Gerade eben hat sich das Internet auch in deutschen Wohnstuben durchgesetzt, da wird es schon wieder ein anderes. Ein Breitband. Was für neue Formate werden für die schnellen Leitungen entwickelt werden? Die Multimedia Agentur Playframe hat da so einige I
Text: Mercedes Bunz aus De:Bug 41

berlin mitte

Breitband
Playframe

Gerade in Zeiten, in denen sich alle Firmen rund um das Internet auf Gewinnmaximierung konzentrieren, braucht die Menschheit Agenturen wie Playframe. Für Vicky Tiegelkamp und Patrick Bolz, die Playframe gegründet haben, ist das Internet immer noch mehr als ein großes Sparschwein, das zu melken ist und das die New Economy, wie sich gerade am Nemax herausstellt, mit einer Kuh verwechselt hat. Das Internet ist keine Kuh. Es ist ein Medium, das mutiert und das mit jedem Auftrag neu zu definieren ist. Playframe geht es deshalb darum, die Lücke zwischen kreativer Arbeit und ökonomischem Output zu schließen und darauf zu bestehen, dass Arbeit nur unter Anderem dazu da ist, damit große Überweisungen den Besitzer wechseln. Nicht zuletzt deshalb betreibt man neben der Agentur, als Adoptivkind so zu sagen, ein Video Magazin im Web, Net150. – Unter uns gesagt der erste, mir bekannte gelungene Versuch, bewegtes Bild mit anderen Webanimationen gleichberechtigt und dynamisch spielen zu lassen. Net 150 zeigt Interviews mit Online Artists, Webdesignern und anderen Arbeitsverwandten von Tiegelkamp und Boltz. Beispielsweise mit Molly Steenson von Maxi.com, Derek Povacek von Fray.com oder Eddie Pak von Suction.com. Experimentelle und narrative Versuche mit dem Netz umzugehen, stehen im Vordergrund. Auch auf der Berlin Beta hat man gefilmt. Menschen, die mit dem Internet arbeiten, weil sie das Internet lieben. Meistens zumindest. Jedenfalls immer dann, wenn ihnen etwas Neues gelungen ist. Net-150 versucht selbst, neugierig so etwas Neues zu sein. Die in handlich kurze Stücke zerkleinerten Videointerviews mit den Designern werden mit Samples aus ihren Arbeiten und Links in deren Welten kombiniert. Unser Interview findet in den gerade vor einigen Monaten neu bezogenen Räumen in der Wolliner Strasse statt. Als ich sie frage, in wie weit sie zu Berlin Mitte gehören, antwortet Patrick wie aus der Pistole geschossen:

PB: Das können wir nicht beurteilen, wir sind Prenzlauer Berg. Obwohl. Wir haben festgestellt, dass wir mit der Wolliner Str. 18-19 noch in der letzten Mittebuchtung sitzen.

VT: Die Geschichte, wie wir in die Wolliner Straße kamen, geht so: Wir haben ein vorübergehendes Arbeitszimmer gesucht und hatten von einem Grafiker gehört, der irgendwie noch einen Platz in einer Bürogemeinschaft, wie er meinte, zu vermieten hatte. Wir kommen also dahin, wir sind ja beide ein bisschen dicker, da steht dieser kleine Grafiker vor uns und meint: Gut, ich habe einen halben Schreibtisch zu vermieten. Wir tauschen Blicke aus und entgegnen: Guck uns an. Du. Wir passen nicht an deinen halben Schreibtisch. – Es war eine Situation wie im Kino. Er schickte uns dann zu Heike Blümner von Flora und Fauna, die uns den Kontakt zur Hausverwaltung verschaffte. Als die uns den Raum, in dem vorher ein alter Getränkehandel drin gewesen war, aufgeschlossen hatte, konnten wir sehen, dass das Ding das totale Rattenloch ist. Vorne war eine Hawaibar mit Bastabhängung. Der Boden war aus gestampften Lehm. Es war total grottig. – Wir haben gesagt: Toll. Nehmen wir.

PB: Eigentlich hatten wir geplant, bei Freunden in Kreuzberg 50 qm in einem Loft unterzumieten, hinten in einer Ecke. Eine Woche später hatten wir dann aber 250 qm in der Wolliner Str. Und es ist gut. Es gibt superlustige Szenen hier. Die DJs, die hier alle arbeiten, tun das natürlich alle mit Kopfhörer. Manchmal sitzen wir dann oben in der Küche, haben das Fenster offen, und hören nur so: Umts, umts, umts, umts. In der Tat, Sound, der aus dem Kopfhörer kommt und begleitet wird von lautem: Whew! Yeah! Whow. Hey! Und wenn du das dann zwei Stunden gehört hast, denkst du dir: Wie konnte mein Leben nur innerhalb so kurzer Zeit so bizarr werden. Also: Es ist nett hier.

VT: Wir hatten schon länger über eine eigene Firma nachgedacht, Playframe aber erst im August 2000 gegründet. Kennengelernt hatten wir uns bei der Agentur MetaDesign, für die wir zusammen im Online-Bereich Konzeptarbeit gemacht haben – ich als Content-Strategin und Patrick als Stratege für Markenkommunikation. Dann haben wir uns verliebt. Nach und nach merkten wir immer deutlicher, dass wir gerne anders arbeiten wollten. Zunächst haben wir ‘Net-150’ als “Hobby-Projekt” gestartet, denn wir hatten die Schnauze voll davon, immer nur kommerzielle Sachen zu machen. Wir wollten gerne etwas machen, das Spaß macht. Da ich vorher ja für DEBUG geschrieben habe und auch durch meine Arbeit einige Webdesigner kannte, habe ich vorgeschlagen, die Thematik von Net-150 auf das Web zu konzentrieren. Auch die Herangehensweise hat sich aus bisherigen Erfahrungen ergeben: Beim Schreiben hatte ich immer das Gefühl, die gesamte Persönlichkeit nicht wirklich rüberzubekommen. Wir haben uns dann überlegt, Video mit Flash-Animation zu verbinden, also Text und Bilder, um mit verschiedenen Erzählsträngen arbeiten zu können. Der Designer Matt Owens zeigt im Interview beispielsweise seine Mangasammlung, und das Netz gibt einem die Möglichkeit, gleich darauf verweisen zu können, an welchen Stellen man mehr darüber erfährt.

DEBUG: Wie war das bei dir?

PB: Ich arbeite seit 15 Jahren im Bereich der Medienproduktion. Angefangen habe ich in Wuppertal bei einer Firma, die sehr viel Veranstaltungsproduktion gemacht hat, als “AV-Projektleiter” für den Bereich “Bildproduktion”. Das bedeutete, dass du den LKW beladen hast, den LKW irgendwohin gefahren hast, anschließend warst du Aufbaucrew, danach bist duschen gegangen, hast du Dich umgezogen und warst dann Regisseur und Projektleiter in einem. Und schließlich das Ganze nochmal rückwärts. Eine beeindruckende Einführung in Unternehmertum und die Branche also. Da war ich 20. Später habe ich als Produzent für Werbefilme gearbeitet. Meine Waschmittelphase. Von Persil bis zu Lenor, Pronto Möbel Politur oder Odol Med 3 kam alles vor. Ich habe mich selbständig gemacht, was auch ganz gut ging, aber irgendwann habe ich mich gefragt, ob ich das jetzt ausschließlich weiter machen will. Mitten während einer Tonproduktion bin ich dann nach Berlin geflogen, habe mich in Film- und Fernsehwissenschaften und Kunstgeschichte immatrikuliert und bin nachmittags zurückgeflogen, zur Endabnahme. Dann war ich Student. Natürlich habe ich nebenbei weiter gearbeitet, mehr und mehr im Bereich Medienconsulting, also Medienberatung. Irgendwann gab es dann mal den Berührungspunkt zu MetaDesign im Rahmen des Weblaunches des Audi TT. Da haben wir uns kennengelernt.

VT: Einer der damaligen Senior Designer von Audi Online, Alex Baumgardt, hat zusammen mit mir nach einem Regisseur gesucht, der die Interviews mit dem Design-Leiter der Audi AG, Peter Schreyer, filmt. Das war Patrick.

DEBUG: Soweit ich mich erinnern kann, war eure damalige Produktion ja eine der ersten, die im Netz mit Streaming gearbeitet haben. Inwiefern produziert man für Streaming anders als für Fernsehen oder Film?

VT: Nun, das Auffälligste im Bereich des digitalen Bewegtbildes ist die Divergenz zwischen den Schlagzeilen der Computerfachmagazine und der Realität. ‘Desktop-Video – erschwinglich für jedermann!’, das ist natürlich eine Lüge. Wir haben im letzten Jahr sehr viel Geld ausgegeben. Andererseits: Heute kann man beispielsweise auf einem Powerbook mit einer Cuttersoftware flüssig schneiden. Vor ein paar Jahren musste man noch beim Rendern ein paar Stunden Pause machen, während der Computer es ausgerechnet hat.

PB: Für uns war es unglaublich, als wir letztes Jahr behaupten konnten: Oh ja, weißt du, ich bin jetzt demnächst meine eigene Sendeanstalt. – Andererseits ist das aber natürlich auch wieder nur die halbe Wahrheit. Wir sind Leute, die mit Qualitätsansprüchen an Dinge herangehen und natürlich erkennen wir die Limitierungen. Net150 arbeitet beispielsweise mit Interviews, mit Talking Heads. Das hat Gründe. Es ist spannend, wenn jemand dich anguckt und gut reden kann. Wichtiger noch ist aber, dass auf der technischen Ebene ein Interview ein relativ stabiler Bewegtbildfluss ist. Es gibt nur geringe Anteile im Bild, die sich permanent verändern und bei denen der Codec ständig an seine Grenzen geht, weil er bei der Kompression ständig Neues errechnen muss.

VT: Wir haben uns im letzten Jahr intensiv mit der technischen Situation auseinandergesetzt. Das Ergebnis davon ist u.a., dass Net150 kein “reinrassiges” Streaming-Magazin ist. Es sind Quicktime-Files, die auf der HTML-Seite eingebettet sind und sich mit der Seite laden. Die Files sind also größer, dafür kann man die Leute gut sehen und hören. Die Qualität von Streaming war damals einfach noch zu schlecht. Wenn uns heute allerdings RealNetworks sponsern wollte, dann würden wir auch mit Real arbeiten, doch deren Lizenzen sind im Moment noch zu teuer.

Patrick: Es sind heute auch eher andere Punkte, an die man bei bewegtem Bild im Netz denken muss. DV ist beispielsweise unser Aufnahmeformat in der Produktion. Es ist aber ein Unterschied, ob man mit einer PC 100 aufnimmt oder mit einer VX 2000, denn in den Kameras ist eine unterschiedliche Anzahl an Chips drin und das gibt jeweils qualitativ verschiedene Bilder. Es ist ebenso etwas anderes, ob man mit drei 800 Watt Scheinwerfern ein einzelnes Gesicht ausleuchtet, oder irgendwo in einem dunklen Club filmt. Die Qualität ist einfach eine komplett andere, es rauscht weniger und wenn man hinterher in die Kompression hineingeht, ist alles erheblich besser. Wenn man so etwas weiß, kriegt man natürlich andere Qualitäten hin. Der zweite technische Punkt, der für uns von vornherein klar war: 28.8 k Modems sind für uns nicht die Zielgruppe. ISDN ist die Eintrittskarte für Net-150, denn wir sind zwar ein nichtkommerzielles Projekt, das aber auf Leute ausgerichtet ist, die oftmals aus dem kommerziellen Webkontext kommen und deshalb Standleitung oder DSL haben. Damals schien diese Entscheidung noch elitär, heute wird Deutschland dagegen mit Highspeed und Flatrate-Angeboten geradezu überrollt. In den nächsten Monaten wird in diesem Bereich wahnsinnig viel passieren. Insofern passt das ganz gut.

VT: Und Playframe schließt sich genau an dieser Stelle für uns an. Was macht man mit all den Breitbandzugängen? Sich noch schneller HTML-Seiten angucken zu können, kann es ja wohl nicht sein. Im Moment merken die ersten Provider draußen: Oh, wir brauchen Formate für schnelle Leitungen. Was kann man eigentlich Broadband zeigen? Ist das Video-On-Demand oder können das nicht auch Formate sein, die netzspezifisch sind? Wird es darum gehen, 1:1 das Fernsehen ins Netz zu hängen? Wir haben unsere Firma auf die Stelle ausgerichtet, die uns selber interessiert und herausfordert: Konzeption für Broadband Online Formate. Es sind Konzepte, die da draußen herumlungern und bereit sind für die ewige Mutation, die das Internet von Kindesbeinen an begleitet hat: Was kann das Netz sein? Was kann es werden?

DEBUG: Auf der Seite eurer Agentur fallen einem neben den üblichen Branchenschlagworten die Begriffe “Narration” und “Drama” entgegen. Was hat es damit auf sich?.

PB: Der Name “Playframe” hat eine bestimmte Intention. Play steht bei uns für den spielerischen, emotionalen, inhaltlichen Bereich. Frame sind die Rahmenbedingungen, die wir versuchen aufzustellen. Beides versuchen wir passend zu einem strategischen Format zusammezubringen, das die Ziele beinhaltet, die ein Kunde oder wer auch immer verfolgt. Um das Netz in Richtung Broadband, also in Richtung Bewegtbild zu denken, betrachten wir Film und Fernsehen als einen großen Baukasten mit verschiedenen Klötzen, die man zu neuen Konstellationen zusammenfügt. Man nimmt aus dem Baukasten vorhandene Formate, ebenso wie Erzählstrukturen oder Wirkmechanismen. Und dazu gehört auch Drama und Narration. Wir werden versuchen, Formate zu entwickeln, die dramaturgische Elemente enthalten.
Eine Marke kann nicht einfach sagen: Coca Cola, Coca Cola, Coca Cola – Klick mich -> da ist der Shop. Für uns kann es nicht sein, dass die Marke im Web nur noch wie ein goldenes Kalb gefeiert wird und am Hintern klebt eine Shoppingcard. Wir stehen immer vor sowas und begreifen das nicht – wir wollen das auch gar nicht begreifen. Und da ist in der Markenkommunikation, aber auch in der übergreifenden Kommunikation, Dramaturgie und Narration etwas, was sehr tauglich ist, um etwas anderes im Web zu machen. Erste Ansätze in diese Richtung sieht man bei einigen Flash-Anwendungen. Was kann man weiter entwickeln? Was passiert, wenn man Dramaturgie und Narration ins Web holt? Richtige Spannungs- oder Erzählbögen gibt es zurzeit nicht in Form von neuen Formaten. Es gibt nur Video und Film im Web. Wir haben eine Firma gegründet, um etwas zu finden, das darüber hinausgeht und das man verkaufen kann. Was es wird, wissen wir nicht.

VT: Heute springt der Großteil der Dot.com-Firmen auf den Zug “Internet” auf, um Geld zu machen und nicht, weil sie als Pioniere an der Entwicklung und Veränderung durch Technologie teilhaben wollen. Wenn dort über Community oder Interaktivität geredet wird, fragt man sich natürlich immer: Was wollen die eigentlich? Warum wollen sie die Leute überhaupt zusammenbringen? Haben die daran ein wirkliches Interesse oder ist das einfach nur, weil man das jetzt haben muss? Es gibt aber immer noch Nischen, auf die man auch weiterhin bestehen sollte.

PB: Wir hatten gerade Besuch von zwei Chinesen aus Hongkong. Da arbeiten die Leute entweder rein kommerziell oder rein künstlerisch. Die Vorstellung, ein Business zu machen, um damit eine kreative Nische zu schaffen, in der man arbeiten kann, gibt es nicht. Ich dagegen kann aufstehen und freue mich, in dieses Office zu gehen, auch wenn die Anfangsphase einer Firma hart ist. Aber hier habe ich kreative Nischen, in denen ich mich austoben kann. Das Setup ist so aufgebaut, dass ein Freiraum da ist.
Es wird immer einige Menschen geben, die sagen: Ich möchte nicht mit meinen Projekten in einer 200-400 starken Online-Galeere enden – oder arbeiten. Dafür muss ich meinen Börsengang verschieben und meine Share-Options aufgeben. Monetär gesehen ist es vielleicht die falsche Entscheidung, ich bin in ein paar Jahren dann neidisch und gucke auf jemanden in meinem Alter, der locker 10 Millionen Mark mehr hat. Nur zum jetzigen Zeitpunkt ist das für uns etwas, das in unserem Lebenshorizont keine Rolle spielt.

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Elektronische Lebensaspekte.