Die Gesellschaft bekommt ein neues Präfix: nicht Freizeit, nicht Spaß, sondern Wissen. Wer lanciert das "Führerwort" Wissensgesellschaft, welche Diskurs-Konkurse sind ihm vorausgegangen, und was hat der Neo-Kolonialismus damit zu tun?
Text: mercedes bunz aus De:Bug 49

Alle Mann an Bord!

Alle paar Jahre wird die Route des Raumschiffs Kapitalismus, in dem wir es uns mittlerweile ganz gut eingerichtet haben, mit einem neuen Begriff korrigiert. In den letzten Jahren waren wir auf dem Weg in die Dienstleistungsgesellschaft, die paradoxer Weise gleichzeitig eine Freizeitgesellschaft gewesen sein soll. Wir mutierten anschließend zur Spaßgesellschaft, konzentrierten uns dann ganz auf das Internet und wurden eine Informationsgesellschaft und – der neueste Kurs: die Wissensgesellschaft. Es sind praktische Begriffe, die gewichtig tun und dabei garantiert nichts aussagen. Sie sind mit jedem Wortschatz kompatibel und klingen, als habe man den großen Check, denn sie sind unter Garantie so anpassungsfähig, wie die CDU das immer von sämtlichen Migranten einfordert.
Wer braucht diese Wörter eigentlich? Klarer Weise sind alle diese Wörter “Führerwörter”. Sie werden von Bundeskanzlern, Parteimitgliedern, Arbeitgeberpräsidenten und Soziologen, die auch mitspielen wollen, gebraucht. Und von Middelhoff, schließlich hat Bertelsmann ja seit einiger Zeit den ständig in den roten Zahlen strauchelnden Daimler-Benz-Konzern von der Position der Leitunternehmenskultur verdrängt. Sie werden einem also von Leuten in die Ohren gesteckt, die Lenkungsabsichten verfolgen. Prinzipiell verdächtig, auch wenn der Begriff unglaublich humanistisch tut. Er gaukelt einem vor, dass es in Zukunft in dieser Gesellschaft darum geht, menschlichen Bedürfnissen gerecht zu werden. Und kommt einem dann mit der kolonialistischen Idee, gegen den eigenen Informatiker-Mangel ganz einfach Wissens-Arbeiter zu importieren. Aus Indien, beispielsweise. Schräg, denn prinzipiell ist man ja für die Greencard, weil sie in Deutschland das Bild vom Migranten als Last der Gesellschaft aufgelöst hat. Doch ebenso wenig darf man vergessen, dass ohne ein Sterbenswörtchen im öffentlichen Diskurs hier ausgemacht wird, ärmeren Ländern die Eliten wegzukaufen. Kontinuität des Kolonialismus, der sich von der Ausbeutung materieller Resourcen auf immaterielle umorientiert. Im Namen der Wissensgesellschaft. Na, da bedanken wir uns doch jetzt schon mal.

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Tektonische Verschiebungen
Bevor man nun klärt, wessen Interessen hinter Wissensgesellschaft stecken und was uns dieser Begriff vorgaukelt, ist es gut zu verstehen, auf welcher politischen Diskussionsstruktur der Begriff aufsetzt. Denn die Verschiebungen der politischen Stellungen sind nicht ganz unwichtig. Früher zog der politische Diskurs in zwei unterschiedliche, einander gegenüberliegende Richtungen: zur Freiheit des Kapitalismus oder zur Freiheit des Sozialismus/Kommunismus. Oder unidealistisch trocken formuliert: in Richtungen im Sinne der Arbeitgeber oder im Sinne der Arbeitnehmer. Gleichzeitig kann man beobachten, dass die Art und Weise des Argumentierens bei beiden diskursiven Formationen immer damit beschäftigt gewesen ist, an vergangenen Werten festzuhalten bzw. sie zu erneuern. Auch links. Dort polarisierte man durch eine Tradition der Revolution, die schließlich nicht gerade kurz gewesen ist. Rechts über die Tradition einer Kontinuität der Macht, weshalb es den Rechten immer besser gelang, die “Geschichte” – was auch immer das sein sollte – für sich handlicher als Zugpferd vor den Karren zu spannen, als das auf linker Seite funktionierte.
Mit dem “Zusammenbruch” des Kommunismus dann, mit dem Fall der Mauer, hat es hierzulande auch noch das letzte Feuilleton kapiert: Es gibt eine Krise der Linken. Klar, Kommunismus tot, neue Revolutionen nicht in Sicht, linke Argumentation futsch. Den immer noch andauernden chinesischen Kommunismus kehrte man geflissentlich unter den Teppich, Schlitzaugen können für großnasige Bleichgesichter keine Relevanz haben, das ist ja klar, wie auch. Wiedervereinigung Deutschlands, die Kontinuität siegt, die FAZ startete hämisch die Kolumne “Was ist links?” Der Kapitalismus hat irgendwie gesiegt. Sicher. Was jedoch bis heute totgeschwiegen wird: die politische Kultur der Konservativen hat er gleich mit kassiert.

Der Sachzwang der Zukunft
Kein Witz. Vielleicht mag es zunächst so ausgesehen haben, als hätte die Öffnung Osteuropas nur den Linken einen “Bruch” durch die Rechnung getrieben und ihnen unmöglich gemacht, sich auf ihre Tradition zu berufen. Doch in der Tat hat sich das gesamte Dispositiv der politischen Kultur transformiert. Nicht nur die Idee einer linken Geschichte ist gescheitert, die Figur einer linearen Geschichte überhaupt ist verschwunden, komplett, und hat das Fundament der Konservativen gleich mitkassiert – die Tradition, das Bewahren, das Annehmen des kulturellen Erbes, von dem aus der Weg, der richtige Weg natürlich, gewiesen werden kann. Dass Geschichte als Bestellkatalog der politischen Interessen funktionierte, ist offensichtlich geworden. Klassisch rechte Argumentationen, die sich in Begriffen wie dem der “Tradition” oder “Geschichte” verfangen, haben es nur als kaiserzeitlich veraltet über die Schwelle in dieses Jahrhundert geschafft. Was tun, wenn Leitkultur ist, dass es keine gibt?
Trotzdem die rechten Werte in der Krise sind, gibt es keinen Grund sich beruhigend zurückzulegen. Und endlich taucht in diesem Artikel das anfängliche Motiv der Wissensgesellschaft wieder auf. Denn in der Tat zeigt die regelmäßige Ausrufung von Gesellschaften an, dass sich das Dispositiv der politischen Kultur umgestellt hat. Um 180 Grad. Anstelle der Vergangenheit rechtfertigt nun die Zukunft die politische Handlung, die nicht mehr als politisch-ideologisch diskutiert wird, sondern als: Sachzwang. Wir können nichts dafür, die Zukunft verlangt es von uns. Politik kann man heutzutage am besten durchsetzen, wenn keiner die Entscheidung als politische in Frage stellt. Das ist natürlich gnadenlos geschummelt. Aber funktioniert. Zumindest vorerst und an der Oberfläche. Ein Wort wie Wissensgesellschaft signalisiert zunächst einmal die “Notwendigkeit” der derzeitigen Rechtspolitik in Bezug auf das Internet: Wir stellen um von Material auf Information. Da müssen wir erst mal die Besitzrechte im Sinne der großen Konzerne klären. Sonst – hier drohende Mollorgel hindenken – geht es unser Wirtschaft schlecht, und ihr werdet alle – die Dissonanz des Akkordes schwillt an – arbeitslos. Arbeitslos, das Totschlagargument, bei dem sich jedes weitere Nachdenken von selbst verbietet. Neue ökonomische Modelle wie Open Source fallen auf Grund solcher Argumentationen gleich von Anfang an vom Tisch. Dass diese Politik gegen das blinde kontinuierliche Durchpeitschen eines Patentverfahrens aus dem 19. Jahrhundert und für die Einbindung von Open Source nicht mal irgendwelche ernst zu nehmenden Überlegungen zeigt, verwundert um so mehr, da ihre eigene Bundesnachrichtenzentrale sich bekanntermaßen bei der Benutzung von amerikanischer Software wie Microsoft et. al. vor geheimen Falltüren gruselt, mit dem der CIA flugs mal eben aus Langley in die deutschen Datenbanken hinein spitzeln kann. Egal.

Alle Mann an Bord?
Ein Grund übrigens, warum derzeit das Verhandeln über die Zukunft von “Informationsgesellschaft” auf “Wissensgesellschaft” umgestellt wird. Denn “Information” beschreibt quasi einen Rohzustand, mit dem man so oder so verfahren kann. Sie wird prozessiert, nicht nur von Menschen, auch von Computern oder anderer Technologie, ihre Bearbeitung und ihre Zuordnung ist noch nicht abgeschlossen. Nicht der Mensch allein hat auf sie Zugriff, und ihr Besitzverhältnis ist nicht unbedingt an ein Individuum gebunden. Ein durch und durch kontingenter Begriff. “Woher kommt die Information?” vs. “Wem gehört das Wissen?”. Denn “Wissen” ist im Allgemeinverständnis unserer Sprache an ein Subjekt gebunden. Auftritt: Die Suggerierung einer Natürlichkeit von Besitzverhältnissen. Ein kluger Schachzug im Sinne der politischen Bestrebungen über die Beziehung zwischen Subjekt und Wissen ist es, das Patentrecht auszuweiten, auf Software zum Beispiel. Denn die Beziehung ist ungleich stärker als die zwischen Subjekt und Information. Gleichzeitig kehrt mit der Verschiebung der “Informationsgesellschaft” zur “Wissensgesellschaft” der Mensch wieder in den Mittelpunkt der Überlegungen zurück. Dabei war man hierzulande gerade mal dabei, sich mit der Technik zu versöhnen. Zurück zum Menschen als Mittelpunkt der Gesellschaft, da wird man ja schon mal gleich mißtrauisch. Vor allem deshalb, weil “Mensch” als abstrakter Begriff immer an eine Idealvorstellung “Mensch” gebunden ist. Wir denken uns da ja nicht einen bierbäuchigen Arbeitslosen in Jogginganzug am Maschendrahtzaun hin, bei Mensch, stellvertretend, bezeichnenderweise. Wie bei allen anderen Humanismen, die die Bedürfnisse der Menschen in den Mittelpunkt stellten, dem Rechtsradikalismus oder dem Kommunismus beispielsweise, sollte man sich zwingen nachzuschauen, welche “Menschen” gemeint sind, wenn man unsere Gesellschaft als “Wissensgesellschaft” beschwört, und wer in diesem Wort keinen Platz hat. Bierbäuchige Arbeitslose etwa. Geistig Behinderte auch, die man erst gegenüber der PID schützt, nur um sie später nicht mitdenken zu müssen. Und ungefähr all das, was es auf dem Weg der Auflösung der Arbeiterkultur in den Mittelstand nicht mit geschafft hat und nun als Bodensatz der Gesellschaft übrigbleibt, ohne eine eigene Kultur, die man der Wissensgesellschaft entgegenhalten könnte, ohne eine Geschichte, die man sich als Schutzschild gegenüber der Mittelschicht basteln könnte, damit man auch noch was ist, wenn man nicht dazugehört.

Und bevor wir später noch mehr aufräumen müssen, vergessen wir doch lieber diesen Begriff. Oder?

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Elektronische Lebensaspekte.