Schluss mit lustig
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 64


DEBUG: Was hat sich bei Kompakt in den letzten Jahren getan? Kompakt stand jahrelang immer für einen Sound, den Kölner Minimalsound, ob fälschlicherweise oder nicht, aber das ist jetzt nicht mehr so.

WOLFGANG VOIGT: Nee, kann man nicht so sagen. Es ist immer die Frage, was damit gemeint ist. Dieser ganze Köln-Sound, natürlich gibt es das so, und natürlich hat es auch irgendwo etwas mit uns zu tun, aber erstens mal nicht nur mit uns, und zum anderen ist es so, dass dieses ewige Thematisieren von uns auch immer eine hysterische Diskussion war, die eigentlich eher von außen kam. Aus meiner Sicht ist es so gewesen, dass mitte der 90er auch die Internationale Presse, erstmalig auch die englische im übrigen, sich drauf geeinigt hatte, dass aus Köln ein bestimmter Sound kommt, und man das jetzt, vielleicht nach dem Detroit-Beispiel, thematisieren muss. Dann fanden wir das eine Zeit lang eher blöd und haben uns dazu gar nicht weiter geäußert, aber haben natürlich unsere Musik gemacht. Wie das außen thematisiert und benannt wird, da hat man ja nicht immer so den Einfluss drauf. Aber irgendwann gab es soviel Missverständnisse, dass jeder elektronische Sound, der aus Köln kam, irgendwie Sound Of Cologne hieß, egal ob triphoppig, housig oder minimaltechnoid, was wir auch blöd fanden, und was wir für uns als unseren eigenen, von mir aus auch Köln-spezifischen Minimalismus angesehen haben, das haben wir dann thematisiert und gesagt, o.k., dieser Sound steht für uns und den Schuh ziehen wir uns auch gerne an. Worauf du eingangs anspielst ist ja, dass man sich auch weiterentwickelt und dass es mittlerweile nicht mehr alles ist. Es war sowieso nie so, dass wir gesagt haben ‘Bis an unserer aller Tage Abend reiten wir jetzt auf dieser Minimalschiene herum’. Wir sind eigentlich immer eher an Entwicklung interessiert, an Prozessen. In letzter Zeit hat sich das auf dem Label stark so ergeben, eigentlich in den letzten zwei drei Jahren schon, dass einerseits ein gewisser Popeinfluss wieder durchkommt, für den der eine oder andere steht, im Haus oder im Umfeld, und dass eine gewisse Mehrgleisigkeit in der Musik da ist. Es gibt immer noch den guten alten Minimalismus, den gibt es auch in der 5ten, 6ten Generation, es gibt eine Menge Menschen, die entweder in Köln direkt oder auch drumherum Musik machen, die vielleicht mal Ende der 90er für Kompakt typisch war.

DEBUG: Man hat das Gefühl, dass sich diese Art von Sound auf die ganzen anderen Label rings um Kompakt verlagert hat.
WOLFGANG VOIGT: Es gibt wahnsinnig viele Umfeld-Label. Das war vielleicht auch einer der Gründe, warum wir irgendwann mal gesagt haben, wir machen einen Vertrieb. Bei der Vielzahl an Dingen, die irgendwie kommuniziert werden wollen, die auch irgendwie zu uns passen, lässt sich das mit einem Label nicht machen. Wir selbst tun im Augenblick eigentlich zwei Dinge. Mehr Künstlerprofile entwickeln, also Popthemen bearbeiten. Es gibt wieder Gesang, es gibt wieder Gitarren, und solange die Bassdrum grade ist und es Elektronik ist, ist das mit uns unter Umständen auch interessant. Und das andere ist klassischer Techno, den ich mittlerweile als etablierte zeitlose Musik bezeichnen würde. Der auch wieder thematisiert wird.

DEBUG: Und dann eher auf Kompakt Extra stattfindet.

WOLFGANG VOIGT: Genau. Namentlich ist es so: Es gibt Köhnke auf der einen Seite und Speicher auf der anderen. Das hängt aber vor allem damit zusammen, dass wir von dem Hauptmotiv getrieben sind, für uns die Dinge größtmöglich interessant zu halten. Also auch einer gewissen Gewöhnung oder Langeweile vorauszueilen, indem man einfach auch lieber gewagte Entscheidungen trifft und damit auch polarisiert, als zu glatt auf einer zu etablierten und eher defensiven musikalischen Ebene zu arbeiten.

DEBUG: Was würdest du denn als gewagt bezeichnen? Kaito oder Köhnke?

WOLFGANG VOIGT: In gewisser Hinsicht ist beides gewagt. Bei Köhnke hat man immer mit drin, dass man einerseits von dem Publikum, was uns auch ein bisschen streift und auch Kompakt ein bisschen goutiert, das mit ins Boot nimmt, was von Whirlpool kommt, und das, was ich so als Feuilletontechno bezeichnen würde, damit vergällst du auf der anderen Seite das klassische Technostammklientel, die auf so etwas gar nicht stehen. Bei Kaito ist es so, dass er grade sehr stark über so einen Neotrance-Kontext kommuniziert wird. Das stimmt für uns nur partiell. Natürlich ist da was dran. Aber es ist in dem Sinne Trance, wie wir immer gesagt haben, dass es uns auch gefällt. Abgesehen davon, dass es im Hause ein klares Bekenntnis zu ’92 und “Lovestimulation” gibt, wenn man es mal so sagen will. Oder “Energy 52” oder wie der ganze Kram damals hieß. Es ist aber auch so, dass Kaito untenherum nicht so sehr dieser, wie nennt man das so schön, europäischen Funktionsharmonik folgt, sondern eher Techno oder housig ist. Er hat trancige Elemente, wie wir sagen würden in einem guten Sinne. An einem reinen Trancerevival sind wir natürlich nicht interessiert.
Kaito ist ein sehr freier Geist, der es mit positiven Gefühlen in der Musik schafft, relativ unpeinlich gute Stimmung zu erzeugen. Und das ist mit uns ja immer zu diskutieren. Es sind so Launen, die wir uns immer geleistet haben, für die uns ein Teil der Leute immer auch irgendwo lieben, weil wir sagen, wir trauen uns das, und andere natürlich immer sauer werden, das ist klar. Das nehmen wir mit.

DEBUG: Wie steht es mit Popambient? Ist das immer noch ein Thema?

WOLFGANG VOIGT: Popambient ist auf jeden Fall ein Thema. Es hat immer, wie du ja weißt, parallel zu Techno, diese berühmte Ambient-B-Seite gegeben, es hat immer einen ambienten Sound gegeben, der nicht, wie das eigentlich gegenwärtig in der elektronischen Musik ist, als advancte, akademische, als E-Musik kommuniziert wurde oder als funktionale Laptop-Musik, sondern als Gebrauchsmusik, die, wie soll man sagen, irgendwo auch soulfull ist, oder vielleicht herzhaft oder so. Es ist natürlich auch eine Musik, die, wenn Techno aufs Bein zielt, aufs Herz zielt.

DEBUG: Was bei Kompakt aber auch für alles gilt, oder?

WOLFGANG VOIGT: Ja, das wird oft so gesagt, aber da kann man sich drüber streiten. Wenn man den einen oder anderen Künstler diesbezüglich fragen würde, würde man ganz unterschiedliche Antworten bekommen. Aber es ist schon richtig, dass alle Veröffentlichungen auf dem Label selbst einen Entscheidungsprozess konsequent durchlaufen, so widersprüchlich sie in sich auch sein mögen, die alle für uns und unser Musikempfinden auch stimmig sein müssen. In diesem Sinn könnte man so von einer Herz-in-Anführungsstrichen-Komponente reden, ich würde das eine gewisse Soulfullness nennen. Es muss tanzbar sein, es muss was mit dem realen Leben zu tun haben und es muss auch irgendwo immer in so etwas wie der Jugendkultur verhaftet sein. Unabhängig davon, wo jemand herkommt, was er für Musik macht, wie alt er ist. Das spielt eher eine sekundäre Rolle. Er muss uns erreichen in Bezug auf das, was wir auf dem Label profilieren wollen.
Popambient ist in Geist und Haltung Techno, wie soll ich sagen. Es ist die Balladenseite.

DEBUG: Aber sie wird dann trotzdem auch transportiert als Club.

WOLFGANG VOIGT: Ja, sie wird assoziiert. Es ist so ein bisschen das Gefühl, wenn man aus einer guten Clubnacht kommt. Was so an leichtem Schweben in deinem Kopf übrig bleibt, ist auch so etwas wie Popambient. Es ist eine Ambientmusik, die auch immer in einem Kontext wie Chillout funktioniert hat, aber auch eine moderne Musiksprache, die versucht, harmonische Komponenten zu verdichten, zu destillieren. Wenn man sagt, dass konsequenter Minimaltechno bei Groove mikrobisch verdichtet, so ist das bei Popambient eben die Harmonie. Wir kommunizieren das im Clubkontext, weil unsere Haupthaltung eben Clubmusik ist, Technomusik.

DEBUG: Ist dieses “Uns” eine wichtige Position bei Kompakt?

WOLFGANG VOIGT: Nicht gezwungenermaßen. Wir sind recht kollektiv drauf. Das ist in der Regel, wenn man es mal rückwirkend betrachtet, eher unsere Stärke, dass wir, auch über das eigene Ego hinaus, nicht denken, dass der eine, die eine immer Recht haben muss in einer geschmacklichen Entscheidung, aber es ist nicht ein “uns” in einem wirklich so verklüngelten oder hinderlichen Sinne, wie das bisweilen rüberkommt.

DEBUG: Glaubst du, dass alles, was man im weitesten Sinne als Schlager bezeichnen könnte, diese Gesangshits, das Bild von Kompakt zur Zeit bestimmen?

WOLFGANG VOIGT: Es ist ja nun bekannt, dass wir keine Berührungsängste mit Schlager haben. Wir würden immer, was auch immer es ist, jederzeit Schlager zitieren in einem technoiden Kontext, wenn es uns Spaß macht oder uns gefällt. Das Ziel ist nie Schlager, das ist Blödsinn. Tatsache ist, es gibt auch sehr viel deutschsprachigen Gesang auf unserem Label und im Umfeld. Je nachdem, in welchen Kontext das gestellt wird, kommt der Schlagerverdacht auf. Ich würde es eigentlich eher lieber Popmusik nennen, oder vorzugsweise Pop unter den Voraussetzungen von Techno. Wenn einer Spaß daran hat, uns zwischenzeitlich Schlagerlabel zu nennen, finden wir das auch o.k., damit können wir leben.

DEBUG: Wenn man z.B. die neue “Total” nimmt, dann sind die Tracks, die man behält, die mit Gesang. Die identifiziert man dann mit Kompakt.

WOLFGANG VOIGT: Wie du schon sagst, im Kopf behält. Es ist halt nun mal so, dass Musik mit einem Wiedererkennungswert, mit Melodien oder einem Mitsingen auch die ist, die im Kopf hängen bleibt. Das ist nun mal so in der musikalischen Wahrnehmung. Es ist aber glaube ich so, dass wir schon seit vielen Jahren immer dazu neigen, unseren minimalen Technosound permanent nach vorne zu entwickeln. Alle halbe Jahr wechselt das Bedürfnis nach “Es muss was obendrauf passieren” mit “Es muss halt eben nichts passieren”. Das kann auch mal Gesang sein, es kann auch ein großes Flächen- und Harmonietheater sein, im Moment gibt es eine Tendenz dahin, dass obendrauf ein fast schon hysterisches Samplingzitieren von Hooks von 92-93 stattfindet.

DEBUG: Im Club laufen hingegen sehr oft “Speicher”-Tracks, aber sie werden immer weniger mit Kompakt identifiziert. Man hat das Gefühl, dass bald eine Kompilation kommen müsste, die das als Kompakt herausstellt.

WOLFGANG VOIGT: Das ist in gewisser Weise auch richtig. Das treibt uns auch selber an. Wir haben gesagt, dass wir Kompakt zu einem sehr breiten Label entwickeln möchten, wo grundsätzlich alles, was uns unter dem Gesichtspunkt “Haltung Techno” veröffentlichungswürdig erscheint, auch zu machen ist, und das in einer großen Dichte. Speicher entstand, weil wir über einen langen Zeitraum bewiesen haben, dass wir Pop-Künstlerprofile kommunizieren können und daraus das Bedürfnis entstand zu sagen: Jetzt muss mal wieder ein richtig gutes Clubtool her. Grade auch von Stammkünstlern von Kompakt. Nur das eine zu tun, würde nicht funktionieren.

DEBUG: Vom ehemaligen großen eigenen Labelpool gibt es zur Zeit nur noch Kompakt und die Kompakt Extra Speicher-Serie.

WOLFGANG VOIGT: Ja. Das, was man traditionell so als meine Label kannte, ist alles entweder eingestellt oder auf Eis gelegt. Das hat mehrere Gründe. Zum einen, dass ich mich nach einer großen Veröffentlichungsdichte bis zum Jahr 99/2000 voll und ganz auf den Aufbau der Firma konzentriert habe und mir eine kreative Pause auch sinnvoll erschien. Es gibt sehr interessante Musik, und die zu handeln, ist auch eine tolle Herausforderung. Das macht mir auch Spaß. Von daher ist das andere geparkt. Was es aktiv gibt, und daran bin ich eben auch wenn hier mehr im Hintergrund direkt beteiligt, ist Kompakt und Kompakt Extra, und wir sind in Herstellung, Gestaltung, Abwicklung und Kommunikation natürlich an einigen Labeln über den Vertrieb beteiligt.

DEBUG: Du produzierst aber nach wie vor.

WOLFGANG VOIGT: Mittlerweile wieder, nicht so ernsthaft in dem Sinne. Früher, wenn ich produziert habe, dann waren das in der Regel ganze Platten. Im Moment folge ich meinem Bedürfnis, Musik zu machen, auf der Speicher-Serie. Es geht darum, Erwartungshaltungen bei Speicher herauszunehmen, mit möglichst wenig Überbau Musik zu transportieren, die nur dem funktionalen Zweck gilt, für den Moment gut im Club zu funktionieren und für den Moment Spannung zu erzeugen, nicht den großen Bogen zu spannen. Mit allem, was da an Diskursbedarf dranhängt. Es ist im Moment die spannendere Lösung.

DEBUG: Glaubst du, dass Kompakt gerade an einen Punkt kommt, wo die Industrie vor der Tür steht und man Angst haben muss, die Artists zu verlieren? Wenn schon Tim Renners Hoffnung für den deutschen Markt Gigolo und Kompakt sind. Spürt man das?

WOLFGANG VOIGT: Ja, ein wenig schon. Aber es tangiert uns relativ wenig. Ich sage mal so: Es ist definitiv das erklärte Ziel, mit dem Label in der Zukunft und auch in allen anderen Zusammenhängen nach vorne zu kommen. Erfolg ist erstmal nicht strafbar. Wir haben bei Kompakt so stark komprimiert und ein klares Profil geschaffen und sind stärker mit der gesamten Bandbreite an die Öffentlichkeit gegangen, was natürlich auch zur Folge hat, dass man präsenter ist und an allen möglichen Stellen stärker auffällt. Man darf sich das nicht mehr so vorstellen wie früher. Es gibt heute ganz smarte Lösungen, wo man im gegenwärtigen Einvernehmen sagen kann, an welcher Stelle genau der eine was für den anderen tun kann. Es steht aber nicht an. Die Labelplanung ist so klar wie nie zu vor. Es wird eine Erweiterung geben, einen Ausbau des Künstlerstamms, wir arbeiten an optimiertem Booking, an einer Welttournee, jetzt wo wir langsam aber sicher mit DJs und Liveacts spannende Pakete schnüren können. Was bisher immer nur teilweise der Fall war. Wir promoten die Künstleralben jetzt ja auch mehr im klassischen Sinne. Man muss ja sehen, dass die Kompaktteilhaber aus einer reinen Tradition von Funktionalitätsmaschine und DJ-Musik kommen.

DEBUG: Gibt es einen Grund, warum viele der Hits von Kompilations wie “Total” nicht als solche ausgekoppelt werden?

WOLFGANG VOIGT: An sich ist “Total” ja die Serie, die klassisch einmal im Jahr zum Sommer hin die Werkschau der Kompakt-Künstler zeigt. Nach der letzten, der dritten im letzten Jahr, die aufgrund eines günstigen Rückenwindes sehr hittig kommuniziert wurde und auch besonders toll gelaufen ist, weil Sachen drauf waren, auf die sich in dem Moment sehr, sehr viele einigen konnten, kam in diesem Jahr eine hohe Erwartungshaltung. Alle Künstler, die darauf hingearbeitet haben, waren sich selbst und auch ihrem Publikum gegenüber in der Pflicht, da wieder anzuknüpfen, das zu toppen. Entsprechend sind die Inhalte von “Total 4” vordergründig recht hitverdächtig ausgefallen. Aber es ist für uns absolut erwiesen, dass man das nicht kalkulieren kann und es steckt also auch kein Kalkül dahinter. Man hat manchmal Lust, in diesem hittigen Kontext zu arbeiten, aber das lässt sich nicht inszenieren. Zum Glück ist das immer noch so.

DEBUG: “Babys On Fire” würde man jetzt z.B. als 12″ erwarten.

WOLFGANG VOIGT: Aber wir haben es ja schon öfter bewiesen, dass wir nicht gleich jedem kleinen Hitverdacht flugs hinterherlaufen und brav die entsprechende Veröffentlichungspolitik fahren. Im August 2001 auf der “Total 3” war beispielsweise “So weit wie noch nie” der Hit, wir haben aber glatt ein Jahr gebraucht, um auch mal eine Maxi mit entsprechenden Remixen rauszustellen und haben uns eigentlich gemütlich Zeit gelassen.

DEBUG: Gibt es Pläne, den Vertrieb zu erweitern?

WOLFGANG VOIGT: Eigentlich eher weniger im Moment. Es ist ja so, dass wir uns nicht ganz als konventioneller Vertrieb verstehen, sondern schon gewissermaßen als Spartenvertrieb, Labelpool, Eigenvertrieb. Grade die Tendenzen im letzten halben Jahr haben gezeigt, dass man mit einer zu großen Proportionierung des Vertriebs hier und da Probleme bekommen kann, weil es teilweise auch einen gewissen Overkill gibt. Wir haben eigentlich den Plan, auch mit dem personellen Stamm, mit sowenig wie möglich Erweiterung, das Maximum zu erzeugen. Die Idee ist eigentlich eher die, dass wir versuchen, im Verbund von Laden, Vertrieb, Versand, Label und Labels eigentlich eine Einheit zu schaffen, die eher so ein bisschen nach dem klassischen größeren Plattenlabel-Prinzip funktioniert. Dass man sagt: wir sind vor allem Vertrieb für die exklusiven im Sinne der hauseigenen Produkte, und dass wir die besonders spezialisiert betrachten.

DEBUG: Gibt es denn die zur Zeit bei vielen bejammerten klassischen Probleme?

WOLFGANG VOIGT: Es gibt immer mal Dinge, die besser laufen, und Sachen, die weniger gehen. Dieses Jahr, man hat das ja auch bei der Popkomm gesehen, wurde allgemein gejammert über Verkaufseinbrüche an allen Fronten. Wir dürfen voller Freude sagen, dass uns das bisher nicht so stark betroffen hat, weil wir ganz schlank organisiert sind. Von der Aufstellung her können wir das ganz gut wegmachen, wir merken es nicht so stark. Aber natürlich hängt alles mit einem zusammen. Und wir wissen, dass viele Kunden, mit denen wir arbeiten, es sehr stark zu spüren bekommen und bestimmte Themen sehr stark eingebrochen sind. Das ist auch ein Grund, warum wir immer gelassen und vorsichtig waren und nie dazu geneigt haben, uns zu übernehmen, und auch wollen, dass das so bleibt. Ich bin aber überzeugt, dass zum Herbst, zum Winter hin alles wieder merklich besser wird. Es muss auch bisweilen eine gewisse Gesundung geben, eine Marktbereinigung im guten Sinne, das kann zuweilen nicht schaden.

DEBUG: Gibt es eine Kompakt-Haltung zu Filesharing und solchen Geschichten?

WOLFGANG VOIGT: Da gibt es eine klare Haltung, das finden wir scheiße. Dazu vielleicht zwei Dinge: Wir sind ja auch Versand und mittlerweile, wenn auch vielleicht manchmal ein wenig langsam, ganz gut im Versandgeschäft. Auf der anderen Seite gibt es keinen ausdrücklich berufenen Internetbeauftragten in unserer Firma, der sich für einen perfekt und in real time geführten Internetauftritt stark macht, da sind wir eigentlich alle eher Muffel und ganz bewusst ein bisschen hintendran, was das ganze Medium betrifft. Zumal sich unsere Befürchtung, die wir schon vor Jahren hatten, dass das alles nicht ganz so heiß gegessen wird, wie es gekocht wird, Stichwort Neuer Markt, wir kennen das ja, bewahrheitet hat. Da sind wir eigentlich mit unserem soliden Plattenverkauf eher auf der sicheren Seite. Wir bauen aber selbstverständlich das Versandgeschäft im Netz aus, weil das ein reales Geschäft ist. Wir werden auch sukzessive die Infoseite ausbauen, was Label und Video betrifft, aber was Downloaden und Streamen betrifft, Stichwort Napster, da muss ich klar sagen, das höre ich gar nicht gern.

DEBUG: Es ist aber schon so, dass Kompakt und das gesamte Umfeld dort sehr stark unterwegs sind.

WOLFGANG VOIGT: Wir wissen, dass wir mehr im Netz unterwegs sind, als ich in diesem Moment überhaupt gerne wissen möchte. In der Tat ist das so. Mittlerweile möchte man fast den Eindruck haben, dass man sich nach zehn Jahren fast ein bisschen verbunden fühlt mit den ach so armen Majors, die natürlich extrem stark durch Downloads und vor allem Schwarzbrennen von CDs leiden. Man ist selber natürlich nicht so stark betroffen, weil hauptsächlich im Vinylbereich. Es würde uns schon zu denken geben, wenn wir uns im Rahmen einer Entwicklung umstellen müssten auf CD-Verkauf und im Netz kommunizierte Musik, dann würde der Faktor des Unkontrollierbaren permanent als Grundgefühl mitschwingen. Man darf ja auch nicht vergessen, dass der gesamte Zusammenhang, die gesamte Szene vom Verkauf von Tonträgern lebt. Bei derart großen Einbrüchen kann man auch davon ausgehen, dass natürlich auch die Möglichkeit, eine Menge wertvolle Musik zu machen und bereitzustellen, wegbricht aufgrund der Tatsache, dass sich das keiner leisten kann.

DEBUG: So ganz glaube ich nicht an diese Logik. Schließlich gibt es ja bei DVD- und Games-Verkäufen immense Steigerungen, und die Kids haben ja auch nur eine begrenzte Menge Geld, die grade auch nicht ständig wächst.

WOLFGANG VOIGT: Selbstverständlich ist das auch nur partiell so. Es ist strittig und wird auch diskutiert, auch hier. Es gibt auch hier die Meinung, dass bestimmte Bereiche von Downloads oder Schwarzbrennen ein Publikum erreicht, das den Orginaltonträger so oder so nicht kaufen würde. Der hört ihn sich dann wenigsten schwarz an. Das kann man so sehen. Auf der anderen Seite muss man aber auch sehen, dass, wenn du einen Tonträger mit einer bestimmten Zielsetzung veröffentlichst, das und das schon dabei rauskommen muss, auch um die Künstler zu bezahlen. Wenn du dann siehst, dass, wenn du bestimmten statistischen Auswertungen glauben willst, teilweise mit geschätzten Raubkopien von ungefähr 40% kalkuliert wird, dann hat das schon eine bedrohliche Kalkulation. Bisweilen ist es fraglich, warum es eigentlich so lange dauert, bis sich schlüssige Konzepte, die nach allen Seiten befriedigend sind, für den Nutzen der neuen Medien optimal anbieten. Es ist nach wie vor ein heilloses Chaos, was an Argumenten und Lösungsvorschlägen auf dem Markt ist.

DEBUG: Du glaubst auch nicht an das Ende von Vinyl, irgendwann mal.
WOLFGANG VOIGT: Nein. Das Interessante ist, dass man jedes Jahr so einen gewissen Zyklus durchläuft, mit allen möglichen Stimmungsbögen, und dass man sich fragt, auch wenn es gut läuft, oh, wie lange kann das noch gehen, usw. Ich glaube, ungebrochen, so lange es diese Musik so geben wird und so lange es so eine intakte Szene gibt, auch wenn es mittlerweile so etabliert ist und Techno, wenn du so willst, der Rock and Roll der 90er ist, eine etablierte Musik, die funktioniert, ist es immer so, dass in dem Moment, wo man denkt: jetzt ist es over, es auf der anderen Seite wieder breit losgeht. Und ich glaube auch, dass Vinyl das amtliche Format bleibt. Ich halte es für undenkbar, dass wichtige DJs, wichtige Schlüsselfiguren auf einmal mit zwei CD-Playern auflegen.

DEBUG: Außer Richie Hawtin.

WOLFGANG VOIGT: Außer Richie Hawtin. Ja.

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Elektronische Lebensaspekte.


Text: Mercedes Bunz aus De:Bug 22

Der deutsche Wald auf Acid Wolfgang Voigt Mercedes Bunz mrs.bunz@de-bug.de Es ist selten, daß Technoproduzenten in den Feuilletons Platz eingeräumt bekommen. Normalerweise bedrängen junge Schreibende rocksozialisierte Kulturabteilungsleiter und ziehen enttäuscht mit einem Zehnzeiler für den Tip des Tages im Lokalteil wieder ab. Den Status einer eigenen Kultur, die gleichberechtigt neben den klassischeren Formen wie Kino, Buch, Theater, Ausstellung wohnt, gilt es sich noch eine Weile zu erarbeiten. Wenn es jedoch in den letzten Jahren einen Lieblingsproduzenten des deutschen Feuilltons gab, dann war es Wolfgang Voigt, präsentiert als Mike Ink. Das hat Gründe. Einer liegt darin, daß Voigt selbst immer wieder in verschiedenen Projekten “Kulturbalast” – wie er selber mal gesagt hat – aufnimmt und transformiert, wiedererkennbar genug für das Feuilleton, sich eher an Voigt heranzutrauen als an Väth. Gleichzeitig tauchten da dann erste Probleme auf. Was macht der deutsche Wald in der Disko?, fragte man sich und munkelte unbehaglich über das Projekt einer Entmumifizierung des Gespenstes “Deutscher Kulturnation” im Kompakt am Rhein. Alles Unsinn. Wir klären das. Lasst uns jedoch nicht über Mike Ink reden. Wenn man sich die vielen verschiedenen Platten, die Wolfgang Voigt bislang veröffentlicht hat, anguckt, könnte man meinen, daß Techno das Spiel der Pseudonyme nur für ihn erfunden hat. Es ist also immer mehr als Mike Ink dagewesen. Schon früh, Anfang der Neunziger, begann er sich mit Acid auseinanderzusetzten und von da an steht die gerade Bassdrum im Mittelpunkt seiner Arbeit, in unzähligen Variationen, immer aber gerade. Auch unter den aktuelleren Veröffentlichungen ist ein gezielter Wechsel der Genres Motiv seiner Arbeit geblieben: “Man muss Hörgewohnheiten biegen, bis sie brechen”, sagt Wolfgang Voigt und so findet man als “Strass” Rechteck-Sägezahn, der an klassische Technobretter anschliesst, neben den Freiland-Veröffentlichungen, die den Minimalismus seines älteren Labels “Studio 1″ fortsetzen, neben GAS, das die gerade Bassdrum in ambientere Soundstrukturen überführt. Und selbst das ist nur eine Auswahl. Wolfgang Voigt ist jemand, der nicht leicht zu erwischen ist, der nicht auf eine Identität festgelegt werden möchte. Über den deutschen Wald auf Acid und die Probleme, die dabei auftauchen, sprach Mercedes Bunz mit Wolfgang Voigt. DEBUG: Du betonst schon seit längerem in deiner Arbeit einen bestimmten deutschen Aspekt. Warum so viele deutsche Wörter? WV: Was soll ich denn nehmen, französische? Dazu lässt sich sicher eine ganze Menge sagen. Das hat bei mir einen umfangreichen, in meiner Geschichte zurückgehenden Grund, der auch sehr wohl nie öffentlich erklärt wurde, was mich auch wesentlich neben zwei, drei anderen Sachen veranlasst hat, mal wieder Tuchfühlung mit der Presse aufzunehmen. Deutsch, deutsch, schwer zu sagen. In gewisser Weise ist das ein Leitmotiv meines musikalischen Schaffens. Es beschäftigt mich schon sehr lange und hat eigentlich für mich in den Achtzigern Gestalt angenommen. Es geht auf zwei Begebenheiten oder Betrachtungsweisen zurück. Einerseits: die Kindheit, die Siebziger: Vater, Mutter, deutscher Schlager, das kennt man ja. Soetwas prägt einen immer ein bisschen mit. Das verleugnet man dann irgendwann nach der Pubertät und hört Hardrock. In meinem Fall kehrte das als Motiv wieder zurück. Als Kind musste ich, ob ich wollte oder nicht, dreimal im Jahr mit Vati und Mutti in die Alpen und in die Wälder usw. Das hat geprägt, ich schätze und liebe das sehr. Und in diesem Zusammenhang gibt es ein Motiv in der deutschen Geschichte: der deutsche Wald, als Inbegriff der deutschen Seele. Das zu vertonen unter modernen Gesichtspunkten ist ein Motiv, was mit Sicherheit bei mir mit einfliesst. Andererseits ist es so, daß ich eigentlich immer schon die sogenannte PC-Musik gehört habe, und meine ganze Geschichte sehr gradlinig in linker Subkultur abgelaufen ist: von Jazz über Punk bis hin zu Pop in den Achtzigern, als dann eben Acid kam. Mitte der Achtziger war ich ganz grosser Scritti Politti und Prefab Sprout Fan, aber schon da stellte ich mir die Frage: Wie kann man eine Popmusik wie diese, die auf derart hohem Niveau funktioniert und strukturell so fantastisch verdichtet ist, in eine deutsche Soundästhetik übertragen, lässt sich das übersetzen? Die Grundidee ist vielleicht: wie kann ich mit meinen deutschen Wurzeln etwas schaffen, was genauso funktioniert wie Pet Shop Boys. Eigentlich habe ich immer skeptisch der Vorstellung gegenübergestanden, dass Musik aus Deutschland oder deutschsprachige Musik englische Namen haben sollte. Oder im Falle von Techno Vorbilder aus Detroit bemühen müsste. Es geht eher darum, was Eigenes zu schaffen, was ebenbürtig in den Achtzigern neben Scritti Politti, in den Neunzigern neben Jeff Mills stehen kann. Gerade deshalb habe ich immer erwägt zu sagen: Forsche mal in deiner eigenen Geschichte, was eigentlich da ist, was und worauf man in einer deutschen historischen Geschichte zurückgreifen kann, was davon irgendwie für Pop verwendbar ist. Nun wissen wir beide, da ist nicht viel zu finden, was mich aber umso mehr erwogen hat, da zu forschen. DEBUG: Es geht dir also nicht darum, Geschichte als Original nochmal aufzurufen, sondern eher um Strukturen, mit denen man arbeiten kann. WV: Auch. Es geht mir darum, mit Strukturen von Volksmusik, Schlager oder auch Marsch zu arbeiten, die gemeinhin der deutschen oder europäischen Kultur zugesprochen werden und natürlich unkompatibel sind aufgrund ihrer zurecht teilweise problematisch besetzten Thematik. Aus diesem Grunde habe ich eine langwierige, akribische Arbeit um diese Themen herum betrieben, rückwärts Strukturforschung sozusagen: Kann man und wie kann man diese Themen eigentlich entmystifizieren, aus ihren ästhetischen, politischen und sozialen Kontexten herausholen und in einen anderen Kontext übersetzen. Ich nenne das z.B. im Falle von Gas: den deutschen Wald in die Disco bringen. Kann man das, und in welche Richtung muss die Forschung dann gehen? Im Falle von Blei, oder ganz spezifisch jetzt bei Gas arbeite ich mit der Thematik Streicher: wie können Streicher in einen anderen Kontext transformiert werden. Blei dreht sich eher um Hörner. Es ist der Versuch, mit spezifisch deutschen Themen zu arbeiten. Im Falle von Gas bewegt sich das um den Themenkreis Wagner oder Schönberg oder dergleichen, also Klassik der Jahrhundertwende und des vorigen Jahrhunderts. Es ist der Versuch, mit sehr tiefen Soundstrukturen eine Verdichtung zu schaffen, die uns vertrauter ist und die wir ganz weit entfernt vielleicht Techno nennen können, die aber schon kein Techno mehr ist. Es geht darum, ein sehr weit gefasstes Loopschema, eine sehr grosse freie Schleife auf dieser Mitte zu konstruieren, die sich gegeneinander, übereinander bewegt und in ein vertrautes rhythmisches Korsett gepackt wird, was wir auch 4/4 Takt oder Bassdrum nennen können, aber nicht müssen … Das Ziel dabei ist immer Pop. Das Ziel ist immer: Liebe geben und geliebt werden für die Arbeit. Ich versuche also etwas selbstverständlich politisch vollkommen Korrektes, was mit Sicherheit nicht in irgendeine falsche Richtung geht. Leute, die denken können, merken das auch. Es gibt zwar einige Dumme, die glauben, da irgendwelche rechte Tendenzen rauszuhören, das ist natürlich haarstreubender Quatsch. Besonders bei meiner lupenreinen linken Geschichte, völliger Unsinn selbstverständlich. DEBUG: Hat dich das beunruhigt, dass das teilweise nicht verstanden wurde und Zeitungen dich in die rechte Ecke stopfen wollten? WV: … und ich jetzt die Notwendigkeit gespürt habe, doch mal zu erklären: was soll das mit dieser ganzen Deutschtümelei? Nein. Die rechte Ecke hat mich weniger beunruhigt. Ich bin da abgebrüht genug, einer selbstgefälligen, feuilletonistischen, pseudolinken, weinerlichen Berichterstattung auch irgendwie einen Schlag in die Fresse des guten Geschmacks zu bereiten. Das ist nicht mein Problem. Es ist ganz einfach absurd, so einen Scheiss zu reden. Das ist Unsinn. Ich bin da auch nicht ganz unsensibel. Man muss in einem kurzen Abriss sagen, daß ich bis ’88 schon in diese Richtung geforscht habe. Dann sind zwei ganz wesentliche Dinge in mein Leben getreten, die das Ganze verändert haben. Das eine war Acid; das andere die rechten politischen Angriffe in diesem Land, Stichwort Hoyerswerda, was es mir nicht mehr möglich gemacht hat, in eine Richtung” genuin deutsche Popmusik” zu forschen. Das Thema war besetzt und versaut bis zum geht nicht mehr, man kennt das historisch. Die Thematik “deutsch” wurde da von der Subkultur zurecht ohnmächtig niedergeschwiegen. Da konnte man nichts mehr sagen und hat sich eigentlich in die Clubkultur geflüchtet. DEBUG: Nach 2 1/2 Jahren ist jetzt die zweite Gas draussen, sie klingt etwas melancholischer als die letzte. WV: Ich finde es nicht melancholisch, aber das liegt vielleicht eher in der Arbeitsweise begründet und im Material. Es klingt nach einer bestimmten Schwere und einer bestimmten Zähflüssigkeit. Gasförmige Musik, aus weichen Konturen, Musik ohne Anfang und ohne Ende, die weich in den Raum fällt und zeitliche Schemen scheinbar ausser Kraft setzt. Das ist im Wesentlichen dort, wo sich etwas bewegt. Assoziationen dazu wäre etwas, was sich durch das Unterholz bewegt, durch den Wald. DEBUG: Durch den Königsforst. WV: Zum Beispiel durch den Königsforst. Königsforst bezieht sich ja auf den Königsforst, rechtsrheinischer Wald. Jeder, der mal in Köln war, wird das wissen. Ein wichtiger Bezugspunkt auch in meiner Jugend, ein Ort, an dem ich meine Hippiesozialisation verbracht und mit bewußtseinserweiternden Dingen experimentiert habe. DEBUG: Auch wenn sich das Meiste dieser Wörter und Sounds einfach zurückbinden läßt, klingt es doch erstmal gewaltig und pathetisch. WV: Pathetisch. Ich gehe ja immer bewusst von falschen Voraussetzungen aus. Das ist mein Ansatz, und ich habe den schon sehr lange Zeit, so dass ich also von “gewaltig” oder “pathetisch” nicht mehr reden würde. Ich habe soviel von dem Kram gehört, für mich ist das eine alltägliche Sache. Ich weiß natürlich, dass jemand, der sich nie damit befasst hat, die Hände über den Kopf zusammenschlägt und sagt: Was ist denn das für ein Kulturballast. Was ich verstehen kann. Es geht aber darum, das, was nicht geht, machbar zu machen, bewußt von falschen Voraussetzungen auszugehen: Hörgewohnheiten biegen, bis sie brechen. DEBUG: Du hast auch sehr schnell angefangen, analoge Geräte zu sampeln, und das zu einer Zeit, in der noch der Grossteil der Leute auf analoge Geräte geschworen hat. WV: Das liegt auch daran, daß ich nicht besonders viel von Musikinstrumenten verstehe und mich auch nicht besonders dafür interessiere. Ich interessiere mich für Musik als Vehikel, die ein bestimmtes Gefühl transportiert. Deswegen ist Sampling definitiv der Transformer von meinem musikalischen Denken. Entscheidend ist ja nicht, moduliere ich, oder welches analoge Equipment habe ich, entscheidend ist ja: zu welchem Ergebnis komme ich, was kommt am Ende dabei raus. DEBUG: Auf Popacid und teilweise auf Kreisel hast du in letzter Zeit auch wieder ältere Stücke rausgebracht. WV: Kreisel geht eher auf dem Weg ins Jahr 2000 kreuz und quer durch die Neunziger. Da kommt jetzt ganz bewußt im Singleformat und Wochenturnus Wiedergesehenes, lange Vermisstes, auf charmante Weise Wiederveröffentlichtes oder Geremixtes raus. Elektronisch Abwegiges bis hin zu Sachen, die eigentlich genau an der Zeit sind. Mittlerweile bin ich beim zehnten Release, und sie spannen einen Bogen von Acid bis hin zu dichten ambienten Strukturen. DEBUG: Also kein Acid-Revival? WV: Nein, Sentimentalitäten und Revivals sind mir absolut fremd. Das ist nie mein Motiv. Das spiegelt sich auch im Format: auf amtlichen und üblichen 12″es, das wäre mir dann zu ernst gemeint. Das war auch das Problem an Popacid, es wahnsinnig ernst genommen wurde. Da man immer nach dem vermeintlich Neuen sucht, konnte das als 12″ nicht verstanden werden. Das vermeintlich Neue ist natürlich immer relativ, sowieso im Zeitalter des permanenten Zitats. Dinge wiederholen sich. DEBUG: Du bist in letzter Zeit auch viel mit Sägezahntechno in Verbindung gebracht worden. WV: Sägezahn ist selbstverständlich alte Musik, gar keine Frage. Gut abgehangener Ballertechno, der kann aber nach dem dritten Gin Tonic wunderbar kommen. Das ist einfache Musik. Ich bin auch nach wie vor ein Freund von Brettern. Das kann dann auch mal für zwei bis drei Wochen Rechtecksägezahn sein. Obwohl, ich würde das nicht überbewerten, es wurde auch etwas zu sehr gehypt. Aber man begibt sich in Kontroversen, und die werden diskutiert, ausgeschwitzt und ausgetanzt, und dann ist gut. Das soll auch so sein. Das ist das, was jung hält und Liebe zurückbringt. Meine Arbeit wird eben stärker von Negation als von Bestätigung regiert, ich mache es mir immer gerne schwer. Mich interessiert, Musik zu bearbeiten und Platten zu veröffentlichen, die mir eigentlich komplett widersprechen. Ich habe mir das immer zugetraut, und ich befürchte, das wird auch immer wieder passieren. So richtig ernst nehmen möge man mich bitte für Gas. DEBUG: Wie macht man das eigentlich, so viele Platten machen? Du bist Frühaufsteher, oder? WV: Das frage ich mich manchmal selbst. Ich bin in der Tat ziemlicher Frühaufsteher, ich liebe den Vormittag. Wenn meine Freunde vom Plattenladen es schaffen, die horrend frühe Zeit von 12 Uhr wahrzunehmen, wenn der Laden aufmacht, dann habe ich schon einige Dinge getan. Das liegt einfach daran, daß ich morgens mehr Zeit habe und auf einen bestimmten Biorhythmus bestehe. Ich produziere aber auch nicht sechs Wochen lang an irgendeinem Track. Es hat sich für mich herausgestellt, daß der essentielle Kick, die essentielle Grundaussage eigentlich in sehr kurzer Zeit gesagt ist. Wenn man es dann nicht schafft, das Ding schnell “zu Papier” zu bringen, dann hast du als Produzent eigentlich schon das Ziel verfehlt. Und sobald ein bestimmter Prozess abgeschlossen ist, d.h. im Klartext der Sound auf dem Weg ins Presswerk ist, habe ich das Bedürfnis, mich diametral entgegengesetzt zu bewegen. Kaum ist eine Gas fertig, kommt das Bedürfnis nach einer gut abgehangenen Acid-Platte. Kein Mensch versteht diesen Widerspruch, aber meine Psychologie funktioniert nunmal so. DEBUG: Worum geht es beim Musikmachen also. WV: Bedeutung rausfiltern zugunsten von absoluter Sprengkraft. Es geht immer darum, Räume leerzumachen, etwas von Bedeutung freizumachen und das zu verdichten und bis zur Extase zu führen. Man kann das nun Acid nennen oder Minimaltechno oder Blei, das hängt von der Form ab, auch von der Tagesform. Eigentlich gebe ich also jeden Tag ein Interview, in dieser Mission. Das ist auch eine Frage, die oft kommt: Warum machst du soviele Platten, warum gibst du so wenig Interviews. Dazu folgendes: Jede Platte ist Sprache, jede Platte hat immer eine Aussage, jede Platte ist immer ein Statement. Ich habe ein Misstrauen gegen das geschriebene Wort. Ich meine nicht, dass in der Presse permanent gelogen wird, sondern eher ein strukturelles Problem der gedruckten Sprache an sich. DEBUG: Gedruckte Sprache wird sehr schnell ziemlich gross. WV: Genau. Mein Kommentar ist abseits der gedruckten Sprache ständig da, ich veröffentliche sehr viel aufgrund eher zuvieler als zuweniger Ideen in einem extrem beschleunigten Produktionsprozess. Ich bin also eigentlich jemand, der sich permanent äußert. Mehr, als dem einen oder anderen vielleicht zumutbar ist. Wenn ich jetzt auch noch andauernd Interviews geben würde, dann würde es zu einer Überpräsenz kommen. Es gab nach dem Theater von 1996 allen Grund, auch mit den Missverständnissen, die damit einhergingen, mal für 2 Jahre die Klappe zu halten. Definitiv. Aber ich bin keineswegs jemand, der auf den Mund gefallen ist, das ist nicht der Punkt. DEBUG: Hast Du Mike Ink eigentlich abgeschafft, wurde der dir zu bekannt? WV: Also Mike Ink habe ich ja ganz gern. Das ist ja ein toller Typ, der hat auch tolle Platten gemacht. Ich habe den mal so ein bisschen auf Eis gelegt. Was die Leute nicht begriffen haben war: es gibt einen Künstler und der heißt Wolfgang Voigt . Er arbeitet unter sehr vielen Pseudonymen, unter anderem Mike Ink. Aber Mike Ink ist nicht sein richtiger Name, sondern ein Projekt. Wenn ich das Projekt Abba genannt hätte, hätten die Leute mich auch Abba gerufen. Vielleicht wäre das die bessere Lösung gewesen. Mike Ink war einfach nur jemand, der Anfang der Neunziger enttäuscht von bestimmten Vorgängen in Deutschland war und gleichzeitig die gigantischen Möglichkeiten und Öffnungen durch Techno und Acid erfahren hatte. Aber sprechen müssen sie schon mit Wolfgang Voigt. Mike Ink brauchte auch eigentlich nie Interviews zu geben. DEBUG: Die Aufregung um deine “Deutschtümelei im guten Sinne”, wie Du es ja selber nennst, hat sich auch etwas gelegt, seitdem Köln sehr stark ins Spiel kam. WV: Ja, vielleicht. In den vergangenen Jahren hat es wahnsinnig viel berechtigten und auch unberechtigten Hype um Köln gegeben, das steht überhaupt nicht auf realistischem Fundament. Dabei ist Köln so gross wie ein Fussballplatz, daß weiß jeder, der dort Produzenten kennt. Das ist eben anders als in Berlin oder in München. Aber was soll man machen, wenn einen die Presse unbedingt zu Tode lieben will. DEBUG: Das Stichwort war immer: Sound of Cologne. WV: Irgendwann hat die Berichterstattung darüber so eine Eigendynamik entwickelt und man hätte trotzdem unmöglich, selbst, wenn man sich noch so bemüht hätte, mit Dementis hinterherkommen können, um zu sagen: Hey, halt, das ist natürlich totaler Quatsch, da wird natürlich überhaupt nichts so heiss gegessen, wie es gekocht wird. Also versucht man, das Beste daraus zu holen: Ihr würdet uns das Gegenteil sowieso nicht glauben, also machen wir eine Stärke drauss. DEBUG: Und da ist aus dem Plattenladen ein Vertrieb beworden. WV: Ja. Es gibt so bestimmte minimalistische Musik, von der man einen Teil nicht ganz zu Unrecht nach Köln zurückführt. Und um die besser kommunizieren zu können, haben wir uns irgendwann überlegt, das kompakter in einem kleinen Vertrieb zu fassen, auch auf dem Fundament einer Verdichtung des Marktes und veränderter Vertriebsstrukturen. Was aber nicht heißt, dass wir uns im eigenen Vertrieb nur permanent selbst zu Tode loben. Köln ist eine einzige lange Theke und man versteht sich eigentlich ganz gut. Mit dem rheinländischen Frohsinn kann ich mich auch ganz gut identifizieren, trotzdem ich der Mundart nicht viel abgewinnen kann. Ich gehe auch nicht ins Willy Millowitsch Theater und bin noch nie auf dem Dom gewesen, aber ich versuche das Beste daraus zu machen. Andy Warhol hat auf die Frage “Was ist stillos?” gesagt: “Stillos ist, aus New York wegzugehen.” Etwas ähnliches würde ich für Köln sagen. Nun ja, wir haben jetzt z.B. die Möglichkeit, Nachwuchs zu fördern. Die Stadtpolitik – Berlin vs. Köln oder so – ist nicht auf meinem Mist gewachsen. Ich habe das nie propagiert. Vor ein paar Jahren habe ich mich noch selbst gefragt: was wollen die eigentlich alle hier, in dieser Stadt. Ich habe da mit Köln eher ein Problem, weil ich ein grosser Freund bin von großräumiger Stadtarchitektur und guter Altbaustruktur, die man selten so wenig findet wie in Köln. Es gibt kaum etwas Hässlicheres und Kleineres als Köln, gar keine Frage. Der Spirit stimmt trotzdem, und den finde ich gut. Trotzdem: Beste Party letztes Jahr, definitiv: München, Oktoberfest. Da war ich in der ersten Reihe auf dem Tisch und habe mich amüsiert wie schon lange nicht mehr, so am späten Nachmittag, noch bevor ich meine erste Mass getrunken habe. Da lief meine Party. Gerade Bassdrum mit Tuba. DEBUG: Super, das ist mir auch schon aufgefallen. In der Volksmusik hat Techno über die gerade Bassdrum Einzug gehalten. WV: Das ist genau das, wofür ich mir immer die Augen aus dem Kopf geweint habe. Und allein das ist schon eine Diskussionsgrundlage, bei der man sagen kann: Hey, schaut her, es rockt vor der eigenen Tür. Ihr müsst das nur mal anders sehen. Viele Leute sind da in ihrer Vorstellung einfach zu begrenzt. Es geht immer alles. DEBUG: Naja, es ist aber auch logisch, dass das erstmal die Musik deiner Eltern ist, und dass man die erst wieder sehen kann, wenn man weit genug weg davon ist. Wie alt bist denn du eigentlich? WV: Alt genug um nicht zu wissen, was ich tue. ZITATE: Jede Platte ist Sprache, jede Platte hat immer eine Aussage, jede Platte ist immer ein Statement. Hey, schaut her, es rockt vor der eigenen Tür. Mike Ink ist nicht sein richtiger Name, sondern ein Projekt. Wenn das Projekt Abba geheissen hätte, hätten die Leute mich auch Abba genannt. Bedeutung rausfiltern zugunsten von absoluter Sprengkraft. Beste Party letztes Jahr, definitiv: München, Oktoberfest.

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Elektronische Lebensaspekte.