Das Internet-Portal als diffuser Gemischtwarenladen hat bald ausgedient. Das Wissen im Netz organisiert sich. Spezialisierung, Konzentration und Contentkontrolle gegen Banner und Pornographie. Die Suchmaschine Google und das MIT machen's vor. Und Magazine wie Salon.com bleiben auf der Strecke. So scheint es leider.
Text: Marcus Hauer | yuko@schoenerwissen.com aus De:Bug 48

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Wissen im Netz
Eine Bestandsaufnahme

Spezialisierung ist das Schlagwort der Stunde. Alle wollen im Netz jetzt schlanker werden, sich von unnötigem Ballast befreien. In der New Economy hat das etwas gedauert, weil hier alles an Business-Plänen erstmal gut klingen musste, damit das Venture Capital reichlich floss. Später kann man dann über den Content reden.

Google
Bis die Suchmaschinenbetreiber zum Beispiel verstanden hatten, das ihr Kerngeschäft die Suche von relevanten Inhalten ist, mussten erst einige die Richtung vorgeben. Wer will sich schon zwischen “Hardcore”, “Teens” und “Blowjob” zum Thema seiner Wahl hangeln.
An dieser Stelle der Geschichte sprang “Google” 1999 in die Runde. Hervorgegangen aus einem Forschungsprojekt an der Stanford University begann die Suchmaschine Google im Grunde damit, all das wegzulassen, was einen an anderen Suchmaschinen so nervte. Es gab keine Banner und keine FreeMail-, FreeSMS-, FreeFax-, FreeMap-Services oder andere Kombinationen, in denen das Wort in der Lage ist, Konvergenz vorzutäuschen. Werbung richtet sich bei Google nach der Suchanfrage, sie wird geschickt als Text zwischen die Suchergebnisse gestreut. Ob auch für das Netz die gleiche Regel wie im sonstigen Journalismus gelten sollte, dass sich redaktionelle Inhalte nicht mit Anzeigen verbinden sollte, wäre hier noch zu diskutieren. Immerhin ist die Werbung zwar als Anzeige markiert, fällt aber schön integriert gleichzeitig weniger nervend ins Auge. Mal ganz abgesehen davon, dass man sowieso einen visuellen Filter für Banner aufgebaut hat. Ein Grund, warum verstärkt in letzter Zeit zu neuen Formaten in der Banner-Werbung gegriffen wird – wie bei der “New York Times” beispielsweise, die gleich ganze Spalten verkauft. Doch Google muss sein Geld nicht nur durch Werbung verdienen, es lizensiert patentierte Suchmaschinentechnologie an Luftblasen-Suchportale. Seltsame Verstrickungen.
Letzte Errungenschaft bei der Expansion von Google war übrigens die Übernahme des Usenet-Archivs von “Deja.com”. Das archivierte immerhin 500 Millionen Postings, was einige zu der verwunderlichen Annahme brachte, Google hätte das Usenet als solches gekauft. Das Usenet ist natürlich weiterhin frei von kommerziellen Interessen, außerdem kann jeder das Usenet archivieren und ein eigenes Portal eröffnen, wie das auch Steve Madere 1995 mit Deja.com getan hatte. Sein Archiv drohte zu scheitern, sein Businessmodell ging nicht auf. Eigentlich muss man Larry Page, dem Chef von Google, deshalb dankbar für den Kauf und damit Erhalt des Archivs sein: Alle Bildungseinrichtungen sollen laut Google mit dem Archiv machen dürfen, was sie wollen. Weshalb wir gerne der Vermutung erliegen, Google sei ein Tochterunternehmen von “Scientology” und die Weltmachtübernahme befindet sich im finalen Stadium.

MIT wird zum Anbieter
Beim “MIT” ist das wie immer alles ganz anders. Am 4. April ging das “Massachusetts Institute of Technology” (MIT) in die Content-Offensive. Ziel: ein Portal für qualitativ hochwertige Wissensbildung zu gründen. Präsident Charles M. Vest gab bei einer Pressekonferenz bekannt, dass das MIT beabsichtigt, in den nächsten zehn Jahren alle Studienmaterialien aus MIT-Kursen für JEDEN online zugänglich zu veröffentlichen. Dort, wo die Grundsteine für die heutige Architektur des Internets gelegt wurden und knapp 50 Nobelpreisträger ein und aus gehen, soll nun wieder Zukunft gebaut werden. Bis Herbst 2001 wird eine so genannte “OpenCourseWare” mit ersten Inhalten gefüllt. Von allen Ecken dieser Erde können sich nerdige Freaks, strebsame Wissenschaftler und andere Interessierte mit den Hot Topics der amerikanischen Eliteschule versorgen – immerhin zahlt der MIT-Student für ein Semester bis zu 26.000 Dollar. Dass das Ganze 100 Millionen Dollar in einem Rahmen von zehn Jahre kosten soll, lässt auf äquivalente Qualität hoffen.
Sollte man hier von einer Demokratisierung der (amerikanischen) Bildung sprechen? Oder geht es eigentlich nur um eine Verbreiterung des professoralen Einflusses? Immerhin kann alles, was hier publiziert wird, als Veröffentlichung verbucht werden und in der Vita einen entsprechenden Platz bekommen. Die Gehaltsvorstellungen der Professoren könnten dementsprechend steigen! Auch beim Copyright bleibt allerdings alles beim alten. Es wird keine modifizierbaren Module geben, in denen der Leser eigenes Wissen einstreuen oder Bestehendes verändern kann. Aber noch ist ja auch nur ein ungefährer Rahmen gesetzt.
Andererseits werden es kommerzielle Anbieter von Wissen im Internet es durch diesen Schritt auf jeden Fall schwerer haben, ihre Knowledge-Sharing-Angebote kostendeckend an uns zu bringen. Wie schnell allerdings das MIT zu “Yahoo” werden kann, hängt zum einen vom Zeitplan, zum anderen vom Kontext ab. Ob Fernstudium oder Infosuche – für den kommenden Herbst ist bereits vorgesehen, die ersten Kurse online zu stellen.

Content-Publishing
Bei den Online-Publishern setzt gegenwärtig genau das Gegenteil ein. Während sich die Inhalte an Institutionen wie dem MIT vermehren, werden sie bei kommerziellen Anbietern gestrichen oder durch gekaufte News ersetzt. Potentieller Todeskandidat “Salon.com” versucht seit einigen Monaten, seinen Lesern klar zu machen, das ihnen nie wieder Banner Werbung beim Lesen den Blick versperrt und die exklusive Erotik-Galerie zugänglich ist, wenn sie bereit sind, das Plus-Paket “Salon Premium” zu kaufen und 30 Dollar im Jahr dafür auszugeben. Microsofts Hauszeitung “Slate” dagegen hatte dieses Pay-for-Content System schon einmal ausprobiert und schnell wieder fallen lassen. Dass dies alles irgendwie noch nicht funktioniert oder schwer den Lesern zu vermitteln ist, wenn es immer noch an jeder Ecke Informationen für lau gibt, egal wie gut recherchiert, ist auch klar. Das dürfte “Wired”-Magazin Aufkäufer Condé Nast bald wohl dazu nutzen, auch Salon.com in seine Familie zu holen. Neueste Kandidaten für eine Übernahme sind übrigens “Automatic Media”, die mit “Feed”, “Suck” und “Plastic” ja einiges an unabhängigen Inhalten am Start haben.
Wobei gerade die Großen – also die mit den Taschen voller Geld aus Aktien und Konsum-Produkt-Verkäufen – ja überall ihre Online-Angebote straffen. Ganz vorn sind da natürlich die Finanz-Portale wie “wsj.com”, “ft.com” und andere. Da wo man sich besonders stark an Worten wie “nasdaq” oder “nemax” entlang hangelt, spürt man es bedauerlicherweise auch am frühesten, wenn die Anzeigenkunden lieber über Konsolidierung als Mediaplanung reden. Nicht umsonst wird das aggressive Aufpoppen von Fenstern voller Werbung – eigentlich fast schon zum Tabu erklärt und nur noch in Porno-Imperien beheimatet – immer beliebter.

SLIM FAST
Womit wir wieder bei oben beschriebener Lightness wären. Das Portal für alles und jeden wird es so wohl nicht mehr lange geben, zumindest werden die Großen ihre Angebote immer mehr splitten und als eigenständige Pages ins Netz stellen. Auf der anderen Seite werden AOL Time Warner, Microsoft und auch T-Online uns weiterhin mit ihren Inhalten bewerfen. Wehren können wir uns dagegen nur, in dem wir Salon 30 Dollar überweisen, unsere eigene Newsgroup gründen oder das MIT-Recherchenetz benutzen.

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Elektronische Lebensaspekte.