LED Throwies sind längst nicht das einzige Konzept, um Graffiti mit Leuchtstab statt Spraydose zu entwerfen. Wir gucken uns um.
Text: Chris Köver aus De:Bug 102


Tagsüber ist absolut nichts zu sehen an der Wand der U-Bahn-Station im 16. Pariser Arrondissement. Erst nachts, wenn die Neonröhren angehen, wird der Tag von Zevs sichtbar. Der Pariser Graffiti-Künstler verwendet unsichtbare Farbe und tauscht die Neonröhren an den entsprechenden Stellen gegen Schwarzlicht aus. Das ist keine Konzeptkunst, sondern hat zu allererst pragmatische Gründe: Seit Paris Ende der 90er dem “urbanen Vandalismus” den Kampf angesagt hat, müssen Tags paradoxerweise unsichtbar sein, um überhaupt noch gesehen werden zu können. So stellt Zevs mit seinem “Invisible Graffiti” in einem smarten Schachzug die Regeln auf den Kopf: nicht mehr nachts sprühen, um tagsüber sichtbar zu sein, sondern gerade tagsüber unsichtbar bleiben – Camouflage-Graffiti sozusagen.

Bekannt wurde Zevs eher durch seine spektakulären “Visual Kidnapping”-Aktionen, in denen er die Protagonisten aus Werbebildern “entführte” und Lösegeld für sie verlangte – 2002 z.B. das Lavazza-Model am Alexanderplatz. Mit Licht und Schatten spielte er jedoch schon vor “Invisible Graffiti”: So kennt man ihn u.a. auch durch die weißen Schattenrisse von Verkehrsampeln, Parkbänken und Bushaltestellen. Seit 2000 umrandet er nachts die von Straßenlaternen geworfenen Schatten auf Wänden und Straßen und macht sie so auch tagsüber sichtbar.

Ebenfalls mit Licht, aber mit ganz anderen Mitteln und Zielen, arbeitet das Projekt “Graffiti Analysis” des New Yorker Künstlers Fi5e. “Graffiti Analysis” will sichtbar machen, was sonst nicht zu sehen ist – den geheimen Moment, in dem ein Tag entsteht. Mit Hilfe eines ziemlich komplizierten und hochtechnologischen Verfahrens zeichnete Fi5e bekannte New Yorker Writer wie Jesus Saves, Hell, Avone und Katsu beim Taggen auf. Die daraus geschnittenen Loops projizierte der Absolvent der Parsons School of Design dann an nächtliche Hauswände in Brooklyn. Ob das jetzt noch Street Art, schon Post-Graffiti oder bereits Bürgeraufklärung ist, ist schwer zu sagen. Auf jeden Fall gelingt es “Graffiti Analysis”, das Taggen aus der kriminellen Ecke zu holen. Die Projektion ist temporär, Eigentum wird nicht beschädigt, somit auch keine Stadtverwaltung erbost. Erst dadurch kann auch das Geheimnis der Entstehung von Tags gelüftet werden – und aus bösem “Vandalismus” eine auch öffentlich akzeptierte, salonfähige Kunst im öffentlichen Raum werden.

Ähnliches passiert übrigens auch, wenn Street Artists statt Sprühdosen Taschenlampen und Kameras mit langer Belichtungszeit verwenden. Ursprünglich wurde dieses Verfahren vom Amsterdamer Künstler-Kollektiv Pipslab entwickelt. Seit 2001 lassen sie Writer wie Kraze, Rhyme, Oase oder Paquet mit präparierten Sprühdosen in die Luft taggen. Gesprüht wird dabei allerdings nicht. In die Dosen ist stattdessen eine kleine Lampe eingebettet. Deren Pfad wird dann fotografisch festgehalten. Die Besondere Herausforderung: Die Writer können nicht sehen, was sie “sprühen”, müssen den Schriftzug also auch blind drauf haben. Die spektakulären Licht-Graffitis sind nur auf den späteren Bildern zu sehen. Inzwischen benutzen auch andere Graffiti-Künstler wie z.B. ElPussycat aus Rotterdam diese Technik.

Egal ob mit LED Throwies (siehe unten), Invisible Graffiti oder High Tech Projektionen: Mit Licht-Graffiti ist Street Art mal wieder auf dem nächsten Level angekommen. Wir warten schon gespannt auf die ersten Sound-Graffitis.

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Elektronische Lebensaspekte.