Text: ulrich gutmair aus De:Bug 29

Mehr sehen als hören Videojockeys – Is it a Berlin thing? Als Techno dem Bandkonzept und den damit verbundenen Popikonographien das Licht ausknipste, brauchte man für eine korrekte Party nicht viel mehr als die grellen Impulse des Strobos, um den Dancefloor zu illuminieren. Sein binäres 1/0 ergänzte bestens den Drogenverbund aus Ecstasy und repetitiven Beats und wusste sich in einer langen Tradition von Psychedelika aus den 60ern. William S. Burroughs’ Kollege Bryon Gysin etwa hatte damals mit der Dream Machine ein Werkzeug entwickelt, das dem Auge nichts ausser bewusstseinsveränderndem Flickern anbot. Aber die Tage des Strobos und des psychischen Fernsehens sind lange vorbei. Parallel zum Auftauchen der ersten Technovideos auf MTV entwickelten sich aus dem minimalistischen Konzept neue Formen des visuellen Designs. Neben den DJs etablierten sich VJs in diversen Berliner Kellerclubs. Till Vanish etwa versorgte damals die Ständige Vertretung in den Kellern des Tacheles mit hypnotischen Feedbackspiralen, indem er bewegte Bilder vom Monitor aufnahm und direkt wieder in den Videokanal einspeiste. Auch visomat inc. experimentieren mit ihrer Hardware und manipulieren die Kathodenstrahlen eines Fernsehers, um Effekte auf dem Bildschirm zu erzielen. Visomat inc. bespielten zusammen mit Daniel Pflumm bereits früh das WMF, das als einer der ersten Clubs der visuellen Gestaltung von Parties einen eigenständigen Platz einräumte. Als Resident VJs organisieren sie jetzt eben dort eine sechsmonatige Reihe mit einflussreichen Protagonisten des Genres und stellen die Hierarchie des Clubs, in dem der DJ König ist, auf den Kopf: Die einzelnen Videoprojekte laden sich DJs ein und nicht umgekehrt. Rechenzentrum etwa haben Scanner engagiert, der von visomat inc. bespielte Abend wird diverse Source-Künstler vorbeibringen. ”Berlin Club Video” startete im Oktober mit den notorischen Loops von Assaf Etiel alias Safy Sniper, die das allgegenwärtige mediale Material aus TV und Video unter dem Titel “Sexodrome” in manische Schleifen zwingen. Die Play&Rewind Dekonstruktionen Safys, der mit Consumertechnologies wie LaserDisc und der Videoschnitthardware Casablanca arbeitet, treiben die zynische Banalität der Medien bis zum Äussersten, indem Sequenzen aus freundlichen Nachmittagsprogrammen mit Aufnahmen aus den täglichen Kriegsschauplätzen und pornografischem Material gegengeschnitten werden. Solche Industrialboshaftigkeit verstört immer wieder die Partypeople auf dem Dancefloor. Monitor.automatiques “Partyhelden” nehmen sich im November noch einmal das Konzept des Clubs als solches vor und reflektieren auf den WMF-Screens die Party selbst. Es werden Sequenzen zu sehen sein, die am selben Abend von Kameras aufgenommen wurden. Für monitor.automatique treffen sich so Überwachungstechnologie und Wunschproduktion. Man wird sich an die Fotostrecken der Frontpage erinnern, auf denen man ja auch die Ravestars sehen konnte, neben denen man am Wochenende vorher an der Bar gestanden hatte. In den kommenden Monaten folgen Rechenzentrum, mediamorph, Vanish RGB (aka Till Vanish und Eve Hurford) und am Ende visomat inc. selbst.

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Elektronische Lebensaspekte.