Der Traum von der Konvergenz im Wohnzimmer-Entertainment fordert das erste Opfer. Sega gibt die Dreamcast-Konsole auf. Doch der Kampf geht weiter. Jetzt wird erst richtig aufgerüstet.
Text: anton waldt aus De:Bug 45

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Der Kampf im Wohnzimmer
Die Dreamcast ist tot, es lebe Games Gateway

Die Marschrichtung gilt trotz aller Rückschläge und Verzögerungen immer noch: Die Unterhaltungsindustrie versucht nach wie vor, die Idee einer zentralen Wohnzimmer-Konsole durchzusetzen, über die der durchschnittliche Sofahocker Zugang zu Internet und Fernsehen, aber auch zu PayTV und jedem anderen erdenklichen Unterhaltungs-Schnick-Schnack bekommt – und im Gegenzug sein Konto für Geldstreams zu den jeweiligen Firmen öffnet. Im Kaffeesatz der Produktankündigungen, Vertriebsdeals und strategischen Unternehmensallianzen, aus denen sich die Zukunft der Heimunterhaltung erahnen lässt, hat sich dabei zuletzt eine neue Qualität eingeschlichen. Sie deutet darauf hin, dass sich aus der abstrakten Idee der HiFi-Anlage-2000 langsam auch ein echtes Empfinden dafür entwickelt, wie sich das zentrale Schlagwort “Konvergenz”, also das Zusammenwachsen bisher paralleler Unterhaltungs- und Informationsangebote, anfühlen muss. Das Bedürfnis nach einem konvergenten Gerät musste dazu wohl erst großflächig entstehen, vor allem durch die Einbindung des Netzes in möglichst viel Alltag.

Konzern-Pogo
Wie wackelig genaue Vorhersagen über die bunte Zukunft der Heimunterhaltung sind, wird durch die schnellen Perspektivwechsel deutlich, zu denen sich die ansonsten trägen Konzerne genötigt sehen: Allein in den letzten drei Monaten hat sich die Szenerie fast komplett umgekrempelt. Den radikalsten Positionswechsel vollzog Sega, das sich dazu entschlossen hat, seine schwache Stellung als Hardwareproduzent aufzugeben, also die Dreamcast-Produktion offiziell zu beenden. Zukünftig stellt man nur noch das Bitfutter für fremde Wohnzimmerkonsolen her. Sega setzt aber nicht nur auf die Formate der Game-Konkurrenz (Sonys Playstation, Nintendos Game Boy Advanced und wahrscheinlich auch Microsofts Xbox), sondern auch auf nicht-proprietäre Formate, was die Aufgabe der Dreamcast-Produktion plötzlich extrem smart erscheinen lässt.

Geld verbrennen
Der eigentliche Grund für das Todesurteil der Dreamcast sind natürlich die enormen Verluste, die die Konsole Sega beschert hat. Und in eine ähnliche Situation könnten sowohl Sony als auch Microsoft mit jeder neuen Produktgeneration kommen: Selbst Sony hat trotz der weltweit 6,4 Millionen abgesetzten Play Station 2 bisher noch keinen Yen an dem Gerät verdient. Der Konzern hofft darauf, irgendwann in diesem Jahr in die Gewinnzone zu gelangen. Vielleicht auch deshalb hat Sony sich entschlossen, den ganz großen Vernetzungsschritt erst mit der Play Station 3 anzusetzen. Mit diesem Gerät, dessen Erscheinungsdatum noch nicht einmal feststeht, soll das unternehmenseigene Gerätepuzzle der Wohnzimmergadgets aufgehen. Das besteht zunächst aus einem kombinierten Surf/TV-Gerät mit Funkverbindung zum Bildschirm und dem obligatorischen Festplatten-Videorekorder [PVR]. Und eben der Play Station 3, die dann endlich auch flott ins Netz geht und zwar sowohl über die Breitband-Piepeline als auch über die tollen Handys der dritten Generation. Dafür hat Sony eigens eine Kooperation mit sechs global agierenden Telekoms geschlossen.

Öffentliche Plattformen
Die wichtigsten Schritte Segas nach dem Verramschen der weltweit noch zwei Millionen lagernden Dreamcasts zu Schnäppchenpreisen sind die strategischen Partnerschaften mit Palm und dem Set-Top-Boxen-Hersteller Pace. Sega will noch in diesem Jahr Video- und Online-Spiele für den Palm V und Palm VII auf den Markt bringen, wodurch das Lieblings-Accessoire aller Business-Leute endgültig zum Gameboy wird. 2002 soll dann die für alle Hersteller offene “Games Gateway” kommen, eine digitale Set-Top-Box, die seit über einem Jahr mit dem britischen Box-Hersteller “Pace Micro Technology” entwickelt wird. Pace betreibt allein in Großbritannien bereits über eine Million Set-Top-Boxen und sitzt damit bereits in den Wohnzimmern und hinter den alles entscheidenden TV-Geräten. Die Wunderkiste “Games Gateway” soll über 60 Spiele speichern und über 350 für die Sega-Dreamcast-Plattform entwickelte Games abspielen können. Überhaupt wird in Zukunft alles anders: Die Spiele gelangen nicht durch das Einlegen von CDs, sondern via TV-Vetriebskanäle auf die 40 GB Festplatte. Und damit kein Wohnzimmerbewohner den Games entgehen kann, können die Daten per Kabel, Satellitenempfang oder digitalem Fernsehen hereinrauschen.

Killer-Applikation
Bei der Etablierung des “Games Gateway” wird auch mit den führenden US-Herstellern von Festplatten-Videorecordern wie TiVo und ReplayTV zusammengearbeitet – was neben der relativen Offenheit der Hardware der entscheidende Sofa-Kartoffel-Killerfaktor ist. Festplatten-Videorekorder sind schon seit zwei Jahren in den USA groß im Kommen, in Europa und Japan läuft die Sache erst zaghaft an. Als Name für die Produktgruppe hat sich “Personal Video Rekorder” [PVR] etabliert. Die digitalen Updates unserer geliebten VHS-Kisten bringen gravierende Veränderungen für die TV-Konsumgewohnheiten und in der Folge für das gesamte TV-Business: Der augenfälligste Unterschied zu herkömmlichen Videorekordern ist zunächst, dass gleichzeitig ein Programm aufgenommen und bereits Aufgenommenes beliebig angeschaut werden kann. Dadurch kann beispielsweise durch den leicht zeitverschobenen Konsum eines Programmes die Werbung “vorgespult” werden. Richtig spannend wird der Einsatz der PVRs allerdings durch den inzwischen obligatorischen Netzanschluss, über den das Gerät mit aktuellen Programminformationen versehen wird. Über simple “Gefällt-Mir”- und “Langweilig!”-Buttons an der PVR-Fernbedienung erstellt der PVR ein Nutzerprofil, mit dem dann 24 Stunden am Tag Programme, die dem Nutzer gefallen könnten, aufgenommen werden. Zusammen mit einer Satellitenschüssel oder einem Kabelanschluss findet man so täglich die gesammelten Lieblings-Sitcoms auf der eigenen Festplatte. Den Kampf um die klassische Spiel-Konsole werden neben dieser Konkurrenz jetzt also nur noch Sony und Microsoft austragen. Vielleicht stehen aber auch beide am Ende dumm da mit ihren proprietären Formaten. Denn dass diese einen ständigen Überlebenskampf darstellen, sollte spätestens nach der neusten Apple-Krise auch dem letzten Konzernlenker klar sein.

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Elektronische Lebensaspekte.