http://www.myrichuncle.com] unterstützen lassen – und ihnen dann innerhalb der nächsten 15 Jahre einen bestimmten Prozentsatz seines Einkommens zurückzahlen. Wie viel Zuwendung jeder einzelne Student allerdings erhält, hängt davon ab, wo, wann und in welchem Fach er sich einschreibt.

Der mündige Konsument
Doch wer hier wen letztlich beeinflusst, ist irgendwann kaum noch zu unterscheiden, schließlich ist der User auch gleichzeitig immer eine Testperson. Und was wäre, wenn eine ganze Bevölkerungsgruppe, die der 5-25jährigen, anfängt, mit ihrem Wissen Unfug anzustellen? Die US-Regierung rekrutiert derzeit 200 Hackertalente von der Schulbank und bietet ihnen einen Job im Innenministerium an. Auch die 23 000 kleinen iBook User könnten Apple mit Negativ-Meldungen drohen. So etwas ist alles schon vorgekommen. Wie Naomi Klein in ihrem “No-Logo” Buch berichtet, hatten in einer Hochschule Studenten eine Kampagne gegen Reebok gestartet, um auf die schlechte Behandlung der Arbeiter in Südostasien aufmerksam zu machen – und das, obwohl eine solche Rufschädigung von Reebok zuvor vertraglich verboten worden war. Sowas passiert, wenn sich ein Sponsor mächtig genug fühlt, er die Konkurrenz vor die Tür setzt und gezielt eigene Interessen verfolgt.

Fest steht:
Bildungsinstitutionen waren noch nie neutrale Orte, denn Erziehungspraktiken wirken immer normativ. Immaterielle Abhängigkeiten sind ständig im Spiel, wenn es darum geht, soziale Sinnbezüge und kollektive Wertvorstellungen zu vermitteln. Wenn nun verstärkt über materielle, technologische Ressourcen versucht wird, auf die Nutzer Einfluss zu nehmen, geschieht das meist über die Regeln ihres Gebrauchs. Jede festgelegte Art des Handelns übt einen äußeren Zwang auf den Einzelnen aus und gibt ihm gleichzeitig auch die Möglichkeit, in das System einzugreifen. Tatsächlich sagt die Vorstellungen der Wissensgesellschaft nichts über mögliche Denkweisen und Lernprozesse. Sie zeigt nur, dass es viele Mitspieler neben der Schulbehörde, die Lehrpläne aufstellt, gibt. Sie wollen ebenfalls bestimmen, wie viel Informationen wert sein sollen. Schulen zu langweiligen und ideologisch umkämpften Plätzen umzumodeln, das geht schon deshalb nicht, weil sich die ungeordnete Energie, die auf den Stühlchen rutscht, das doch nicht so einfach mit sich machen lässt.

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Elektronische Lebensaspekte.