"Berlin Elektronika" ist selbst in England ein eingeführtes Genre. Wenn 6 befreundete Label aus einer Kehle rufen, dann schallt es um die Welt. Die Berliner Label Lux Nigra, DIN, A.D.S.R., Morr Music, Hey-Rec. und City Centre Offices haben sich auf der Compilation "Hotel Stadt Berlin" zusammengeschlossen.
Text: sven von thülen aus De:Bug 47

Hotel Stadt Berlin
Sechs Label, ein Roundtable
Jetzt wissen wir es also. Martin Gore von Depeche Mode ist Morr Music-Fan, Richard D. James aka Aphex Twin hat alle City Centre Offices-Platten zu Hause in seinem Plattenschrank und in der Londoner Filiale des Musikmarktriesen HMV wurde Augenzeugenberichten zufolge eigens ein Fach mit dem schönen Namen “Berlin Elektronika” eingerichtet, in dem man alles von Scape über To Rococo Rot und eben auch Morr Music und City Centre Offices finden kann. Dank funktionierender Vertriebsnetzwerke in Deutschland mit Hausmusik, Forced Exposure in Amerika und Baked Goods in England haben sich in den letzten zwei Jahren die Wege von so mancher 7, 10 oder 12″ aus allen Ecken der Welt gekreuzt. Nicht selten war eine skurrile, in Kleinstauflage gepresste Platte der Grund, sich neugierig nach dem Herkunftsort, den Machern und dem dazugehörigen Label zu erkundigen. Kontakte knüpfen, fleißig DATs austauschen und Freundschaften schließen. Elektronika worldwide.
Aber zurück nach Berlin, wo sich jetzt mit Lux Nigra, DIN, A.D.S.R., Morr Music, Hey Rec. und City Centre Offices sechs Label zusammen getan haben, eben jene Netzwerke aus Freundschaft und Business zu nutzen, und eine gemeinsame Compilation herauszubringen, die auf den Namen “Hotel Stadt Berlin” hört. Und in diesem Hotel herrscht reges Treiben. Altbekannte wie Arovane, Skanfrom, Isan, Herrmann und Kleine oder Frederik Schikowski sind genauso anwesend wie einige noch unbekanntere Namen. Von Knisterelektronik bis electrofiziertem Pop und alpinem Ska ist alles vertreten, was den Charme und die Vielfältigkeit dessen ausmacht, was unter dem Stempel Elektronika in letzter Zeit gehandelt wurde.
De:Bug: Wie seid ihr zusammen gekommen?
Thomas Morr: Größtenteils über den einen Menschen, der jetzt gerade fehlt. Und über den Laden, in dem er arbeitet, “Hardwax”. Da lief ziemlich viel zusammen, weil Sascha und Torsten vom Hardwax diese Musik gepusht haben. Und dann gab es noch diesen Link zwischen deren Vertrieb und meinem, beziehungsweise Hausmusik. Die Label liefen ja schon alle, als wir uns dann öfter getroffen haben. Der erste Knotenpunkt war also Hardwax und der zweite dann der Thaddi, der dem Ganzen noch ein Forum in der De:Bug gegeben hat.
De:Bug: Die Compilation bündelt ja eure Label zusammen.
Thomas Morr: Stimmt. Im Moment schwirren ja auch eine ganze Reihe anderer Berlin Compilations durch die Gegend, aber ehrlich interessieren die mich nicht. Das ist ein ganz anderer Blick auf das, was in Berlin musikalisch passiert. Sehr konzentriert auf die Überreste von Mitte und darauf kann ich mich auf keiner Weise einigen.
De:Bug: Die waren aber schneller als ihr…
Thomas Morr: Jetzt muss ich uns mal outen, dass wir schon seit einem Jahr dabei sind, die Compilation zu planen.
Thaddi: Wir sind halt Hardcoreschluffis und kriegen das alles nicht so schnell hin.
Thomas Morr: Nein nein, wir haben uns das einfach nur besser überlegt. Wir haben das so eingefädelt, dass die Marketingstrategen der grossen Plattenfirmen unsere Idee mit eigenen Compilations schon mal vorbereiten. Wir müssen uns jetzt nur noch ins gemachte Nest setzen. (breites Grinsen).
Nee, mal im Ernst. Letztendlich hat man dann mit dem “Arovane”-Album auf City Centre Offices und auch mit einigen meiner Veröffentlichungen gesehen, dass man mittlerweile auch international seine Platten ganz gut verkaufen kann. Im Endeffekt zieht das eine Label das andere mit. In dem Moment, wo man in einem neuen Vertrieb mit aufgenommen worden ist, kann man meist auch recht schnell ein befreundetes Label unterbringen. Und je größer dieser Pulk von Labeln wird, um so interessanter wird es letztendlich auch für jeden Plattenladen und Vertrieb im Ausland. Es geht schon darum, das Ganze irgendwie zu bündeln und eine gute Infrastruktur zu entwickeln. Und das geschieht auch auf internationaler Ebene.
De:Bug: Hat sich mit dem gesteigerten Interesse an euren Labeln und euren Künstlern die Arbeitsweise geändert?
Thomas Morr: Bei mir ist das schon so, dass bei jeder zweiten Veröffentlichung Anfragen großer Label vor allem aus England kommen, die meine Acts signen wollen. Deswegen ist meine Arbeitsweise so, dass ich mir sehr schnell darüber im Klaren sein muss, ob ich mit den Künstlern noch weiter zusammen arbeiten möchte. Gleichzeitig muss ich flink sein und meine Infrastruktur ausbauen, damit ich den Artists, mit denen ich zusammen arbeiten möchte, auch etwas bieten kann. Bei aller Professionalisierung geht es mir aber auch darum, unser Netzwerk immer weiter auszubauen. Das ermöglicht ganz einfach eine Menge. Außerdem lernt man so eine Menge netter Menschen kennen.
De:Bug: Ich habe oft den Eindruck, dass eure Musik gerade in England viel in alten Indiezusammenhängen rezipiert wird. Seht ihr das auch so?
Thaddi: Ich kann das nicht so genau sagen, da ich diese News aus England meistens aus zweiter Hand bekomme. Ich glaube aber, dass unsere Musik in so ziemlich allen Kreisen von Indierockern bis Posttechno-Leuten gehört wird. Das merkt man schon allein an der Streuung der Reviews. Das reicht vom Mönchengladbacher Stadtanzeiger bis zum D2000 und NME. Und im Endeffekt bedienen wir auch genau so eine seltsame Schnittmenge von Leuten mit der Musik, die wir rausbringen. Sie bietet für die unterschiedlichsten musikalischen Sozialisationen Anknüpfungspunkte.
Peter Gebert: Wenn man sich die CD mal anhört, dann merkt man trotz aller Unterschiedlichkeit aber viele Gemeinsamkeiten. Es gibt schon einen roten Faden, der sich außerhalb der Musik entlangspinnt und die einzelnen Stücke verbindet.
Helmut Erler: Das liegt vielleicht daran, dass wir alle gleich arbeiten. Außerdem lernen wir auch viel voneinander. Ich glaube, das Geschäftliche besprechen wir alle untereinander. Wir tauschen uns viel aus.

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Elektronische Lebensaspekte.