Für seine neue EP "Freiland-Klaviermusik" hat Voigt sogar die Marke Profan widerbelebt. Ein Gespräch über Kunst, Minimal, Erbe und Zukunft.
Text: Ji-Hun Kim aus De:Bug 126


Auch Kompakt-Chef Wolfgang Voigt begeistert sch für das Klavier. Für seine neue EP “Freiland-Klaviermusik” hat er sogar die Marke Profan widerbelebt. Ein Gespräch über Kunst, Minimal, Erbe und Zukunft.

De:Bug: Techno existiert nun seit knapp zwanzig Jahren. Wie siehst du die Entwicklung, dass Techno immer mehr, wie am Beispiel Craig und von Oswald, in den hochkulturellen Bereich drängt? Woher kommt das stetig wachsende Interesse an elektronischer Popmusik im Kunstbereich? Minimal Techno wird heutzutage im Kunstkontext analysiert, Carsten Nicolai macht bildende Kunst …

Wolfgang Voigt: Nach meinem Geschichtsverständnis gab es bereits Mitte der Neunziger mit dem Boom des ersten programmatischen Minimal Technos Konzepte, die ein starkes Interesse sowohl der Kunst und Indie-Szene als auch der Feuilletons hervorriefen. Es hat auch immer schon Technoproduzenten gegeben, deren Musik über den Clubkontext hinaus eine starke Kunst-Affinität hatte. Bei bestimmten Künstlern und Produzenten ist es natürlich nachvollziehbar, sich in Zeiten großer Beliebigkeit in der Clubmusik wieder “wertigeren” Themen zuzuwenden.

De:Bug: Mit deiner GAS-Performance gehst du ins Leipziger Centraltheater. Wie funktioniert deiner Meinung nach eine Musik, die im Clubkontext entstanden ist, im kulturinstitutionellen Zusammenhang?

Wolfgang Voigt: GAS ist ja nur sehr bedingt Clubmusik. Obwohl die Stücke zum Teil eine gerade Bassdrum haben, würde doch kaum ein DJ ernsthaft GAS auflegen. Was das Centraltheater betrifft, so ist es vor allem eine tolle Chance, GAS an einem so würdigen Ort spielen zu können. Das ist natürlich ein sehr imposanter Rahmen in dem sich, denke ich, die Aura der Musik und der Bilder ideal entfalten kann. Allerdings gab es Angebote wie diese auch schon vor zehn Jahren. Nur damals wollte ich kein “Vortragskonzert” vor einem sitzenden, gewissermaßen “aufmerksam zuhörenden” Publikum spielen. Heute will ich genau das.

De:Bug: Prinzipiell handelt es sich doch um ein sehr ungleiches Paar, wenn man die Philharmonie und den Club vergleicht. Freiheit, Demokratie, aktive Rezeption und Körperlichkeit im Vergleich zur sehr starren und streng organisierten Form der klassischen Musikszene. Das kompletten Gegenteil eigentlich. Gibt es da nicht immenses Potential zum Scheitern? Beziehungsweise: Wer gewinnt bei diesem “Crossover”?

Wolfgang Voigt: Es geht ja nicht darum, eine Musik wie GAS nur durch die Wahl des Spielortes in einen “konservativeren” Kontext zu stellen. Die Ästhetik der Musik und die Live-Visualisierung bieten sich einfach sehr für solch eine Präsentation an. Es geht aber keineswegs darum, sich an irgendeine “andere” Szene anzubiedern. Im Idealfall würde “Crossover” hier bedeuten, dass man sowohl Leute aus dem Club- und Popkontext, aus der Kunst und gerne auch dem “hochkulturellen” Bereich anspricht. Berührungsängste sind hier nicht mehr zeitgemäß.

De:Bug: Ist der Weg vieler elektronischen Musiker ins Kunstgeschäft allein durch kreative Ambitionen geprägt? Finanzielle Interessen könnten ja auch eine Rolle spielen. Wurde Techno erwachsen? Oder ist es doch die Tendenz zum altklugen Reifegebahren?

Wolfgang Voigt: Ich kann das natürlich nur für mich beantworten. Ebenso lange, wie ich Musik mache, beschäftige ich mich mit bildender Kunst. Dieser Teil meiner Arbeit ist nur weit weniger bekannt. Seit einiger Zeit ist es sogar so, dass ich meine musikalischen Grundideen zu bestimmten Loop- und Beatstrukturen, die man von Projekten wie Profan, Studio 1 oder auch Freiland kennt, in Form von Zeichnungen und Grafiken überhaupt nur noch bildnerisch darstelle. Ich male gewissermaßen Profanmusik in Form von Patterns und Loopstrukturen. Es ist allerdings eine rein kreative Energie, die sich hier ihren Weg sucht.

De:Bug: Glaubst du, dass es Unterschiede gibt bezüglich der Rezeption von Elektronik im Vergleich zu anderen Ländern? Hat die neuere Musikgeschichte, Stockhausen, Studio für elektronische Musik, vielleicht auch Kraftwerk dazu geführt, dass hier die Akzeptanz von Elektronik eine andere ist als in anderen Ländern und Kulturen?

Wolfgang Voigt: Bestimmt haben die von dir erwähnten Vorreiter nicht nur hierzulande auf unterschiedlichste Weise innovativer elektronischer Musik zu einem hohen Ansehen verholfen. Ich denke allerdings nicht, dass dies Einfluss auf Techno im Allgemeinen hatte.

De:Bug: Köln und Kompakt waren die hiesige Keimzelle für Minimal. Damals gab es einen bewussten Ansatz, Rave und Techno, von den späten 90ern ausgehend, in eine intellektuell-orientierte Diskursebene zu überführen. Zehn Jahre später ist Minimal inflationär und ist synonym zu einem Mainstream-Clubphänomen geworden. Wie reagiert man da als Mit-Urheber einer Stilrichtung? Wie kann man dem eigenen Anspruch noch gerecht werden? Ignorieren? Neu erfinden oder stur weitermachen?

Wolfgang Voigt: Interessanterweise von jeden etwas. Ignorieren. Neu erfinden. Weitermachen. Natürlich freut es uns, dass Minimal Techno sich weltweit durchgesetzt hat. Sowohl im Sinne seiner ursprünglichen Erfindung, als auch in verschiedenen aktuellen Spielarten ist und bleibt Minimal Techno die beste Tanzmusik der Welt. In der Flut digitaler File-Musik geht das einzelne Musikstück allerdings zunehmend unter, was dazu führt, dass diese Musik sich immer mehr selbst kannibalisiert.

De:Bug: Haben wir eine endgültige Auflösung der eventuell obsoleten Trennung von E- und U-Musik vor uns?

Wolfgang Voigt: Ich habe diese Grenzen im musikalischen Sinn für mich sowieso nie akzeptiert. Ob es einer expliziten Auflösung bedarf oder man nicht heutzutage einfach nur das beurteilen sollte, was man hört oder glaubt zu hören, sei dahingestellt.

De:Bug: Auf deiner neuen Freiland-Platte ist das Piano das ausschlaggebende Element. Wenn ich mich recht entsinne, erwähntest du Conlon Nancarrow als Inspiration für diese Produktion. Nancarrows Arbeit bestand darin, Partitionen ausschließlich für das Lochklavier anzufertigen. Das automatische Klavier, bzw. die Lochpartitur könnte gemeinhin als Vorläufer des heutigen Sequenzers gelten. War dieser Aspekt bewusst gewählt? Es handelte sich hierbei auch um Musik, die dezidiert nicht von Menschen gespielt werden konnte. Wie war hier die Auseinandersetzung mit modernen Produktionsmethoden und den geschichtlichen Vorläufern? Wie kam es überhaupt dazu, nach so langer Zeit wieder eine Profan-Scheibe zu machen und wieso dann ausgerechnet das Klavier?

Wolfgang Voigt: >In der Tat ist Freiland-Klaviermusik unter anderem von Conlon Nancarrow inspiriert. Er hat schon seit den vierziger Jahren komplexe Musik für elektro-mechanische Selbstspielklaviere komponiert, die er in eigens entwickelte Lochkarten stanzte. Diese Produktionsmethode ermöglicht Strukturen und Klanggebilde, die zwar einerseits eine “virtuose” Anmutung haben, anderseits aber durch Clusterbildung und Überlagerung von Noten so von Menschen gar nicht gespielt werden können. Abgesehen von meiner Vorliebe für den Klavierklang hat mich die Idee begeistert, eine gewissermaßen frei improvisierte, virtuose, körperliche Musik in eine Art lockeres, mechanisches Korsett zu bringen. Das hierbei eine Symbiose zwischen Sequenzer und freiem Spiel entsteht, kommt mir dabei sehr entgegen. Das Freiland-Konzept ist ja, außer der Bassdrum nur einen einzigen Sound zu benutzen. In dem Fall war es das Klavier. Profan schien mir das passendste Label für diese Musik zu sein.

De:Bug: Man könnte meinen, dass Techno/elektronische Popmusik im 21. Jahrhundert fest im Establishment angekommen ist. Wie sieht die Zukunft in deinen Augen aus? Werden die Verschränkungen noch intensiver Richtung Hochkultur gehen oder kommt doch eine neue Revolution im Stile des Minimal der letzten zehn Jahre?

Wolfgang Voigt: Techno ist schon seit mindestens zehn Jahren als Genre in der Musikgeschichtsschreibung angekommen. Das allermeiste, was musikalisch in Techno passiert, ist nicht mehr wirklich neu, aber es ist immer noch die beste Tanz/Popmusik der Gegenwart. Was den Minimal Techno betrifft, habe ich den Eindruck, es kristallisieren sich zwei Strömungen heraus. Zum einen gibt es den allgegenwärtigen funktionalen Baukasten “Minimal” beliebiger Herkunft. Zum anderen entsteht ein Bewusstsein für so eine Art “historischen” Minimal Techno, der vielleicht mehr mit Kunst zu tun hat. Der von individuell nachvollziehbarer, musikalischer Handschrift geprägt ist und als anspruchsvoll verpacktes Gesamtkunstwerk daher kommt. Minimalistische Techno-Musik als solche wird weiter in alle gesellschaftlichen Bereiche vordringen. Ansonsten leben Totgesagte ja bekanntlich länger. Nach Techno kommt immer Techno.
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Elektronische Lebensaspekte.

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