Vor der Kulturrevolution waren in China die Frauen geheimnisvoll, heute sind es die Männer. Peer Rabens Filmmusik für Fassbinder klingt wie aus dem Shanghai der 30er Jahre. Wong kar-Wai bietet im Interview zu seinem neuen Film 2046 überraschende Einsichten.
Text: Verena Dauerer aus De:Bug 89

Zeitverzögerter Liebeskater
“2046” von Wong Kar-Wei

Debug: Herr Kar-Wai, was bedeutet Liebe?
Wong Kar-Wai: In “In the mood for Love” ging es um den Zustand vor der Liebe: um das Sehnen, das Verlangen. “2046” erzählt vom Gefühl des Verlusts, von der Phase nach der Affäre.

Debug:
Der Mann in “2046” verliebt sich immer in Frauen, die schon vergeben sind. Geht es also darum, sich gerade nach dem Unerreichbaren zu sehnen?
Wong Kar-Wai:
Es geht um das Timing. Er idealisiert immer die früheren Geliebten und sucht sie in anderen. Aber die Geliebte ist keine Person, nur eine Idee: die perfekte Frau aus seinen Erinnerungen. An einem Punkt realisiert er das und merkt, dass er fast wie der Roboter in dem Zwischenfilm ist. Weil er sich genauso auf eine Art zeitverzögert verhält. Er nimmt die Aufmerksamkeit all dieser Frauen an, aber er kann sie erst hinterher schätzen. Am Anfang scheint sein Problem zu sein, dass er nicht haben kann, was er will. Aber eigentlich will er, was er nicht haben kann.

Debug:
Das zeigen Sie auch in den Bildern.
Wong Kar-Wai:
2046 ist in Cinemascope gedreht und verlangt nach einer bestimmten Ästhetik. Obwohl der Rhythmus meistens sehr statisch bleibt, ändert sich ständig die Art des Bildausschnitts. Ich wollte die Kompaktheit der Dinge in diesen Räumen zeigen. Die Figuren sind in ihrer Umgebung gefangen, als ob ein Gefühl der Klaustrophobie immer mit anwesend wäre.

Debug:
Der Zug im Film scheint eine Metapher für den Zeittunnel zu sein. Ist das als Klammer gedacht?
Wong Kar-Wai:
Wir sind auf einer Reise. In einem Tagebuch, einem Logbuch über die Personen, die reisen. Nicht nur in der Zeit, dieser Mann reist eigentlich durch seine Erinnerungen.

Debug:
Der Mann in ihrem neuen Film geht von Shanghai nach Hongkong. Genau wie Sie …
Wong Kar-Wai:
In den 60ern wurde Shanghai Teil des kommunistischen Chinas und alle wollten nach Hongkong. Ich war fünf Jahre alt, als mich meine Eltern 1963 dorthin brachten. Die Chinesen hatten dort ihre eigenen Communities, ihre eigene Lebensart, es war wie ein kleines Shanghai.

Debug:
War das wirklich damals so glanzvoll, wie die Frauen gekleidet waren?
Wong Kar-Wai:
Für die meisten Menschen aus dem Westen ist das ziemlich exotisch, sehr glamourös. Aber damals war das besonders für Frauen aus Shanghai normal. Sie waren sehr anständig. Es war eben die Art, wie sich die Leute damals verhielten. Frauen mussten gut angezogen sein, das war die Voraussetzung, sich ihnen nähern zu können. Zuhause vor dem Zu-Bett-Gehen waren sie anders gekleidet, aber sonst waren sie nie casual. Alles war sehr kontrolliert.

Debug:
Also Glamour durch Kontrolle?
Wong Kar-Wai:
Ja, damals umgab Frauen etwas Geheimnisvolles, sie wollten nicht viel von sich preisgeben. Es lag an der Erziehung. Heute geben sich die Frauen mehr gewöhnlich. Heute gibt es vielleicht mehr Männer, die andere Männer geheimnisvoll finden. Wahrscheinlich, weil die Männer heute schüchterner sind als die Frauen. Damals war es jedenfalls für Frauen einfach normal, sich gut zu kleiden. Gleichzeitig war es eben nicht einfach, an eine Frau heranzukommen. Sie arbeiteten üblicherweise nicht. Als Mann alleine Kontakt zu einer Frau aufzunehmen, war nicht üblich. Er konnte sie nur mit Freunden zusammen besuchen.

Debug:
Anfangs sollte der Film noch eine Oper werden, oder?
Wong Kar-Wai:
Ja, erst wollten wir eine futuristische Oper machen, basierend auf drei westlichen Opern. Über die Jahre entwickelte sich aber eine andere Geschichte und als einziges Element blieb die Musik von dem Opern-Konzept.

Debug:
Wie sind Sie dann mit der Musik umgegangen?
Wong Kar-Wai:
Diesmal ist der Gebrauch sorgenfreier als sonst. Bei jedem Film haben wir eine Regel, bei “In the mood for Love” wollten wir die Musik als Radioprogramm gestalten. Hier sollte sie impressionistisch sein: Musik aus den 60ern, Filmmusik von Fassbinders Filmen und aus der Oper.

Debug:
Wie kamen Sie zum Fassbinder-Komponisten Peer Raben?
Wong Kar-Wai:
Seine Musik ist wie eine Unterschrift. Ich traf ihn 2000 beim Hamburger Filmfest und war überrascht, dass Raben eigentlich ausgebildeter Schauspieler war, nicht Komponist. Ich mochte die Musik bei Lili Marleen … sehr deutsch. Sie erinnert mich an Shanghai in den 30ern. Er sagte, er wäre sehr krank und er könne nichts Neues komponieren, aber er könne den Soundtrack von Lili Marleen neu arrangieren. Ich benutzte sein Tape für meinen Kurzfilm mit Gong Li. Und als ich an “2046” war, war sie wieder dabei. Er schickte mir eine CD mit Musik von Querelle und ich bat ihn, für mich daraus neue Arrangements zu machen.

Debug:
Wie ist denn die Situation im Moment für Filmemacher in Hongkong?
Wong Kar-Wai:
Es gibt keine chinesische Zensur für Filme aus Hongkong. Überraschenderweise ist die Regierung zurzeit sehr liberal. Man will in Peking die Filmindustrie stärken, ermutigt die Filmemacher, um so eine starke Industrie im eigenen Land zu haben, die verhindern soll, dass China von Hollywood-Produktionen überrannt wird. Das Problem dabei ist, dass sie noch keine Ratings haben. Also müssen die Regisseure Filme ohne Altersbeschränkung für jedes Publikum machen. Das ist ziemlich schwierig, sogar unmöglich für manche Filme.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.