Text: Mercedes Bunz aus De:Bug 40

Wo ist Kunst?

Hier wieder die vollkommen minimale, ungerechte und subjektive Auswahl einiger Events aus der Kunstwelt, deren Verursacher sich die Mühe gemacht hatten, uns mit Information zu beschicken.

Berlin
Es ist wieder soweit. Unter dem schrecklichen Wort “Kunstherbst” versammeln sich zwischen 27. September und 1.Oktober die Sammler dieser Welt zur zeitgenössischen Kunstmesse “Artforum” in Berlin. Damit anders als im letzten Jahr nicht nur die paar Hanselchen kommen, versucht man die Messe jetzt mit niedrigen Eintrittspreisen auch für die übrigen Kunstinteressierten attraktiv zu machen. Ein wenig unsicher, was aus Berlin werden soll, ist man eben immer noch. Eigentlich hatte man ja damit gerechnet, dass als Zentrum der zeitgenössischen Kunst nach Paris, New York und schließlich London mit der Young British Art jetzt Berlin folgen wird. Ganz hat das wohl noch nicht geklappt. Ein paar Engländer, die sich noch nie so wirklich zu hause in der YoBa gefühlt haben, wählten trotzdem Berlin als zweites Standbein – ist ja auch definitiv billiger vom Lebensstandard her – haben Wohnungen gesucht, Telefone angemeldet und Ausstellungen konzipiert. Merlin Carpenters Bilder sind bis zum 21.Oktober bei Max Hetzler in der Zimmerstrasse 90/91 zu sehen. Die Show ist vom cheesy Housetrack “The Sound of Bamboo” von Flickman beeinflusst, sagt Merlin, und man kann Modells überlagert von Hintergründen sehen, die einen von großformatigen Bildern anlungern. Merlin ist, weise genug, ein Freund der Oberfläche, und deshalb ist das Ganze auch als eine malerische Untersuchung zu lesen: Wie kommt der Sinn auf das Bild? Sieht man, was man sieht? (www.merlincarpenter.com) Und am 30. September eröffnet Angela Bulloch “Blow Up T.V.” in der Galerie Schipper & Krome, Auguststraße 91.

Dresden
Noch bis zum 22. Oktober findet in der Städtischen Galerie für Gegenwartskunst die 2. “Ars Baltica Triennal of Photographic Art” statt. Könnte man vielleicht mit “Baltische Triennale der Fotokunst” übersetzen. Wenn man will, weil klingt nicht mehr so gut. Das “Ars” und das “Art” muss wohl gleichzeitig sein. Sei es drum. Die Ausstellung dazu, “Can you hear me?”, wird von Kathrin Becker kuratiert, die Künstler wie u.a. Wolfgang Tillmanns, Olafur Eliasson, Thomas Demand, Vibke Tandberg, Jens Haaning & Peter Land oder Mariola Przyjemska ausgewählt hat. Zu finden in der Rähnitzgasse 8. Und ein Katalog gibt es auch.

Köln
Chicago metallic, so heißt eine der Arbeiten zwischen Architektur, Computerbearbeitung und künstlerischem Bild, das Heidi Specker bis zum 28. Oktober in der Galerie Ulrich Fiedler ausstellen wird. http://www.ulrich-fiedler.de

Leipzig
Noch bis zum 8. Oktober, also nur noch ein paar Tage, kann man in der Galerie für zeitgenössische Kunst (Karl-Tauchnitz-Str. 11) einen Querschnitt durch die Sammlung sehen, u.a. Dan Peterman, Günther Förg, Tobias Rehberger, Sonja Allhäuser. Und in einer Einzelausstellung widmet sich Henrik Hakansson der Verführung von Insekten durch Geruchsfallen. Es gibt in den einzelnen Räumen Filme zu sehen, in denen in geschickter Zeitlupe das Insekt gefangen wird, was beim Betrachter Zeitirritationen hervorruft. Klingt aufregend, Zeitlupenirritationen könnte ich hier auch gebrauchen. Insgesamt ist die Installation natürlich noch komplexer, also mit live gefangenen Insekten auch, die mit kleinen Überwachungskameras aufgenommen werden. Da kann man über Parallelitäten von zwei Realitäten nachdenken und über Produktionsmethoden und wahrscheinlich auch über den Überwachungsstaat. Nie verkehrt. Aber vielleicht doch ein bisschen einfach. Meine Schuld. Hatte ich mir im Vorbeilesen ausgedacht. http://galerie-leipzig.org

London
Vor einem halben Jahr hat der Londoner Gallerist Jay Jopling, der die YoBa wohl mit zu verantworten hat, gerade eben erst neben seiner tiny little Galerie White Cube (bis zum 14. Inez von Lamsweerde Fotos mit weniger Mode- und mehr Kunstaspekten) einen zweiten Space eröffnet: White Cube hoch zwei nämlich (auch bis zum 14. Antony Gormely). Jetzt gibt es flugs hinterher eine Website, http://www.white-cube.com. Naja. Eigentlich gibt es die Website von Jopling schon eine ganze Weile, aber jetzt mit Flash-Animation und der Möglichkeit zum Kunstkauf. Dafür ist die erste Differenzierung, die man treffen soll: Kaufste unter 2 000 Pfund oder darüber? Schlingel. Bestimmt sehen das die anderen Galeristen gar nicht gern, denn das ist ihnen zu vulgär. Sie verkaufen lieber an Leute, die nicht nach dem Preis fragen müssen. Da kann man dann daran glauben, dass es nicht schnöder Mammon ist, den man um die vielen Ecken kommuniziert, sondern Ideen. Ach, so ein Kuddelmuddel.

Wien
Gerade in dem Augenblick, in dem die EU-Sanktionen gegen die österreichische Regierung aufgehoben wurden, stehen Projekte wie das Mica (Musikinstitution, die sich u.a. elektronischer Musik und den neuen Problemen von Musik im Netz kritisch gewidmet hatte) oder das Depot (Bibliothek mit Gesprächen um linke Kunst oder Theorie) vor drastisch gekürzten Budgets, die die beiden Institutionen 2001 nur noch als Notbetrieb funktionieren lassen. Die neuen politisch-kulturellen Interessen an Volksmusik und Volkskunst sollen jetzt wohl vermehrt gefördert werden, oder was? Im Oktober jedenfalls arbeiten beide noch mit voller Kraft: U.a. gibt es am Freitag, den 6. Oktober einen Workshop zu Kunst und Ökonomie, am Samstag den 14. trägt gegen 19.O0 Uhr die englische Kulturtheoretikerin Angela McRobbie vor, und am Montag, dem 16. folgt die Buchpräsentation von “Fight the Power!” (Horak/Weinzierl), was im Wiener Passagen Verlag herauskommen und sich der Geschichte von Popkultur und Widerstand noch einmal widmen wird. Im Mica dagegen gibt es am 28. und 29. Oktober ein Symposium zu dem Thema “Was ist elektronische Musik?”, bei dem u.a. spannenden Teilnehmern auch DEBUG-Autor Stefan Heidenreich geladen ist. Hingehen, zuhören, mitreden.

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Elektronische Lebensaspekte.