Text: Sascha Kösch aus De:Bug 04

Die Wissenschaftsakademie.

Sascha Kösch
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Jetzt mal im Ernst. Kurzer Vergleich. Was erfährt man in einer Woche Kunst, was in einer Woche Wissenschaft? In Kunst weiß man plötzlich, wer wen nicht mag, wer wieder mal wo wieviel und mit welchen Folgen getrunken hat und wer welches Konzept gerade wieder mit welchen launigen Medien versucht ins Gerede zu bringen. Sicherlich alles wichtige Informationen, aber wenig, was einem nicht in irgendeiner beliebigen Soap Opera Folge, und wenn sie beim Abendessen der eigenen Eltern stattfindet, auch beigebracht wird. Ganz anders in der Wissenschaft. Allein diese Woche wurde zum ersten Mal aus Licht Materie hergestellt (Elektronen und, jawohl, Positronen). Ein neuer Mechanismus in der Genmutation bei Krebs wurde entdeckt. Man hat festgestellt, daß in Spanien schon vor 29 000 Jahren mit Netzen Tiere gefangen wurden. Man hat herausgefunden, daß im Umkreis von 200 Millionen Lichtjahren keinerlei nennenswerte Vorkommnisse von neutralem Hydrogen zu finden sind. Was wohl, angenommen daß unser Universum nicht atypisch ist, wie Wissenschaftler sich ausdrücken, dazu führt, daß sich “dark matter” eben nicht daraus zusammensetzt, woraus unsere Galaxie besteht und obendrein noch die Annahme bestätigt, daß es in unserer “Nähe” keine protogalaktischen Nebel gibt. Traurig was. Unstabile exotische subnukleare Mesonen aus einem Quark und einem Antiquark sind überraschender Weise leichter als die Theorie erlaubt und so weiter. Tatsächlich. Die längste Gensequenz ist entschlüsselt worden (2 Millionen Basenpaare) und der schwarze Tod hat sich mal wieder resistent mutiert gegen alle bekannten Antibiotika. Und letzte Woche, schlimm was da alles los war. Supernova Neutrinos, die schlimmsten halluzinogensten Quantentheorien wurden feldgetestet und Thorium-229 leuchtet tatsächlich sichtbar in feinstem Kryptonyt-Grün. Puh, aufregende Welt und keine Kunst. Aus vermutlich ähnlichen, jedoch um hundertausend Zeichen aufstockbaren, Motiven hat sich Rafael Horzon, dessen Berlin Tokyo Galerie schon einige nichtexistente japanische Künstler gefeaturet hat, ganz von der Kunst losgeeist und betreibt seit neustem keine Kunst mehr, sondern folgerichtig die Wissenschaftsakademie in der Torstraße 66 in Berlin, die einzige Privatuniversität der Stadt. Gleichzeitig gibt er den längst fälligen Aufruf an alle Künstler und Galeristen heraus, ihren Job aufzugeben und sich der Wissenschaft zur Verfügung zu stellen. Er meint ihre Kreativität. Ich dachte eher so an die Fließbandarbeiten mit gefährlichen Chemikalien oder zur Dateneingabe. Aber für Horzon ist, weil er den Glauben an das Gute im Menschen längst nicht aufgegeben hat, jeder Mensch, nein, kein Künstler, sondern ein Wissenschaftler. Die dritte Reihe der Wissenschaftsakademie wird sich ab dem 10.Oktober (21Uhr, sonst immer mittwochs bis freitags von 18-21Uhr) mit Nanotechnologie befassen und vermutlich im besten ‘Was Ist Was’-Stil in ihren “Galerieräumen” angenehme Bilder aus der Welt der mikroskopischen industriellen Revolution vorstellen. Gedacht ist das Ganze nicht etwa als weiteres unnennbares Kunstprojekt, sodern zum Abbau der Technologie- und Wissenschaftsfeindlichkeit in der Gesellschaft. Also eins der lobenswertesten Ziele (neben dem Abbau der Theoriefeindlichkeit und den kostenlosen Ortsgesprächen) die man sich als guter Y2K Bürger auf die Fahnen schreiben sollte.

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Elektronische Lebensaspekte.