Im "Marcy Hotel" im New Yorker Stadtteil Williamsburg hat das Label Wolf+Lamb sein Hauptquartier.
Text: Nikolaj Belzer aus De:Bug 138

Im “Marcy Hotel” im New Yorker Stadtteil Williamsburg hat das Label Wolf+Lamb ihr Hauptquartier, wo neben Podcasts und Platten auch regelmässig Parties produziert werden. Zwischen Hipster-Alarm und House-Einöde haben hier aber laut eigener Aussage “die normalen Leute” das Sagen. Was es damit auf sich hat, hat Nikolaj Belzer vor Ort recherchiert.

Ein hölzernes Wohnhaus reiht sich an das nächste, heruntergekommene Bürgersteige, hier und da bricht die Natur in Form von Unkraut durch die urbane Landschaft. Obwohl die Marcy Avenue mitten in Williamsburg liegt – ein Stadtteil, der in Sachen Subkultur meets Problemkiez in einer Liga mit Londons Hackney oder Berlins Neukölln spielt – ist diese Straße auf den ersten Blick alles andere als szenig. Nur wenige Hipster verirren sich von der nur ein paar hundert Meter weiter gelegenen Bedford Avenue in diese Ecke.

Genau in der Mitte teilt der Brooklyn Queens Expressway die kleine Straße in zwei Hälften. Direkt daneben befindet sich “The Marcy Hotel”. Dass die beiden Freunde Gadi Mizrahi und Zev Eisenberg ihr Hauptquartier auf der labeleigenen Webseite als Luxushotel verkaufen, hat gleich mehrere Beweggründe. Zum einen nehmen sie die ganze Williamsburger Hipster-Welt gehörig auf’s Korn, zum anderen ist Wolf+Lamb ohne das kleine Reihenhaus eigentlich nicht vorstellbar.

Zev ist erst vor circa sechs Monaten ausgezogen – laut Gadi hat er gerade überhaupt keinen Wohnsitz, weil die beiden eh ständig auf Tour sind. Das Erdgeschoss wird dieser Tage von Gadi und seiner Freundin Deniz Kurtel bewohnt. Deniz, die urspruenglich aus der Türkei stammt, hat gerade ihre erste 12″ auf Wolf+Lamb veröffentlicht. Zum Label kam sie als Partygast, denn alle zwei, drei Monaten laden Wolf+Lamb in ihr Haus und Studio zum Feiern. Das Label ist in diesem Sinne auch nur die Fortsetzung der gemeinsam Feier-Leidenschaft.

Wolfsrudel und Zöglinge
“Es gab keine DJs, es gab keine Clubs, also haben wir einfach unsere eigene Party gestartet”, meint Gadi. Das war vor ca. sieben Jahren. Kennengelernt haben sich die beiden, weil Zev mit Gadis Neffe zur Schule ging und mittlerweile kann man getrost von einer ganzen Wolf+Lamb-Familie sprechen: Da sind hauseigene Zöglinge, wie der gerade mal 21-jährige Pariser Le Loup, Stammgäste, die mit dem Label gewachsen sind, oder Kollegen, die mittlerweile zu Freunden geworden sind – bestes Beispiel sind Jamie Jones und Chicagos Techno-Wunderkind Seth Troxler, die regelmäßig aus London oder Berlin zu Besuch kommen.

Dieser intime, freundschaftliche Ansatz passt heutzutage wie die Faust auf das Auge einer Stadt, in der die globale Krisenstimmung ihren Anfang nahm. Nicht dass New York vor dem September 2008 über eine bedeutende Clubkultur verfügt hätte. Aber obwohl Namen wie DFA oder Metro Area die Herzen vieler Musikfreunde höher schlagen lassen, ist die Stadt immer noch alles andere als ein House-Music-Mekka.

“Es gibt ‘The Bunker’ und zwei, drei andere Parties. Das ist es dann aber auch. Was wir hier machen, ist immer noch super underground. In der Innenstadt regiert HipHop und alle, die man auf der Straße sieht, sind total auf Indie-Rock eingestellt.” Wenn man sich “The Marcy Hotel” von innen anschaut, kann man sich nur schwer vorstellen, wie Wolf+Lamb es schaffen, ihre Parties so intim zu halten. Das Holz, mit dem die Wänder vertäfelt sind, stammt aus upstate New York – alles selbst gemacht, wie Gadi betont. Es gibt einen Ausstieg zum Garten direkt unter dem Highway, das kleine Studio kann innerhalb weniger Stunden zum Dancefloor umgebaut werden. Sogar eine selbstgebaute Lichtorgel hängt an der Decke.

Das Konzept dahinter ist relativ einfach, wie Deniz erklärt, nachdem man mir zwei Magnetkarten in die Hand gedrückt hat: “Wir setzen einfach den Eintrittspreis auf $50. Wenn du mit Keycard kommst, kommst du mit einem für New Yorker Verhältnisse normalen Preis von $20-25 rein – und das gilt für jeden, der mit dir kommt. Natürlich ist es nicht einfach: Manche Leute kommen einfach nur wegen der Räumlichkeiten her, hängen betrunken ab und scheren sich einen Dreck um die Musik. Damit es klappt, versuchen wir stets 60-70% Bekannte reinzulassen und kein Hipster-Volk von der Straße.”

Equipment und Privatsachen werden weggesperrt und alle versuchen ein bisschen aufeinander aufzupassen. Die Nachbarn in den oberen Etagen stört das alles wenig, denn die meisten sind auch Musiker und veröffentlichen auf Wolf+Lamb. Nick de Bruyn und Greg Paulus von No Regular Play zum Beispiel wohnen im ersten Stock und sind eigentlich professionelle Jazz-Musiker. Greg hat früher mit Lauryn Hill gearbeitet und tourt inzwischen als Trompeter mit Beirut. Von House hatten beide wenig Ahnung, bis sie zufällig auf einer Wolf+Lamb-Party landeten.

Brooklyn bleibt Heimat
Musikalisch sind Wolf+Lamb soulig und deep wie kaum ein anderes Label im Moment. Die verkopfte Stil-Polizei ist den New Yorkern fremd und vielleicht macht gerade diese ortsgebundene Unbekümmertheit ihre Geschmackssicherheit aus. Alle Wolf+Lamb-Artists, Freunde und Bekannte vereint die Liebe zu House mit Herz und Verstand. Dass das Label heute relativ erfolgreich ist, hat auch damit zu tun, dass es als zunächst reines Netlabel langsam wachsen konnte und seit fast zwei Jahren die Veröffentlichungen auch auf Vinyl herausbringt.

“Du bist einfach mehr als nur irgendein Jugendlicher, der seine Sachen auf Beatport hochlädt. Außerdem zeigt es auch, dass du es ernst meinst, es steckt einfach viel mehr dahinter. Witzigerweise ziehen unsere Digitalverkäufe auch massiv an, wenn wir gleichzeitig auf Vinyl veröffentlichen.” Man sieht es Deniz und Gadi an: Sie freuen sich einfach über gute Musik. Wenn die dann noch von netten Menschen kommt, das was Gadi “normal people” nennt, umso besser.

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Elektronische Lebensaspekte.

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