Eine szenische Abgrenzung
Text: Markus von Schwerin aus De:Bug 109


Wenn Folk sich plötzlich zu so einem massiven Thema aufbauschen konnte, liegt das an der Vorlage, die Antifolk spätestens seit Anfang der 2000er geliefert hat. Die New Yorker Szene um die Moldy Peaches oder Lach hat Folk erst wieder für bekennende Großstädter interessant gemacht. Mittlerweile spricht niemand mehr vom Anti im Folk. Wir zeichnen nach, was die aktuellen Folker von den Antifolkern unterscheidet.

Weshalb gab es seinerzeit die demonstrative Abgrenzung zu dem, was man gemeinhin unter “Folk“ verstand? Wollten die um 1980 Geborenen nicht in die Schublade der bierernst predigenden Sechziger-Jahre-Protestsänger gesteckt werden? Oder war es einfach ein plumper Spaß? Immerhin fand der Tatendrang einiger Dutzend junger Open-Mike-Aktivisten aus NYC hierzulande so viel Echo, dass ein Nürnberger Radiosender diesem Stil eine ganze Reihe widmete und sowohl die Platten der Moldy Peaches als auch deren Solowerke in den einschlägigen Magazinen als bahnbrechende Meisterwerke gefeiert wurden.

Allein, wer hört sie noch heute? Vielleicht war ja bereits das Verewigen dieser immer schon mehr vom Wortwitz als vom musikalischen Einfallsreichtum lebenden Songs ein Widerspruch zur ursprünglichen Idee. Die spontanen Späße nutzten sich beim mehrmaligen Hören ebenso ab wie bei anderen Standup Comedians. Doch live verstehen es die (besten) verbliebenen Antifolker immer noch, eine Interaktivität zu entwickeln, die auch über sprachliche Grenzen hinausgeht: Während etwa das Mitmachangebot bei einer Folktronic-Band wie Tunng bis dato nicht über ein “Stampft hier doch mal bitte mit den Füßen“ hinausgeht, lassen die Leute des hochtheatralischen New Yorker Antifolk-Bandkollektiv Dufus ihr Publikum ganze Textpassagen auswendig lernen und wiederholen diese dann so oft gemeinsam, dass es zum Schluss tatsächlich sitzt.

Wie keine andere musikalische Richtung sagt Antifolk: “Du bist der Co-Autor, wenn du willst, flippe mit aus oder lass es sein.“ Die Scheu vorm eigenen Dilettantismus, vorm “Over the top“-Sein wird umgangen, indem man die Zuschauer von Anfang an ins Geschehen integriert. Das heißt fürs Publikum: kein andächtiges Lauschen und anerkennendes Beifallspenden, sondern ein Miteinbezogenwerden wie bei gelungenen Poetry-Slams. Gemessen am anarchischen Gestus der Dufus-Shows nehmen sich die Darbietungen von CocoRosie und Devendra Banhart geradezu verhalten und kontrolliert aus.

Es liegt auf der Hand, dass es dem Antifolker nicht auf musikalische Virtuosität ankommt. Zwar gilt die Incredible String Band als Mut machende Vorzeige-Formation, die bewies, dass es weniger auf die Beherrschung bestimmter Instrumente als auf deren fantasievollen Einsatz ankomme. Doch es ist nicht zu leugnen, dass die Faszination, die von Post-Antifolkern wie Joanna Newsom, Tunng und Sufjan Stevens ausgeht, in hohem Maße mit ihrer Musikalität und ihrer durchdachten Ästhetik zu tun hat. Und die Plattensammler dürfen sich über schweres Vinyl und kunstvoll bedruckte Gatefold-Sleeves mit allerlei Gimmicks freuen.

Also Kulturgüter mit Langhaltigkeit anstelle eines Aktionismus für den Moment, der auch schön schief gehen kann? Das stärkere Bewusstsein für die historische Dimension zeigt sich beim Post-Antifolk auch an den Kollaborationen: Seit etwa zwei Jahren haben sich die bekannten Protagonisten vor allem den Vorbildern zugewandt. Adem und Kieran Hebden treten mit Vashti Bunyan auf, Devendra Banhart und Espers- und Vetiver-Mitglieder sind auf Bert Janschs jüngstem Album “The Black Swan“ zu hören und Joanna Newsom wünschte sich für “Ys“ Arrangements vom Altmeister Van Dyke Parks.

Der Schulterschluss der Generationen: Beim neuen Folk scheint er – ähnlich wie beim Jazz – möglich. Die Antifolker sind hingegen bisher lieber unter sich geblieben. Zumindest kam von ihnen noch keiner auf den Gedanken, bspw. den immer noch aktiven David Peel (“Have A Marijuana“), der als Antifolk-Prototyp schlechthin durchgehen würde, in ihre Reihen mit aufzunehmen.

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Elektronische Lebensaspekte.